San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 3

Politische Enthüllungen und mehr... oder weniger

Von Joanne Laurier
8. Juli 2006

Dies ist der dritte Teil einer Artikelreihe zum diesjährigen San Francisco International Film Festival, das vom 20. April bis zum 4. Mai 2006 stattfand.

Ein offiziell unaufgeklärter politischer Mord

Am Freitag, den 29. Oktober 1965 hatte Mehdi Ben Barka, ein prominenter marokkanischer bürgerlicher Nationalist und Gegner des Regimes von König Hassan II. eine Verabredung in der Brasserie Lipp in Paris. Er dachte, er ginge dorthin, um die Vorbereitungen zu einem Film über die nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu besprechen. Der Film sollte zur Eröffnung der vom Castro-Regime veranstalteten Trikontinentalen Konferenz in Havanna 1966 gezeigt werden.

Das Treffen war eine Falle. Die französische Polizei ließ Ben Barka "verschwinden" und wurde nie wieder gesehen. Der Vorfall war in dieser Zeit ein wichtiges politisches Ereignis, das besonders in Marokko und Frankreich bis heute nachhallt.

Der Film J’ai Vu Tuer Ben Barka (Ich sah, wie Ben Barka getötet wurde) des französischen Regisseurs Serge Le Péron ist eine außerordentliche "dokudramatische" Rekonstruktion der Entführung und Ermordung von Ben Barka. Der Film wird von Georges Figon erzählt, der "aus dem Jenseits" spricht und die Ereignisse zu schildert, die zu seiner eigenen Ermordung führten.

Figon, ein Halunke mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen, dessen antibürgerliche Phrasen ihm Zugang zu Intellektuellen wie dem Filmemacher Georges Franju und den Schriftstellern Marguerite Duras und François Mauriac verschaffen, spielt eine kritische Rolle dabei, Ben Barka in die Falle zu locken. Am Ende stirbt er als Mitwisser selbst.

Der schuldenbeladene Figon (Charles Berling) ist eine leichte Beute für den Verbrecher Georges Boucheseiche, der seinen Prostitutionsgeschäften in Frankreich und Marokko ungehindert nachgehen kann, da er für hochgestellte Persönlichkeiten anrüchige Dienste verrichtet. Boucheseiche bietet Figon die Aussicht, ins Filmproduktionsgeschäft einzusteigen, was dieser seiner schauspielernden Geliebten als Gelegenheit anpreist, aus den roten Zahlen zu kommen und ihre nicht sehr viel versprechende Karriere auf Touren zu bringen.

Figons erstes Projekt - finanziert durch den rätselhaften Chtouki, der sich schließlich als Agent des monströsen Generals Oufkir, Marokkos Innenminister, entpuppt - soll ein Dokumentarfilm über die Entkolonialisierung werden, für den Ben Barka als historischer Berater angeheuert wird. In Kairo wird ein Treffen mit Ben Barka arrangiert, der dort unter dem Schutz des Nasser-Regimes wohnt. Ob Figon von Anfang an weiß, dass das "Filmprojekt" Teil eines Entführungs- und Ermordungsplans ist, ist unklar, doch muss er es bald begriffen haben.

Als Ben Barka der Filmidee zustimmt, verkauft Figon die Idee Franju (Jean-Pierre Léaud) and Duras (Josiane Balasko) als Regisseur bzw. Drehbuchautorin. Ben Barka trifft in Frankreich ein, um die Vereinbarung abzuschließen. Ein paar Tage, nachdem der marokkanische Führer verschwunden ist, wird Figon ermordet aufgefunden. Franju und Duras begreifen, dass sie als Köder für die Entführung des nationalistischen Führers dienten, und der Filmemacher fällt darüber in seine alten Verhaltensmuster, Alkoholismus und Beinahewahnsinn, zurück. Ein Video zeigt Präsident Charles De Gaulle, der die Beteiligung der französischen Polizei an Ben Barkas Verschwinden abstreitet.

