Irakkrieg türkischer Nationalismus und Meinungsfreiheit

Zur Kontroverse um den Film "Tal der Wölfe - Irak"

Von Stefan Steinberg und Justus Leicht
1. März 2006

Der türkische Actionfilm "Tal der Wölfe - Irak" (Kurtlar Vadisi Irak), der seit zwei Wochen in den Kinos der Türkei und Westeuropas läuft, hat eine heftige Debatte ausgelöst.

Der mit zehn Millionen Dollar Produktionskosten teuerste türkische Kinofilm aller Zeiten erfreut sich in der Türkei und in der türkischstämmigen Bevölkerung Westeuropas enormer Popularität. In der Türkei sahen ihn allein in den ersten drei Tagen über eine Million Zuschauer, in Deutschland schaffte er es zunächst aus dem Stand auf Platz 2 der Kinocharts und hält sich in den Top Ten, fast ausschließlich aufgrund hunderttausender türkischstämmiger Besucher.

Während die türkischen Medien den Film kritisch bis gespalten beurteilen, reagiert ein Großteil der deutschen Medien regelrecht hysterisch. Antiamerikanisch sei der Film, antisemitisch und antichristlich. Einige Linke verurteilten ihn darüber hinaus als antikurdisch. Einzelne Politiker, wie der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), verstiegen sich sogar zu Verbotsforderungen. Andere, wie der Vizechef der Unionsfraktion im Europaparlament Markus Ferber, forderten die türkische Regierung ultimativ auf, den Film zu verurteilen. Sonst sei ihr EU-Beitritt gefährdet.

Wie ist das zu erklären?

Der Film

Die Eröffnungssequenz des Films beruht auf Tatsachen. Es ist der 4. Juli 2003. In der kurdischen Stadt Süleymaniya umstellen US-Soldaten einen Außenposten der türkischen Armee im Nordirak. Der türkische Oberbefehlshaber ruft in Ankara an, seine Vorgesetzten verbieten ihm jedoch, sich im Kampf aufzuopfern. Die Amerikaner nehmen elf türkische Offiziere fest, verhören sie und ziehen ihnen wie Terroristen Kapuzen über die Köpfe. Der Kommandeur bringt sich später um. Er kann die Schande, die das Ereignis über die Türkei gebracht hat, nicht verkraften. Polat Alemdar (türkisch für "Bannerträger", gespielt von Necati Sasmaz), die Hauptfigur des Films, zieht mit zwei Kameraden in den Nordirak, um die Ehre der türkischen Nation wiederherzustellen.

Dort trifft er auf Leyla. Sie hat ihren Ehemann bei einem Massaker der US-Armee an einer Hochzeitsgesellschaft, ihrer Hochzeit, verloren. Verantwortlich für die Demütigung der Türkei wie für das Massaker: Sam Marshall (Billy Zane), ein amerikanischer Offizier und fanatischer christlicher Fundamentalist. Er wartet ab, bis auf der Hochzeitsfeier die ersten Freudenschüsse fallen, bevor er mit den Worten, "jetzt sind es Terroristen", den Befehl zum Angriff gibt.

Die Gefangenen werden in das Foltergefängnis Abu Ghraib verschleppt und dort gequält. Ein jüdischer Arzt (Gary Busey) beschwört Marshall (ohne Erfolg), keine Gefangenen zu töten, da er sie lebend brauche. Er operiert ihnen Nieren heraus und verkauft sie nach New York, London und Tel Aviv.

Wegen dieser Szene, die im Gegensatz zu den anderen dargestellten Verbrechen der US-Besatzer keine Grundlage in der Realität hat, ist der Film als antisemitisch angegriffen worden. Der antisemitische Autor Soner Yalcin soll Berater des Regisseurs Serdar Akar gewesen sein.

