Einen Bären aufgebunden

Esmas Geheimnis - Grbavica

Von Anders Ernst
6. Juli 2006

Als Grbavica, der jetzt unter dem deutschen Verleihtitel Esmas Geheimnis in die Kinos kommt, bei der Berlinale den Goldenen Bären für den besten Film gewann, war dies eine Überraschung, die im Vorfeld niemand erwartet hatte. Neben den ästhetischen Qualitäten des Films (und dem Debütfilmbonus, den die Jury gewiss in Anschlag brachte) spielten hierbei auch politische Fragen eine Rolle - die Förderung der schwächlichen bosnischen Filmindustrie, aber auch die "Aufarbeitung" des bosnischen Bürgerkrieges 1992-1995.

Grbavica ist der erste Spielfilm der 1974 geborenen Regisseurin Jasmila Žbaniæ. Sie hat vorher hauptsächlich Dokumentarfilme gedreht, die sich mit den Kriegsfolgen und ihrer Aufarbeitung beschäftigten, darunter mehrere Koproduktionen mit ZDF/Arte, die in Deutschland im Fernsehen zu sehen waren (Rote Gummistiefel, Was uns bleibt sind unsere Bilder). Auch Grbavica wurde von den gleichen Redaktionen gefördert, daneben waren österreichische Firmen und EU-Institutionen wie Eurimages an der Produktion beteiligt.

Im Zentrum von Grbavica stehen die alleinerziehende Mutter Esma (Mirjana Karanoviæ) und ihre 12-jährige Tochter Sara (gespielt von der 14-jährigen Luna Mijoviæ). Esma heuert als Kellnerin in der von dem Gangster Šaran (Bogdan Dikliæ) geleiteten Diskothek an und engagiert ihre Tante, sich während ihrer nächtlichen Arbeitszeit um Sara zu kümmern. Diese kommt nicht mit der widerspenstigen, jungenhaften Sara zurecht. Auch Esma hat Schwierigkeiten auf der Arbeit, sie kommt mit der sexualisierten Atmosphäre dort nicht zurecht und bricht regelmäßig zusammen, wenn sie mit bestimmten Situationen konfrontiert wird, die sie augenscheinlich an ihre traumatischen Kriegserlebnisse erinnern. In der Frauenselbsthilfegruppe, die Esma regelmäßig besucht, hat sie über ihre Erfahrungen noch nicht zu sprechen gewagt.

Unterdessen erfahren wir, dass Saras Schulklasse eine Exkursion plant. Esma versucht, sich die Kosten für die Exkursion zu borgen, während Sara darauf besteht, dass ihre Mutter ihr die amtliche Bestätigung verschafft, dass ihr Vater ein "Šehid" ist (ein Begriff, der im Koran im "Dschihad" gefallene Märtyrer bezeichnet), d.h. ein im Bosnienkrieg gefallener muslimischer Kämpfer. Dies ist für Sara auch eine Frage der Ehre gegenüber ihren Mitschülern, darunter auch der ebenfalls vaterlose Junge Samir (Kenan Šatiæ), mit dem sie sich ausgerechnet über das vermeintlich geteilte Schicksal der Väter befreundet hat.

Parallel zur Beziehung der Teenager Sara und Samir entwickelt sich eine zögerliche Romanze zwischen Esma und ihrem ebenfalls von seinen Kriegserfahrungen gezeichneten Arbeitskollegen Pelda (Leon Luèev). Pelda lässt sich in die dunklen Intrigen des Gangsters Puška (Emir Hadžihafizbegoviæ) verwickeln und wird am Ende die Stadt verlassen müssen. Esma trifft es gleich mehrfach, sie verliert wegen einer Nachlässigkeit ihren Job und wird schließlich von Sara mit Gewalt zur Rede gestellt und muss ihre gestehen, dass ihr Vater kein Šehid war, sondern ein "Èetnik" (ein serbischer Soldat), der Esma vergewaltigt hat. Ein Gutes hat die Aufdeckung der Notlüge - für Esma, die es endlich schafft, auch in der Frauengruppe über ihre Erlebnisse zu sprechen. Dabei erfahren wir, dass sie in einem serbischen Lager monatelang nächtlich mehrfach vergewaltigt wurde und dass man sie zwang, ihr Kind auszutragen und im Lager zur Welt zu bringen.