Le Pérons stilvoller Film über Mehdi Ben Barkas offiziell immer noch unaufgeklärte Ermordung übernimmt den finster komischen Tonfall des professionellen Schwindlers und Wühlers Figon. Mit einem guten Mundwerk und der Bereitschaft, für Geld alles zu tun, ist dieser der perfekte Mittelsmann für ein politisch faules Komplott, und als kleiner Fisch endet er unweigerlich ebenfalls als Opfer. Le Pérons hochgradig bewusste Charakterisierung von Figon erlaubt ihm, die verschiedenen persönlichen Intrigen mit weitergehenden politischen und künstlerischen Themen zu verknüpfen. Er bewegt sich dabei gekonnt zwischen den Genres des historischen Dokudramas und des politischen Thrillers.

Durch dieses Vorgehen erschafft Ben Barka ein komplexes, wahrhaftiges Bild des Zeitpunkts der Nachkriegsgeschichte, an dem die Großmächte (insbesondere Großbritannien und Frankreich) sich genötigt sahen, ihren Kolonialgebieten eine Form von Unabhängigkeit zu gewähren (für Marokko geschah dies 1956), während sie gleichzeitig darauf hinwirkten, die politische und ökonomische Kontrolle über ihre früheren Kolonialsklaven zu erhalten.

Die Imperialisten haben mehr als nur ein paar Verbündete innerhalb der nationalen Bourgeoisie. Finstere Charaktere wie General Oufkir können in der französischen Gesellschaft straflos operieren. Mit Handreichungen der französischen Polizei und Geheimdienste wird ihnen bei der Unterdrückung von politischen Gegnern wie Ben Barka freier Lauf gelassen. Auch Folter und Mord in eleganten Pariser Vorstädten sind dabei nicht tabu. Der Film fängt das Wesen von Figuren wie Figon ein, die allzu willigen Werkzeuge - oder Dummen - in einer Staatsverschwörung, sowie von weichherzigen Intellektuellen wie Franju und Duras, die sich gedankenlos und unbekümmert zum Narren machen lassen. (Insbesondere die Eitelkeit und politische Blindheit "linker" Persönlichkeiten wie Duras ergäben eine Geschichte für sich, doch der Regisseur übergeht dieses Thema weitgehend.)

Die gemeinsame Verantwortung der französischen und marokkanischen Polizei für das tragische Schicksal von Ben Barka ist gut dokumentiert, aber auch andere ausländische Dienste waren beteiligt, wie Ben Barkas Sohn Bachir in einem Interview aus dem Jahr 1999 äußert.

Bachir Ben berichtet, dass die marokkanischen Behörden zwei offizielle Todesurteile gegen seinen Vater verhängt und mehrere Mordversuche gegen ihn unternommen hätten, und fährt fort: "Das marokkanische Regime war in dieser Affäre nicht allein. Es bekam Hilfestellung von Seiten der französischen Geheimdienste und der für sie arbeitenden Schurken. Schon gegen die in Frankreich ansässige marokkanische Opposition waren die französische und marokkanische Polizei koordiniert vorgegangen. Ebenfalls beteiligt war der [israelische] Mossad, der den marokkanischen Geheimdiensten beim Begehen des Verbrechens mindestens ‘logistische’ Unterstützung zuteil werden ließ. [...] Man kann ferner davon ausgehen, dass die CIA in der einen oder anderen Form beteiligt war." (www.newyouth.com)

In der Tat hat die US-Regierung 1976 eingestanden, dass die CIA im Besitz von etwa 1800 Dokumenten zu Mehdi Ben Barka war. Le Pérons Film hat diese wichtige Episode, mit all ihren Folgen für die Gegenwart, geschickt in Szene gesetzt. Es handelt sich um einen der besseren Filme dieses Jahres.

