Die Philanthropie des Warren Buffet

Von David Walsh
1. Juli 2006

Am vergangenen Wochenende verkündete der Investor Warren Buffet unter großem Medienjubel seine Entscheidung, Aktien seines Unternehmens Berkshire Hathaway im Wert von 37 Milliarden Dollar an fünf gemeinnützige Stiftungen zu spenden. Größte Empfängerin (mit rund 31 Milliarden) ist die Bill & Melinda Gates Stiftung, die sich auf weltweite Gesundheits- und Bildungsprojekte spezialisiert hat.

Dass ein einzelner Mensch fast 40 Milliarden Dollar einfach so übrig hat und dabei noch einen guten Anteil für sich behält, ist an sich schon erschreckend, wenn gleichzeitig 1,1 Milliarden Menschen - ein Fünftel der Weltbevölkerung - von weniger als einem Dollar pro Tag und etwa drei Milliarden Menschen von weniger als zwei Dollar pro Tag leben. Die drei reichsten Einzelpersonen des Planeten (darunter die Herren Buffet und Gates) besaßen im Jahre 2005 ein Vermögen, das größer war als das vereinte Bruttosozialprodukt der 48 ärmsten Länder der Welt.

Der Philanthropie wohnt in jedem Fall etwas Entwürdigendes und Erniedrigendes inne. Eine Gesellschaft, die Philanthropen braucht, basiert auf Ungleichheit; die Entbehrungen der Vielen werden angeblich durch die Großzügigkeit der Wenigen gelindert. Niemand kann im Ernst behaupten, dass gesellschaftliche Probleme auf diese Art zu lösen sind. Besonders in Amerika, wo im vergangenen Jahrzehnt vor unseren Augen eine Aristokratie entstanden ist und die Bush-Regierung blinde, rücksichtslose Maßnahmen ergreift, um alle Hindernisse für die Anhäufung persönlichen Reichtums zu beseitigen.

Was Warren Buffet selbst betrifft, so ist sein Leben zweifellos von gewaltigen persönlichen Widersprüchen geprägt. Wenn man den Mediendarstellungen Glauben schenkt, scheint er ein ehrlicher und zivilisierter Mann zu sein. Unter vielen widerlichen, verkommenen Typen stellt er offenbar eine Ausnahmeerscheinung dar. Er hat liberale Ansichten zu gesellschaftlichen Fragen und sein Geld für eine Reihe von wohltätigen Zwecken hergegeben. Er lebt recht bescheiden in einem Haus, das er vor Jahrzehnten gekauft hat.

Es ist bemerkenswert, dass Buffets Lebensstil die Behauptungen der Medien und anderer Verteidiger von Firmenplünderungen Lügen straft, die fantastischen Summen, die amerikanischen Vorständen gezahlt werden, seien notwendig, um "die besten und hellsten Köpfe" zu behalten. Für Buffet zumindest scheint die Anhäufung von persönlichem Reichtum nicht die Hauptmotivation gewesen zu sein.

Seine Fähigkeiten als Investor sind wohl über Zweifel erhaben. Er ist höchst qualifiziert für das, was er tut, und fraglos ein Mann, der sich mit Geld auskennt. Sein Erfolg hat ihm eine ergebene Anhängerschar eingebracht.

Auch wenn wir nicht vorhaben, in den derzeitigen Jubelchor der Medien einzustimmen, gibt es keinen Grund, Buffet als Individuum wegen seines großen Reichtums zu verteufeln - selbiges gilt auch für Bill Gates. Letztlich betreffen die Fragen, die ihre Vermögen aufwerfen, nicht ihre persönlichen moralischen Qualitäten.

Dessen ungeachtet raten wir allen, die aufgrund von Buffetts Milliardenspende für wohltätige Zwecke feuchte Augen bekommen, bestimmte Tatsachen des Wirtschaftslebens in Betracht zu ziehen. Unabhängig von seinen Absichten spielte Buffett eine Rolle bei jüngeren ökonomischen Entwicklungen, die für eine große Zahl von Menschen verheerende Folgen hatten. Wir sprechen hier nicht von der Einzelperson Buffett sondern von dem gesellschaftlichen Prozess, den er verkörpert. Dessen schreckliche Konsequenzen für das Leben von Arbeitern mögen ihn schmerzen und womöglich "extrem demoralisierend" wirken, wie Oscar Wilde die Bürde des Privateigentums für viele Reichen einschätzte, aber das ist nur ein weiteres Argument für den Sozialismus.

