Treffen der Internationalen Redaktion der WSWS

Bericht zur Weltwirtschaft 2006

Teil 1

Von Nick Beams
30. März 2006

Den folgenden Bericht hat Nick Beams anlässlich der Internationalen Redaktionskonferenz (IEB) der World Socialist Web Site gegeben, die vom 22. bis 27. Januar 2006 im australischen Sydney stattfand. Beams ist Mitglied des WSWS IEB und Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party (Australien). Wir veröffentlichen den Bericht in drei Teilen.

Dieses Jahr begann mit Voraussagen, dass das starke Wirtschaftswachstum in allen großen Industrienationen und der globalen Wirtschaft insgesamt anhalten werde, nachdem die weltweite Wachstumsrate 2005 bei 4 Prozent gelegen hatte - das höchste Niveau seit geraumer Zeit.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean Claude Trichet, erklärte bei einem Treffen von Bankiers am 9. Januar, das globale Wirtschaftswachstum könne 2006 sogar das vom Vorjahr übersteigen. Andere teilen diese Meinung. Laut Trichet glauben die Chefs der Zentralbanken, dass "das globale Wachstum sich in einem dynamischen Tempo fortsetzt, und wir schließen nicht aus, dass das weltweite Wachstum 2006 im Vergleich zu 2005 noch etwas höher liegen könnte".

Als wollte er diese rosigen Aussichten bestätigen, stieg am folgenden Tag der Dow Jones Industrial Index über 11 000 - das war das erste Mal seit Juni 2001, dass dieses Niveau erreicht wurde - nachdem er an den ersten vier Handelstagen des Neuen Jahres mehr als 2 Prozent zugelegt hatte. Als der Dow Jones das letzte Mal über 11 000 kletterte, gab es Prognosen, er könne bis auf 36 000 steigen. Solche Äußerungen gibt es nicht mehr, aber es gibt immer noch, zumindest an der Oberfläche, den Anschein von Optimismus.

Die Wirtschaft der USA soll im kommenden Jahr um 3,4 Prozent wachsen, die der Eurozone um 1,9 Prozent, Japans Wirtschaft um 2 Prozent und die von Großbritannien um 2,1 Prozent. Für China, das für 2005 eine Wachstumsrate von 10 Prozent bekannt gegeben hat, wird ein Wachstum von 8 bis 9 Prozent im nächsten Jahr erwartet. Die Unternehmensgewinne sollen ebenfalls steigen, wobei eine Gewinnsteigerung für den S&P-500-Aktienindex von 13 Prozent vorhergesagt wird.

Hinter der kurzfristig optimistischen Prognose jedoch machen sich ernsthafte Volkswirtschaftler Sorgen über den Zustand der Weltwirtschaft. Sie verweisen auf eine Reihe von tiefgehenden strukturellen Ungleichgewichten und Spannungen - hervorgerufen vor allem durch das wachsende Zahlungsbilanz-Defizit der USA und die sich beschleunigende Verschuldung - die an einem gewissen Punkt zu raschen Veränderungen, wenn nicht zu einer Krise führen müssen. Diese Besorgnis spiegelte sich in einer Reihe von Kommentaren wider, die zu Anfang des Jahres veröffentlicht wurden.

Adam Posen, Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Internationale Wirtschaft, zog in einem Artikel mit dem Titel "Macht die Schotten dicht, bevor der Sturm losgeht" einen Vergleich mit dem Wirbelsturm Katrina und warnte vor dem "möglichen wirtschaftlichen Sturm, der durch den nicht zu vermeidenden Ausgleich der globalen Ungleichgewichte ausgelöst werden wird.

Niemand hätte Katrina verhindern können, aber der Schaden, den er angerichtet hat, hätte deutlich gemindert werden können. Auf ähnliche Weise sollten politische Maßnahmen ergriffen werden, um die Weltwirtschaft vor einem möglichen schweren Schock zu schützen, der durch neuerlichen Handelsprotektionismus oder eine Wertanpassung des Dollars ausgelöst würde."

