56. Berlinale - Teil 2

Es gibt Bewegung

Von Stefan Steinberg
23. März 2006

Auf der diesjährigen Berlinale wurde eine Auswahl iranischer Filme gezeigt, die sich mit vielfältigen Problemen auseinandersetzen und dabei einige Stärken und Schwächen des iranischen Kinos demonstrieren. Neben den Wettbewerbsbeiträgen Es ist Winter von Rafi Pitts und Offside von Jafar Panahi wurden auch Men at Work von Mani Haghighi, Another Morning von Nasser Refaie und Gradually von Maziar Miri aufgeführt.

Panahis neuer Film hatte seine Weltpremiere in Berlin. Aufgrund seines Themas ist es unwahrscheinlich das Offside in Iran selbst zum Vertrieb freigegeben wird, wie es auch bei Panahis vorherigen beiden Filmen, Der Kreis und Crimson Gold, der Fall war.

Die iranischen Filme wurden in Berlin vor dem Hintergrund einer internationalen politischen Auseinandersetzung gezeigt. Die aggressivsten Elemente in den Vereinigten Staaten und Europa sind entschlossen, den Streit über das iranische Atomprogramm als Vorwand für eine militärische Konfrontation zu nutzen.

Inmitten dieser Krise beschuldigte der Club der iranisch-europäischen Filmemacher die Berlinale in einem offenen Brief, durch das Zeigen iranischer Filme das "faschistische Regime" des Iran zu unterstützen. Kia Kiarostami, ein Cousin des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami, rief zum Boykott des Festivals auf. Begründet wurde dies damit, dass sich die iranischen Regisseure, die auf der Berlinale ihre Filme präsentierten, dem Regime in Teheran unterworfen hätten, und dass dieses ihre Filme zu Propagandazwecken nutze.

Wenn iranische Filmschaffende wahrhaft unabhängige Filme produzieren wollen, sind sie in ihrer Heimat unter Bedingungen der kulturellen und politischen Unterdrückung mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Um das auszudrücken, was sie wollen, akzeptieren einige Filmschaffende, dass ihre Filme höchstwahrscheinlich keinem breiten einheimischen Publikum gezeigt und auf eine Existenz am Rande internationaler Filmfeste beschränkt werden. Wollen Regisseure Filme produzieren, die im Iran aufführbar sind, sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, die offizielle Zensur zu umgehen und dabei ihre Integrität aufrecht zu erhalten. Wie ein iranischer Filmschaffender in Berlin kommentierte, ist es schwer, bei wechselnden Regierungen und Regelungen die Grenze zu erkennen, die man nicht übertreten darf.

Das derzeit geltende iranische Gesetz verlangt eine Zulassung der Drehbücher vor Drehbeginn durch das Ministerium für Kultur; der fertige Film wird dann einer weiteren Zensur unterzogen. Weitere Faktoren kommen ins Spiel. Zum Beispiel gibt es "reformerische" Elemente in der iranischen politischen Elite, die anerkennen, dass Filme eine nützliche Rolle als Sicherheitsventil für zunehmende soziale Spannungen spielen können. Sie sind bereit im Kino einiges zu erlauben, was in der Moschee nicht gestattet ist. Filmschaffende sind sich ebenfalls dieser Dynamik bewusst und fragen sich: Was ist nötig, um einen wahrhaft unabhängigen Film zu machen?

Nach den in Berlin gezeigten Arbeiten zu urteilen, sind die Anschuldigungen des Clubs der iranisch-europäischen Filmemacher gegen die Regisseure unbegründet. Einige der gezeigten Filme waren mutige und ansprechende Versuche, mit bedeutenden Aspekten der iranischen Gesellschaft und Kultur umzugehen - wenn auch in unterschiedlicher Qualität.

In der Kälte

Es ist Winter (Zemestan) von Rafi Pitts war einer der erfolgreichsten iranischen Beiträge beim Festival. Der Film bietet die Trostlosigkeit des iranischen Winters als eine Parabel auf die Härte des Lebens im modernen Iran an. In der Eröffnungsszene sehen wir einen Mann, Mokhtar, außerstande Arbeit zu finden. Er verlässt sein Haus und seine junge Familie, um eine Anstellung im Ausland zu suchen. Seine Frau, Khatoun, ihre Mutter und seine junge Tochter warten Monate lang vergeblich auf Neuigkeiten oder Geld vom fortgegangenen Ehemann.

