Internationale Redaktionskonferenz der WSWS

Künstlerische und kulturelle Probleme in der gegenwärtigen Situation

Teil 1

Von David Walsh
9. Mai 2006

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Berichts zu künstlerischen und kulturellen Problemen, den David Walsh im Rahmen einer erweiterten Redaktionskonferenz der World Socialist Web Site in Sydney vom 22. bis 27. Januar 2006 hielt. Walsh ist Mitglied der WSWS-Redaktion und ihr verantwortlicher Kulturredakteur.

Ganz im Allgemeinen ist die gegenwärtige Lage der Kunst von zwei Tendenzen beherrscht. Zum einen entwickeln sich in gewaltigem Maßstab die objektiven Bedingungen für eine weltumspannende Kultur künstlerischen Schaffens mit dem Potential, Massen von Menschen aufzuklären, zu vergnügen und innerlich zu berühren, und damit das Leben der Menschen in nahezu unvorstellbarer Weise zu bereichern und letzten Endes zu verändern. Zum anderen wirkt der bestehende Zustand gesellschaftlichen Zerfalls in die gegensätzliche Richtung, indem er die Menschheit mit der Aussicht auf Krieg und Diktatur bedroht, das bestehende Kulturleben gefährdet und das Aufkommen neuer Formen und Ideen unterdrückt.

Der Angriff auf die Kunst, den komplexesten Teil der Kultur, vollzieht sich in Form immer schamloserer Attacken auf die künstlerische Freiheit und Zensurbestrebungen in vielen Teilen der Welt (den USA, China, Großbritannien, der Türkei, dem Iran, in Saudi-Arabien, Sri Lanka, Indien und anderswo). Unter anderem werden die reaktionärsten Kräfte ermuntert, sowohl faschistische als auch religiös-fundamentalistische - in all ihren christlichen, hinduistischen oder muslimischen Spielarten. Dazu kommt die fortschreitende Kommerzialisierung und Trivialisierung der Kunst und die Korrumpierung ganzer Schichten der Intelligenz, sowohl ihrer offen rechten als auch gewisser nominell "linker" Elemente.

Von einem wie auch immer gearteten empirischen Überblick über die globale Kunst und Kultur kann hier nicht die Rede sein. Ein solches Unterfangen würde etliche wissenschaftliche und historische Probleme mit sich bringen; doch wir können vielleicht mit einigen wenigen statistischen Hinweisen dazu beitragen, die Dimensionen der gegenwärtigen Lage des weltweiten Kulturschaffens in ein klareres Licht zu rücken.

In Bezug auf Kultur und Bildung hat der Kapitalismus ebenso versagt, wie er es nicht vermag, der Weltbevölkerung ein anständiges Leben zu bieten. Nichtsdestotrotz hat die schiere Macht des Bevölkerungswachstums und der weltweiten Wirtschaftsexpansion zu einem sprunghaften Anstieg in der Zahl lesekundiger Erwachsener geführt. Ihre Anzahl hat sich von 1970 bis 1998 mehr als verdoppelt, von 1,5 Milliarden auf 3,3 Milliarden.

Schon die Anzahl der Bücher alleine ist überwältigend. Weltweit werden jedes Jahr etwa eine Million Titel veröffentlicht. Laut einer Schätzung umfasst der bestehende Bücherstock an die 65 Millionen Titel. Der Online-Buchhandel Amazon wirbt damit, vier Millionen Titel vorrätig zu halten. Im Jahr 2000 kam man weltweit auf 158.000 einzelne Zeitschriftentitel und auf über 600.000 Veröffentlichungen im Bereich der Fortsetzungsliteratur.

In den USA wurden 1999 über 1,1 Milliarden Bücher verkauft. Die jährliche Gesamtauflage amerikanischer Magazine übersteigt 500 Millionen Exemplare.

Die Herstellung und Nutzung von Büchern und Periodika sind von gewaltigen Ungleichheiten gekennzeichnet. Die USA produzieren etwa 40 Prozent allen bedruckten Materials auf der Welt, während ganze Kontinente nach Information und Kultur hungern.