Dass Grbavica bei der Berlinale so erfolgreich war, kommt nicht völlig unverdient. Die größte Stärke des Films ist das Drehbuch, das die unspektakuläre Geschichte dramaturgisch straff und konzentriert zu ihrem Finale hinsteuert und jedem noch so kleinen Detail seinen Platz und seine Bedeutung für den Fortgang der Geschichte zuweist. Getragen wird der Film auch von den beeindruckenden Leistungen der beiden Darstellerinnen von Esma und Sara.

Das Spiel von Mirjana Karanoviæ macht leicht vergessen, dass sie für die Rolle sowohl vom Alter als auch vom Typus her nicht wirklich stimmig besetzt ist. Die 1957 geborene Schauspielerin, die vor allem durch ihre Rollen in den Filmen Emir Kusturicas (Papa ist auf Dienstreise, Underground, Das Leben ist ein Wunder) bekannt wurde, ist durch ihren schwermütigen, sensiblen Charakter auf die Rolle der untergeordneten Ehefrau abonniert, deren Widersprüchlichkeit und Ambivalenz sie hervorragend auszudrücken vermag. Die Rolle der Esma erfordert eigentlich eine 15 Jahre jüngere Darstellerin - eine Frau, die noch etwas mehr vom Leben zu erwarten hat, der man die Energie und den Leichtsinn abnimmt, sich auf Nachtschichten im zwielichtigen Diskothekenmilieu einzulassen, die den Widerspruch zwischen Lebenshungrigkeit und seelischer Verletztheit überzeugend zu verkörpern vermag.

Weder nimmt man Šaran ab, dass er jemanden wie Esma engagiert, noch wirkt das erotische Interesse glaubhaft, das Pelda ihr entgegenbringt. Überhaupt ist der gesamte Nebenhandlungsstrang um die Diskothek herum klischeehaft und unglaubwürdig. Die Gangster Šaran und sein Gegenspieler Puška sind Karikaturen, die dramatische Handlung ist eine unfreiwillige Farce. Die eigentlich interessante Figur von Pelda (von der Regisseurin nach einem ihrer Freunde gestaltet), einem durch den Krieg aus der Bahn Geworfenen, der aus Resignation und Perspektivlosigkeit in das Gangstermilieu geraten ist, ohne dort von seiner charakterlichen Anlage wirklich hineinzupassen, bleibt ebenfalls blass und spannungslos.

Anstatt die inneren Widersprüche der Charaktere herauszuarbeiten, gelingt dem Film an dieser Stelle nur die platte Gegenüberstellung von bemitleidenswerten Opfern und ruchlosen Bösewichten. In der Gestaltung des Zwischentons, den Pelda verkörpert, drückt sich nur die der Figur äußerliche Ambivalenz der Regisseurin aus, die sich nicht recht entscheiden kann, ob sie ihn für sein Handeln anklagen oder entlasten soll. In diesem gestalterischen Misslingen offenbart sich letztendlich auch die schematische, moralisierend vereinfachende Sicht der Regisseurin auf den Bosnienkrieg.

Der Krieg in Bosnien - Propaganda und Wahrheit

Aus ihren öffentlichen Äußerungen im Zusammenhang mit dem Film wird klar, wo für Jasmila Žbaniæ die Kriegsschuld liegt. In einem im Presseheft abgedruckten Interview sagt sie über Grbavica, den Stadtteil von Sarajewo, der dem Film den Namen gab: "Während des Krieges wurde dieses Gebiet von der serbisch-montenegrischen Armee besetzt und zu einem Kriegslager umgewandelt, in dem die Zivilbevölkerung gefoltert wurde."

Das ist eine schon groteske Verdrehung der Tatsachen. In Wirklichkeit war die Teilung Sarajewos nicht das Resultat einer von Belgrad aus kommandierten Aggression gegen den souveränen Staat Bosnien-Herzegowina, sondern der inneren Spaltung der ethnisch stark durchmischten Republik, in der schon zur Titozeit das politische Gewicht zwischen den Vertretern der drei "tragenden" Volksgruppen, der Muslime (Bosnjaken), Kroaten und Serben, kompliziert austariert war. Es waren die einheimischen, bosnisch-herzegowinischen politischen Vertreter der serbischen Bevölkerungsgruppe, die die von der muslimischen und kroatischen Seite ausgerufene Unabhängigkeit der Republik nicht anerkannten und sich ihrerseits unabhängig erklärten, eine eigene Armee aufbauten und im Laufe des sich daraus entwickelnden Bürgerkrieges das Umland und Teile der südlich des Flusses Miljacka gelegenen Stadtteile und Vororte Sarajewos okkupierten.

