Chinas Mittelklasse-Traum zerrinnt

Millionen Hochschulabgänger arbeitslos

Von John Chan
8. Juni 2006

Dieser Sommer wird für Millionen chinesischer Universitäts- und Mittelschulabgänger eine große Enttäuschung bringen. Nachdem die Schulgelder ein Vermögen, meist das der Eltern, verschlungen haben, und nach jahrelanger harter Arbeit finden die meisten von ihnen nicht einmal einen Arbeitsplatz.

Mehrere chinesische Ministerien haben im vergangenen Monat diese Tatsache offen eingeräumt. Ein Bericht der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, der früheren zentralen Planungsbehörde, geht davon aus, dass sechzig Prozent der 4,13 Millionen Schulabgänger keine Arbeit haben werden. Auf sie werden nur 1,6 Millionen Arbeitsplätze warten, das sind 22 Prozent weniger als im letzten Jahr. Außerdem haben zahlreiche Schulabgänger vom letzten Jahr immer noch keine Arbeit.

Zhang Xiaojian, stellvertretender Minister für Arbeit und soziale Sicherheit, erklärte der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua am 7. Mai: "Es ist schwer, wegen der Überkapazitäten, den Handelskonflikten und der Neubewertung des Yuan neue Arbeitsplätze in großer Zahl zu schaffen. Im Ergebnis wird es nicht mehr so leicht sein, dem Beschäftigungsdruck standzuhalten."

In den kommenden Jahren werden Millionen Studenten immer häufiger arbeitslos sein oder sich gezwungen sehen, jede auch noch so schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen.

Letztes Jahr haben sich 5,04 Millionen Studenten an den Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben, das sind 4,7-mal mehr als 1998. Die Zahl der Studenten im Hochschulbereich beläuft sich nun auf 23 Millionen, die höchste Gesamtzahl der Welt. Weil in den kommenden Jahren keine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten ist, werden die allermeisten Studenten in die Reihen der extrem ausgebeuteten Arbeiterklasse Chinas absinken.

Wer Arbeit findet, muss meist mit einem miesen Lohn vorlieb nehmen. In einem Kontrollbericht der Regierung stand, dass 2005 das Durchschnittsgehalt der beschäftigten Hochschulabsolventen nur leicht auf 1,588 Yuan (153 Euro) angestiegen sei, nachdem es im Jahr 2003 noch 1.551 Yuan (149 Euro) betragen habe. Die Lebenshaltungskosten sind im selben Zeitraum sehr viel schneller angestiegen, so dass die Reallöhne stagniert haben oder gesunken sind.

Ein Artikel von China Daily vom 9. Mai machte auf die verzweifelte Lage der neuen Hochschulabgänger aufmerksam, die Tag für Tag auf Arbeitssuche sind und sich kaum Zeit zum Schlafen nehmen, während ihre Eltern finanziell ausbluten. "Nachdem ihre Familien große Hoffnungen auf sie gesetzt haben, fällt es keinem Studenten leicht, am Ende eines bewunderten Universitätsstudiums und -lebens ohne Arbeit heimzukehren", heißt es dort.

Zhang Yue, der im Juli letzten Jahres seinen Abschluss an der Zentraluniversität für Finanzen und Wirtschaft gemacht hat, erklärt, er habe Hunderte Bewerbungsschreiben verschickt und an zahlreichen Arbeitsplatzbörsen in Beijing, Shanghai und anderen Städten teilgenommen. Aber er habe nur wenige Antworten erhalten.

"Aufgrund der Medienberichte hatte ich erwartet, dass es Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche geben werde. Aber ich hätte niemals gedacht, dass es derart schwierig wird. Nur sehr wenige Vermittlungsstellen haben mir überhaupt Einstellungsgespräche vermittelt", sagt Zhang. Eine Privatfirma in Beijing habe ihm ein Monatsgehalt unter 1.500 Yuan (145 Euro) geboten, er sei außerordentlich enttäuscht.

Zhangs Situation ist typisch für Millionen von Hochschulabsolventen. Er kommt aus einer ländlichen Familie in der Provinz Anhui, deren Einkommen gerade ein paar Tausend Yuan im Jahr beträgt. Als er 2002 an der Universität zugelassen wurde, musste seine Familie Geld aufnehmen, um die 10.000 Yuan (963 Euro) für das Schulgeld und weitere Kosten aufzubringen.

"Mit einem so niedrigen Gehalt werde ich wohl nicht einmal meine eigenen täglichen Mindestausgaben bestreiten, geschweige denn meinen Eltern ihre Unterstützung oder die großen Bankschulden zurückzahlen können", sagte Zhang der China Daily.

"Wissen steht zum Verkauf"

Weil das Prinzip, dass der Nutzer für die Kosten aufkommt, nicht nur im Wohn- und Gesundheitswesen, sondern auch im Bildungsbereich Einzug gehalten hat, sind die Kinder von Millionen Arbeitern und Bauern von jeder höheren Bildung ausgeschlossen. Die wenigen, die es schaffen, auf die Universität zu kommen und ihren Abschluss zu machen, fallen anschließend der halsabschneiderischen Konkurrenz zum Opfer. China funktioniert im Wesentlichen als riesige Reservearmee von Billiglohnarbeit für das globale Kapital, und trägt so dazu bei, die Löhne auf der ganzen Welt in jedem Arbeitsbereich niedrig zu halten.

