Ein Besuch im Land der Heuchler

Von Joanne Laurier
7. März 2006

Good Woman - Ein Sommer in Amalfi, Regie Mike Barker; Drehbuchautor Howard Himelstein, frei nach Lady Windermeres Fächer von Oscar Wilde

"Und welche Art von Leben führen diese Leute selbst, die vorgeben moralisch zu sein? Mein lieber Freund, du vergisst, dass wir im Herkunftsland der Heuchler sind." - Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

In Good Woman - Ein Sommer in Amalfi haben die Schöpfer des Films Oscar Wildes Bühnenstück Lady Windermeres Fächer (verfasst 1892) in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und von London an Italiens Amalfiküste verlegt. Regisseur Mike Barker hat eine Zeile eines anderen Bühnenstücks Wildes, Eine Frau ohne Bedeutung, als Epigramm des Films geliehen: "Der einzige Unterschied zwischen Heiligen und Sündern ist, dass jeder Heilige eine Vergangenheit besitzt, während jeder Sünder eine Zukunft hat."

Good Woman berichtet über eine Reihe von Täuschungen und Missverständnissen in der amerikanischen und europäischen High Society. Er setzt sich mit einer Oberschicht auseinander, deren ehrbare und vornehme Welt tiefe Quellen der Heuchelei, Brutalität und emotionalen Unterdrückung tarnt. Eine Elite die, sich selbst nie hinterfragend oder kritisierend, vor allem damit beschäftigt ist, aus den zufälligsten und unwürdigsten Gründen Menschen Zugang zu ihren Rängen zu gestatten oder zu verwehren.

Umgeben von Klatsch und eine Spur unbezahlter Rechnungen hinter sich lassend, wird Fräulein Stella Erlynne (Helen Hunt) wegen des Ausnutzens reicher, verheirateter Männer aus New York City vertrieben. Fräulein Erlynne's Ruf folgt ihr nach Amalfi, einem Spielplatz für Reiche und Adelige. "Die Römer nannten es das Land der Sirenen," sagt Stella geheimnisvoll, als stamme sie selbst von dieser alten mythischen Schwesternschaft ab.

Es beginnen Gerüchte zu kursieren, als sich Stellas Finanzen unmittelbar nach ihrer Bekanntschaft mit einem frisch verheirateten amerikanischen Paar, Meg (Scarlet Johansson) und Robert Windermere (Mark Umbers), verbessern. Sie bringt Robert davon ab seiner Frau zu deren 21. Geburtstag teure Juwelen zu kaufen. Stattdessen schlägt sie einen schönen Fächer vor. ("Ein Mann sollte niemals einer Ehefrau Schmuck kaufen - dadurch fragt sie sich nur, was er seiner Geliebten gekauft hat.")

Unterdessen fühlt sich der Junggeselle/Verführer Lord Darlington ("Die moderne Ehe funktioniert durch gegenseitige Täuschung"), der den Klatsch über Robert Windermere und Stella Erlynne glaubt, berechtigt, Meg zu bedrängen. Durch etwas Nachhilfe Darlingtons entdeckt Meg eine Reihe Schecks, von Robert zugunsten Stellas gezeichnet, und vermutet das schlimmste. ("Zu viel Rouge, zuwenig Kleidung, spricht sie das schlimmste im Mann an.") Stella wird von allen öffentlich missachtet, außer dem reichen Lord Augustus, genannt "Tuppy" (Tom Wilkinson), der von ihr hingerissen ist und sie zu einer Heirat drängt - ein Schritt, der die amerikanische Verführerin "legitimieren" würde.

An einer Stelle sagt Tuppy zu den Lästerern Stellas: "Ihr seid so auf Klatsch aus, dass ihr der Wahrheit nicht genug Zeit gebt, die Hosen anzuziehen." An anderer Stelle verteidigt er sich gegen diejenigen, die ihn vor den Risiken einer Beziehung mit einer "verdorbenen" Dame warnen, mit den Worten: "Ich habe zu viele Beziehungen aufgrund von Rührseligkeit begonnen. Sie endeten alle in einer Abfindung."