Szenen aus dem Bürgerkrieg

Der amerikanische Regisseur James Longley machte seinen ersten Dokumentarfilm Gaza Strip im Jahr 2001 im umkämpften Gazastreifen. Er begann die Arbeit an einem Film über den Irak Anfang 2003, als es klar wurde, dass die Vereinigten Staaten eine Invasion planten. Longley besuchte den Irak zweimal vor dem letzten Golfkrieg. Er kehre nach der US-Invasion im März 2003 zurück und lebte und drehte dort bis zum April 2005, wobei er 300 Stunden Filmmaterial aufnahm. Das Ergebnis ist der faszinierende Film Iraq in Fragments.

"Der Irak ist so ein einzigartiger Ort, und so lange Zeit konnte dort niemand auf einfache Weise Filme machen", bemerkt der 34-jährige Filmemacher. "Ich konnte meinen Wunsch kaum zügeln, alles zu dokumentieren. Ich wollte zehn Geschichten gleichzeitig filmen, alle in verschiedenen Teilen des Landes. Am Ende drehte ich nur sechs verschiedene Geschichten. Drei davon sind in die Endfassung des Films eingegangen. Mit Iraq in Fragments ist ein dreiteiliger Film entstanden, aufgeteilt nach den Themen, nach denen sich für die meisten von uns der Irak definiert: Sunniten, Schiiten und Kurden. Es wäre leicht, ein einfaches Bild des Irak zu malen, das nach diesen Themen unterteilt ist, doch die Wirklichkeit ist schwieriger."

Der erste Abschnitt von Longleys Dokumentarfilm konzentriert sich auf Mohammed, einen elfjährigen Mechaniker in Bagdad, der in der Schule mehrere Jahre hinterher ist. Die Produktionsnotizen des Films erklären, dass der Junge von seiner Großmutter betreut wird und die Schule verlassen hat, um seine Familie zu unterstützen. "Mohammeds Geschichte ist im Irak ziemlich normal, einem Land, das Jahrzehnte überflüssiger Kriege, Despotismus und strangulierende Wirtschaftssanktionen [die nach dem Zweiten Golfkrieg 1991 von den USA und den Vereinten Nationen verhängt wurden] erlitten hat", sagt Longley.

In der Eröffnungssequenz des Films scherzen Männer in der Werkstatt in Bagdad illusionslos über die US-Invasion: "Es geht ums Öl, nicht mehr und nicht weniger. Warum haben [die Amerikaner] das Ölministerium nicht gebrandschatzt? Sie kümmern sich um Basra und Kirkuk, weil es dort Öl gibt."

Mohammed, dessen Vater eingesperrt wurde, weil er sich gegen Hussein aussprach, vergöttert seinen mürrischen Chef, der sich jetzt hauptsächlich um den Jungen sorgt. Der ältere Mann, der sich nur kümmerlich durchschlägt, klagt: "Nur die Arbeiterklasse wurde getroffen. Nur die Reichen werden profitieren. Wo war die Dawa-Partei? Sie haben Saddam nicht gestürzt. Jetzt wird ihnen alles auf dem Silbertablett serviert", sagt er mit Bezug auf die Position der schiitischen Partei im amerikanischen Marionettenregime.

In einem Klassenzimmer versucht eine Lehrerin, ihre Schüler zu motivieren: "Ich will, dass ihr stolz seid auf den Neuen Irak. Dieser Schritt wird uns dabei helfen, die Imperialisten herauszudrängen, die unser Land kontrollieren." Der Wunsch, das Land von der amerikanischen Besatzungsmacht zu befreien, ist allgegenwärtig.

Der zweite Teil von Iraq in Fragments wurde inmitten der fundamentalistischen Schia-Bewegung von Muktada al-Sadr gefilmt, die im südlichen Teil des Landes operiert. Beim Marsch zwischen Nasiriyya und der heiligen Stadt Nadschaf praktizieren junge Mitglieder von Sadrs Mehdi-Armee die Selbstgeißelung. Es ist ein grausiges Spektakel. Des Alkoholverkaufs verdächtige Kleinhändler werden eingesperrt, während ihre Familien um Gnade betteln. ("Wir sind in Saddams Zeiten zurückgekehrt.") Verwundete Männer rufen während des Transports ins Krankenhaus aus: "Wo ist die Demokratie? Sie haben Saddam enthoben und ihn mit 1000 Saddams ersetzt", und meinten damit die schiitischen Kleriker. Unterdessen verurteilt Muktada Sadr ironischerweise die amerikanische Repression und sagt vor einem Massenaufmarsch seiner Anhänger: "Wenn die Amerikaner in Vietnam besiegt wurden, dann können wir es hier auch!"