Es wurde allerdings sehr wenig getan. "Wenn die Regierungen der großen Wirtschaftsnationen allerdings von Katrina lernen wollten, dann müssten sie Maßnahmen ergreifen, um den Schaden zu begrenzen, der durch den Ausgleich der derzeitigen globalen Ungleichgewichte entstehen könnte." (Financial Times 28. Dezember 2005)

Obwohl Posen es nicht genauso so formulierte, existiert dennoch die Angst, dass im Falle eines ökonomischen Sturms die Reaktion der Wirtschaftsverantwortlichen gleich ausfallen könnte wie die der Bush-Regierung, als sie mit Katrina konfrontiert war.

Ein Artikel von Kenneth Rogoff, dem ehemaligen leitenden Wirtschaftswissenschaftler des Internationalen Währungsfonds (IWF), erschienen am 3. Januar, beginnt folgendermaßen: "Zunächst möchte ich festhalten, dass wir in der Tat in einer Zeit des Aufschwungs leben. Das zentrale Szenario für 2006 ist anhaltend starkes weltweites Wachstum. Steigende globale Investitionen verknüpft mit einer höheren Nachfrage auf Seiten der Öl- und Warenexporteure sollten 2006 die gesamte weltweite Nachfrage schnell steigen lassen, auch bei einem Nachlassen des US-Konsums und des chinesischen Investitionswachstums."

Es gebe, fuhr er fort, zahlreiche positive Entwicklungen, die dieses zufrieden stellende Szenario untermauern, darunter der Aufschwung in Asien, speziell in China, der Rückgang der Inflation und das Sinken der langfristigen Zinssätze. Aber das ist nicht das Ende vom Lied.

"Auch wenn die wirtschaftlichen Grundlagen gut sind, so ist es dennoch einfach, ziemlich ernüchternde Schwachstellen zu finden. Angeführt wird die Liste von den weltweiten Immobilienpreisen - die genau genommen nicht mehr sehr realistisch sind. Angesichts einer Preissteigerungsrate in den USA von 60 Prozent seit dem Jahr 2000 und einer sogar noch stärkeren Preisinflation in vielen anderen Ländern ist ein plötzlicher Preisverfall leicht vorstellbar..."

Die Zeitschrift Economist zog in einer Untersuchung, die am 16. Juni 2005 erschien, ähnliche Schlussfolgerungen. Dort beschreibt sie den globalen Anstieg der Immobilienpreisen als die möglicherweise "größte Spekulationsblase in der Geschichte".

Rogoff erklärt dazu: "[Das] globale Finanzsystem, ist, obwohl es grundsätzlich der Ursprung der Stärke ist, auch der Ursprung von Schwäche. Der Zusammenbruch von nicht regulierten Hedge-Fonds (spekulativen Fonds) und der weit verbreitete Einsatz von Kredit-Derivaten wie z. B. Credit Default Swaps bedeuten Risiken, die man ganz einfach nicht kalibrieren kann, bevor das System nicht einem Belastungstest unterworfen wurde. Das könnte z. B. als Folge eines Kursverfalls des Dollars passieren, der immer noch ein erhebliches Risiko darstellt, da die weltweiten Zinssätze sich angleichen und die Investoren dem unhaltbaren Außenhandelsdefizit der USA mehr Beachtung schenken." (Financial Times 3. Januar 2006)

In einem Kommentar, der am folgenden Tag erschien, weist der Wirtschaftskorrespondent der Financial Times, Martin Wolf, darauf hin, dass die Tatsache, dass den Gefahren für die Weltwirtschaft auf den Finanzmärkten keine Beachtung geschenkt werde, selbst ein Faktor möglicher Instabilität ist.

"Für die Weltwirtschaft wird jetzt ein glückliches neues Jahr erwartet. Aber Konjunkturbeobachter nehmen normalerweise an, dass die jüngsten Trends sich fortsetzen werden, modifiziert, wo es angebracht ist, durch eine Rückkehr zu einem längerfristigen Mittelwert. Es ist jedoch viel sinnvoller, zu fragen, was sich ändern könnte. Wenn alles ganz gut läuft, wie im Moment, dann bedeutet das meistens, man sollte sich fragen, was schief gehen könnte, und - noch wichtiger - ob die Risiken einer solchen Wende angemessen bewertet werden. Die Antwort ist: das werden sie nicht."