Dass der einzig Jude, der in dem Film eine bedeutende Rolle spielt, aus Geldgier hilflose Muslime ausweidet, ist ohne Zweifel ein bösartiges antisemitisches Element. Es zeigt, wie verkommen der türkische Nationalismus ist, der von dem Film propagiert wird, ist aber keine tragende Säule der Handlung. Anders als in antisemitischen Verschwörungsphantasien ist der Arzt auch nicht der heimliche Strippenzieher, sondern lediglich ein kleiner Kriegsgewinnler. An Macht und Grausamkeit kann er sich mit Sam Marshall und den anderen amerikanischen Bösewichtern nicht messen.

Der Film macht hier allerdings eine Differenzierung: Es wird unterschieden zwischen den gewöhnlichen amerikanischen Soldaten, die richtige Uniformen tragen, und der Söldner-artigen Gruppe um Marshall und Dante (seiner rechten Hand), die, muskelbepackt und tätowiert, tragen abenteuerliche Kleider und Frisuren tragen. Letztere geben bei den Besatzern den Ton an.

Gleich zu Beginn wird der Unterschied deutlich: Als irakische Gefangene in Blechcontainern abtransportiert werden, beschwert sich ein G.I. bei Dante, sie bekämen keine Luft. Dante schießt daraufhin willkürlich in die Container hinein und tötet viele Gefangene. Als der Soldat ihm daraufhin mit dem Kriegsgericht droht, wird er selbst erschossen.

Auch Christen kommen in unterschiedlichen Varianten vor. Sam Marshall ist ein Fanatiker, der den Tod nicht fürchtet und den Irak als das verheißene Land Babylon für das Christentum erobern will. In einer Szene ist aber auch ein gequälter und übel zugerichteter amerikanischer Journalist zu sehen, der im Angesicht des Todes das Vaterunser betet. Kämpfer der Al Quaida haben ihn entführt und wollen ihn gerade enthaupten, als er im letzten Moment von einem islamischen Scheich (Ghassan Massoud) gerettet und freigelassen wird. Vorher macht der Scheich noch einige verächtliche Bemerkungen über die Rolle der westlichen Medien im Irak-Krieg.

Dieser Scheich mit Namen Kerkuki ist nach Polat Alemdar und seiner Truppe der zweite Held des Films. Er wendet sich vehement gegen Selbstmordanschläge und bringt sogar die von Rachedurst getriebene Leyla von einem solchen ab. Ein anderes Selbstmordattentat, verübt durch den Angehörigen eines Opfers der US-Armee, findet dagegen statt. Der verzweifelte Mann reißt einige US-Soldaten, aber auch irakische Zivilisten mit in den Tod. In einer der schlimmsten Szenen zeigt der Film die Toten und die schreienden Verletzten. Sam Marshall und seine Leute bleiben unverletzt.

Scheich Kerkuki wird als Integrationsfigur dargestellt, die in der Lage ist, alle Volksgruppen des Irak zu vereinen: Araber, Turkmenen und Kurden. Marshall will ihn deshalb umbringen und schreckt auch nicht davor zurück, eine Moschee zu beschießen.

Hier wird er nicht einmal von den kurdischen Nationalisten unterstützt, die ansonsten als loyale Stütze der Besatzung dargestellt werden. Im Gegenzug lässt die US-Armee ihnen freie Hand, die Turkmenen, von den Besatzern als lästige Vertreter der Türkei angesehen, aus den Ölstädten Mosul und Kirkuk zu vertreiben. Marshall warnt aber auch einen Kurdenführer, sich "nicht mit der Türkei und den arabischen Staaten zu verbünden", und droht, ihm ansonsten die amerikanischen Gelder zu entziehen.

Ähnliches bekommt Polat Alemdar von Marshall zu hören: "Hör zu, Türke", sagt der. "Ich bin in dieser Region seit zehn Jahren und kenne euch gut. Wir haben euch fünfzig Jahre lang Geld in den Rachen gestopft, wir haben euch sogar das Gummi für eure Unterhosen geschickt. Ihr seid beleidigt, weil wir euch nicht mehr brauchen."

Die Antwort von Alemdar ist so pathetisch nationalistisch wie hilflos und dümmlich. "Ich bin weder Politiker noch Diplomat, noch ein Soldat", erwidert er. "Ich bin ein Türke, und niemand beleidigt ungestraft die Ehre eines Türken."

