Achter Vortrag: Die 1920-er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus

Teil 5

Von Nick Beams
6. Januar 2006

Dies ist der fünfte und letzte Teil des Vortrags "Die 1920-er Jahre - Weg zu Depression und Faschismus" von Nick Beams. Beams ist der nationale Sekretär der Socialist Equality Party in Australien und Mitglied der WSWS-Redaktion und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand.

Die Dynamik einer Systemkrise

Die Weltwirtschaft der Nachkriegszeit steckte in einer tiefen Strukturkrise. Der Kapitalismus in der Vereinigten Staaten durchlief eine rapide Entwicklung, geriet jedoch gleichzeitig zunehmend in Abhängigkeit vom europäischen Kapitalismus. Dieser fiel aber nicht nur relativ, sondern auf einigen Gebieten auch absolut zurück. Dieser Widerspruch sollte sich ungeachtet der Nachkriegserholung in den 1920er Jahren vertiefen und gegen Ende des Jahrzehnts noch explosivere Formen annehmen.

Ab 1924 kam es zu einem gewaltigen Zufluss ausländischen Kapitals nach Deutschland - insgesamt 7 Milliarden Dollar in sechs Jahren. Doch ein großer Teil davon wurde zur Finanzierung von Firmenzusammenschlüssen verwendet und nicht zur Modernisierung der deutschen Wirtschaft.

Eine Zeitlang schien das durch den Dawes-Plan in Bewegung gesetzte Rückflusssystem zu funktionieren: Überschüssiges Investitionskapital floss von den Vereinigten Staaten nach Deutschland und dann in Form von Schuldenzahlungen, die durch deutsche Reparationsleistungen finanziert wurden, zurück in die USA. Deutschland importierte zwischen 1924 und 1930 um die 28 Milliarden Reichsmark, aus denen es Reparationszahlungen in Höhe von 10,3 Milliarden Reichsmark leistete. So lange der ständige Zufluss von Kapital bestehen blieb, lief das System wie geschmiert.

Doch um 1928/29 begannen die amerikanischen Investitionen zurückzugehen, was die Aufkündigung kurzfristiger Kredite zur Folge hatte. Auch wenn hierin die unmittelbare Ursache der Finanzkrise lag, die Deutschland ab 1929 erfasste, war das gesamte Finanzsystem von Natur aus instabil. Eine 1932 publizierte Analyse formulierte es folgendermaßen: "Auch wenn Ende 1929 nicht die weltweite Depression begonnen hätte und die internationalen Anleihen nicht plötzlich bis fast auf den Nullpunkt gesunken wären, wäre es doch undenkbar gewesen, dass neue Anleihen dauerhaft die Höhe der steigenden Reparations- und Schuldenzahlungen hätten überschreiten können, zusätzlich zu den Zinsen auf die schon zuvor bestehende gewaltige Masse privater Schulden." [33]

Diese ihrem Wesen nach instabile Finanzlage wurzelte in den grundlegenden Problemen der deutschen und europäischen Volkswirtschaften insgesamt. Wie alle Historiker feststellen, die sich mit dieser Periode beschäftigen, wurde der Löwenanteil des Kapitalzuflusses nach Deutschland nicht zur Modernisierung und Erweiterung der deutschen Wirtschaft verwandt, sondern zur Finanzierung von Staatsaktivitäten und -vorhaben. Das bedeutet, dass diese Anleihen nicht in produktives Kapital investiert wurden.

Die deutsche Industrie, die in der Aufschwungsperiode der Zeit vor dem Krieg weltweit zu den führenden gehört hatte, ging nun im Kampf um Weltmärkte vollkommen unter. Während der ersten Hälfte der 20er Jahre nahmen die deutschen Exporte merklich ab. Die wirtschaftliche Erholung im Allgemeinen ging nur langsam vonstatten. Erst 1925 erreichte Europa wieder das Produktionsniveau von 1913. Hätte die europäische Wirtschaft ihr Vorkriegswachstum beibehalten, so hätte sie Berechnungen zufolge das Produktivitätsniveau von 1929 schon 1921 erreicht. So groß war das Ausmaß des allgemeinen Abschwungs der europäischen Wirtschaft.