Die Produktionsnotizen des Films erklären: "Weil die Vereinigten Staaten einen bewaffneten Aufstand unter Sadrs Anhängern provozieren, werden gemäßigte Haltungen an den Rand gedrängt." Longley verbrachte während der Rebellion gegen die Besatzungstruppen im Jahr 2004 mehrere Monate in Nadschaf, und der Film zeichnet Interviews mit Kämpfern und Zivilisten auf. Der Regisseur bemerkt die wachsenden Schwierigkeiten für Journalisten und Filmemacher im Irak, nachdem der arabische Fernsehsender Al-Dschasira Szenen der US-Belagerung und Zerstörung von Falludscha gesendet hatte, sowie nach dem Auftauchen des Skandals um das Abu Ghraib Gefängnis. "In dem Bemühen, die Unruhe im Zaum zu halten, legten die Vereinigten Staaten unfreundliche Medien still und übergaben die irakische ‘Souveränität’ einer Übergangsregierung, die von einem früheren Aktivposten des CIA geführt wurde", kommentiert Longley.

Als die Risiken zu groß und die Arbeiten zu schwierig wurden, filmte Longley sein letztes Material im September 2004in Bagdad und machte sich auf in den kurdisch kontrollierten nördlichen Teil des Landes. Von den im dritten Teil des Films interviewten Personen artikuliert sich am klarsten ein älterer Bauer, dessen jugendlicher Sohn Schafe hütet und davon träumt, Medizin zu studieren. Besorgt um das Schicksal seiner Familie, klagt der Vater: "Jetzt ist die kurdische Führung fett geworden, während die Armen vor Hunger ächzen. [...] Jetzt ist der Krieg vorüber. Heute wird alles von den Amerikanern kontrolliert."

Ein kleiner Junge sagt wütend in die Kamera: "Den Irak kann man nicht einfach in Stücke schneiden."

Longleys Film zeigt den verheerenden Charakter der Begegnung der USA mit dem Irak auf sowie den überall anzutreffenden Hass auf die amerikanischen Besatzer.

Argentiniens Verarmte

Fernando Solanas’ La Dignidad de los Nadies (Die Würde der Niemande) "wurde aufgrund der sozialen Katastrophe konzipiert, durch die Argentinien zu Beginn des 21. Jahrhunderts ging: 25% waren arbeitslos und 60% arm und mittellos. Wir waren in der Lage, 300 Millionen Menschen zu ernähren, und hundert Menschen starben täglich an Hunger und heilbaren Krankheiten. Es gab jedes Jahr mehr Tote als durch den Staatsterrorismus Beseitigte. Die Tragödie veranlasste mich, das Andenken zu bewahren gegen das Vergessen", erklärt der argentinische Filmveteran.

Der Film ist der zweite in einer geplanten Serie von vier Dokumentarfilmen über die Lage in Argentinien. Auf La Dignidad de los Nadies und Memoria del Saqueo (Geschichte einer Plünderung) (2005) sollen noch Argentina Latente (Schlafendes Argentinien) und La Tierra Sublevada (Das rebellierende Land) folgen.

La Dignidad de los Nadies beginnt mit den Ereignissen vom Dezember 2001, als eine massive Revolte des argentinischen Volkes den Sturz der Regierung von Fernando de la Rúa herbeiführte. Die Demonstrationen wurden durch den Plan der Regierung ausgelöst, die Staatsausgaben im Rahmen eines vom IWF geforderten finanziellen Notprogramms herunterzufahren. Zwanzig Jahre IWF-Kredite und die damit verbundenen Strukturanpassungsprogramme hatten ein Land mit einer ruinierten Wirtschaft und dem weltweit höchsten Schuldenstand pro Kopf hinterlassen. Mehrere Regierungen fielen während der Krise. Wenig später geriet auch die neue Regierung von Präsident Eduardo Duhalde unter den Beschuss der Bevölkerung.