Dies wirft die folgende Frage auf: Hat der Kapitalismus eine harmonische Weltkultur geschaffen oder ist er dazu in der Lage?

Der Handel von Kulturgütern ist in den letzten beiden Jahrzehnten exponentiell gewachsen. Zwischen 1980 und 1998 stieg das Volumen des Welthandels bei Drucksachen, Literatur, Musik, bildender Kunst, Kino, Fotografie, Radio, Fernsehen, Spielen und Sportartikeln von 95,3 Milliarden auf beinahe 400 Milliarden Dollar. Jedoch produzierten im Jahr 2002 drei Staaten - Großbritannien, die USA und China - ganze 40 Prozent der weltweit gehandelten Kulturgüter, wohingegen Lateinamerika, die Karibik, Ozeanien und Afrika zusammen (bei einer Bevölkerung von mehr als anderthalb Milliarden) weniger als vier Prozent beitrugen, so ein Bericht des statistischen Instituts der UNESCO.

Zahlen aus dem Jahr 2001 kann man entnehmen, dass fünf Länder - Indien, China einschließlich Hongkong, die Philippinen, die USA und Japan - jeweils über 200 Spielfilme produzierten. Indien bringt jährlich 700 Filme und mehr auf den Markt; die philippinische Filmindustrie ist seitdem zusammengebrochen - sie ist von 240 produzierten Spielfilmen auf 40 zurückgefallen. Die USA produzieren mehr als 400 Filme im Jahr; die Japaner produzierten während der 1990er jährlich etwa 240 Filme. Auf China werden wir später eingehen.

Im Jahr 2001 produzierten 25 Staaten, hauptsächlich in Europa und Asien, zwischen 20 und 199 Filmen. 72 Staaten produzierten zwischen einem und 19 Filmen, und 88 der insgesamt 190 Staaten auf der Welt besaßen keinerlei Filmindustrie.

Mit anderen Worten: 160 von 190 Staaten produzierten 2001 weniger als 20 Filme. Das gesamte subsaharische Afrika bringt im Durchschnitt lediglich 42 Filme jährlich hervor. Vietnam verfügt bei 83 Millionen Einwohnern über nicht mehr als 60 Kinosäle. Brasilien hat bei 170 Millionen Einwohnern nur 2000 Kinosäle. Die USA haben 36.700.

Die Hollywood-Studios besitzen weltweit 85 Prozent der Kinos, mit Spitzenwerten von über 90 Prozent in einigen europäischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten. Die Umsätze von Hollywood fielen im Jahr 2005 um 6 Prozent oder 500 Millionen Dollar. Auch in Westeuropa fielen die Kartenumsätze. Dies ist teilweise die Folge von höheren Eintrittspreisen, der allgemeinen Wirtschaftslage, dem DVD-Markt, dem Kabelfernsehen - aber es ist auch der allgemeinen Minderwertigkeit der Filme zuzuschreiben. Die Zuschauer reagieren auf die miserable Qualität so vieler Filme.

Unterhaltung ist ein Industriesektor, in dem die USA einen massiven Überschuss erwirtschaften. Europäische Filme beherrschen nur ein Prozent des US-Marktes. China (das lediglich 20 ausländische Filme pro Jahr zulässt), Russland, die Türkei, Indien, Frankreich und Südkorea sind einige der Länder, in denen einheimische oder zumindest nichtamerikanische Filme einen signifikanten Marktanteil haben.

Die chinesische Filmindustrie ist mittlerweile vom Umsatz her die drittgrößte der Welt nach Hollywood und Indien. Im Jahr 2005 produzierte China 260 Filme, 20 Prozent mehr als im Vorjahr (1997 wurden 76 Filme gedreht). Die Kartenumsätze in China betrugen 248 Millionen Dollar, 30 Prozent mehr als im Vorjahr, und weitere 204 Millionen Dollar wurden in Überseemärkten erwirtschaftet. Der Anstieg um 30 Prozent im Jahr 2005 war beachtlich, doch verblasst er im Vergleich zu dem Anstieg um 58 Prozent im vorhergehenden Jahreszeitraum. China leidet immer noch unter einer relativ geringen Zahl von Filmtheatern und darüber hinaus unter weit verbreiteter Armut. Im Jahr 2004 betrugen die Kartenumsätze in China lediglich ein Viertel der Umsätze von Südkorea.

