Kunst als Mittel zur Menschlichkeit

Von David Walsh
28. Januar 2006

München, Film von Steven Spielberg, Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth, nach dem Buch von George Jonas, "Die Rache ist unser. Ein israelisches Geheimkommando im Einsatz".

München, Steven Spielbergs jüngster Film, befasst sich mit den Praktiken eines israelischen Geheimkommandos, das die angeblichen Drahtzieher der Geiselnahme zur Strecke bringen soll, der während der Olympischen Spiele 1972 elf israelische Athleten zum Opfer fielen. Im Verlauf des blutigen Rachefeldzugs gegen führende Palästinenser sehen die Mitglieder der Gruppe den Sinn und die moralische Berechtigung ihres Unterfangens immer skeptischer.

Man kann über diesen Film geteilter Meinung sein. Letztendlich beeindruckt er mich jedoch als ehrlicher, relativ komplexer und menschlicher Versuch, der in mehr als einer Hinsicht außergewöhnlich ist, und den Verteidigern des Status Quo, nicht nur in Israel, kaum Freude bereiten dürfte. Um München zu produzieren bedurfte es großen Mutes, wie man schon an der Entrüstung erkennen kann, die der Film in reaktionären Kreisen ausgelöst hat. Der Film wurde sicherlich nicht mit Blick auf die kommerziellen Einnahmen gedreht. Spielberg ist nicht bloß ein Medienstar, er hat einen ernsthaften Standpunkt und ist außerdem dem handwerklichen Können verpflichtet. Und letzteres hat Folgen. In dem Maße, wie der Regisseur künstlerisch ehrlich ist, zwingt ihn dies zu Entscheidungen, die ihn über die Grenzen seiner bewussten politischen und gesellschaftlichen Anschauungen hinaus führen.

Avner (Eric Bana) ist in dem Film ein Mossad-Agent, Sohn eines Kriegshelden und ehemaliger Bodyguard der Premierministerin Golda Meir, der die Geburt seines ersten Kindes erwartet. Golda Meir (Lynn Cohen) erklärt, die Tragödie von München ändere "alles" - eine offensichtliche Anspielung auf die Rhetorik der Bush-Regierung nach den Terroranschlägen vom 11. September - und rechtfertigt damit den Auftrag, palästinensische Politiker auf der ganzen Welt zu töten, denn: "Jede Zivilisation steht vor der Notwendigkeit, mit ihren eigenen Werten Kompromisse zu schließen." Avner wird beauftragt, das Mordkommando zu leiten.

Die Gruppe, in der Avner das jüngste und anfangs unentschlossenste Mitglied ist, besteht aus dem blutrünstigen Südafrikaner Steve (Daniel Craig), dem belgischen Spielzeugbauer Robert (Mathieu Kassovitz), der jetzt Bomben bauen muss, dem deutschen Juden Hans (Hanns Zischler), einem Antiquitätenhändler und erfahrenen Dokumentenfälscher, und Carl (Ciarán Hinds), der sich selbst als Bedenkenträger und Saubermann bezeichnet.

Das Team, das offiziell keine Verbindung zum Mossad hat und autonom handelt, wird in Europa aktiv. Ohne hier mehr Details als notwendig zu erwähnen, führt Avners Gruppe eine Reihe von Operationen in Rom, Paris, Zypern, Beirut und Athen aus. Avner, der anfangs am empfindlichsten auf den Auftrag reagiert, wird durch Erfahrung abgehärtet. Als ein Gruppenmitglied bemerkt, wie sonderbar es doch sei, sich selbst als Mörder zu sehen, entgegnet Avner zynisch: "Dann stell dir vor, du seiest was anderes." Aber die Ereignisse zehren an ihm.