Die Wahrheit ist, dass Robert Stella Geld überlassen hat, um seine Frau vor der Offenbarung der Identität Stella Erlynnes zu schützen. Ihrem Ehemann nicht länger vertrauend, begibt sich Meg riskanterweise in die Hände Darlingtons und der anderen Verleumder, bis Stella eingreift, bereit, alles für Megs Zukunft und Glück zu opfern, inklusive Tuppy. Stella ermuntert Meg "[ihre] Schuld still auszumerzen", nachdem Stella sie von dem Rand des Ruins gerettet hat - "der Rand zu einem furchtbaren Abgrund". Stella weiß um die hart erlernte Tatsache, dass die Wahrheit oft verzerrt wird um zu bestrafen und zu ächten. Offensichtlich ist eine wahrhaftig gute Frau uneins mit einer korrupten Gesellschaft. Stella Erlynne drückt es anders aus: "Wenn wir stets durch die Gedanken anderer Leute geleitet werden, wieso haben wir dann unsere eigenen?"

Barkers Film ist intelligent und gut gemacht, und wendet Wildes ernste Sozialkritik auf die Gegenwart an. An einer Stelle, in einer Bemerkung, die seltsam wichtig erscheint, witzelt ein zweitrangiger Charakter: "Ich mag Amerika. Nennt mir ein anderes Land, dass sich von der Barbarei zur Dekadenz entwickelte, ohne sich die Mühe zu machen eine Zivilisation zu erschaffen."

Zur Erklärung bestimmter Veränderungen von Wildes Bühnenstück äußert sich Drehbuchautor Howard Himelstein in den Anmerkungen zum Film: "Im Gegensatz zu anderen verfilmten Bühnenstücken Wildes, die aus dieser Ära und sehr englisch sind, hat Lady Windermeres Fächer [verfilmt durch Ernst Lubitsch 1925 und Otto Preminger 1949] einen universaleren Reiz. Obwohl technisch ein historisches Stück, besitzt die Geschichte genug moderne Empfindungen und Humor um Zuschauer des 21. Jahrhunderts anzuziehen. Ich siedelte den Film in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts an, da diese in vielerlei Hinsicht eine Ära waren, die der Gegenwart nahezu entspricht - eine tief in Begüterte und Unbegüterte gespaltene Zeit."

Die außergewöhnliche Schönheit des landschaftlichen und kulturellen Rahmens erscheint als ein kraftvolles Argument gegen eine geistig verbrauchte und parasitäre Elite. Diese Darstellung der Elite wird kontinuierlich durch Kommentare wie Tuppys ätzender Bemerkung über die Reaktion seiner Schwägerin zum Tod ihres Ehemanns klargemacht: "Ihr Haar wurde recht golden durch den Schmerz!"

Zudem scheint die Entfernung der Handlung aus den Salons Wildes effektiver zu demonstrieren, dass die Interaktionen an der Spitze der Gesellschaft, trotz all dem Pomp und Schimmer von Villen und Yachten, primitiv und vulgär sind. Dies dient dem besseren Hervorheben der Funktionsweise einer Klasse, die Kommunikation mit bösartigen und unbegründeten Anspielungen gleichsetzt, und deren Bindungen im Grunde selbstsüchtig und opportunistisch sind. ("Noch schlimmer, als wenn über einen gesprochen wird, ist, wenn nicht über einen gesprochen wird.") So wird betont, dass die Lebensweise in dieser Schicht darin besteht zu lügen, zu verbergen und die wahren Gefühle zu unterdrücken, da Reinheit des Herzens zum Ausschluss führt. Zudem bemerkt man, dass diejenigen, die verpflichtet sind, sich nach dieser Klasse zu richten, sich deren natürlicher Bosheit und Heuchelei bewusst sind.

In dieser gekünstelten Atmosphäre agieren die Schauspieler eindringlich und mit Gefühl, mit dem bemerkenswerten Wilkinson als Tuppy, der eine Menge emotionaler Tiefe beisteuert. Schließlich bricht Tuppy mit seinem geschlossenen Milieu und folgt Stella ins Unbekannte, auf die Liebe einer unabhängigen Frau setzend. (Wilde sagte über sein Bühnenstück: "Wenn es darin eine besondere Doktrin gibt, dann ist es die des bloßen Individualismus. Niemand hat das Recht zu tadeln, was ein anderer tut, jeder sollte seinen eigenen Weg gehen, wohin er will und so wie er will.")