Sarajewo wurde so zur geteilten Stadt und zum Brennpunkt des Bürgerkrieges, bei dem zahlreiche ausländische Akteure untereinander um Einfluss wetteiferten und den Konflikt dadurch anheizten und verlängerten - während die serbischen Nationalisten von Serbien und die kroatischen von Kroatien (und Kroatien von Deutschland) gestützt wurden, wirkten hinter den Kulissen die USA zugunsten der muslimischen Seite ein. Teil der psychologischen Kriegführung war eine in den westlichen Medien lancierte Propaganda, in der die serbischen Nationalisten als die Aggressoren und die muslimischen und kroatischen als die Opfer dargestellt wurden.

Die politische Gemengelage und die westlichen Regierungsinteressen brachten es mit sich, dass unter ausländischen Journalisten ein regelrechter Wettbewerb um die wirkungsvollsten Gräuelgeschichten ausbrach. Dazu gehörten von britischen Journalisten fabrizierte Bilder von angeblichen serbischen Vernichtungslagern, die im Sommer 1992 für Furore sorgten, und ab dem Herbst 1992 die maßgeblich von der deutschen Journalistin Alexandra Stiglmayer ins Rollen gebrachten Geschichten von systematischen Massenvergewaltigungen muslimischer Frauen durch die serbische Soldateska.

Die kriegslüsternen Medien stürzten sich sofort auf diese Geschichte ("Demütigung als Waffe: In Bosnien-Herzegowina wird systematisch vergewaltigt, um die Moral des Gegners zu untergraben - Die totale Degradierung der Frau zur Ware"), ohne sich groß um Recherche und Tatsachenprüfung zu scheren. Bald kursierten Zahlen von 30.000 bis 100.000 Vergewaltigungsopfern. Selbst die elementarste Logik wurde damals auf dem journalistischen Schlachtfeld geopfert, etwa als die New York Times das Foto eines zwei Monate alten Babys publizierte, das angeblich von einer von serbischen Soldaten vergewaltigten muslimischen Frau auf die Welt gebracht worden war - diese Geschichte erschien gerade acht Monate nach Kriegsbeginn.

Die EU tat ihren Teil, indem sie eine Kommission entsandte, die sich völlig auf Angaben der kroatischen Regierung verließ und bei einer Schätzung von 20.000 vergewaltigten Frauen anlangte. Eine später von der UN eingesetzte Kommission, die eine detaillierte Bestandsaufnahme von Zeugenaussagen über Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zusammentrug, kam zu dem Schluss, dass "deutlich weniger [Information] als ‚reklamiert’" vorliege (UN-Dokument S/1994/674/Add.2 (Vol. V) vom 28. Dezember 1994). So erhielt die Kommission von der bosnischen Regierung, die die Zahl 30.000 in die Welt gesetzt hatte, lediglich Daten über 126 Opfer.

Interessant ist auch, dass die Berichte von serbischen Massenvergewaltigungen erst ab November 1992 erschienen, d.h. unmittelbar nachdem die jugoslawische Regierung der UN einen detaillierten Bericht über serbische Vergewaltigungsopfer in von der muslimisch-kroatischen Föderation betriebenen Lagern übergeben hatte. Ein diesen Vorwürfen nachgehender UN-Bericht vom 5. Januar 1993 bestätigte das Bestehen muslimischer "Kriegsbordelle" in Sarajewo, in denen serbische Frauen gefangen gehalten wurden.

Obwohl also von Anfang an alles darauf hindeutete, dass Verschleppungen und Vergewaltigungen von allen beteiligten Kriegsparteien verübt wurden, zeichneten die hiesigen Medien wider besseren Wissens ein falsches und verzerrtes Bild von Serben als den "verbrecherischen Aggressoren" und Kroaten und Muslimen als "angegriffenen Opfern", die höchstens "in der Reaktion und Gegenwehr ebenfalls Verbrechen begehen" - in den Worten des Ex-Maoisten Peter Schneider, der wie so viele andere "Linke" über den Bosnienkrieg offen zur Befürwortung imperialistischer Intervention überging.

Verschenkte Chance

Leider zeigt Jasmila Žbaniæ keinerlei Anzeichen dafür, diesem Zerrbild entgegentreten zu wollen. Vielmehr strickt sie selber aktiv und verbissen mit an dem Mythos von der großserbischen Aggression gegen das wehrlose, um die Verteidigung seiner Multikulturalität bemühte Bosnien.

Siehe auch:
56. Berlinale: Es gibt Bewegung
(22. März 2006)

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