Schließlich kommen Avner und anderen Zweifel, ob ihre Opfer wirklich etwas mit den Anschlägen von München zu tun haben. Allen, außer dem Südafrikaner Steve, einem faschistischen Typ, der erklärt: "Das einzige Blut, das für mich zählt, ist jüdisches Blut." Hans dagegen besteht darauf, dass nicht die Palästinenser Blutvergießen und Terrorismus erfunden haben. "Was glaubst du denn, wie wir das Land ursprünglich von ihnen bekommen haben?"

In Athen, wo sich Avner und sein Team als europäische Linke ausgeben, müssen sie sich plötzlich mit einer Gruppe palästinensischer Bodyguards ein Zimmer teilen. Auf dem Flur wird Avner in ein Gespräch mit einem von ihnen mit Namen Ali (Omar Metwally), verwickelt, der zu ihm sagt, "europäische Rote" würden die Bedeutung von Heimat nicht verstehen. Ali fährt fort: "Wir können ewig warten. Du weißt nicht, was es bedeutet, kein Zuhause zu haben. Heimat ist alles." Beide Gruppen haben die gleiche Blut-und-Boden-Ideologie.

Die Palästinenser merken schließlich, was die Gruppe tut, und die Jäger werden selbst zu Gejagten. Immer stärker wird Avners Gruppe von Selbstzweifeln gequält. Einige Mitglieder fallen Anschlägen zum Opfer, einer begeht offenbar Selbstmord (nachdem er erklärt hat: "Juden werden nicht zu Übeltätern, nur weil ihre Feinde welche sind... Wir sollten die Guten sein").

Als sie zurück in Israel sind, rechtfertigt Avners Mutter (Gila Almagor), die unter den Nazis ihre Familie verloren hat, seine Aktivitäten, ohne Einzelheiten zu kennen. Bedingungslos verteidigt sie die Gründung Israels: "Wir mussten es uns nehmen, denn niemand hätte es uns gegeben. Was immer es gekostet hat, und was immer es noch kostet, so haben wir wenigstens einen Platz auf der Welt."

Aber Avner, der schließlich mit Frau und Kind nach Brooklyn umzieht, findet keinen Trost. Er stellt die ethische Grundlage seiner Mission in Frage und kommt zum Schluss: "Es kann daraus kein Frieden entstehen." Bei einem Treffen mit seinem Mossad-Verbindungsmann Ephraim (Geoffey Rush) in New York verlangt er erneut den Beweis dafür, dass die Ermordeten mit der Geiselnahme von München in Verbindung standen. Als er nur vage Versicherungen erhält, weist er Ephraims Verlangen zurück.

Die Vorgeschichte des Attentats von München

Sicherlich gibt es an Spielberg und seinem Hauptdrehbuchschreiber Tony Kushner (Angels in America) auch viele Dinge auszusetzen. Obwohl im Film Anspielungen auf die Entstehung des Staates Israel vorkommen, tendiert er zu einer Darstellung, die München 1972 an den Anfang der Gewaltkette in der Region stellt. In Wirklichkeit bedeutete die Errichtung des zionistischen Staats die Vertreibung von etwa 800.000 Palästinensern. 1946 besaßen Juden weniger als zwölf Prozent des Landes in dem Gebiet, das später israelisches Territorium wurde; diese Zahl stieg auf 77 Prozent nach dem Krieg von 1948/49.

Aus Angst vor der zionistischen Gewalt flüchteten die Palästinenser in großer Zahl aus ihrem Land. Im berüchtigten Massaker von Deir Jassin massakrierte Menachem Begins Gruppe Irgun im April 1948 250 Männer, Frauen und Kinder. Dieses Ereignis, das weit bekannt gemachte wurde, war Teil einer bewussten Politik zur Terrorisierung der Araber und zur Entvölkerung Palästinas. Von 1947 bis 1949 zerstörten und entvölkerten die Zionisten während zwei Jahren über 400 arabische Dörfer und ersetzten sie systematisch durch jüdische Siedlungen. 1972 lebten die Palästinenser zu Hunderttausenden in elenden Flüchtlingslagern, die seit zwanzig Jahren in der ganzen Region verteilt waren. Erst kurz zuvor hatten sie den bewaffneten Kampf aufgenommen, um für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Die Ermordung der israelischen Sportler war ein grausamer Akt (bei dem man bis heute nicht genau weiß, wer von Palästinensern und wer von deutschen Polizeischarfschützen getötet wurde). Aber letzten Endes fällt die Verantwortung dafür auf den zionistischen Staat und seine Hintermänner in Washington und anderswo zurück.