In Deutschland betrug das Nettosozialprodukt im Jahr 1928 erst 103 Prozent des Standes von 1913. Der Warenexport lag dagegen erst bei 86 Prozent des Wertes von 1913. In den Jahren 1910 bis 1913 hatte das Verhältnis von Exporten zum Nationaleinkommen bei 17,5 gelegen, in den Jahren nach 1924 fiel es auf 14,9 Prozent. [34]

Während Deutschland und die anderen europäischen Mächte im Niedergang begriffen waren, erlebten die Vereinigten Staaten einen Aufschwung. 1923 waren sie zur weltweit größten Exportnation und zum zweitgrößten Importeur aufgestiegen. Zwischen 1926 und 1929 lag ihr Anteil an der weltweiten Industrieproduktion bei 42,2 Prozent, verglichen mit 35,8 Prozent im Jahr 1913. Die Bedeutung des Stroms von Investitionen aus den USA für die wirtschaftliche Stabilität Europas und der Welt kann aus den folgenden Zahlen abgelesen werden: Zwischen 1919 und 1929 stiegen die langfristig von den Vereinigten Staaten gehalten Auslandsinvestitionen um 9 Milliarden Dollar, 1929 betrugen amerikanische Investitionen zwei Drittel aller Neuinvestitionen weltweit. Amerikanische Auslandsbeteiligungen stiegen auf 15,5 Milliarden Dollar, von denen 7,8 Milliarden auf Aktienkapital und 7,6 Milliarden auf direkt investiertes Kapital entfielen.

Das Geheimnis hinter der Expansion der Vereinigten Staaten war unschwer zu erkennen: Es lag in den neuartigen Produktionsmethoden der amerikanischen Industrie, die mit der Entwicklung der Fließbandproduktion die Produktivität der Arbeit und die Extraktion von Mehrwert gewaltig gesteigert hatten.

Die finanzielle Stabilisierung infolge des Dawes-Plans und die hierdurch geschaffene deflationäre Gesamtlage leitete eine intensive Diskussion in den politischen, akademischen und industriellen Kreisen Deutschlands über die Notwendigkeit zur Rationalisierung und Modernisierung der deutschen Industrie ein. Profite konnten nicht mehr wie zuvor einfach durch Inflationsprozesse eingefahren werden. Der Weg zur Profitsteigerung lag nun in höherer Produktivität, in Rationalisierung und Kostenersparnis.

In ihrer wertvollen Studie über diesen Prozess fasst die Historikerin Mary Nolan den Einfluss der US-Industrie wie folgt zusammen: "Es war das Kerngebiet der amerikanischen Industrie, das die Deutschen faszinierte - oder vielmehr das Kerngebiet der zweiten industriellen Revolution in der Eisen-, Stahl- und Maschinenproduktion. Dies war die ‚Technologie der Stahlträger und Triebwerke’, eine Welt der unaufhörlichen Produktion und Einzelteilherstellung, der atemberaubenden Produktivität und des minutiös aufgeteilten Arbeitsprozesses. Ihre offensichtlichsten Symbole waren die Fordfabriken von Highland Park und River Rouge, sowie das Modell T. Doch schloss sie auch die gewaltigen Eisen- und Stahlwerke ein, die sich von Pennsylvania durch Ohio und Indiana bis nach Chicago erstreckten. Dies war der erfolgreiche amerikanische Gegenpart zu der großen, arbeitsintensiven und krisengeschüttelten Schwerindustrie Deutschlands, die im Zentrum der Weimarer Rationalisierungsbewegung stand [...]

Die schiere Größe der Fabriken von Highland Park und River Rouge flößte den deutschen Besuchern Angst ein. Highland Park wurde 1910/11 eröffnet, ging 1912/13 zur Fließbandproduktion über, umfasste 1924 mehr als 50 Morgen Land und beschäftigte mehr als 68.000 Arbeiter. Und das war nur Fords alte Fabrik! In River Rouge, dessen Bau 1916 begonnen und ein Jahrzehnt später fertig gestellt wurde, verteilten sich 160 Morgen Nutzfläche auf 93 Gebäude. Die Fließbänder umfassten 27 Meilen und die Fabrik hatte mehr als 75.000 Beschäftigte. [...] Aber noch beeindruckender als der Größenmaßstab der Produktion wirkte ihr innovativer Charakter auf die Besucher aus Deutschland. In den Fordwerken war alles dem Prinzip der effizienten und preiswerten Herstellung eines standardisierten Produkts unterworfen und nicht einer Vielzahl unterschiedlicher Güter. Einzelteile wurden in einem Maße vereinfacht und standardisiert, das den Neid der Deutschen erweckte. Sie sahen die Normierung als unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Rationalisierung im eigenen Land. Anstatt universeller Maschinen, die eine Vielzahl von Aufgaben erledigen konnten, waren die Fordwerke voller spezialisierter Maschinen, die auf die Produktion eines ganz bestimmten standardisierten Teils zugeschnitten waren und von einem Arbeiter bedient wurden, der nur diese eine Aufgabe erfüllte." [35]