Die Unterhaltungsindustrie hat in den 1990er Jahren einen erstaunlichen Konzentrationsprozess durchlaufen. 1993 betrug der Jahresumsatz der fünfzig größten Audiovisionsunternehmen 118 Milliarden Dollar. Vier Jahre später wurde die gleiche Summe von nur sieben großen Medienkonglomeraten erwirtschaftet.

1993 hatten 36 Prozent der Unternehmen ihren Stammsitz in den USA, 36 Prozent in der EU und 26 Prozent in Japan. 1997 hatten mehr als 50 Prozent aller Unternehmen ihren Stammsitz in den USA. Was große Teile der Welt sehen und hören dürfen, wird maßgeblich von Vertretern der sieben Medienkonglomerate bestimmt.

Wir sind mit einer radikal veränderten Situation im Bereich der Kultur konfrontiert: Es gibt mittlerweile zehntausende von Onlinepublikationen und ein enormes Wachstum der computerbasierten und digitalen Technologien, die künstlerische Medien hervorbringen, welche ein paar Jahrzehnte zuvor nicht einmal denkbar waren. Selbst wenn man nur die "traditionellen" Kunstformen betrachtet - Dichtung, Poesie, Malerei, Musik, Kino (das zumindest für das 20. Jahrhundert als "traditionell" gelten kann), Architektur, Tanz - so hat eine weltweite Explosion stattgefunden.

Die Möglichkeit einer alternativen Perspektive zu der unseren wurde bei unserem Treffen diese Woche erörtert - die Möglichkeit, dass wir uns in den Geburtswehen eines erneut stabilisierten kapitalistischen Weltsystems befinden, in dem die grundlegenden Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens überwunden sind und sich letztlich die Aussicht auf wirtschaftliche Prosperität eröffnet, auf die Befreiung der Weltbevölkerung von Entbehrungen und abstumpfender Plackerei. Wenn dies wirklich der Fall wäre, dann müsste eine derart bemerkenswerte, befreiende Entwicklung mit den freimütigsten und aufrichtigsten Einschätzungen zur Lage der Menschheit einhergehen. Wenn wir an der Schwelle zu einer neuen Epoche ständen, so würden Vorahnungen davon in der Kunst sichtbar.

Genauer noch, wenn diese Gesellschaft die echte Möglichkeit bereithielte, die Lebensbedingungen von Massen von Menschen zu verbessern, dann würde ihr offizielles Kunstschaffen sich den selbstkritischsten Anstrengungen hingeben. Die Kunst würde das Bestehende einer gründlichen Überprüfung unterziehen, sie würde die verbliebenen Übel aufdecken und ihre Beseitigung mit künstlerischen Mitteln vorwegnehmen. Eine außerordentliche Freimütigkeit und Offenheit würden vorherrschen, und die Lage der Menschheit würde in weitest möglichen Kreisen und auf demokratischste Weise diskutiert.

Entspricht dies der gegenwärtigen Lage? Mit Sicherheit nicht. Was erleben wir tagtäglich? Die Verschleierung der Lebensbedingungen, den Ausschluss großer Massen von Menschen und ihres Lebens von künstlerischer Betrachtung und nur allzu häufig die fantasierte, triviale Behandlung des Lebens 'schöner' Menschen ohne finanzielle Probleme - Menschen, die es gar nicht gibt - sowie die systematische Herabsetzung der populären Kultur, das bewusste Bestreben, die Menschheit abzustumpfen und gegen Leiden und gesellschaftliche Missstände gleichgültig zu machen.

Wir können es wahrlich eine Schande und einen schmachvollen Zustand nennen, dass das Leben von hunderten Millionen Afrikanern in lediglich 42 Filmen Ausdruck findet (und diese stammen keineswegs gleichmäßig vom ganzen Kontinent). Doch werden die hunderte Filme, die in Indien produziert werden, die meisten davon alberne Musicals, den Lebensumständen der indischen Bevölkerung gerecht? Oder erhellen die hunderte von Hollywoodfilmen, die jedes Jahr herauskommen, im Großen und Ganzen die Lebensumstände des amerikanischen Volkes?