Als positives Gegenstück zu den irakischen kurdischen Nationalisten präsentiert der Film Abdulhey, ein türkischer Kurde und Mitglied von Polats Team. Er fungiert im kurdischen Nordirak als Dolmetscher und Ortskundiger, distanziert sich aber vom kurdischen Nationalismus. Im Showdown am Ende des Films wird er wie die anderen Mitglieder des Teams schwer verwundet. Dem Oberschurken Sam Marshall wird von Polat der Dolch der schönen Leyla ins Herz gebohrt - in Großaufnahme.

Reaktion in der Türkei

Viele türkische Filmkritiker haben den Film verrissen. Nicht zu unrecht. Er ist mit viel technischem Aufwand gemacht, schnell, aber brutal, das Handlungsmuster grobschlächtig und - selbst abgesehen von der antisemitischen Szene - nicht immer glaubwürdig. Die Figuren sind holzschnittartig gezeichnet, die Dialoge wirken oft künstlich, die schauspielerischen Leistungen sind bestenfalls durchwachsen. Das ist kein Zufall. Die Propagierung von Chauvinismus und Militarismus lässt sich kaum mit einem intelligentem Plot vereinbaren.

Vorbild von "Tal der Wölfe" sind dabei unübersehbar amerikanische Actionfilme - wie die mit dem gegenwärtigen Gouverneur von Kalifornien in der Hauptrolle. Und hier liegt wohl auch einer der Gründe für den Erfolg des Films: Hollywood soll hier gewissermaßen mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden.

Wer die vielen Kommentare von türkischen Jugendlichen im Internet und Interviews liest, stößt immer wieder auf die gleichen Aussagen: Der Film zeige "die Wahrheit", die tatsächlichen Verbrechen der USA seien noch viel schlimmer, die Figur des Scheich Kerkuki zeige den wirklichen Islam. Tatsächlich sind etwa die Filmszenen aus Abu Ghraib relativ harmlos gegenüber dem, was tatsächlich von Fotos bekannt geworden ist. Und Selbstmordattentate werden ebenso wie die Ermordung von Zivilisten von der Mehrheit der Muslime abgelehnt.

Der Film spricht eine Bevölkerung an, die seit Jahren wachsende Armut und Demütigung erfahren hat. Der Irak-Krieg bildete dabei einen Höhepunkt. Er hat tiefe Empörung erzeugt. Einzelne Kommentatoren haben dies durchaus wahrgenommen.

In der Zeit, die den Film vehement ablehnt, heißt es: "Genau wie die Affäre um die Mohammed-Karikaturen zeigt auch der Streit um Tal der Wölfe, dass die Unterscheidung von innen und außen in kulturellen und politischen Debatten zusehends implodiert. Die Zuschauer genießen an Tal der Wölfe die moralische Niederlage des Westens. Sie tun es im Westen und als Teil des Westens." Der Artikel schließt, man werde aber "das beunruhigende Gefühl nicht mehr los, dass viele gerade dabei sind, diese Zugehörigkeit innerlich aufzukündigen".

Bemerkenswert ist dabei, dass der Film quasi halboffiziellen Charakter bekommen hat. Der türkische Parlamentspräsident Bülent Arinc lobte ihn ebenso wie Emine Erdogan, die Ehefrau des Premierministers von der gemäßigt islamistischen AKP. Auch der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbas äußerte sich begeistert. Offiziell nicht gesehen haben wollen ihn dagegen Tayip Erdogan selbst, sein Außenminister Abdullah Gül, Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer und die Armeespitze.

Auch die türkischen Eliten sind vom Westen entfremdet, aber aus anderen Gründen und auf andere Weise als die arbeitende Bevölkerung. Der Krieg der USA gegen Irak hat die Region destabilisiert und die Interessen der Türkei, besonders durch die Entstehung eines quasi-autonomen Kurdenstaats im Irak, massiv beeinträchtigt. Die EU hat der Türkei zwar viele Bedingungen gestellt, aber eine Vollmitgliedschaft erscheint trotzdem weiter entfernt denn je.