Nicht weniger enthusiastisch zeigten sich die Führer von Gewerkschaften und Sozialdemokratie angesichts der Einführung amerikanischer Verhältnisse. Sie begrüßten Fords Methoden als Möglichkeit, den Kapitalismus zu reformieren und die soziale Frage zu lösen. Im September 1925 sandte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) eine vierzehnköpfige Delegation in die Vereinigten Staaten. Vier ihrer Teilnehmer verfassten hierauf einen Bericht, in dem das neuartige System gepriesen wurde, da es Möglichkeiten eröffne, den Kapitalismus im Interesse der Arbeiterklasse umzugestalten. Der Bericht behauptete, "das Anwachsen der Kaufkraft der Massen" sei "die zentrale Frage der europäischen Wirtschaft" und werde dies auch bleiben. "Es ist völlig klar, dass der Kampf der Gewerkschaften um die Erhöhung der Löhne nicht nur eine soziale Notwendigkeit ist, sondern eine Aufgabe, von deren Erfüllung die weitere Entwicklung der ganzen Wirtschaft abhängt." [36]

Diese Annahme gründete sich auf ein völliges Unverständnis der neuen Produktionsmethoden. Dies traf sich mit den Auffassungen von Henry Ford, der zuweilen behauptete, Lohnerhöhungen schüfen den Markt für Autos und andere Konsumgüter. In Wahrheit jedoch lag die Quintessenz des neuen Systems nicht darin, dass es höhere Löhne bezahlte, sondern dass es höhere Profite einbrachte und damit die Grundlage für neue Investitionen und weitere wirtschaftliche Expansion schuf.

Trotz der großen Begeisterung für die amerikanischen Methoden fasste der "Fordismus", als die sie bekannt wurden, in Deutschland keine Wurzeln. Der Grund hierfür lag in tiefen Unterschieden der Gesamtsituation, mit der der amerikanische und der deutsche Kapitalismus konfrontiert waren.

Die amerikanische Produktionsweise war das Ergebnis einer buchstäblich zweiten industriellen Revolution, deren Ursprünge in den Jahren direkt nach dem Bürgerkrieg lagen. Die Sicherung des Staatenbundes durch den Sieg der industriellen Bourgeoisie in den Nordstaaten und die Schaffung eines nationalen Marktes bildeten die Rahmenbedingungen, unter denen sich das System der Massenproduktion in den folgenden fünf Jahrzehnten entwickeln konnte. Dieser Prozess gipfelte schließlich in der Entwicklung des Fließbands in der Automobilindustrie und der Produktion von Konsumgütern für den Massenverbrauch. Profite wurden durch kapitalintensive Produktionsmethoden realisiert, in denen Einsparungen in großem Maßstab Kostensenkungen ermöglichten.

Der amerikanische Kapitalismus konnte sich über einen ganzen Kontinent ausbreiten, ihm stand durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes und das einheitliche Rechtssystem ein gewaltiger Binnenmarkt zur Verfügung. Der deutsche Kapitalismus konnte nicht den gleichen Weg einschlagen. Von allen Seiten war er gehemmt durch die Barrieren und Grenzen des europäischen Nationalstaatssystems, eines Systems, dessen Verstrickungen sich durch den Versailler Vertrag noch verschlimmert hatten. Während sich in Amerika die Konzentration des Kapitals durch die Errichtung ausgedehnter Unternehmungen vollzog, die zu niedrigen Kosten produzierten, führten in Deutschland und Europa die Beschränkungen des Marktes im Allgemeinen zur Bildung von Kartellen. Profite wurden dabei durch Produktionseinschränkungen und die Aufrechterhaltung hoher Preise eingefahren.