Der erste zentralafrikanische Spielfilm erschien erst 1966, ganze 70 Jahre nach dem Auftauchen der Kinematographie ("La Noire de..." von Ousmane Sembène). Wir haben ihn kürzlich besprochen. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich berichten, dass im Tschad, einem großflächigen afrikanischen Staat mit 10 Millionen Einwohnern, bis 1999 kein einziger Film produziert wurde. Ich habe das während eines Interviews mit dem Regisseur in Toronto im Jahr 2000 erfahren. In einem Kontinent, in dem die Analphabetenrate außerordentlich hoch ist, stellt das Kino eines der zentralen Mittel dar, durch das die Menschen etwas über ihr Leben und die Welt erfahren könnten.

Vor einigen Jahren schrieb ein Kommentator: "Die Hoffnungen und Erwartungen auf politische und wirtschaftliche Erneuerung und Transformation unter der Ägide der Weltbank und ihrer Strukturanpassungsprogramme und anderen Liberalisierungsmaßnahmen, sowie die erwarteten positiven Nebeneffekte dieser Maßnahmen, besonders auf dem kulturellen Sektor, sind in Wirklichkeit in eine Katastrophe gemündet. Afrikanische Filmemacher bekamen bald die schmerzlichen Folgen von Etatkürzungen und dem allmählichen Verlust sowohl externer als auch interner Produktionsfördermittel zu spüren. Parallel dazu kam es zum allmählichen, aber orchestrierten Verschwinden von Filmtheatern, einem der traurigen Ereignisse der 1990er, als die Privatisierung den Erwerb der Kinos durch lokale Unternehmer ermöglichte, die die Kinosäle nach und nach in Warenhäuser für Zucker, Reis, Zement und andere Waren umwandelten."

Wenn die Statistiker der Filmproduktion die "Welt" untersuchen, lassen sie im allgemeinen Afrika außen vor. Die Bevölkerung von Afrika und dem Nahen Osten zusammengenommen trug 1998 zu den "gesamten weltweiten Kinoerlösen" ganze 1,2 Prozent bei.

Zwischen denen, die die kulturellen Produktionsmittel kontrollieren, und breiten Schichten der Weltbevölkerung besteht eine enorme soziale Kluft. Darüber hinaus macht gerade die Tiefe der Krise und die Brisanz der gegenwärtigen Lage für die Menschheit diese Frage zu explosiv, als dass sie von der offiziellen Kultur ernsthaft behandelt werden könnte.

Trotzki schreibt: "Der Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet eine unerträgliche Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche. Sie verwandeln sich zwangsläufig in individuelle Widersprüche und machen dadurch die Forderung nach einer befreienden Kunst noch brennender." Meiner Ansicht nach ist dies eine treffende Beschreibung der gegenwärtigen Weltlage.

Sich verschärfende gesellschaftliche Widersprüche verwandeln sich in individuelle Widersprüche und bewirken ein immer größeres Bedürfnis nach befreiender Kunst. Auf dieses wachsende Bedürfnis reagiert die offizielle Kultur zum derzeitigen Zeitpunkt mit immer mehr Unaufrichtigkeit und Unempfänglichkeit.

Wir könnten nach Russland und Osteuropa blicken, wo die Gesellschaft eine Art von Geburtswehen erlebt hat, doch handelt es sich bei diesem neuen sozialen Organismus um einen Fortschritt oder um einen fürchterlichen Rückschritt? Der Vorstellung, dass der Kapitalismus einen Weg nach vorne weist, kann man ganz einfach dadurch begegnen, indem man sich die düsteren und demoralisierenden kulturellen und künstlerischen Zustände in den meisten dieser Staaten ansieht. Das russische Kino produziert größtenteils hysterische, pessimistische, menschenverachtende Werke oder aber Kommerzfilme, die das Schlimmste imitieren, was Hollywood an Vulgarität und Brutalität zu bieten hat.