Gestützt auf Wilde die gegenwärtigen sozialen Beziehungen zu kritisieren ist vollkommen angebracht. In dieser Hinsicht zeigt sich die Beschränktheit des Films gegenüber dem ursprünglichen Werk zum Beispiel in seiner Behandlung Megs oder Lady Windemeres. Während Meg Windemere in Barkers Film durchgängig eine naive junge Frau bleibt, ist die ursprüngliche Lady wesentlich stärker ein Produkt ihrer Klasse und Umgebung: komplexer und nachtragender. Als Lord Darlington sie fragt, ob "Frauen die das, was die Welt einen Fehler nennt, begangen haben", jemals vergeben werden soll, antwortet Wildes ursprüngliche Lady Windemere verneinend. Tatsächlich ist sie ziemlich gemein und unerträglich, bevor sie Nutznießer von Fräulein Erlynnes selbstloser Tat wird.

Richard Ellman verweist in seiner Biographie Oscar Wildes darauf, dass die junge aristokratische Frau eher bereit ist mit einem Liebhaber durchzubrennen, als jemandem von "schlechtem Ruf" zu erlauben ihren Ball zu besuchen. "Wilde wurde nie müde zu zeigen, dass der Puritanismus ebenso seine Bösartigkeit erzeugt wie Ausschweifungen. Gedankenlose Tugendhaftigkeit ist ebenso selbstzerrstörerisch wie Böses und wird zu dem, was sie verachtet."

Während der Film Fräulein Erlynnes Vergangenheit im Dunkeln lässt, macht Wilde klar, dass sie ihre Familie vor zwanzig Jahren aufgrund einiger der Gründe verließ, die jetzt Lady Windemere bewegen. Wildes Fräulein Erlynne, deren Verurteilung durch die Gesellschaft und deren Leben als Ausgestoßene eine Travestie sind, ist ein feiner gezeichneterer und schillernderer Charakter als Barkers Stella. Sie weiß mehr über die Rolle der Heuchelei als Beziehungsklebstoff und ist geschickter darin, dieses Wissen für ihre eigenen Absichten zu Nutzen.

Im Film passt die Rolle Stella Erlynnes als Robert Windermeres Erpresserin nicht zu ihrer lebenslangen Schuld und ihrem Bedauern darüber, dass sie ihre Tochter verlassen hat. Wohingegen im Original von Wilde der soziale Ausschluss Fräulein Erlynnes sie kälter und selbstbeherrschter gemacht hat. Wilde, in anderen Worten, verschönert die Verfolgte nicht; er zeigt die Narben ihrer Verfolgung klarer. Der eine Moment, in dem Fräulein Erlynne ihren mütterlichen Instinkten erlaubt ihren Eigennutz zu überwinden, ist ein Moment unerträglicher Schmerzen. Ihre emotionalen Dämme brechen, als Lady Windemere sie scharf anklagt eine Frau zu sein, die man kauft und verkauft. Dies erzeugt eine der leidenschaftlichsten und bewegendsten Reden des Bühnenstückes, gehalten von einer verzweifelten Frau, zugunsten von Toleranz und Verständnis.

"Sie wissen nicht, wie es ist, in den Abgrund zu fallen - verachtet, verhöhnt, verlassen zu werden - eine Ausgestoßene zu sein - immer die Tür geschlossen zu finden, immer sich durch verdächtige Nebenstraßen schleichen zu müssen, immer Angst davor zu haben, dass einem die Maske abgerissen wird - und die ganze Zeit das Lachen, das schreckliche Lachen der Welt zu hören, was tragischer ist, als alle Tränen, die die Welt je vergossen hat. Sie wissen gar nicht, was das heißt. Man wird für seine Fehler bestraft, dann wird man wieder bestraft, das ganze Leben wird man bestraft." (Liest man diese Zeilen wird man darauf gestoßen, wie gut sie das eigene Schicksal ihres Autors nur wenige Jahre später beschreiben, und vielleicht eine Vorahnung dieses Schicksals enthalten.)

Die Schöpfer von Good Woman - Ein Sommer in Amalfi haben, trotz der Schwächen des Films, Wilde aufrichtig und verständnisvoll modifiziert, bestrebt die brennenden Ungerechtigkeiten der Gegenwart zu beleuchten. Warum sollten nicht auch andere, so wie Barker und seine Mitarbeiter es getan haben, dem Ruf eines großen Künstlers folgen, der 1887 schrieb: "Wer wird sich, mitten in unserer stärker werdenden Armut und Verzweiflung, in die Bresche schlagen und uns zu der nahezu übermenschlichen Anstrengung bewegen, die notwendig ist, um den gegenwärtigen Zustand zu ändern?"

Siehe auch:
Der bleibende Wert des Werks von Oscar Wilde
(29. November 2000)
Oscar Wilde und der Sinn der Kunst
( 30. November 2000)