Die Ursachen für diese Besorgnisse waren klar. Damit es so weiter gehen könne, stellte Wolf fest, müssten weiterhin Gelder in die USA fließen, um deren wachsende Zahlungsbilanzlücke zu schließen, die Zinssätze müssten niedrig bleiben und Kreditnehmer, speziell in den USA, müssten bereit und in der Lage sein, weiterhin Schulden zu machen, um die Ausgaben für den Konsum zu finanzieren.

Es gibt "viele Risiken" für Störungen ausgelöst durch die "Ungleichgewichte" in der Weltwirtschaft. Das Finanzdefizit US-amerikanischer Haushalte, betont er, betrug mehr als 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Verschuldung des Haushaltssektors stieg von 92 Prozent des verfügbaren Einkommens im ersten Quartal des Jahres 1998 auf 126 Prozent im dritten Quartal des letzten Jahres. Die Rückzahlungen der Haushalte für den Schuldendienst sind auf eine Rekordhöhe von 14 Prozent des verfügbaren Einkommens hochgeschnellt. "Was würde passieren, wenn die Immobilienpreise nicht mehr stiegen oder die Zinssätze erhöht würden?"

"Ein großes Störungspotential existiert. Aber die Märkte ignorieren es. Deshalb müssen wir außer der Gefahr, dass etwas schief läuft, auch eingestehen, dass die Märkte die dann nötigen Berichtigungen vervielfachen werden." (Financial Times 4. Januar 2006)

Mit anderen Worten, wenn eine plötzliche Änderung stattfindet, werden die Folgen umso schlimmer sein, weil eine solche Möglichkeit in der Zeit davor ignoriert wurde.

Und was sind - speziell in den Vereinigten Staaten - die politischen Folgen eines Zusammenbruchs der Weltwirtschaft als Resultat der augenblicklichen Ungleichgewichte? Diese Frage stellte der Leitartikler der Financial Times, Anatol Lieven, in einem Artikel im letzten Jahr. Ist das gegenwärtige politische System der USA angesichts einer Krise zu einer ernsthaften Reform fähig fragt er?

"Die zentrale Frage ist nicht, ob eine solche Reform schnell durchgesetzt werden kann, sondern ob die amerikanische Gesellschaft in der Lage ist, darüber ernsthaft zu diskutieren. Die tatsächliche Durchsetzung einer radikalen Veränderung — in den USA oder woanders — vollzieht sich nicht ohne eine Krise. Derzeit wird eine solche Krise dadurch verhindert, dass China und Japan bereit sind, US-Anleihen zu kaufen, mit ihren Exporten die Konsumausgaben der USA zu stützen und der Bush-Regierung zu erlauben, weiterhin Steuern zu senken. Aber dieser Zustand ist zerbrechlich. Die beiden Wirbelstürme Katrina und Rita haben diese Zerbrechlichkeit unterstrichen und die Umrisse zukünftiger Krisen aufgezeigt, indem sie das US-amerikanische Haushaltsdefizit erhöht und die zukünftigen Kosten der globalen Erwärmung herausgestrichen haben."

Lieven weist drauf hin, dass das amerikanische wirtschaftliche und politische System das letzte Mal in der Großen Depression mit einer "existentiellen Krise" konfrontiert war. Sie wurde durch Roosevelt und die Politik des New Deal überwunden. Aber New Deal war durch die Entwicklung einer reformistischen politischen Bewegung in den vorangehenden 40 Jahren vorbereitet worden. Eine solche Bewegung existiert in den USA zurzeit nicht. In Wirklichkeit können ernsthafte politische Reformen nicht einmal vernünftig diskutiert werden. Eine solche Situation kann ernsthafte Konsequenzen haben.

"Falls eine Krise vom Ausmaß wie die von 1929-32 die USA heute trifft, dann hätte das Land keinen F. D. Roosevelt mit einem New Deal-Programm, der gegen einen Herbert Hoover von den Republikanern antreten könnte. Es hätte einen ängstlichen, erfolglosen Hoover auf Seiten der Demokraten, der gegen einen republikanischen Calvin Coolidge antreten müsste, einen engstirniger Verteidiger der schlimmsten Erscheinungen des augenblicklichen Systems. Wenn das 1932 die Alternativen gewesen wären, dann wäre tatsächlich das Fundament des amerikanischen Staats in Gefahr gewesen." (Financial Times 15. Oktober 2005)

Die Bedeutung des rasanten Wachstums Chinas

Wir wollen nun versuchen, die zentralen Trends der Entwicklung der Weltwirtschaft zu umreißen, weil wir nur auf dieser Grundlage die unzähligen widersprüchlichen Prozesse und Tendenzen verstehen können, die hier wirksam sind.