Die Kartellbewegung in Deutschland hatte in den 1890er Jahren infolge des rapiden industriellen Wachstums während der vorausgegangenen zwanzig Jahre begonnen und hatte in den 1920er Jahren bereits alle Industriesektoren ergriffen. In der Zwischenzeit hatte sich die Begrenztheit der Märkte noch verschärft.

Ihren ersten Anstoß hatte die deutsche Industrialisierung durch den Zollverein der 1830er Jahre erfahren. Diese Entwicklung hatte schließlich zur Vereinigung der deutschen Staaten unter Bismarck geführt. Doch nun war sogar die Zollunion mit Österreich durch den Versailler Vertrag untersagt, damit eine sich ausdehnende deutsche Wirtschaft nicht diejenigen Ost- und Südosteuropas in ihr Einzugsgebiet ziehen und so die Position Frankreichs schwächen konnte.

Diese Beschränkung des Marktes bedeutete, dass die deutsche Modernisierungsbewegung der 20er Jahre auf Fusionen und der Bildung von Kartellen basierte. Gleichzeitig wurde mehr der Einsatz von Arbeitskräften rationalisiert als die Produktion gesteigert. Anstatt Massenproduktion für einen vergrößerten Markt einzuführen, erfolgte die deutsche Modernisierung über weitere Kartellisierung, Produktionsrestriktionen und die Beibehaltung hoher Kosten.

Die deutsche Rationalisierung ging zwar auch mit der Schließung der ineffizientesten Fabriken und der Umstrukturierung anderer einher, sie erreichte aber niemals die Bedeutung einer "neuen industriellen Revolution", wie einige Beobachter behaupteten. "Die Wirklichkeit der deutschen industriellen Umgestaltung war begrenzter, widersprüchlicher und für alle Beteiligten unbefriedigender als solche hochtrabenden Aussagen es nahe legten. Zwischen der Stabilisierungskrise und der weltweiten Depression standen für die Modernisierung der kränkelnden Industrie der Weimarer Republik nur wenige Jahre und relativ begrenzte Kapitalien zur Verfügung. Die Taten entsprachen nicht den verbalen Ergüssen über Rationalisierung. Die Veränderungen innerhalb eines gegebenen Industriezweiges waren in hohem Maße ungleich, und als 1929 die Wirtschaftskrise begann, verlangsamten sich viele ehrgeizige, auf viele Jahre ausgelegte Modernisierungsprojekte oder kamen ganz zum Stillstand." [37]

Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einer Rationalisierung auf der Grundlage der bestehenden Produktionsmethoden und der Entwicklung neuer Systeme und Produktionsprozesse. Rationalisierung auf der Grundlage eines bestehenden Systems durch gesteigerte Ausbeutung und Einsparungen bei den Arbeitskräften vergrößert die Arbeitsproduktivität und verbessert dadurch die Wettbewerbsposition des einzelnen Unternehmens, das seine Kosten senkt. Doch sie führt zu keinem Wachstum des insgesamt in der gesamten Volkswirtschaft produzierten Mehrwerts.

Die Bedeutung des amerikanischen Systems lag darin, dass es genau dieses Wachstum hervorbrachte, und dies nicht durch restriktive Praktiken und höhere Preise, sondern durch Massenproduktion zu geringeren Kosten. In Europa machten die Beschränkungen des Nationalstaatssystems solche Methoden in den 20er Jahren unmöglich. Folglich suchten die Unternehmen ihre Profite zu halten, indem sie die Produktion begrenzten, wodurch die Preise hoch blieben. Das bedeutete, dass der Rationalisierungsprozess in Europa "lediglich ein verstümmelter Spross der amerikanischen Produktionsweise in ihrer ursprünglich gedachten Form bleib." [38]

Dennoch befähigte der Zufluss amerikanischer Anleihen die europäische Wirtschaft in der zweiten Hälfte der 20er Jahre etwas zu wachsen. Nimmt man das Jahr 1920 als Grundlage mit dem Wert 100, so war die Industrieproduktion Europas bis 1929 auf 123,1 gestiegen, die Agrarproduktion auf 122,2. Doch dieses Wachstum konnte sich nicht selbst erhalten. In Deutschland fiel die Arbeitslosigkeit 1925 auf 7 Prozent, stieg 1926 auf 18 Prozent, fiel dann bis zu den letzten Monaten des Jahres 1928 auf 8 bis 9 Prozent und begann hierauf bis zum Frühling 1933 unaufhörlich zu steigen.