In der Zwischenzeit kommt ein anderer Mann auf der Suche nach Arbeit in die Stadt. Der vagabundierende Marhab, ein ausgebildeter Mechaniker, ist gezwungen Klinken zu putzen um irgendeine lohnende Arbeit zu finden. Wir folgen seinen Kurzaufenthalten in Fabriken und Garagen, billigen Arbeiterbaracken und Märkten am Rande der Stadt. Der musikalische und rhythmische Refrain eines Großteils des Filmes ist ein bekanntes und schwermütiges iranisches Gedicht, "Winter".

Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung findet an den Gleisen statt, die den Ehemann wegbrachten, auf der Suche nach Arbeit im Ausland. Dieselben Gleise führen zu dem Haus, wo Khatoun lebt und mit ihrer Mutter und Tochter arbeitet. Schließlich findet Marhab einen Freund und eine Anstellung in einer heruntergekommenen Werkstatt. Zeitgleich beginnt er sich für die verlassene Frau zu interessieren und versucht, sie zu umwerben... keine einfache Angelegenheit in einer Gesellschaft mit strengen Verhaltensregeln für verheiratete Frauen. Marhab hat zudem Probleme an seinem Arbeitsplatz. Sein Arbeitgeber erwartet, dass er umsonst arbeitet. Wie kann er ohne Geld um Khatoun werben und letztlich dauerhaft Wurzeln schlagen? Wird Marhab wie sein Vorgänger Mokhtar gezwungen sein, der eisernen Logik der Eisenbahngleise zu folgen?

Eine der stärksten Szenen des Films ist eine Nahaufnahme Marhabs, während er darlegt, was er vom Leben will. Er verlangt nicht zu viel... er ist ein ausgebildeter Arbeiter und braucht Arbeit. Was für eine Verschwendung, in einem Beruf ausgebildet zu sein, den man nicht ausüben kann! Gleichzeitig ist Arbeit nicht alles. Er will ebenso ein Leben jenseits seiner Arbeit, etwas ausprobieren, etwas genießen... ist das zu viel verlangt? Die schroffe Antwort des Films ist: Ja, unglücklicherweise ist das zuviel! Die iranische Gesellschaft und die Welt jenseits ihrer Grenzen sind zu unnachgiebig und ausbeuterisch, um solche Sehnsüchte zuzulassen.

Mit Laiendarstellern hat Rafi Pitts einen subtil lyrischen Film geschaffen, der einen eindringlichen Blick auf die Härte des Lebens im gegenwärtigen Iran wirft und an einige der besten Qualitäten im jüngeren iranischen Kino erinnert.

Eine geisteskranke Ehefrau

Gradually (Be Ahestegi) ist der zweite Spielfilm von Regisseur Maziar Miri. Der Film wurde als erstes auf dem diesjährigen Fajr-Filmfestival im Iran gezeigt und handelt von einem ungebildetem jungen Mann, der von der Gesellschaft unter Druck gesetzt wird, seine geisteskranke Ehefrau zu verstoßen, als sie in seiner Abwesenheit von Zuhause verschwindet.

Mahmoud, ein weit von Zuhause entfernt arbeitender Eisenbahnschweißer, wird benachrichtigt, dass seine Frau Pari ihre kleine Tochter und ihre Eltern verlassen hat und verschwunden ist. Wir erfahren, dass Pari an einer (geheim gehaltenen) Geisteskrankheit leidet und Mahmoud bestrebt ist, nach Hause zurückzukehren, um sie zu finden. In der Eröffnungsszene müht er sich damit ab, seinen Vorgesetzten zu überzeugen, dass die Erkrankung seiner Frau ein hinreichender Grund ist, ihm die Wegfahrt zu erlauben. Zurück in seiner Heimatstadt macht sich Mahmoud auf die Suche nach Pari.