Eine solche Analyse muss auf einer historischen Einschätzung basieren. In seinem berühmten Referat, das er 1921 vor dem Dritten Kongress der Komintern (Kommunistische oder Dritte Internationale) gehalten hat, begann Leo Trotzki mit einem Hinweis darauf, dass der Kapitalismus über ein "dynamisches Gleichgewicht" verfügt, "das sich immer entweder im Prozess der Zerstörung oder der Restaurierung befindet". Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs kennzeichnete sicherlich einen solchen Zusammenbruch. Es gab zwar Höhen und Tiefen in der Wirtschaftsperiode der 1920er Jahre, aber es stellte sich kein neues Gleichgewicht ein. Alle Widersprüche des Weltkapitalismus, die zum Weltkrieg geführt hatten, verfaulten und verfielen weiter und führten zunächst zur Großen Depression, den sich daraus ergebenden entsetzlichen Folgen und dann schließlich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

In unserer Epoche markiert der Zeitraum von 1971-75 - mit dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods, dem Beginn der globalen Rezession, gefolgt von einer Stagflation - das Ende des wirtschaftlichen Gleichgewichts der Nachkriegszeit, das auf der beherrschenden Stellung der USA gegründet war. Es stellt sich uns die Frage: Gibt es ein neues Gleichgewicht oder haben sich, ganz im Gegenteil, die Widersprüche, die zum Zusammenbruch der vorigen ökonomischen Ordnung geführt haben, vertieft und verschärft? Bewegt sich der Weltkapitalismus in Richtung auf ein neues wirtschaftliches Gleichgewicht oder entfernt er sich weiter davon?

Wenn wir auf die letzten 30 Jahre zurückblicken, dann gibt es zwei hervorstechende Phänomene. Der wirtschaftliche Niedergang der Vereinigten Staaten und der wirtschaftliche Aufstieg Ostasiens, Indiens und vor allem Chinas. Als Präsident Nixon das Währungssystem von Bretton Woods über Bord warf und den US-Dollar zur weltweiten Papierwährung machte - d. h. zum Weltgeld, das nicht durch eine Wertrücklage gedeckt wird, sondern nur durch die Autorität eines Staates - waren die Vereinigten Staaten immer noch bei weitem die mächtigste Wirtschaft der Welt. Sie waren die Hauptquelle von Investitionen und die führende Gläubigernation. Diese Stellung behielten sie noch bis Ende der 1980er Jahre bei. Seither sind die USA jedoch zum größten Schuldner der Welt geworden. Der Weltkapitalismus hat eine solche Situation - in der die führende Weltmacht die am höchsten verschuldete ist - noch nie erlebt.

Während die USA sich immer weiter in Schulden stürzen - die Zahlen der Außenhandelsbilanz von November wurden als "gute Nachricht" betrachtet, weil das monatliche Handelsdefizit von 68 Milliarden Dollar auf 64 Milliarden Dollar gefallen war - macht China eine explosive industrielle Entwicklung durch, wie sie es in diesem Umfang noch nicht gegeben hat. Diese beiden Prozesse, die eng miteinander verknüpft sind, sind der hoch dramatische Ausdruck von gewaltigen Kräften, die direkt im Zentrum der kapitalistischen Weltwirtschaft arbeiten.