Trotz seines persönlichen Anstands gehört Buffett zu den Gestalten, durch die eine immer rücksichtslosere Ausbeutung der amerikanischen Arbeiterklasse vorangetrieben wurde. Dieselben Mechanismen, durch die er seine Milliarden gemacht hat, von denen er nun einen Teil abgeben will, haben auch zum Anwachsen von Armut und sozialer Ungleichheit beigetragen. Der Analyst Jonathan Davis beschreibt Buffetts Operationen folgendermaßen:

"Seine Dachgesellschaft Berkshire Hathaway ist um einen Kern aus höchst profitablen Versicherungsunternehmen gebaut; das Geld, das diese abwerfen, stellt das Kapital, das Buffett und sein Partner Charlie Munger dann im Sinne ihrer Aktionäre investieren. Überlassung von Kapital betrachten Buffett und Munger als ihre ‘Kernkompetenz’.

Buffett ist bekannt für seine ‘zeitweiligen’ Minderheitsbeteiligungen an einer Reihe von Amerikas größten Unternehmen wie American Express, Coca-Cola, Gillette und dergleichen. Doch dies stellt nur einen (zudem abnehmenden) Teil der gesamten Investitionsaktivitäten des Unternehmens dar. Neben den Versicherungsoperationen besitzt Berkshire Hathaway mittlerweile eine Reihe von Industrie- und Einzelhandelsfirmen, die in ihrer Mehrheit in schrecklich langweiligen, aber lukrativen Geschäftsfeldern tätig sind. Viele von diesen waren zwar ursprünglich Familienbetriebe, sind aber heute in wachsender Zahl börsennotierte Unternehmen, die Buffett direkt auf dem Aktienmarkt übernommen hat."

Buffetts Unternehmungen, seine Organisation von Fusionen und Übernahmen, sind unvermeidlich mit einer Umstrukturierung der betroffenen Firmen verbunden, damit diese eine höhere Rendite für die Investoren abwerfen. Sein Geschäft besteht darin, Vermögen effektiver, d.h. profitabler einzusetzen, und sein Erfolg spricht für seine Brillanz in dieser Sache. An Buffets Herangehensweise ist nichts Sentimentales. Er kann zweifellos Bilanzen lesen wie kaum ein anderer.

Buffetts Finanzmanöver haben einen objektiven Charakter, d.h. seine Entscheidungen sind vom geschäftlichen Standpunkt aus immer verständlich. Seine Sorgen um die Beschäftigten mögen echt sein, aber als "Kapitalist, der in der Tat nur das personifizierte, mit eignem Bewusstsein und Willen begabte Kapital ist", wie Marx es ausdrückte, hat er kaum eine Wahl. Buffetts Ziel besteht im Rahmen des kapitalistischen Marktes notwendigerweise darin, um jeden Preis den Wert der Berkshire-Hathaway-Aktie zu steigern. Er selbst mag sich mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden geben, aber die gierigen Investoren wollen befriedigt werden.

Buffett hat unvermeidlich eine Spur von geschlossenen Fabrikanlagen und ruinierten Gemeinden hinter sich gelassen. Er bedauert das vielleicht, und es könnte zu seinem Entschluss beigetragen haben, zig Milliarden abzutreten, doch das sollte niemanden blind machen für die unerbittliche ökonomische Wirklichkeit. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass ein anständiger Mensch gezwungen ist, Arbeitsplätze und Leben zu zerstören, ist das stärkste Argument gegen all jene in gewerkschaftlichen und linksliberalen Kreisen, die Arbeitern raten, an die ‘Menschlichkeit’ der Kapitalisten zu appellieren.

Buffett begann im Alter von 32 Jahren damit, Arbeitsplätze zu vernichten, als er den Windradhersteller Dempster kaufte und dort einen gewissen Harry Bottle einsetzte. "Bottle strich die Ausgaben zusammen, entließ Arbeiter und sorgte dafür, dass die Firma Geld abwarf", bemerkt ein Kommentator. Im gleichen Jahr entdeckte Buffett einen Textilhersteller, Berkshire Hathaway, der für weniger als 8 Dollar pro Aktie zu haben war. Diese Firma wurde zum Sprungbrett für sein Imperium.