Außerdem muss man vernünftigerweise annehmen, und Nachforschungen bestätigen dies anscheinend, dass die Entscheidung von Golda Meir nur teilweise eine direkte Antwort auf die Münchner Ereignisse war. Diese verschafften den Israelis vielmehr den moralischen und politischen Vorwand, einen Teil der palästinensischen Führung zu eliminieren, von denen viele nicht das Geringste mit der Geiselnahme während der Olympiade zu tun hatten. Avner wirft im Film diese Frage auf, aber auch hier ist es nur ein flüchtiger Hinweis.

Die Vorstellung einer zeitlosen moralischen Überlegenheit der Juden, zu der die Mission des Mörderteams angeblich im Widerspruch steht, muss ebenfalls zurückgewiesen werden. Wenn ein beträchtlicher Teil der jüdischen Intelligenz und des jüdischen Proletariats Verbindungen zu progressiven sozialen Bewegungen hatte (was ein wichtiger Grund für den Antisemitismus der Nazis war), so war dies durch besondere historische und gesellschaftliche, und nicht in der "Rasse" liegende Ursachen bedingt. Auf tragisch-ironische Weise hat die Entwicklung der israelischen Gesellschaft, ihr offizieller Rassismus und ihre Unterdrückung der Palästinenser ein für allemal die Vorstellung erledigt, die Juden seien das "auserwählte Volk". Es gibt arme und reiche Juden, unterdrückte und unterdrückende Juden, revolutionär und faschistisch gesinnte Juden, gerade wie es sie in jeder anderen ethnischen Gruppe auf dieser Erde gibt.

Dennoch geht der Film München weit über seine offensichtlichen und nicht unerwarteten Schwächen hinaus. Spielberg und Kushner haben ein wichtiges und wertvolles Werk geschaffen. Der Film ist eine Anklage gegen jede Politik der Vergeltung und Rache. Er weist sorgfältig nach, dass solche Morde die allerschrecklichsten Konsequenzen haben, sowohl für die Opfer als auch für die Täter. Spielberg legt sich diesbezüglich bewusst keine Zügel an, und dies ist zweifellos einer der Gründe, weswegen seine rechten Kritiker derart vor Wut schäumen: Die Opfer sind ebenfalls Menschen, die auf schmerzvolle und schreckliche Weise sterben. Alle Tötungen sind schrecklich, was natürlich auch für den Tod der israelischen Athleten in München gilt. Spielberg und Kushner behandeln jeden einzelnen Fall mit großer Sorgfalt. Der Mord an einer Mörderin ist besonders aufwühlend, eine der schlimmsten derartigen Szenen der jüngeren Vergangenheit. Diese Arbeit wurde sehr überlegt und sensibel ausgeführt.

Der Film fragt: Wie ist es möglich, dass menschliche Wesen wie Avner und seine Kollegen eine derartige Tötungsorgie auch noch fortsetzen, wenn sie bereits Zweifel an der offiziellen Begründung hegen? So steht in den Anmerkungen zur Filmproduktion, dass die Gruppenmitglieder zu fragen beginnen: "Wen genau töten wir? Gibt es dafür eine Rechtfertigung? Wird es den Terror aufhalten?" Sind das nicht auch heute entscheidende Fragen, besonders in den USA? Wenn "linke" Gegner des Films der Meinung sind, dies seien wertlose oder bedeutungslose Fragen, sollte man von ihnen eine Erklärung dafür verlangen.