Jeder ernsthafte Wirtschaftswissenschaftler ist gewöhnlich schnell bei der Hand, zu betonen, dass die augenblickliche Situation, in der die USA immer weiter in Schulden versinken - mit Geldern, die von den Zentralbanken Japans, Chinas und Ostasiens bereitgestellt werden, während sie zur gleichen Zeit einen Markt für die dort produzierten Güter bieten - an und für sich auf Dauer unhaltbar ist. Aber es ist genau diese instabile Beziehung, welche die Grundlage für das wirtschaftliche Wachstum der Weltwirtschaft bildet. Laut IWF waren von 2000 bis 2005 China und die USA alleine für zirka 40 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft verantwortlich und für mehr als 50 Prozent, wenn man ihren Bedarf an Exporten aus anderen Ländern berücksichtigt. (Australian Financial Review 9. Januar 2006)

Die derzeitige Wirtschaftsordnung wird beherrscht von einem, wie es der frühere US-Finanzminister Lawrence Summer genannt hat, "Gleichgewicht des finanziellen Schreckens" - die asiatischen Banken versorgen die USA weiterhin mit Geldmitteln aus Angst vor den Folgen, falls sie es nicht täten.

Der Wirtschaftskolumnist Clyde Prestowitz drückte es so aus: "Das Horrorszenario - das wirtschaftliche 9/11 - ist ein plötzlicher, massiver Verkauf von Dollars; eine Weltfinanz-Panik, deren Auslöser — relativ gesehen — ganz geringfügig sein könnte, wie zum Beispiel die Ermordung eines zweitrangigen Erzherzogs in einer drittrangigen europäischen Stadt. Ein plötzlicher Kursverfall des Dollars und sein nachfolgendes Abtreten als Weltreservewährung würden zu einer schwerwiegenden Rezession in den Vereinigten Staaten führen. Gas- und Benzinpreise schnellten in die Höhe, alles was importiert wird, würde plötzlich sehr viel teurer werden, die Zinssätze stiegen sprunghaft an, genauso wie die Arbeitslosigkeit. Die ‚Stagflation’ der 1970er Jahre - langsames Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit kombiniert mit einer zweistelligen Inflation und zweistelligen Zinssätzen - nähme sich dagegen wie ein Spaziergang im Park aus. Und da die Vereinigten Staaten zurzeit die einzige große Nettoimport-Nation sind, würden alle Exporteure, die von ihrer wirtschaftlichen Stabilität abhängig sind, ebenfalls extrem darunter leiden. Es ist der Gedanke an diese Konsequenzen, der die Besitzer großer Dollarbestände so nervös macht, und dafür sorgt, dass sie vorerst ihren Überschuss an Dollars behalten." (Clyde Prestowitz Three Billion Capitalists Seiten xii-xiii)

Die rasante Expansion Chinas kann nur durch Statistiken nicht angemessen dargestellt werden, aber sie sind ein Indiz für das Ausmaß der Verwandlung. Während der letzten zwei Jahrzehnte betrug das wirtschaftliche Wachstum etwa 9 Prozent pro Jahr. Das bedeutet, die chinesische Wirtschaft verdoppelt ihren Umfang etwa alle acht Jahre. Chinas Anteil am Welthandel hat sich im selben Zeitabschnitt zumindest versechsfacht - von 1 Prozent auf 6 Prozent im Jahr 2004. Wahrscheinlich liegt er heute höher. China ist heute der zweitgrößte Exporteur der Welt nach den Vereinigten Staaten; es hat damit Deutschland in diesem Jahr überholt. Seit Mitte 2002 wurde China nach Japan zum zweitgrößten Besitzer von US-amerikanischen Schuldverschreibungen. Es verfügt jetzt über offizielle Fremdwährungsreserven in Höhe von 847 Milliarden Dollar. Man geht davon aus, dass es Ende des Jahres Reserven in Höhe von 1 Billion Dollar besitzen wird. (Financial Times 16. Januar 2006)

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zusammensetzung von Chinas Exporthandel verändert. Der Anteil an Industriegütern ist von 50 auf 90 Prozent gestiegen, während der Anteil von Grundstoffen auf 9 Prozent zurückgegangen ist.

Tatsächlich ist China zum Fertigungszentrum der Welt geworden. Es produziert die meisten Fotokopierer, die meisten Schuhe, das meiste Spielzeug und die meisten Mikrowellenherde der Welt, außerdem die Hälfte der DVD-Player, Digitalkameras, des Zements und der Textilien der Welt sowie ein Drittel aller DVD-ROM-Laufwerke und Computer sowie ein Viertel der Handys, Fernseher, Organizer, des Stahls und der Auto-Stereoanlagen. Ein Großteil dieser Produktion wird exportiert - die Exporte sind seit 1990 um das Achtfache auf 400 Milliarden Dollar gestiegen, und letztes Jahr verschiffte China mehr als 30 Prozent der Exporte an elektronischen Gütern Asiens.