Das Theater war einst das Juwel des polnischen Kulturlebens und in den 1960ern und 1970ern ein Ort des Experimentierens, der unter anderem Grotowskis legendäres "armes Theater" hervorbrachte. Ein Kritiker schrieb kürzlich, dass Warschau "dieser Tage weniger 'für ein armes Theater' steht als für ein gefälliges, internationales, etwas verarmtes Theater, das sich in nichts von dem irgendeiner Provinzhauptstadt unterscheidet".

Solche oder noch ärgere Zustände dominieren in Osteuropa, wo die Kulturetats zusammengestrichen und die Marktprinzipien wiederhergestellt wurden. Insofern sich das Kulturleben erholt, wird es eine feindselige Haltung gegenüber der mafiaartigen kapitalistischen Elite einnehmen müssen.

Wenn der Kapitalismus in seiner Blüte stände und unbegrenzte Potentiale bereithielte, wie wäre es dann möglich, dass seine Kultur so abgrundtief daran gescheitert ist, die gegenwärtige Lage der Menschheit künstlerisch zu erfassen? Und wie erklärte man dann, dass in dem Maße, in dem diese Wirklichkeit erfasst wird (und man kann einen Stimmungswechsel in diese Richtung beobachten), dies von einem oppositionellen, zunehmend antikapitalistischen Standpunkt aus geschieht?

Erich Auerbach beschreibt in seinem Buch Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur die Grundlagen des modernen Realismus im frühen 19. Jahrhundert wie folgt: "Die ernsthafte Behandlung der alltäglichen Wirklichkeit, das Aufsteigen breiterer und sozial tieferstehender Menschengruppen zu Gegenständen problematisch-existentieller Darstellung einerseits - die Einbettung der beliebig alltäglichen Personen und Ereignisse in den Gesamtverlauf der zeitgenössischen Geschichte, der geschichtlich bewegte Hintergrund andererseits".

Was begegnet uns heutzutage? Geradezu das exakte Gegenteil einer solchen Herangehensweise.

Wir sind berechtigt zu fragen: In welcher moralischen Verfassung befindet sich sozusagen die globale Kultur? Hier werden Statistiken nicht genügen.

Trotzki machte richtigerweise darauf aufmerksam, dass jede eindringliche Betrachtung des Lebens unweigerlich ein Element des Protests enthält. Wie könnte es anders sein bei den Zuständen, in denen die große Mehrheit lebt? Die traumatischen politischen Erfahrungen in der Mitte und am Ende des 20. Jahrhunderts hatten, so könnte man sagen, mehrere miteinander verbundene vorläufige (doch anhaltende) Konsequenzen: Sie beschädigten das Vertrauen des Künstlers in eine Alternative zum Kapitalismus, sie hielten ihn oder sie von einer eindringlichen Betrachtung des Lebens ab und sie machten derartige Versuche, wo sie geschahen, wesentlich langatmiger und verworrener und schmälerten ihre Verbindung mit der historischen und politischen Perspektive des Sozialismus.

Die fortgeschrittene Kunst im späten 19. Jahrhunderts und den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts konnte sich recht sicher darauf verlassen, dass eine breit angelegte Opposition gegen die bestehende Ordnung existierte. Sie konnte daraus moralischen Rückhalt und Mut in Bezug auf die Möglichkeit einer radikalen Änderung der sozialen Beziehungen schöpfen. Es wäre völlig abwegig, wenn man den außerordentlichen Reichtum der kreativen Anstrengungen dieser Jahrzehnte losgelöst von der Beziehung zwischen Kultur und revolutionärem politischen Denken und Handeln erklären wollte.

Wirtschaftliche Faktoren sind zu den gegenwärtigen ideologischen Problemen hinzugekommen. Eine beachtliche Schicht der Intelligenz hat sich materiell bereichert, was angesichts der vorherrschenden politischen und moralischen Konfusion umso bereitwilliger akzeptiert wurde. In dieser Hinsicht ähneln die Zustände vielleicht denen, die von Plechanow in der Periode vor 1914 beschrieben wurden: Viele russische Intellektuelle vollzogen nach 1905 eine Bewegung nach rechts, hin zu politischer Gleichgültigkeit.

Wird fortgesetzt.