Ein Artikel der Financial Times vom 14. Mai ging auf das enorme Potential an billigen und gut ausgebildeten Arbeitskräften in China und Indien ein. "Westliche Studenten, die klug genug sind, in Naturwissenschaften und Ingenieurwesen zu bestehen, sind auch klug genug zu wissen, dass sie im Wettbewerb mit einem wachsenden globalen Heer gebildeter Rivalen stehen, die gelernt haben, für weniger mehr zu arbeiten. Panikmacher mögen diese Form des Wettbewerbs als ‚intellektuellen Sweatshop’ verurteilen. Pragmatiker betrachten ihn als Käufermarkt für geistige Leistungen."

Der Artikel fährt fort: "Breitbandnetze erleichtern es den Konzernen weiter, ihre Technik- und Forschungsprozesse auszugliedern. Innovative Firmen werden genauso rücksichtslos hinter den ‚Billigintelligenzen’ her sein, wie die kostenbewussten multinationalen Konzerne heute schon Jagd auf billige Produktions- und Call-Center-Kapazitäten machen. Versuchen Sie einmal, als Inhaber eines Doktorhuts auf diesem Markt ein vernünftiges Gehalt zu erzielen. Wissen ist nicht Macht, es steht zum Verkauf." (Betonung im Original).

Seit der Revolution von 1949 wurde an chinesischen Schulen, Universitäten und Schulbüchern jahrzehntelang die berühmte Parole "Wissen ist Macht" verbreitet, die auf den britischen materialistischen Philosophen der Renaissance, Sir Francis Bacon, zurückgeht. Sie bestärkte die Studenten in der Auffassung, dass Lernen nicht nur der beruflichen Karriere diene, sondern auch in Verbindung mit den progressiven Ideen der Aufklärung und der Überwindung von Aberglauben und religiösen Vorurteilen durch Vernunft und Wissenschaft stehe.

Das stalinistische Regime, das nie für einen wirklichen Sozialismus eintrat, präsidiert heute über die schnellstwachsende kapitalistische Wirtschaft der Welt. "Wissen steht zum Verkauf" - könnte man die Bildungspolitik der Regierung beschreiben. Wie viele andere kapitalistische Regierungen der Welt hat auch die chinesische die Bildungseinrichtungen in Zertifikat-Fabriken verwandelt. Die einst hoch geachteten chinesischen Universitäten sind heute wegen der Korruption ihres Lehrkörpers und gefälschter akademischer Forschung berüchtigt. Eine solche Atmosphäre erstickt das kritische und unabhängige Denken unter den Studenten, während sie Illusionen in "Aufstiegschancen" und "individuellen Erfolg" unter markwirtschaftlichen Bedingungen schürt.

Die Realität sieht so aus, dass nur die oberste Elite der Schulabgänger es schafft, sich gut bezahlte und hochqualifizierte Arbeitsplätze in den Konzernen zu sichern. Ein paar wenige Glückliche steigen in die privilegierte Staatsbürokratie auf, sofern sie persönliche oder familiäre Beziehungen zum Regime haben. Die meisten müssen für jedes Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmer lange Schlange stehen. Ihr sozialer Status unterscheidet sich nur wenig von den Dutzenden Millionen einfachen Arbeitern in den Fabriken und Dienstleistungszentren und von den ländlichen Wanderarbeitern, die täglich um ein elendes Leben kämpfen müssen.

Am 10. Mai diskutierte Premier Wen Jiabao diese Frage in einer Staatsratsversammlung. Die chinesische Führung entschied, weniger Studenten aufzunehmen, um so die Zahl der arbeitslosen Hochschuljugend zu reduzieren und gleichzeitig den sinkenden Finanzmitteln Rechnung zu tragen, die für die Bezahlung der Dozenten und andere Ausgaben der staatlichen Hochschulbildung zur Verfügung stehen.

Das Regime weiß sehr genau, dass es auf einer sozialen Zeitbombe sitzt. 1989 waren es die Studenten, die in Beijing als erste gegen die Regierung demonstrierten, worauf sich die Proteste schnell auf die Arbeiterviertel im ganzen Land ausdehnten. Da heute die soziale Ungleichheit noch wesentlich schlimmer und offensichtlicher ist als 1989, fürchten die Behörden, dass die Frustration der Jugend zum Katalysator einer noch tiefer sitzenden Wut werden könnte.

In den neunziger Jahren, als die wachsende Unzufriedenheit auf dem Land die traditionelle Basis des Regimes unter den Bauern untergrub, versuchte sich Beijing eine Stütze unter den neuen städtischen Mittelschichten zu verschaffen. Aber heute stößt der Markt diese angeblichen "Mittelschichten", besonders die ausgebildeten jungen Menschen, immer tiefer auf den Boden der Gesellschaft.

Viele enttäuschte Intellektuelle sind schon zu politischen Dissidenten geworden und haben Kritik an der Regierung laut werden lassen. Die Beijinger Führung hat Angst, es könnten Strömungen mit "gefährlichen" politischen Ideen entstehen und eine Bewegung der Arbeiter, Bauern und Jugendlichen auslösen, die für demokratische Rechte, soziale Gleichheit und einen wirklichen Sozialismus eintritt.

Siehe auch:
China und die Aussichten des internationalen Sozialismus
(11.-13. April 2006)