Gewiss, wenn wir davon sprechen, dass China dies und das exportiert, reflektieren die Begriffe, die wir verwenden, die Tatsache, dass unsere Sprache hinter den enormen und rasanten Veränderungen der Weltwirtschaft zurückgeblieben ist. Es wäre korrekter, von Firmen zu sprechen, die von China aus agieren, weil das Hauptmerkmal der Veränderung in der chinesischen Wirtschaft der Aufbau von Fabriken durch den Zufluss von ausländischen Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment = FDI) war.

In der Zeit von 1979 bis 1982 betrug der Zufluss von FDI nur 1,77 Milliarden Dollar. Er stieg auf 3,49 Milliarden Dollar im Jahr 1990 und gewann dann richtig an Fahrt, insbesondere nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vom Juni 1989 und den nachfolgenden Beteuerungen Dengs (1992), dass China den ausländischen Investitionen und Marktbeziehungen verpflichtet sei. 1991 betrugen die FDI 4,37 Milliarden Dollar. Sie wuchsen im nächsten Jahr um mehr als das Doppelte auf 11,01 Milliarden und stiegen 1993 erneut um mehr als das Doppelte auf 27,52 Milliarden Dollar. Heute betragen die FDI etwa 60 Milliarden Dollar im Jahr. China ist der größte Empfänger von FDI und stellt damit die Vereinigten Staaten in den Schatten. Der Gesamtumfang an ausländischen Investitionen beträgt jetzt mehr als 500 Milliarden Dollar.

Diese massiven Investitionen wurden durch das Bestreben der großen Konzerne angetrieben, die endlose Abwärtsbewegung der Profitraten zu überwinden und die Kosten zu reduzieren. Man schätzt, dass eine Verlagerung nach China einem Produzenten zwischen 20 und 50 Prozent an Produktionskosten erspart. Die Lohnkosten in China betragen ein Fünfzehntel oder ein Dreißigstel der Kosten in den USA oder Europa. Gebäude- und Anlagekosten liegen um zirka 70 Prozent niedriger.

Wenn China zum Produktionszentrum der Welt geworden ist, dann wurde Indien zu dessen Büro - das Zentrum für Informations-Technologie und -Dienstleistungen. Im Jahr 2000 beliefen sich die indischen Softwareexporte auf zirka 6 Milliarden Dollar. Ende 2004 schätzte man sie auf 16 Milliarden Dollar. Laut dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte, werden innerhalb der nächsten fünf Jahre die größten Finanzunternehmen der Welt 356 Milliarden Dollar und 2 Millionen Jobs nach Übersee verlegen, größtenteils nach Indien. Eine Schätzung sagt voraus, dass Indiens Informatikdienstleistungen im Jahr 2008 57 Milliarden Dollar erwirtschaften, 4,4 Millionen Menschen beschäftigen und 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen werden.

In einem Kommentar, der am 9. Januar veröffentlicht wurde, stellt Stephen Roach, der leitende Wirtschaftswissenschaftler von Morgan Stanley, fest. "Vor fünf Jahren beschränkte sich das Auslagern im Bereich der Angestellten noch auf Datenverarbeitung und Kundenkontaktzentren, heute hat es sich dank informationstechnologischer Vernetzung weiter nach oben gearbeitet, bis in die oberen Etagen der qualifizierten Wissens-Hierarchie - Softwareprogrammierung, Maschinenbau, Doktoren, Rechtsanwälte, Buchhalter, Versicherungsfachleute, Unternehmensberater und Finanzanalysten."

Die Industrialisierung Chinas hat tief greifende Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und damit auf die politischen Beziehungen des asiatischen Raums. In einem Bericht der 2004 veröffentlicht wurde, stellt der IWF fest, Chinas Importe aus allen Regionen seien gestiegen, aber die Importe aus den angrenzenden Regionen seien am schnellsten gewachsen. "Dies reflektiert Chinas aufstrebende Rolle als regionales Verarbeitungszentrum und Fertigungs-Knotenpunkt für den Re-Export und legt nahe, dass sein Einfluss als regionaler Wachstumsmotor bald sogar größer werden könnte als der Japans."