Kritiker behaupten, die echten Mitglieder der Mossad-Killerkommandos (die übrigens 1973 in Norwegen einen völlig unschuldigen Mann, einen marokkanischen Einwanderer, ermordet haben), seien niemals von solchen Bedenken wie Avner und seine Gruppe gequält worden. Das sollten sie aber, kann man da nur antworten, und die Künstler haben das auch so gesehen, was ihnen hoch anzurechnen ist.

Jedenfalls belegt die Existenz der Verweigerer-Bewegung im israelischen Militär, zu der über 1.200 Soldaten und Reservisten gehören, die sich weigern, in den besetzten Gebieten zu dienen, dass es hier um eine brennende Frage geht. 2003 erklärte das Mitglied einer Gruppe von 27 israelischen Luftwaffenpiloten, die in einem Brief ihre Weigerung bekannt gemacht hatten, an Militäroperationen in der Westbank und Gaza teilzunehmen, einem Reporter: "Tief in mir drin ist etwas zerbrochen. Nachts kann ich nicht mehr gut schlafen. Wie viele müssen noch getötet werden, bis wir merken, dass wir Verbrechen begehen?" Ist das nicht Avner? Spielberg und Kushner haben dafür ein offenes Ohr.

Spielberg hat sich angesichts der Kritik aus dem zionistischen Lager ausführlich darüber ausgelassen, dass er Israel liebe, zu seiner Existenz stehe und so weiter. Auch dies war durchaus zu erwarten. Aber der Film ist kaum geeignet, den Zionismus zu adeln. Sollen wir etwa über jeden gewaltsamen Tod jubeln? Das würden nur die verkommensten Elemente unter den Zuschauern tun. Unabhängig von der Absicht des Regisseurs beschreibt München, wie offizielle Gewalt und Verbrechen immer nur neue Gewalt erzeugen.

Es ist klar, dass der Film ein starker Widerhall auf die Ereignisse vom 11. September und danach ist. Eine Schicht der amerikanischen liberalen Intelligenz ist zum Schluss gelangt, dass die Terroranschläge in New York City und Washington die erbärmlichsten und finstersten Machenschaften des amerikanischen Staats rechtfertigten.

"Was immer es kostet..."

Und Spielberg-Kushner spielen auch auf die Weltanschauung an, die für einige Israelis und ihre Anhänger auf der ganzen Welt Gewalt gegen Palästinenser sowie deren historische Ursachen rechtfertigt. Man beachte besonders die Worte von Avners Mutter, wenn sie über ihre Ankunft in Palästina nach dem Holocaust spricht: "Was immer es gekostet hat, und was immer es kosten mag...". Diese Härte, die zum Teil in den Konzentrationslagern entstanden ist, ist zwar auf tragische Weise verständlich, aber letztlich eine perverse, vergiftete Weltanschauung. Ein Teil der Opfer, die dem Horror in Europa eben entkommen waren, folgerten: "Schluss mit dem Unsinn über die menschliche Güte! Schaut, was mit uns passiert ist! Wir wissen, wie die Menschheit ist, nämlich roh und grausam. Nun, auch wir können roh und grausam sein. Was immer es kosten mag..." In einer entsetzlichen Schicksalswendung übernahmen einige Opfer der schlimmsten Verbrechen der Geschichte die Anschauungen ihrer Peiniger. Diese Menschen warfen den Humanismus, die Aufklärung, die Traditionen von Sozialismus und fortschrittlichem Denken aus dem Fenster. Erneut wurde an das Blut appelliert, nur diesmal an "jüdisches Blut".