Wir erhalten einen kurzen Eindruck der repressiven Kräfte, die im sozialen und familiären Leben des Irans wirken. Mahmouds Nachbar ist überzeugt, dass Pari mit einem anderen Mann geflohen ist... Gerüchte verbreiten sich in der Nachbarschaft. Mahmoud ist hin und her gerissen zwischen ehrlicher Sorge um seine Frau und dem Druck aus seiner unmittelbaren Umgebung und Familie, dass er sich nicht die Mühe machen soll zu suchen - Pari ist es nicht wert. In beiden Fällen verliert Mahmoud: entweder hat er seine Frau verloren oder er ist betrogen worden - beides hinreichende Gründe für sozialen Ausschluss. Die grauenvolle Entdeckung der gesichtslosen Leiche einer jungen Frau scheint einen Weg aus Mahmouds Zwangslage zu bieten. Eine tote Pari ist besser als eine, die verschwunden ist.

Ein Besuch in der Leichenhalle offenbart die Absurditäten, die aus der Herrschaft der Mullahs über die iranische Gesellschaft erwachsen. Nachdem er den Polizeichef bestochen hat, damit er sich der Leiche nähern kann, wird Mahmoud von einem anderen Beamten informiert, dass er auch als Ehemann nach islamischem Gesetz kein Recht hat, ihren toten Körper zu untersuchen. Dies muss durch ein weibliches Familienmitglied geschehen. Mahmoud geht auch zur Moschee, um einen örtlichen Mullah um Rat zu fragen, der nur mit bedeutungslosen Flachheiten antwortet (und seine Bezahlung für die erbrachten Dienstleistungen entgegennimmt).

Nachdem er effektiv das Dilemma und soziale Stigma, dem sich Mahmoud gegenübersieht, behandelt hat, schweift der Film gegen Ende etwas ab. Gequält von Ängsten und Spekulationen findet Mahmoud schließlich seine Frau, doch der Regisseur entscheidet sich an diesem Punkt, zwei Alternativen anzubieten. Grüßt Mahmoud letztlich seine Frau mit Erleichterung und Zuneigung oder schlägt er sie? Miri bietet beides als eine Möglichkeit an. Vielleicht ist des die Strategie des Regisseurs, die Zensur zu umgehen und alle Geschmäcker zufrieden zu stellen - doch die letzten Szenen schlagen einen unpassenden Ton an.

Ein neuer Film von Jafar Panahi

Offside, Regie von Jafar Panahi, handelt von einem anderen Tabu der iranischen Gesellschaft - Frauen und Fußball. Während es kein spezifisches Gesetz gibt, das Frauen den Besuch von Fußballspielen im Iran verbietet, wird generell die Regel akzeptiert, dass Frauen bei solchen Wettbewerben keinen Platz haben.

Der neue Film von Regisseur Jafar Panahi (Der weiße Ballon, Der Spiegel, Der Kreis, Crimson Gold) spielt rund um das Qualifikationsspiel zwischen Iran und Bahrain. Mit einem echten Fußballspiel als Hintergrund der Handlung, der Verwendung von Laiendarstellern und Geschehnissen, die im Großen und Ganzen in Echtzeit stattfinden, hat der Regisseur einen halbdokumentarischen Stil gewählt. Offside beginnt mit einem älteren Mann, der einen Bus voller Fußballfans aufhält, um nach seiner verschwundenen Nichte zu suchen. Er hat sie im Verdacht, sie sei durchgebrannt, um das Fußballspiel zu sehen.

Ein junges Mädchen hat amateurhafte Anstrengungen unternommen, sich als Mann zu verkleiden, und sitzt zurückhaltend in einem Bus voller kreischender Fußballfans, die Kriegsrufe und Fußballschreie, die das Blut gerinnen lassen, skandieren. Ihre Verkleidung wird von einem männlichen Fan durchschaut, der ruhig bleibt, bis der Bus das Stadion erreicht. Auf dem Weg überholt sie ein anderer Bus mit zwei Mädchen, die wild Flaggen schwenken und Sprüche skandieren - anscheinend haben sie gelernt, sich in die Menge einzufügen.