In dem Jahrzehnt von 1991 bis 2001 wuchs der Welthandel um 177 Prozent. Der Handel zwischen den Regionen in Ostasien jedoch nahm in derselben Zeit um 304 Prozent zu.

Nehmen wir das Beispiel Südkoreas, das eins der Länder ist, die mehr und mehr in den wirtschaftlichen Orbit Chinas gezogen werden. Chinas Anteil an Südkoreas Exporten ist von 2 Prozent im Jahr 1990 auf heute 24 Prozent gestiegen. Südkoreas Unternehmen haben massiv in China investiert und auf China entfallen zirka 90 Prozent von Südkoreas Außenhandelsüberschuss.

Im Jahr 1999 wickelte Südkorea weniger als 10 Prozent seines Warenhandels mit China ab. Diese Zahl ist auf 18 Prozent gestiegen. 1999 lag der Umfang des Warenhandels mit Australien knapp über 5 Prozent; er ist auf zirka 12 Prozent gestiegen. Der Zuwachs für Singapur liegt bei einer Steigerung von 5 auf 10 Prozent, für Malaysia von 2,5 auf zirka 9 Prozent und für Japan von 9 auf 17 Prozent. [ Financial Times 9. Dezember 2005]

Mehr als die Hälfte des Handelsvolumens Chinas entfällt auf den ostasiatischen Raum. 2003 stieg der Handel Chinas mit dem übrigen Asien auf 495 Milliarden Dollar, eine Steigerung von 36,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das war hauptsächlich eine Folge des wachsenden Exports aus diesem Raum, der um 42,4 Prozent auf einen Umfang von 272,9 Milliarden Dollar stieg. Allein 2003 wuchsen Chinas Importe aus Japan um 38,7 Prozent, aus Südkorea um 51,7 Prozent, aus Indien um 87 Prozent. (Siehe Power Shift China and Asia’s New Dynamics David Shambaugh ed. S. 37)

Das gewaltige Wachstum der verarbeitenden Industrie Chinas hat die wirtschaftlichen Beziehungen, die in den 1980er und 1990er Jahren im ostasiatischen Raum entstanden waren, vollständig zerstört. Dieses System war bekannt als das "fliegende Gänse"-Modell. Japan war die Leitgans des Schwarms, und die anderen Länder, einschließlich Chinas, gruppierten sich dahinter.

In dem Modell der "fliegenden Gänse" importierten die ostasiatischen Wirtschaften im Rahmen der japanischen Investitionsoffensive in der Region Anlagegüter aus Japan, mit denen Fabrikwaren produzierten wurden, die dann in die Vereinigten Staaten und andere Märkte exportiert wurden. Dieses System war die Grundlage des so genannten "asiatischen Wirtschaftswunders", das in den frühen 1990er Jahren für mehr als 50 Prozent des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums sorgte.

Die asiatische Wirtschaftskrise von 1997-98 hatte verheerende Auswirkungen auf alle Länder dieser Region, auch auf Japan. Die USA nahmen die Krise zum Anlass, um weit reichende wirtschaftliche und finanzielle Umstrukturierungen durchzusetzen, wofür sie schon zuvor plädiert hatten, aber ohne Erfolg. Da das Kapital ihnen zufloss, standen die asiatischen Wirtschaften unter keinerlei Druck, Veränderungen in der Richtung vorzunehmen, wie die USA sie forderte; die USA sahen Japan als den Begünstigten des existierenden Systems. Als die Krise ausbrach, lautete der Schlachtruf der USA, der "Kapitalismus der Vetternwirtschaft" müsse ein Ende haben - und der Chef der US-Notenbank, Greenspan, erklärte, das sei nur ein weiteres Beispiel dafür, dass jegliche Art von Steuerung zum Scheitern verurteilt sei.