Auf schmerzliche Weise sind beide, Israelis und Palästinenser, Opfer der Geschichte, Opfer des zwanzigsten Jahrhunderts und seiner vereitelten Hoffnungen. Avner ist zweifellos nicht durch persönliche Boshaftigkeit oder Ehrgeiz motiviert. Aus den Nazi-Lagern ging etwas hervor, das grausam und schrecklich war. Auf dem Gesicht seiner Mutter hat die Vergangenheit tiefe, unauslöschliche Narben eingegraben. Und man hat immer das Gefühl, dass es sehr anstrengend für diese Menschen ist, sich selbst ständig von der Rechtmäßigkeit ihrer Sache zu überzeugen - was ihnen zuweilen zum Glück nicht gelingt. Wie Kushner erklärte, wurde München "immer mehr zur Geschichte eines Mannes, den seine eigene Rechtschaffenheit nicht loslässt".

Der zionistische Appell an Blut und Heimat findet sein Echo auch in der palästinensischen nationalistischen Bewegung. Als Ali das Programm der "europäischen Roten" - Internationalismus und Sozialismus - zurückweist, vertritt er dieselbe bankrotte und reaktionäre Perspektive wie die Zionisten. München zeigt, vielleicht unbeabsichtigt, dass der Terrorismus als Kampfmethode für die Unterdrückten nicht taugt. In der düsteren Welt dieses Films über den internationalen Terrorismus und Konterterrorismus weiß man nie genau, wer wer ist. Avner ist niemals sicher, ob seine Informationen von "Papa" und seine Gruppe letztlich auf die CIA zurückgehen, auf den Mossad selbst, der offiziell nichts mit den Aktivitäten der Gruppe zu tun haben will, oder einen Flügel der Palästinenserbewegung, der mit einem anderen abzurechnen will, und so fort.

Der Terrorismus ist heute fast unvermeidlich mit einer Politik des Stammeswesens und des Kommunalismus verbunden und zielt letzten Endes darauf ab, die Großmächte unter Druck zu setzen, um sie auf die Seite dieser oder jener nationalen Bourgeoisie oder kleinbürgerlichen Schicht zu ziehen. Der Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus erfordert dagegen das größte Ausmaß an Offenheit, Klarheit, Massenbeteiligung und Bewusstheit.

Rechte Angriffe

München wurde von rechten Kreise in Israel und besonders in den USA heftig angegriffen. Wie Michelle Goldberg in ihrem "Krieg um ‚München’" (Spiegel-Online) erklärt, begann die Kampagne lange bevor der Film in die Kinos kam. Leon Wieseltier, Literaturkritiker der New Republic, einer stramm zionistischen liberalen Zeitschrift, ließ seinem Ärger über Spielberg schon Anfang Dezember freien Lauf.

Die "Langeweile" des Films, so Wieseltier, "ist am Ende der Tatsache geschuldet, dass er trotz all seines Stolzes über den eigenen Mut Angst vor sich selbst hat. Er ist völlig vom Schweiß seiner eigenen Ausgewogenheit gesättigt." Er fährt fort: "Das Drehbuch ist im Wesentlichen die Arbeit von Tony Kushner, dessen Hand sich leicht an der ungehobelten, schematischen Art der Handlung und an etwas anderem erkennen lässt. Der Film hat in seinem Herzen kein Platz für Israel.... Der Zionismus ist in diesem Film nur Anti-Antisemitismus. Die Notwendigkeit für den jüdischen Staat wird zugegeben, aber Notwendigkeit ist eine sehr schwache Form der Rechtmäßigkeit."

Wieseltier merkt, wie gefährlich die Parallelen zum 11. September 2001 in dem Film sind: "Die israelische Reaktion auf den Schwarzen September war die Geburtsstunde des zeitgenössischen Konterterrorismus, und man kann schwerlich übersehen, dass München eine Parabel auf die amerikanische Politik nach dem 11. September ist. ‚Jede Zivilisation steht vor der Notwendigkeit, mit ihren eigenen Werten Kompromisse zu schließen’, lautet die harte Meinung von Golda Meir am Anfang des Films. Aber der Film proklamiert, dass Terroristen und Konterterroristen gleich seien. ‚Wenn wir lernen, wie sie zu handeln, werden wir sie besiegen!’ erklärt einer von Avners Männern, gespielt von Daniel Craig, schon mit einer Lizenz zum Töten. Schlimmer, München zieht eine Diskussion über den Konterterrorismus einer Diskussion über den Terrorismus vor; oder geht davon aus, dass es sich um dieselbe Diskussion handelt. Eine solche Ansicht können nur Menschen teilen, die keine Verantwortung für die Sicherheit anderer Menschen tragen." Menschen, die "Verantwortung für die Sicherheit anderer Menschen" tragen, sind demnach wahrscheinlich Leute wie George W. Bush oder Ariel Scharon, zwei der führenden politischen Brandstifter der Welt.