1985 schloss Buffett die Textilproduktion von Berkshire Hathaway in New Bedford, Massachusetts, was 425 Menschen den Arbeitsplatz kostete. Die Schließung war eine Reaktion auf die wachsende Konkurrenz aus Japan und Taiwan, die durch niedrige Preise und einen starken Dollar verstärkt wurde.

1985 tat sich Buffet mit Capital Cities Communications zusammen, um den Sender ABC zu kaufen. Gleichzeitig wurde Laurence Tisch Vorstandschef von CBS und RCA verkaufte den Sender NBC an General Electric. Als Ergebnis dieses Prozesses verloren die neuerworbenen Unternehmen "Publikum und Einnahmen an Kabelsender. Eine Runde von Ausgabenkürzungen und Entlassungen folgte nun auf die nächste."

Man könnte noch lange so weitermachen. Große Geschäfte sind unvermeidlich auch schmutzige Geschäfte. Im Jahre 2000 kaufte Buffetts Firma Anteile an US Gypsum (USG) und setzte dabei nach Darstellung einer Internetquelle darauf, "dass ein dem Unternehmen noch anhängender Asbest-Prozess bald durch einen einvernehmlichen Plan zur Entschädigung von Arbeitern gelöst würde". Da solche Schritte ausblieben, schützte sich USG durch ein Insolvenzverfahren vor Asbest-Klagen, hinter denen sich die Krankheiten und das Elend von Tausenden Arbeitern verbergen.

Buffett ist ebenso wenig ein Heilsbringer für Arbeiter wie jeder andere Kapitalist. 2003 weigerte er sich, den bankrotten Textilhersteller Burlington Industries zu kaufen, nachdem das Gericht im Insolvenzverfahren eine Gebühr von 14 Millionen Dollar abgelehnt hatte, die Burlington im Falle eines Scheitern des Geschäfts hätte bezahlen müssen.

Im August 2004 verkündete der Unterwäscheproduzent Fruit of the Loom, der mittlerweile zu Berkshire Hathaway gehört, dass seine Fabrik in Cameron County, Texas zum Jahresende geschlossen und ein Großteil der Produktion nach Honduras verlagert würde. Dies bedeutete das Aus für 800 Arbeitsplätze. Cameron County hatte bereits eine zweistellige Arbeitslosenquote und eine Armutsrate von 33 Prozent. Das Magazin New Yorker berichtete:

"Als Warren Buffett [...] Fruit of the Loom übernahm, rief diese Nachricht begeisterte Reaktionen in der Werkshalle in Cameron County hervor. Die Arbeiter hatten gehört, dass Buffett clever sei. Sie sahen nicht voraus, dass ein cleverer Geschäftsmann den Weltmarkt und die Meinung der Aktionäre im Auge hat und ihnen die Arbeitsplätze einfach wegnehmen würde. Die wiederum arbeitslosen Textilarbeiter gaben die Schuld nicht Buffett, dessen Unternehmen bald schon eine Verdopplung der Profite verkündete. Das war einfach die Art, wie das System läuft."

2005 half Buffett bei der Vermittlung der Fusion zwischen Gillette, dessen größter Anteilseigner er ist, und Procter & Gamble. Buffett verdiente angeblich 645 Millionen Dollar an dem Deal. In einem Bericht heißt es: "Dieses Geschäft wird in diesem Jahr die Fusions- und Übernahmeaktivitäten entfachen, erwartet werden mehr Konsolidierungen, Fusionen und Entlassungen. Procter & Gamble wird voraussichtlich 6.000 Stellen streichen, das sind vier Prozent der Gesamtbelegschaft von 140.000."

Amerikanische Kapitalisten, selbst die wohlwollendsten, überschatten die Arbeitswelt wie Giganten. Ein Artikel aus der in Alabama erscheinenden Zeitung Montgomery Advertiser vermittelt eine Vorstellung davon. Er handelt vom Schicksal der Arbeiter in einer Textilfabrik der Russell Corporation. Die Überschrift lautet: "Russell wartet auf Buffett", und der Text beginnt mit den Worten: "Was bedeutet es, vom zweitreichsten Mann der Welt aufgekauft zu werden?"