Der Kapitalstrom nach Deutschland in Folge des Dawes-Plans brachte keine Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft mit sich, ließ sie aber deutlich schutzloser gegenüber amerikanischen Kapitalbewegungen werden - und das alles unter Bedingungen, unter denen diese Kapitalflüsse zunehmend instabil wurden. Mit Beginn des Börsenbooms begann sich das Investitionskapital, das von zunehmend kurzfristiger Natur war, auf inländische Anlagemöglichkeiten mit schnellem Gewinn auszurichten. 1927 gab es einen scharfen Rückgang der ausländischen Investitionen in Osteuropa, und im folgenden Jahr fiel auch der Kapitalfluss nach Deutschland. In den Jahren 1927 und 1928 hatte der Kapitalfluss nach Europa 1,7 Milliarden Dollar betragen, 1929 fiel er auf 1 Milliarde. Doch gerade zu jener Zeit wären gesteigerte Zuflüsse benötigt worden, um die Zinsen vergangener Anleihen zu begleichen.

Keiner der Widersprüche der europäischen kapitalistischen Wirtschaft oder des Nationalstaatssystems, die zum Kriegsausbruch geführt hatten, war gelöst. Vielmehr hatten sie sich verschärft. Deflationäre Tendenzen bestanden sowohl in Industrienationen als auch in Ländern des primären Sektors. Überkapazitäten in allen Industriesektoren, gestiegene Importzölle und finanzielle Probleme, die sich aus Reparationen und Schulden ergaben, gesellten sich zu einem zunehmend instabilen Bankwesen.

All diese Probleme brachen an die Oberfläche, als die Spekulationsorgie an der Wall Street den Kapitalfluss nach Europa austrocknen ließ. Als es 1929 zum Börsencrash kam, war dieser nicht so sehr die Ursache der großen Depression, als vielmehr der Katalysator, der die Katastrophe in Gang brachte.

Der Dawes-Plan brachte eine gewisse Stabilisierung des europäischen und weltweiten Kapitalismus mit sich. Doch er ließ kein neues Gleichgewicht entstehen. Um zu Trotzkis Analyse auf dem Dritten Kongress zurückzukehren: Er schuf nicht die Bedingungen für einen neuen Aufschwung in der kapitalistischen Entwicklungskurve.

Was wäre dazu vonnöten gewesen? Vor allem die Entwicklung und Verbreitung neuer Produktionsmethoden, die die Akkumulation von Mehrwert erleichtern und die Profitrate erhöhen konnten. Solche Methoden waren in den Vereinigten Staaten entwickelt worden.

Doch das genügte nicht. Der amerikanische Kapitalismus konnte nicht länger auf der Grundlage eines einzigen Kontinents voranschreiten. Seine fortgesetzte Expansion war an das Wachstum der Weltwirtschaft gebunden und besonders der europäischen. Denn wie schon Marx erklärt hatte, erfordert der an einer Stelle geschaffene Mehrwert die Schaffung von Mehrwert an einer anderen Stelle, gegen den er ausgetauscht werden kann. Doch die Entwicklung produktiverer Methoden wurde in Europa durch die Beschränkungen des Nationalstaatensystems blockiert. Anders ausgedrückt: Die Widersprüche, die zum Krieg geführt hatten, waren nicht gelöst worden, sondern nahmen noch bösartigerer Formen an.

Die sozialistische Revolution breitete sich nach der erfolgreichen Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 nicht weiter aus und die Menschheit sollte einen schrecklichen Preis dafür bezahlen. Der Grund der Isolation der Sowjetunion lag nicht in der objektiven Stärke der kapitalistischen Wirtschaft, wie Harding behauptet, sondern in der Rolle, die die sozialdemokratische Führung der Arbeiterklasse spielte. Wir wollen Hardings Position von diesem Standpunkt aus betrachten.

Der Kriegsausbruch hatte eine entsetzliche Krise in der Arbeiterbewegung ausgelöst: Die Parteien und Organisationen, die sich die Arbeiterklasse in einer früheren Periode zur Organisierung ihres Kampfes gegen den Kapitalismus und zur Umgestaltung der Gesellschaft aufgebaut hatte, waren selbst zu dem zentralen Mechanismus geworden, der die Arbeiterklasse an die im Niedergang begriffene kapitalistische Ordnung fesselte. Wie war dieses Problem zu lösen?

Nehmen wir an, die Bolschewiki hätten in Russland den Kampf um die Macht aufgegeben. Das Ergebnis wäre mit Sicherheit eine Art militärisch-faschistisches Regime gewesen. Auch wenn die Situation verschiedene Möglichkeiten beinhaltete, kann die Variante der Errichtung einer bürgerlichen Demokratie definitiv ausgeschlossen werden. Tatsächlich hatten die bürgerlichen Demokraten und ihre Unterstützer, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, in der Periode von Februar bis Mai 1917 die Zügel in die Hand genommen. Innerhalb weniger Monate hatten sie sich als unfähig erwiesen, auch nur eine der dringendsten Forderungen der revolutionären Bewegung zu erfüllen und stattdessen die Tore für die Errichtung einer Militärdiktatur geöffnet.

Soweit zur Situation in Russland. Auf internationaler Ebene zeigen sich die gleichen Tendenzen. Hätten die Bolschewiki nicht die Macht ergriffen, so hätte sich der Griff der Sozialdemokratie noch verstärkt. Die revolutionären Elemente, die nach dem Verrat der sozialdemokratischen Führer nach einem Weg vorwärts suchten, wären zurückgestoßen worden. Eine solche Situation hätte zur Errichtung diktatorischer Herrschaftsformen geführt.

Wenn man sagen kann, die Bolschewiki hätten auf die Ausbreitung der sozialistischen Revolution "spekuliert", so spekulierten die Sozialdemokraten ganz entschieden auf die Beibehaltung der bürgerlichen Demokratie und die Rückkehr zu den Vorkriegsbedingungen eines kapitalistischen Wachstums, das ihnen die Möglichkeit zu einer Politik der Sozialreformen eröffnet hätte. Doch zeigte sich, dass die bürgerliche Demokratie in Europa keinen besseren Stand hatte als in Russland - ihre Auflösung zögerte sich lediglich ein wenig länger hinaus. Und anstatt einen neuen Aufschwung zu erfahren, fiel der Weltkapitalismus in die tiefste Krise seiner Existenz.

In Deutschland gab es keinen nachdrücklicheren Verfechter der bürgerlichen Demokratie als die Sozialdemokratie. Sie mobilisierte sogar die Streitkräfte des Staates, um ihre Gegner auf der Linken niederzuwerfen. Ob selbst an der Regierung oder nicht, bildete die SPD die Grundlage jeder parlamentarischen Regierung während der Zeit der Weimarer Republik. Und sogar als sie in Preußen durch den Staatsstreich vom 20. Juli 1932 unsanft aus ihren Ämtern vertrieben wurde, zeigte sie ihre unerschütterliche Loyalität gegenüber dem Staat, indem sie ihre Beschwerden an das Verfassungsgericht richtete.

Die Sozialdemokraten spekulierten auf die bürgerliche Demokratie und die Stabilität des Kapitalismus. Das Ergebnis ihrer Spekulation waren Militärdiktatur und Faschismus in ganz Europa. Sie verloren das Spiel aus dem einen Grund, dass die objektiven Widersprüche der kapitalistischen Weltwirtschaft, deren Existenz die Bolschewiki erkannt und zur Grundlage ihres Handelns gemacht hatten, sich vertieften und verschärften.

Ende.

Anmerkungen:

[33] Moulton, a.a.O., S. 91.

[34] Vgl. Gilbert Ziebura, Weltwirtschaft und Weltpolitik 1922/24-1931, Frankfurt a. M. 1984, S. 75.

[35] Siehe Mary Nolan, Visions of Modernity, Oxford 1994, S. 27-36 (aus dem Englischen).

[36] Ebd., S. 67f.

[37] Ebd., S. 132.

[38] Charles. S. Maier, In Search of Stability, Cambridge, 1987, S. 51 (aus dem Englischen).

Siehe auch:
Achter Vortrag - Teil 1
(28. Dezember 2005)
Achter Vortrag - Teil 2
( 29. Dezember 2005)
Achter Vortrag - Teil 3
( 30. Dezember 2005)
Achter Vortrag - Teil 4
( 5. Januar 2006)
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