Wieseltiers Verteidigung des amerikanischen und israelischen "Konterterrorismus", der Aggressions- und Repressionspolitik im Nahen Osten, wurde von David Brooks unterstützt, einem rechten Kolumnisten der New York Times. Brooks stellte fest, Spielberg habe den Nahen Osten völlig falsch verstanden, weil er die Existenz des Bösen, d.h. des islamischen Radikalismus, negiere. Brooks kommentiert: "Weil er die Existenz des Bösen nicht zugeben will, wie es wirklich existiert, versteht Spielberg die Wirklichkeit falsch.... In Spielbergs Nahem Osten besteht die einzige Weise, Frieden zu erlangen, in der Ablehnung der Gewalt. Aber im wirklichen Nahen Osten besteht die einzige Weise, Frieden zu erlangen, im militärischen Sieg über die Fanatiker, begleitet von Kompromissen zwischen den vernünftigen Elementen auf beiden Seiten." Vom sicheren Platz seiner Times -Kolumne aus macht Brooks immer wieder die blutrünstigsten und brutalsten Vorschläge.

Spielbergs Film und seine Implikationen riefen bei den gegnerischen Kritikern eine solche Anspannung hervor, dass sie ihn schon verurteilten, als Spielbergs letzter Film, Krieg der Welten, in die Kinos kam. Edward Rothstein, ebenfalls Times -Journalist, beschwerte sich schon im Juli über München, den er nur vom Hörensagen kannte. Er schrieb: "Es heißt, er beginne mit den Morden an den israelischen Olympiakämpfern durch palästinensische Terroristen im Jahr 1972 - ein Angriff, der seinen Zielen nach dem der Martianer gleicht. Aber die Analogie wird untergraben, wie Herr Spielbergs Kommentare nahe legen: Man werde das Unrecht, das den Angreifern zugefügt worden sei, verstehen und die Taktik ihrer Opfer in Frage stellen müssen." Der Times -Kolumnist fügte hinzu: "Vielleicht hat die Vorstellung von Terroristen, die für eine gerechte Sache kämpfen, und von Verteidigern mit Selbstzweifeln auch diesen jetzigen Film [ Krieg der Welten ] beeinflusst." Anfang dieser Woche setze Rothstein auf den Seiten der Times seine ignorante Attacke gegen München wie vorauszusehen fort.

Diese reaktionäre Kampagne spricht zugunsten Spielbergs und Kushners. Letzterer bezeichnet sich "sowohl als gottesfürchtigen Juden wie als historisch-materialistischen, sozialistisch-humanistischen Agnostiker". "Ich möchte, dass der Staat Israel existiert (da er das ohnehin tut)... und gleichzeitig... denke ich, die Gründung des Staates Israel war für das jüdische Volk ein historisches, moralisches, politisches Unglück." Dies sind Zweideutigkeiten, die nach Auflösung schreien, aber nichtsdestotrotz beinhalten sie die Möglichkeit von Einsicht, im Gegensatz zum ideologischen "Todeskommando", das Wieseltier, Brooks und Rothstein repräsentieren.

Verherrlichung der israelischen Killermaschine?