Das wirkliche Problem war nicht der "Kapitalismus der Vetternwirtschaft", sondern die Stellung Japans. Das erkannte man in Tokio sehr wohl, und als die Krise ausbrach, schlug die japanische Regierung einen 100-Milliarden-Rettungsfond für die Region vor. Die Folge war ein Frontalzusammenstoß mit den Vereinigten Staaten, die darauf bestanden, dass der IWF - d. h. die US-Banken und Kreditinstitute - die entscheidende Rolle spielen müssten.

Konfrontiert mit einem größeren Zusammenstoß mit den USA, zog Japan seinen Vorschlag zurück, und die Umstrukturierung geschah unter dem Diktat des IWF. Zweifellos war einer der Faktoren, die Japan beeinflussten, die Tatsache, dass seine Vorschläge keine Unterstützung von China erhielten.

Eine Folge der Asien-Krise war das Ende des Modells der "fliegenden Gänse" und die beschleunigte Industrialisierung Chinas. Sie ist eine der zentralen Faktoren hinter den wachsenden Spannungen zwischen Japan und China in jüngster Zeit. Japans wirtschaftliche Vorherrschaft in der Region, die seit dem 2. Weltkrieg bestand, wird durch den Aufstieg einer neuen Macht auf dem asiatischen Kontinent infrage gestellt. In ähnlicher Weise war das Mächtegleichgewicht, das Großbritannien auf dem europäischen Kontinent aufrechterhalten wollte, durch die Industrialisierung Deutschlands Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zerstört worden war.

So spektakulär das Wachstum der chinesischen Wirtschaft auch war, es ist gekennzeichnet durch tiefgehende Widersprüche. Das Zentrum der Wachstumsdynamik bildete die Steigerung des Exports. Von 1980 bis 2005 wuchsen die Exporte um das 41-fache und expandierten um 16 Prozent pro Jahr. Aber eine solche Wachstumsrate kann nicht aufrechterhalten werden. Würde sie noch ein weiteres Jahrzehnt fortgesetzt, dann würde China mehr exportieren als die USA, Japan und Europa zusammen.

Ein Wachstum des Exports mit derselben Geschwindigkeit wie in der Vergangenheit ist sicherlich nicht möglich. Aber wenn er sich nicht fortsetzt, dann wird die Arbeitslosigkeit schnell steigen - und damit die sich daraus ergebende Bedrohung der sozialen Ordnung. Man schätzt, dass der Überschuss an Arbeitskräften in der Landwirtschaft etwa 150 Millionen oder mehr beträgt, und die Öffnung der chinesischen Landwirtschaft für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt im Gefolge des Eintritts Chinas in die Welthandelsorganisation bedeutet, dass die globalen Wirtschaftskräfte die Überschussbevölkerung in die Städte treiben wird. Zur gleichen Zeit legt das Regime die staatseigenen Betriebe still - wodurch in den letzten fünf Jahren 14 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen sind.

Konfrontiert mit diesen Widersprüchen beharrt die herkömmliche ökonomische Weisheit darauf, der Weg vorwärts für die chinesische Wirtschaft liege in der Ausweitung seines Binnenmarktes, auf dem die Ausgaben für den Konsum weniger als 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, in den USA betragen sie vergleichsweise 70 Prozent. Aber jede signifikante Ausweitung des Binnenmarktes würde eine Verbesserung des Lebensstandards und der Löhne der arbeitenden Massen erfordern. Das würde wiederum eine Erhöhung der Lohnkosten - die schon angefangen haben zu steigen - mit sich bringen, und damit gerade die Vorteile verringern, die China als bevorzugter Ort für das Investitionskapital genießt.

Der Erfolg der chinesischen Industrialisierung wurde durch den Druck erzielt, der auf die Löhne ausgeübt wurde, ermöglicht durch die riesige industrielle Reservearmee, die sich aus Bauern zusammensetzt, die vom Land in die Städte gezogen sind. Zugleich wird der durch den Export angetriebene Industrialisierungsprozess nicht im selben Umfang weiter gehen. Mit anderen Worten, die Industrialisierung Chinas wird - weit entfernt davon ein neues wirtschaftliches Gleichgewicht zu schaffen - von tiefgehenden Widersprüchen begleitet, die das Potential besitzen, heftige Klassenkämpfe auszulösen.