Die Chikungunya-Epidemie auf La Réunion

Die zu Frankreich gehörende Insel La Réunion im indischen Ozean wird seit über einem Jahr von einer Epidemie heimgesucht, die bis heute nicht wirklich unter Kontrolle ist. Bis Mitte April waren auf der Insel 244.000 Menschen, jeder Dritte der Bevölkerung, am so genannten Chikungunya-Fieber erkrankt, und seit Anfang 2006 sind über 200 Todesfälle direkt oder indirekt dieser Krankheit zugeschrieben worden.

Chikungunya wird von der Aedes Albopictus-Mücke übertragen, die früher nur in Afrika beheimatet war, sich aber im letzten Jahr in dem feuchtwarmen Klima von La Réunion schnell ausgebreitet hat. Die Krankheit äußert sich in Fieberschüben mit hoher Temperatur und starken Schmerzen oder sogar Lähmungen der Gelenke, infolge derer sich die Erkrankten nur noch gebückt fortbewegen können. Die Bezeichnung "Chikungunya" ist afrikanisch und bedeutet auf Suaheli "der gekrümmt Gehende".

Im März wurde bei fünfzehn Prozent der Menschen, die einen Arzt aufsuchten, Chikungunya diagnostiziert; pro Woche gab es 3.000 diagnostizierte Neuerkrankungen. Erst allmählich wurde das ganze Ausmaß der Epidemie deutlich. Zwar hatte man im ganzen letzten Jahr Chikungunya in keinem Totenschein als Todesursache genannt, aber heute weiß man, dass die Sterblichkeit 2005 um zehn Prozent höher lag als im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2004.

Es gibt weder einen Impfstoff noch Medikamente zur vorbeugenden Behandlung, und die therapeutischen Möglichkeiten beschränken sich im Wesentlichen auf entzündungshemmende Mittel zur Schmerzlinderung sowie Paracetamol zur Fiebersenkung. Man glaubte bisher, das Chikungunya-Virus, das zum ersten Mal 1953 in Ostafrika identifiziert worden war, sei relativ harmlos und klinge nach einigen Wochen von selbst wieder ab. Auf La Réunion zeigt sich jedoch in Hunderten Fällen, dass die Krankheit einen tödlichen Verlauf nehmen kann.

Zu ihrer Ausbreitung haben die Gleichgültigkeit der Behörden und die schlimme soziale Lage eines großen Teils der Bevölkerung wesentlich beigetragen.

La Réunion, etwa 9.000 Kilometer von Paris entfernt im indischen Ozean östlich von Afrika gelegen, war früher französische Kolonie und ist seit 1946 ein Departement Frankreichs und Teil der EU. Es hat zwei "Hauptstädte", Saint-Denis im Norden und Saint-Pierre im Süden, und - wie jedes französische Departement - einen Präfekten als Vertreter der Zentralregierung. Die Wirtschaft von La Réunion ist vom Tourismus geprägt, außerdem unterhält die französische Armee einen Militärstützpunkt auf der Insel.

La Réunion hat 774.600 Einwohner, davon über die Hälfte jünger als dreißig Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 38 Prozent, und jeder dritte Einwohner ist von Sozialhilfe abhängig. Von der EU erhält La Réunion Kredite über 1,5 Milliarden Euro im Rahmen eines Entwicklungsprogramms.

Der Präfekt der Insel, Laurent Cayrel, die Gesundheitsämter und vor allem die französische Regierung reagierten viel zu spät auf das Ausbrechen der Epidemie. Noch am 1. Januar 2006 erklärte der Minister für die überseeischen Gebiete, François Baroin, in einer Sendung von France Inter, dass "es sich um keine tödliche Krankheit" handle und "sie lediglich einer starken Grippe" ähnlich sei.

Erst als die Vereinigung der französischen Notfallärzte (AMUF) und ihr Vertreter, Dr. Patrick Pelloux, auf die wiederholten Hilferufe von Ärzten und Journalisten auf La Réunion reagierten und in Frankreich öffentlich Alarm schlugen, kamen die Hilfsmaßnahmen ins Rollen. Dr. Pelloux hatte schon 2003 bei der französischen Hitzewelle die Öffentlichkeit alarmiert und die Regierung wachgerüttelt.