Weiter heißt es: "Dies ist die Frage, die den Beschäftigten von Russell Corp. in dieser Woche durch den Kopf geht, nachdem Berkshire Hathaway, die vom Milliardeninvestor Warren Buffett geleitete Dachgesellschaft, die Übernahme des Sportkleidungsherstellers angekündigt hat. Die Übernahme bringt sowohl Unsicherheit als auch Hoffnung in das Leben der 3.700 Russell-Angestellten, die in der Fabrik in Alexander City - wo die Firma 1902 gegründet wurde - und anderen Orten in Alabama arbeiten.

Erst vor zwei Monaten hatte Russell 700 Arbeitsplätze in Alexander City gestrichen und das Unternehmen versprach diese Woche, die Umstrukturierungspläne fortzusetzen und die Belegschaft bis zum Jahresende 2007 weiter zu verkleinern."

Der Artikel merkt an: "Buffett steht in dem Ruf, Unternehmensfinanzen zu stabilisieren, aber er hat auch bereits seine Fähigkeit zu machiavellistischen Taktiken wie Fabrikschließungen und Entlassungen bewiesen."

Der Artikel im Advertiser weist darauf hin, dass die von Buffett bei Fruit of the Loom organisierte "Wende" nicht frei von Kosten war. "Erst im vergangenen Monat schloss Fruit of the Loom eine Garnfabrik in Rabun Gap, Georgia, wodurch 930 Beschäftigte ihre Arbeit verloren. Das Unternehmen machte den anhaltenden ‘Ansturm’ asiatischer Importe für die Schließung verantwortlich."

Dies ist das Werk eines verherrlichten "asset-strippers", der Firmen aufkauft, um sie Gewinn bringend auszuschlachten.

Balzac hat erklärt, dass hinter jedem großen Vermögen ein großes Verbrechen stehe. Dies bedeutet nicht, dass derjenige, der ein Vermögen macht, von seiner persönlichen Veranlagung her zur Verdorbenheit neigt. Seine Taten mögen von den einwandfreiesten Geschäftsprinzipien angeleitet sein. Aber niemand häuft mit sauberen Händen Milliarden Dollar an.

Buffett hat vielleicht nicht das Niederschießen von Arbeitern angeordnet, wie seine Vorgänger, die skrupellosen Kapitalisten und Philanthropen Andrew Carnegie und Henry Clay Frick, aber er ist eines der menschlichen Werkzeuge, durch die anständig bezahlte Arbeitsplätze vernichtet wurden - mit all dem menschlichen Leiden, das damit einhergeht.

Sein Vermögen ist mit der Offensive gegen den Lebensstandard von Arbeitern verbunden, die unter US-Präsident Ronald Reagan ernsthaft begann und seitdem kein Ende gefunden hat, und ebenso mit dem parasitären Aktienmarktboom der 1990er Jahre. 1983 nannte Buffett ein respektables Nettovermögen von 620 Millionen Dollar sein eigen. 1989 hatte es sich auf 3,8 Milliarden Dollar versechsfacht; seitdem ist es um mehr als das Zehnfache angewachsen.

Carnegie und Frick gaben ebenfalls Millionen (auf den heutigen Dollar umgerechnet Milliarden) für karitative Zwecke. Carnegie erklärte: "Wer als reicher Mann stirbt, stirbt in Schande." Frick zeigte weniger Reue. Er und Carnegie hatten einen erbitterten Streit und als Carnegie Jahre später ein Versöhnungstreffen vorschlug, soll Frick geantwortet haben: "Sagt ihm, dass ich ihn in der Hölle treffe, in die wir beide wandern." Zu Recht erinnert man sich heute mehr an die Verbrechen als die Wohltätigkeit der beiden.

Wir leben in einer anderen Zeit, und Buffett kam bislang nicht in die Verlegenheit, seine Milliarden durch Polizei- und Militärgewalt zu schützen. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass die Geschichte ein strenges Urteil über die Periode fällen wird, in der er seine Milliarden machte, und über die Mittel, die er dabei benutzte.

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