Auch linke und arabische Kritiker haben gegen München Stellung bezogen. Noch einmal: Viele korrekte politische Punkte können gegen die liberale Perspektive des Films und seine ernsten Mängel bezüglich der Geschichte Israels und des schlimmen Schicksals der Palästinenser ins Feld geführt werden. Es ist jedoch absurd und nicht akzeptabel, wenn man so tut, als hätten Spielberg und Kushner nichts weiter als eine "Verherrlichung der israelischen Killermaschine" produziert. Das ergibt sich nicht aus dem Film, sondern wird von einer vorgefassten Meinung einfach hineininterpretiert.

Es wird behauptet, München stelle die israelischen Killer allzu menschlich dar. Wie schon gesagt, ist dies offensichtlich nicht wahr. Dennoch stellt sich der Kunst unausweichlich die Aufgabe der Humanisierung. Ernsthafte Kunst kann auf keine andere Weise funktionieren. Ein menschliches Wesen ernsthaft und tief darzustellen, erfordert ein hohes Maß an künstlerischer Objektivität. Was verlangen wir vom Künstler? Eben gerade, dass er oder sie uns empfänglich für die menschliche Persönlichkeit und Bedingtheit in ihrer ganzen Komplexität machen. Wenn nicht das, was sonst? Menschen, die das Gegenteil von Humanisierung verlangen, wollen Propagandafilme, die von sehr begrenztem Wert sind.

Man wird uns antworten: Also wollt ihr Bush oder Scharon vermenschlichen! Aber "vermenschlichen" heißt nicht "entschuldigen". Die Taten, die Avner und seine Gruppe ausführen, sind schrecklich und kriminell, und diese Tatsache ist für jeden sensiblen Zuschauer aus der Handlung klar ersichtlich. Wen diese Ereignisse nicht tief verstören, wer sie in irgendeiner Weise attraktiv oder aufregend findet, sollte besser einen Spezialisten aufsuchen. Dennoch ist ein Mossad-Agent nicht dasselbe wie ein Drahtzieher imperialistischer Politik. Die Kritiker, die behaupten, München sei schiere zionistische Apologie, möchten wir fragen, was für einen Film sie denn, gestützt auf ihre Auffassungen, drehen würden?

Kritik dieser Art läuft auf leeres, liberal-anarchistisches Moralisieren hinaus. Sollte es keine Filme über US-Soldaten im Irak geben, weil dort Verbrechen verübt werden? Selbst wenn diese Soldaten dort schreckliche Handlungen begehen, sind sie doch selbst Opfer des Imperialismus. Wenn ihre Geschichte und der Schrecken, den sie erzeugen, nicht dargestellt werden, wie kann sich dann in Amerika Abscheu der Massen und Scham entwickeln?

Natürlich muss der palästinensische Standpunkt gesehen und gehört werden. So verdient Paradise Now, der Film des Palästinensers Hany Abu-Assad über die Evolution von Selbstmordattentätern in den besetzten Gebieten, ein viel größeres Publikum, als er gegenwärtig in Nordamerika erhält. Ein Film über die Opfer von Deir Jassin, oder über das Schicksal von Kibja, das jordanische Dorf, dessen Bewohner von Scharons Einheit 101 im Oktober 1953 massakriert wurden, ist vollständig in Ordnung.

Trotzdem, wenn die Juden als Volk in Israel solcher Sünden schuldig sind, wie vermutlich auch die amerikanische Bevölkerung im Fall von Irak, dass sie nicht einmal in künstlerischen Werken dargestellt werden können, dann führt dies zu den pessimistischsten und kältesten Schlussfolgerungen. Wir hätten lieber hundert München mit all ihren Fehlern, als ein so dürres und starrköpfiges "linkes" Denken.

Spielberg hat ein instinktives Gefühl für Geschichte. Sein nächstes Projekt handelt von Abraham Lincoln. Eine Radikalisierung ist in Amerika im Gange, und sie wird schwerlich aufzuhalten sein. Wenn die Leute einmal Geschmack an Ideen, Politik und Geschichte gefunden haben, dann wird sich das als ansteckend erweisen.

Siehe auch:
Der Soldat James Ryan
(7. Oktober 1998)

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