Die halboffizielle Anerkennung von Tal der Wölfe bringt eine tiefe Frustration des Söldners und Statthalters zum Ausdruck, dessen Marktwert gesunken ist. Sam Marshall hat hier Recht: Auf die amerikanischen Gelder sind nicht nur die kurdischen Nationalisten im Irak, sondern auch die türkischen Eliten angewiesen. Der türkische Nationalismus kann nicht antiimperialistisch sein, ein Kampf gegen den Imperialismus kann sich nur auf die Vereinigung der Arbeiter und unterdrückten Massen der ganzen Region gründen.

Das Dilemma der türkischen Bourgeoisie

Hier liegt die größte Schwäche des Films. Der türkische Nationalismus, dessen Bannerträger der Held des Films Polat ist, spaltet die verschiedenen Volksgruppen. Dass es in der Türkei selbst einen Kurdenkonflikt gibt, wird von dem Film komplett unterschlagen. Das, obwohl es in Wirklichkeit der Hauptgrund für die Anwesenheit der türkischen Elitesoldaten im Nordirak war, denen von den US-Einheiten die Säcke über den Kopf gezogen wurden. Die Türkei will keinen Kurdenstaat im Irak, weil es den kurdischen Separatismus im eigenen Land stärken würde.

Der türkische Chauvinismus steht schon im Gegensatz zu der Versöhnung der Volksgruppen, die der Scheich Kirkuki und seine Bruderschaft im Film predigen. Hier orientiert sich der Film an dem Kadiri-Orden. Der Darsteller von Polat Alemdar, Necati Sasmaz, und Produzent Raci Sasmaz sind Brüder. Sie stammen väterlicherseits von einem einflussreichen Scheich des Sufi-Ordens ab. Der Film bringt das Ritual der Kadiri auf die Leinwand, und Produzent Raci Sasmaz sagte auf der Gala, der Film sei dem Großvater und Sufi-Scheich gewidmet. Die Kadiri stehen wie die meisten derartigen Bruderschaften weit rechts und neigen den Faschisten der MHP zu.

Auch die Nostalgie auf das Osmanische Reich und die Propagierung eines gemäßigten Islam, die hier zum Ausdruck kommt, ist mehr eine Bankrotterklärung des modernen türkischen Nationalismus denn eine reale Alternative. Das Osmanische Reich war nicht in der Lage, dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalismus und zunehmendem Druck des Imperialismus etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen. Der Panislamismus hatte als einziges greifbares Ergebnis Massaker an den Armeniern, konnte aber den Zerfall des Reiches nicht verhindern. Der letzte Sultan und Kalif wurde von den modernen Nationalisten um Kemal Atatürk als Inbegriff der Impotenz gegenüber dem Imperialismus angesehen und entmachtet, die islamischen Bruderschaften wie die Kadiri als Hindernis für eine fortschrittliche Entwicklung der Türkei verboten.

Der Film widerspiegelt das Dilemma, vor dem auch die Regierungspartei AKP und Regierungschef Erdogan stehen. Die imperialistische Politik im Nahen Osten, insbesondere die US-Intervention im Irak, haben die gesamte Region destabilisiert und radikalisiert. Daher die Empörung über die USA auch unter den herrschenden Kreisen. Aber Erdogan, der keine Antwort auf die sozialen Bedürfnisse der Maßen hat, ist auf imperialistische Unterstützung angewiesen, um die Massen unter Kontrolle zu halten - und zwar sowohl von Seiten der EU wie der USA. Dasselbe gilt für das Bemühen der türkischen Bourgeoisie, die Rolle einer Regionalmacht zu spielen.

Dass heute osmanische Nostalgie, rückständige Sufi-Orden und sinnlose Racheakte als Gegenpol zum Imperialismus propagiert werden, zeigt wie dringend notwendig eine neue, sozialistische und internationalistische Perspektive für die türkischen, kurdischen, arabischen und anderen Arbeiter und unterdrückten Massen ist.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen