56. Berlinale - Teil 1

Es gibt Bewegung

Von Stefan Steinberg
22. März 2006

Bei der diesjährigen Berlinale setzte sich fort, was bei der letztjährigen in Ansätzen zu erkennen war: der Versuch von Filmemachern einiger Länder, unter die Oberfläche des aktuellen gesellschaftlichen und politischen Geschehens vorzudringen und diese Gedanken zur Grundlage ihres Filmschaffens zu machen. Diese Tendenz zu einer gewissen Polarisierung im Film spiegelt eine Polarisierung in der ganzen Gesellschaft wider.

Die erste Festivalwoche fiel mit einer internationalen Kontroverse über die muslimfeindlichen Karikaturen einer rechten dänischen Zeitung und deren Bedeutung für die weltweiten politischen Beziehungen zusammen. Während der zweiten Woche veröffentlichte die UNO einen Bericht, der die Bedingungen im US-Gefangenenlager Guantanamo Bay und dessen Existenz verurteilte. Die Themen Krieg, "Terror", sozialer Zerfall, insbesondere in Form eines Zerfalls der Familie, fanden bei der Berlinale in unterschiedlicher Form in einer Reihe interessanter Filme Ausdruck.

Viele Filmemacher haben sich augenscheinlich bemüht, die Probleme und die wachsende gesellschaftliche Krise, mit der sie und ihr soziales Umfeld konfrontiert sind, zu behandeln, indem sie Filme von Intensität, intellektueller Sorgfalt und sozialer Bedeutung gedreht haben. Die Digitalisierung des Films und der Zugang zu neuen technischen Möglichkeiten (billigere Kameras, Filmbearbeitung am heimischen Computer, Verbreitung über das Internet) sind gleichzeitig die ersten Stadien einer Revolution in der Filmproduktion, die ein großes Potenzial für eine neue und junge Generation von Filmemachern in sich birgt, und deren Endergebnisse schwer vorhersehbar sind.

Allerdings reicht keines dieser Kriterien aus, um wirklich zufrieden stellende Filme zu machen. Der Filmschaffende kann nicht einfach ein "Spiegel" der gesellschaftlichen Realität sein, er kann nicht einfach eine Kamera auf das "Geschehen" richten und ein gutes Ergebnis erwarten. Die Komplexität des modernen Lebens verlangt von ihm, dass er sich selbst der Anstrengung unterzieht, wichtige soziale Themen in eine geistig anregende und gleichzeitig schlüssige Handlung zu übersetzen. Dabei sollte er nicht davor zurückschrecken, sein Publikum zu fordern.

Es gibt Filmemacher, die an der sozialen Polarisierung scheitern. Einige Regisseure und Darsteller haben Filme produziert, die bewusst versuchen, sich von der Generation ihrer Eltern zu distanzieren. Zwar gibt es bei der politischen Radikalisierung der 1960er und 1970er viel Kritisches anzumerken; es hat aber den Anschein, als richteten Filmemacher wie Lars von Trier (Dänemark) und Oskar Röhler (Deutschland) ihre Kritik in erster Linie gegen den Idealismus, der in dieser Zeit sozialer Gärung viele motivierte, und gegen die Vorstellung, dass die Menschheit anhand einer Vision von einer neuen, alternativen Gesellschaft einen Schritt vorwärts machen und die Welt zum Besseren verändern kann.

Röhler zeigte auf der Berlinale seinen neuen Film Elementarteilchen (nach dem gleichnamigen Buch des französischen Autors Michel Houellebecq). Er hat die Handlung des Romans weitgehend verändert - ein schrofferes Ende, das Streichen von Sexszenen, die er aufgenommen, aber nach negativen Publikumsreaktionen herausgeschnitten hatte. Außerdem fehlt es an der Stimmigkeit der Handlung, weil Röhler eine Vorliebe für mehr oder weniger hysterische Gefühlsausbrüche seiner Darsteller hat (Angst, 2003, Agnes und seine Brüder, 2004), was mit der kalten, pessimistischen und regelrecht zynischen Weltanschauung Houellebecqs kaum vereinbar ist.

Beide, Trier und Röhler, vereint die Abneigung und das Misstrauen gegen den Idealismus früherer Generationen und ihre eigene Tendenz, das "rein Persönliche", beziehungsweise "rein Sexuelle" in den Vordergrund ihrer Arbeit zu stellen. Die Entfaltung der gesellschaftlichen Dynamik und die wachsenden Spannungen vereiteln mehr und mehr Röhlers Versuche, die weitergehenden Auswirkungen der gesellschaftlichen Realität auszublenden. Man hat immer mehr den Eindruck, sein Schaffen drehe sich nur um ihn selbst oder er sei einfach verwirrt.

Ein weiterer Kreis von Künstlern reagiert auf die soziale Polarisierung durch eine erneute Konzentration auf die "rein formalen" Elemente künstlerischen Arbeitens. Ein Dokumentarfilm über den amerikanischen Theatermacher Robert Wilson, der auf der Berlinale vorgeführt wurde, zeigt meiner Ansicht nach besonders klar die Konzentration auf die rein formalen Aspekte im künstlerischen Schaffen. Mit diesem Dokumentarfilm werde ich mich in einem weiteren Artikel befassen.

Filme, die von Krieg und seinen Auswirkungen handelten, wie Grabavica und The Road to Guantanamo, wurden mit dem Preis für den besten Film und die beste Regie ausgezeichnet. Zur Vorführung kam auch - außer Konkurrenz - der amerikanische Streifen Syriana, der von der WSWS bereits (in englischer Sprache) besprochen wurde. Syriana wurde von Filmkritikern in Berlin positiv aufgenommen. Viele äußerten sich angenehm überrascht über einen wirklich anspruchsvollen amerikanischen Film, der durch seine mitfühlende Zeichnung sozialer Schichten hervorsticht, die im Prozess der Globalisierung die Verlierer sind, insbesondere verarmter Wanderarbeiter im Nahen Osten.

Grabavica von Jasmila Zbanic handelt von den Nachwirkungen des jüngsten Krieges in Jugoslawien aus der Sicht des jungen Mädchens Sara und ihrer Mutter Esma. Im Kampf ums tägliche Auskommen im heutigen Sarajewo versucht Esma, Sara vor der Wahrheit über ihren Vater zu schützen. Sara ist nicht länger bereit, die Geschichte zu glauben, dass ihr Vater als Held an der Front gestorben sei, und bringt ihre Mutter schließlich zum Eingeständnis, dass sie vor 13 Jahren vergewaltigt wurde und Saras leiblicher Vater ein serbischer Tschetnik sei.

Jasmila Zbanic hat bisher nur Dokumentarfilme gedreht. In diesem, ihrem ersten Spielfilm zeigt sie in lebendiger Weise, welchen emotionalen Preis Esma bezahlen muss, um ihre Tochter vor der Vergangenheit zu schützen. Doch vermeidet sie, den Krieg in größerem Rahmen oder die Rolle ausländischer Regierungen zu untersuchen. Die Vergewaltigung bosnischer Frauen gehörte zu den vielen Grausamkeiten, die im Laufe der Balkankriege verübt wurden. Empörung allein genügt allerdings nicht, und eine gründliche Behandlung des Themas muss sich damit auseinandersetzen, wie die großen imperialistischen Mächte - allen voran Deutschland - nationale und separatistische Gefühle ermutigt und ausgebeutet haben.

Der Gestank des Polizeistaates: The Road to Guantanamo

Michael Winterbottom hat einen besseren und eindringlicheren Film produziert, der auf der Berlinale erstaufgeführt wurde, The Road to Guantanamo. Winterbottom ist ein hervorragender britischer Filmemacher, der sich bei der Auswahl seiner Filmstoffe stark auf seinen Instinkt zu verlassen scheint. Beim 53. Berliner Filmfestival hatte Winterbottom den Goldenen Bären mit In This World gewonnen - ein bewegender und ausdrucksstarker Film, der das Schicksal einer Handvoll afghanischer Flüchtlinge nachverfolgt, die vor der US-Invasion fliehen und Schutz im Ausland suchen, der aber leider nur in sehr begrenztem Umfang in die Kinos kam. Seitdem hat Winterbottom 2003 einen Science Fiction Thriller, Code 46, produziert, 2004 den Film 9 Songs, ein schlampiger und großspuriger Tribut an Sex und Rockmusik ist, und 2005 eine auf den Roman "Tristram Shandy" gestützte Satire, A Cock and Bull Story.

Sein neuer Film, The Road to Guantanamo, behandelt die authentischen Erlebnisse einer Gruppe britischer Jugendlicher. In halbdokumentarischer Weise stellt er das Schicksal von vier jungen britischen Moslems dar, die im Herbst 2001 nach Pakistan reisen, um an einer Hochzeit teilzunehmen und Urlaub zu machen. Hauptsächlich aus Neugierde und Sympathie mit der örtlichen Bevölkerung reist die Gruppe weiter ins benachbarte Afghanistan, gerade als die amerikanische Bombardierung des Landes einsetzt. In Afghanistan geraten sie in die Fänge der separatistischen Nordallianz unter Führung des räuberischen Generals Abdul Raschid Dostum. Zu der Zeit war die US-Regierung in ihrem Krieg gegen den Terror auf der verzweifelten Suche nach "Tätern", und sie bot Dostum deshalb 3.000 Dollar für jeden gefangenen al-Qaida Terroristen an. In kurzer Zeit nahm Dostum alle fest, deren er habhaft werden konnte - kuwaitische Hilfskräfte, normale afghanische Taxifahrer und eben die drei britischen Jugendlichen - um sie den USA zu übergeben und die Belohnung zu kassieren.