Am 27. Januar informierte Pelloux in einer Presseerklärung über die Ausbreitung der Chikungunya-Virusepidemie, die "seit Dezember 2005 auf La Réunion beobachtet wird und die vier Notfallstationen und den Notdienst SAMU der Insel La Réunion an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt hat". Seiner Einschätzung nach gibt es "wahrscheinlich sehr viele unterschätzte und überhaupt nicht diagnostizierte Fälle". Er forderte Nachschub an Medikamenten für die Insel und eine Krisensitzung des Gesundheitsministeriums. "Es muss dringendst gehandelt werden, und es müssen zusätzliche Medikamente entsandt werden", verlangte er, da es den dortigen Notfallstationen in erster Linie an Mitteln fehle.

Dr. Pelloux wies darauf hin, dass man mit der aktuellen Krise auf La Réunion ähnlich umgehe, wie mit der Hitzewelle auf dem französischen Festland im Sommer 2003, als es zu skandalösen Vorkommnissen kam und innerhalb weniger Wochen fast 15.000 ältere Menschen starben. Die durchschnittliche Sterberate stieg damals um über sechzig Prozent an.

Darauf besuchten eine Reihe von hochrangigen französischen Politikern die Insel und sagten Hilfe zu: Der erste war am 30. Januar Gesundheitsminister Xavier Bertrand, ihm folgten im Februar der Tourismusminister Léon Bertrand, der Minister für Überseeische Angelegenheiten François Baroin, und zuletzt der Premierminister Dominique de Villepin, der zugab, den Ernst der Krankheit unterschätzt zu haben, und eine zusätzliche Hilfszahlung von 76 Millionen Euro für die Bekämpfung der Chikunguya-Epidemie versprach.

Das war höchstens ein Tropfen auf einen heißen Stein. Auf La Réunion ist der rückständige Zustand der Infrastruktur, wie z.B. Wasser- und Abwasserversorgung, ein wichtiger Grund für die ungehinderte Ausbreitung von Chikungunya. Nur 35 Prozent der Häuser und Wohnungen entsprechen einem heute üblichen und akzeptablen Standard, wie er in Frankreich von achtzig Prozent der Wohnungen erreicht wird.

Um die Übertragung des Virus durch die Stechmücken zu unterbinden, müssen stehende Gewässer, Abfälle, Sperrmüll und Gestrüpp, wo die Mücke sich am besten vermehren kann, entfernt werden. Dies ist in dieser tropischen Region ein schwieriges, fast unmögliches Unterfangen, auch wenn die Präfektur den Haushalten in einem Erlass gedroht hat: "Bei Verstoß kann die Gemeinde die Arbeiten auf Kosten des Besitzers durchführen und ihm ein hohes Bußgeld auferlegen."

Angesichts der Heuchelei und der Gleichgültigkeit der Regierung haben Freiwillige auf der Insel die Initiative ergriffen und eine neue Organisation mit dem Namen "Die Insel La Réunion gegen das Chikungunya-Fieber" gegründet. Sie fordern Stellungnahmen des Staates und der regionalen Gesundheitsbehörde DRASS (Direktion der Region für Gesundheits- und soziale Angelegenheiten) und informieren die Einwohner über die dringlichsten Fragen, die die Entwicklung der Krankheit und die Epidemie betreffen. Sie greifen auch das Thema der ökologischen Auswirkungen chemischer Insektizide auf, mit denen die Gemeinden intensiv bestäubt werden. Meistens wird dies durch unerfahrenes Personal ausgeführt, wie z.B. durch Angehörige des französischen Militärs, worüber die Inselbewohner äußerst beunruhigt sind.

Die Menschen, die keine Mittel für die nötigen Vorkehrungen haben, sind natürlich am meisten bedroht. Wie die Zeitung Témoignages auf La Réunion schrieb, befinde sich die Insel "in einer echten Krise der politischen und sozialen Verhältnisse. Eine Krise wie es sie zuvor auf La Réunion noch nie gab und die tagtäglich von Obdachlosen auf furchtbare Weise erlebt wird.... Die Zahl der Empfänger der Mindesteinkommenshilfe, RMI, und derjenigen, die Leistungen der Zusatzversicherung CMU erhalten, machen die Hälfte der Bevölkerung aus, hinzu kommt die Zahl der Analphabeten. Zu unterstreichen ist auch die hohe Arbeitslosigkeit auf der Insel. Es gibt mindestens zwei Welten auf La Réunion: die, die sich ganz unten durchschlägt, und die oben, in der es sich gut lebt."