Nach ihrer Ankunft beim Stadion muss das Mädchen einige Hindernisse meistern. Sie kann keine Eintrittskarte an der offiziellen Kasse kaufen, aber schafft es schließlich, auf dem Schwarzmarkt eine von einem Posterverkäufer zu erwerben - zu einem heftigen Aufpreis. Nun muss sie an einigen Soldaten vorbeikommen, die jeden kontrollieren, der das Stadion betritt. Sie verliert die Beherrschung bei dem Gedanken, abgetastet zu werden, versucht wegzurennen und wird von den Soldaten eingefangen und in einem Käfig mit anderen Mädchen, welche die gleiche "Straftat" begangen haben, eingesperrt.

Offside hat eine Anzahl denkwürdiger, lustiger Szenen. Die zusammengepferchten Mädchen sind fanatisch, wenn es um ihren Fußball geht. Einer der jungen, auf sie aufpassenden wehrpflichtigen Wächter ist in der Lage, das Spiel teilweise durch den Zaun zu verfolgen, und gibt die Fußballgeschehnisse an die Mädchen weiter. Die Mädchen üben bissige Kritik an dem jungen Soldaten, der durch die Berichte seine Unwissenheit über die spielenden Teams offenbart. Besonders ein Mädchen beleidigt und beschimpft die jungen Soldaten - obwohl ein häufig geäußerter Grund für den Ausschluss von Frauen aus Fußballspielen lautet, Schimpfworte sollten die Domäne des männlichen Geschlechts bleiben.

Zu Ende des Films sind die Mädchen und ihre Fänger auf dem Weg zur Polizeistation. Der Minibus bleibt in einem großen Auflauf jubelnder Fußballfans stecken. Unfähig weiterzufahren, steigen sie aus und verschwinden in der Menge.

Indem er die Handlung des Films um ein Fußballspiel anordnet, hat Panahi einen kulturellen Aspekt ausgewählt, der ein internationales Publikum anspricht. Schließlich nehmen die nationalistischen Rituale um wichtige Fußballspiele praktisch überall dieselbe Form an - unabhängig vom Namen des spielenden Teams oder Landes. Zeitgleich beschreibt Panahi seine Hauptcharaktere mit dem außerordentlichen Einfühlungsvermögen, das er bereits in seinen vorherigen Filmen demonstriert hat - zum Beispiel dem charmanten Der weiße Ballon.

Wir erfahren, dass die Mädchen Leben und Probleme jenseits der Welt des Fußballs haben - Probleme, die entweder dem unterdrückerischen Charakter der modernen iranischen Gesellschaft entspringen oder durch ihn entschieden verschärft werden. Solche Probleme können kurzzeitig ein Ventil in der Identifikation mit dem Fußball finden - aber keine Lösung.

Weniger befriedigend

Mani Haghighis Men at Work war der unbefriedigendste iranische Beitrag. Vier scheinbar wohlhabende Männer zwischen Fünfzig und Sechzig kehren in ihrem Landrover von einem Skiausflug in den Bergen zurück. Bei einem Halt um sich zu erleichtern finden sie einen einzeln stehenden, säulenartigen Fels, der aus der Seite der Straße herausragt und einen Abgrund überschaut. Die vier Männer spekulieren über die Natur des Felsens und drei von ihnen fühlen schnell den unwiderstehlichen Drang, ihn umzustoßen. Sie haben Experten unter sich. Einer ist Bauarbeiter - wohl vertraut mit den Eigenschaften von Felsen. Ein anderer ist Zahnarzt (erfahren mit Wurzeln).

Der Fels widersteht ihren unbeholfenen, anfänglichen Versuchen. Sie werben die Hilfe eines alten Mannes an, der mit seinem Esel vorbeikommt. "Wissen sie etwas über diesen Fels?", fragen sie ihn. "Natürlich", antwortet der alte Mann. "Haben sie versucht ihn umzustürzen?", fragen sie. "Natürlich", sagt er, "und mein Vater, und mein Großvater."

Die Antworten des alten Mannes verstärken ihre Besessenheit und drängen die Männergruppe zu noch ausgefalleneren und mühsameren Anstrengungen, den Fels zu bewegen - unter Einbindung des Esels und ihres eigenen Landrovers - alles vergeblich. Während die Männer sich stoisch auf ihre absurde Mission konzentrieren, kommt ein Querschnitt der iranischen Gesellschaft vorbei, den Berg entweder hoch oder herab fahrend.

Laut Regisseur Mani Haghighi bekam er die Idee für seinen Film vom iranischen Regieveteranen Abbas Kiarostami, der, als Gegenleistung für die Erlaubnis einen Film zu dem Thema zu drehen, von Haghighi verlangte, dass er ein Jahr für ihn arbeitet.

Men at Work hat einige liebenswerte Merkmale. Es gibt sicherlich ein komisches Element in den Abenteuern gewöhnlicher, solider Bürger, die sich berufen fühlen, ihren Sachverstand und ihre Muskelkraft zu demonstrieren - selbst wenn die Aufgabe sinnlos ist. Je mehr sinnlose Versuche sie unternehmen, umso weniger sind sie in der Lage, ihren Fehler zuzugeben, ihren Stolz zu überwinden und die Niederlage einzugestehen.

Verständlicherweise wird Haghighi wiederholt nach der Bedeutung des Felsens in seinem Film gefragt: repräsentiert er männliche Sturheit und männlichen Egoismus? Oder vielleicht... die iranische Regierung? Tatsächlich lehnt Haghighi etwas zu selbstgefällig alle Interpretationsversuche ab. Es ist uns, dem Publikum, ebenso wie dem iranischen Zensor freigestellt, in den Fels hineinzuinterpretieren, was immer wir wollen. Haghighi überhöht einige der lyrischen Elemente, die im iranischen Film immer wieder erscheinen, zu Mythos und Absurdität. Letztlich sagt er, dass Fragen und Mysterien wichtiger sind als Antworten und Belehrungen. Niemand befürwortet vereinfachende Antworten und Belehrungen, aber Kunst ist ein Mittel, zum Kern der Dinge vorzustoßen, und nicht einfach ihr Geheimnis zu bewundern.

Das Beste des iranischen Kinos in den letzten Jahrzehnten war nachhaltiger. Die Arbeit der herausragendsten Regisseure hat ein tiefgreifendes und mitfühlendes Studium der menschlichen Natur mit poetischer Lyrik und einem scharfen Auge für die soziale Realität verbunden. Diese Schlüsselelemente waren auch in den besten iranischen Filmen der diesjährigen Berlinale nachweisbar.

Man behält den Gesamteindruck einer zutiefst widersprüchlichen und instabilen Gesellschaft, mit zahlreichen unbereinigten Elementen aus ihrer Vergangenheit, die gegen moderne Realitäten gedrückt werden. Traditionelle Arbeitsmethoden, familiäre und hierarchische Beziehungen werden herausgefordert und zur Seite gefegt, um Neuem Platz zu machen. Eine neue Generation Jugendlicher, berstend vor Energie, ist versessen diese Herausforderung anzunehmen, wird aber bei jedem Schritt durch eine gänzlich rückwärtsgewandte soziale und religiöse Schicht in Verbindung mit den Besitzenden und Privilegierten behindert und zurückgehalten. Zugleich existiert ein reicher humanistischer und universalistischer Samen in der iranischen Kultur, dessen sich die Künstler bedienen können, um Widerstand gegen die soziale und kulturelle Reaktion zu organisieren.

Um das außergewöhnliche Potential dieser Kultur hervorzubringen, bedarf es aber eines bewussten und gezielten Nachdenkens über die Geschichte und das gesellschaftliche Leben durch die Künstler. Der Humanismus, der das iranische Kino den größten Teil des letzten Jahrzehntes auszeichnete, hat seine Grenzen. Wenn sie Zensur und Unterdrückung widerstehen, müssen die iranischen Filmschaffenden auch über deren Ursachen nachdenken - wie sie ein für alle mal zurückgeschlagen werden kann und welche gesellschaftlichen Kräfte dabei die führende Rolle spielen sollen.

Siehe auch:
56. Berlinale - Teil 1
(21. März 2006)