Winterbottom und sein Co-Regisseur Mat Whitecross haben sich große Mühe gegeben, die Bedingungen aufleben zu lassen, die damals in Afghanistan und auch später herrschten, als die Gefangenen nach Guantanamo überstellt wurden. Sie haben sogar das US-Konzentrationslager Camp Delta rekonstruiert.

The Road to Guantanamo wurde in Berlin in der gleichen Woche gezeigt, in welcher der UN-Bericht über die Verletzungen des Völkerrechts in dem US-Lager auf Kuba veröffentlicht wurde. Nun sind zwar diese Verletzungen und die brutale Behandlung von Gefangenen im "Krieg gegen den Terror" nicht gerade was Neues, und die zentralen Ereignisse in Winterbottoms Film sind wohl dokumentiert - nicht zuletzt durch die Aussagen der drei unschuldigen britischen Bürger, den Protagonisten des Films. (Das vierte Mitglied der Gruppe ist in Afghanistan verschwunden.) Trotzdem war das Berliner Publikum, das hauptsächlich aus Journalisten und Filmkritikern bestand, sichtlich bewegt und schockiert, weil der Film anschaulich zeigt, wie völlig unschuldige Menschen, die sich im falschen Moment am falschen Ort aufhalten, Opfer willkürlicher Verhaftung und Folter werden können und in einen völlig rechtlosen Zustand geraten.

Der Gestank eines Polizeistaats durchzieht die gesamte Odyssee, in der die Jugendlichen zuerst wie Vieh in einen Klaustrophobie erzeugenden Lieferwagen zusammengepfercht, quer durch Nordafghanistan in das Fort Mazar-i-Sharif gekarrt und später nach Guantanamo geschafft werden. Viele der Opfer im verschlossenen Lieferwagen ersticken oder werden erschossen, als die Soldaten die Wände des Lasters mit Kugeln durchsieben. In Mazar-i-Sharif werden den Gefangenen Kapuzen über den Kopf gezogen und die Verhöre beginnen. Der Film zeigt die unterschiedlichen Stufen der Folter, die vom US-Militär und den Geheimdiensten gegen die Gefangenen eingesetzt wird - Isolationsfolter, den Kopf völlig in einen Sack eingeschlossen, die Ohren schallisoliert, die Beine zusammengekettet und die Arme hinter dem Rücken eng zusammengebunden, Schläge, Einschüchterung, Bedrohung und Schlafentzug.

Das ganze wird in Camp Delta noch schlimmer - der geringste Widerstand wird mit absoluter Isolation bestraft. Die Gefangenen werden einem "White noise" Sinnesentzug unterzogen und an einen Haken im Boden gekettet, sodass sie gezwungen sind, stundenlang in äußerst schmerzhafter Haltung zu verharren. Wie Hühner in Käfigen eingesperrt, werden die Gefangenen zum Zuschauen gezwungen, wenn US-Soldaten den Koran schänden. Der amerikanische und der britische Geheimdienst glauben, einen Jugendlichen des Gefangenen-Trios mit Hilfe eines alten, verblichenen Fotos von al-Qaida-Sympathisanten mit Osama bin Laden in Verbindung bringen zu können.

Als dieses "Indiz" sich als völlig wertlos herausstellt, werden die drei schließlich frei gelassen. Sie werden in ein anderes Gebäude des Lagers verlegt, wo sie erst einmal wieder in Schuss gebracht werden, bevor sie endlich der Welt und der Presse vorgeführt werden. Zwei Jahre Gefangenschaft liegen hinter ihnen, aber sie erhalten keinerlei Erklärung oder gar Entschuldigung von der amerikanischen oder der britischen Regierung für den Verlust von zwei Jahren ihres Lebens.

Mehr als fünfhundert Gefangene befinden sich immer noch im Lager Guantanamo Bay. Von den ursprünglich siebenhundert Häftlingen wurden bisher nur neun eines Vergehens angeklagt. Die Verfahren gegen die Neun befinden sich immer noch in der Vorbereitung. Nicht ein einziger Gefangener ist bisher wegen irgendeiner Straftat verurteilt worden.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde The Road to Guantanamo von diversen Medien kritisiert, die ihrerseits zu den Verletzungen des Völkerrechts in Guantanamo bisher wenig zu sagen hatten. "Einseitig" urteilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, "unpolitisch, reines Botschafts-Kino" die Zeit, "narzistisch"(!) der Perlentaucher. In Wirklichkeit ist Winterbottoms Film, der für Regisseur und Crew bei der Herstellung eindeutig große Schwierigkeiten bot, eine mutige und vernichtende Entlarvung der politischen und militärischen Interessen, die hinter dem "Krieg gegen den Terror" stecken. Winterbottom schlägt vor, den Film im März gleichzeitig im Kino, im Fernsehen, auf DVD und im Internet zu veröffentlichen. Er verdient ein breites Publikum.

Zwei weitere bemerkenswerte Filme junger Regisseure auf dem Festival waren die deutsche Produktion Requiem von Hans Christian Schmidt und der schweizerische Film Nachbeben von Stina Werenfells.

Den Autor dieser Zeilen erinnerte Schmidts Requiem an das britische Fernsehspiel In Two Minds von 1967 (Regisseur Ken Loach, Manuskript David Mercer), das sich mit der Unfähigkeit der Gesellschaft beschäftigte, mit Geisteskrankheiten umzugehen. Requiem spielt in Tübingen Anfang der siebziger Jahre. Die junge Michaela Klingler (hervorragend gespielt von Sands Hüller, die in Berlin den Preis als beste Schauspielerin gewann) verlässt ihre streng katholische Familie, um ein Studium aufzunehmen. Begierig, ihre Flügel zu entfalten und das Leben jenseits der engen und erstickenden Atmosphäre in der Familie und ihrer Heimatstadt zu erfahren, trägt Michaela zwei Hypotheken mit sich herum - ihre tiefen religiösen Überzeugungen und ein psychisches Problem, das ihre Ärzte schon verschiedentlich als Epilepsie oder eine Psychose diagnostiziert haben. Als sie Weihnachten ihre Familie besucht, löst ein kleiner Familienstreit einen Rückfall und Krämpfe aus.

Weil sie ihren Ärzten misstraut, lässt Michaela es zu, dass sie in die Hände katholischer Eiferer fällt, die beschließen, dass ein Exorzismus die einzige Rettung sei. Der Film beruht auf der wahren Geschichte einer jungen Frau, die in den 1970er Jahren nach zwanzig Runden Exorzismus an Erschöpfung gestorben war. Im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts ließ das Mittelalter grüßen. In Italien ist dieser Mummenschanz heute immer noch relativ weit verbreitet.

Der Regisseur macht das erstickende und repressive Klima in der deutschen Provinz zur damaligen Zeit lebendig. Es war davon geprägt, dass ein großer Teil der ersten Generation von Eltern nach dem zweiten Weltkrieg unfähig oder nicht bereit war, sich der Vergangenheit zu stellen. Ihre eigene Unfähigkeit, zu kommunizieren und ihre Emotionen auszudrücken, hat für ihre Familien düstere Folgen. Gleichzeitig behandelt Schmidt alle seine Charaktere mit großer Sensibilität und stellt sie sehr konkret dar. Man muss es ihm als Verdienst anrechnen, dass er mit der grässlichen Praxis des Exorzismus keine Effekthascherei betreibt.

Nachbeben ist ein Film mit gutem Drehbuch, der eine entscheidende Periode im Leben eines neureichen schweizerischen Investmentbankers und seiner Familie zeigt. So lange das Geld fließt, gelingt es dem Banker Hans-Peter, die Verschlechterung seiner Ehe und seiner Geschäftsbeziehungen zu verschleiern und zu überspielen. Als ein paar Geschäfte scheitern, steht er vor dem völligen Zusammenbruch seines Lebens, seines Freundeskreises und seiner Hoffnungen. Im Stil von Dogma gefilmt, spielt Nachbeben auf einer Dinner Party an einem Abend im Garten von Hans-Peters Luxusvilla. Der Film zeigt scharfsinnig eine Gesellschaftsschicht, die von der sensationsgierigen Regenbogenpresse häufig ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, aber selten in zeitgenössischen Filmen mit Tiefgang behandelt wird. Die Kameraarbeit zeigt zudem, dass auch Regisseure, die in einem beschränkten Rahmen und mit begrenzten Mitteln arbeiten, ihre eigene, originelle und innovative Bildersprache entwickeln können.

Siehe auch:
55. Berlinale - Ein anderes Bild vom deutschen Antifaschismus
(17. März 2005)
Global criminality: Syriana written and directed by Stephen Gaghan
( 24. Dezember 2005)