Solanas’ Off-Stimme informiert uns, dass de la Rúa abgesetzt wurde, ohne dass die Bevölkerung eine Alternative geschaffen hätte. "Was ich Ihnen erzählen werde, sind die Geschichten der ‘Niemande’, der Männer und Frauen, wie so viele Argentinier ohne Mittel und ohne Namen, die immerfort Entbehrung und Unglück erleiden mussten."

Interviews mit den Arbeitslosen, Jungen und Alten, der verarmten Mittelklasse und mit Bauern zeichnen das Bild einer Bevölkerung, die mittels einer Anzahl improvisierter, bodenständiger Methoden überlebt - und Widerstand leistet. Eine Suppenküche entsteht in einer notleidenden Gegend in der Nähe von Buenos Aires; ein Heer von Arbeitslosen (die sogenannten ‘Piqueteros’) blockieren protestierend eine Landstraße; eine Bäuerin organisiert sich mit ihresgleichen, um ihre Höfe gegen die Banken zu verteidigen; von jungen Leuten werden Medikamente verteilt an diejenigen, die von einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem im Stich gelassen wurden; Arbeiter besetzen und führen eine Ziegelfabrik, nachdem sie mit Hilfe der Gemeinde fünf Räumungen Einhalt geboten haben.

Eine der herzzerbrechendsten Passagen handelt von Margarita und Colinche, obdachlos und ohne Arbeit, mit neun Kindern. Die Familie erträgt unglaubliche Not. Obwohl sie selber nichts hat, ist Margaritas größter Schmerz, dass sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken kann. Wenn dies die Umstände in Argentinien sind, das als reichstes Land in Südamerika gilt, dann kann man nur ahnen, wie die Lebensbedingungen in den ärmeren Gegenden des Kontinents sind.

Solanas’ national-reformistische politische Überzeugungen sind das schwächste Element des Films. Er bezeichnet La Dignidad de los Nadies als Teil seines Bemühens, "die Verwüstung und Plünderung des neoliberalen Modells [zu verfolgen] und Alternativen eines neuen Projekts [aufzuzeichnen], das die verletzten Rechte wiederzuerlangen und die Gesellschaft zu demokratisieren vermag." Trotz Solanas aufrichtigen Engagements, die furchtbare Notlage von Argentiniens Armen aufzudecken, erwähnen seine Filme niemals das Wort Sozialismus. Die Hoffnung des Regisseurs, dass der argentinische Kapitalismus durch eine vage Volksbewegung irgendwie transformiert werden wird, ist eine reine Wunschvorstellung.

Letztes Jahr schrieben wir in einer Rezension von Geschichte einer Plünderung, dass Solanas, der seit den 1960ern Filme macht, "ein linker Nationalist, aber kein Scharlatan oder propagandistischer Tagelöhner ist. Er ist eine ernstzunehmende Persönlichkeit (ihm wurden sechs Kugeln in die Beine geschossen, als er die Abwicklung von Argentiniens nationaler Ölgesellschaft YPF durch [den peronistischen Präsidenten Carlos] Menem kritisierte). Die furchtbaren Lebensbedingungen für breite Massen der argentinischen Bevölkerung sind Realität; die Empörung des Filmemachers ist gerechtfertigt. Seine Anstrengungen darauf zu richten, der nationalen Elite zuzureden, auf einen stärker populistischen und patriotischen Kurs zu gehen, ist jedoch ein sinnloses Unterfangen. Die herrschende Klasse Argentiniens ist mit tausend Fäden an den Weltimperialismus gebunden und hat vor allem vor der Bevölkerung unter sich Angst - sie ‘kann nicht anders’, egal wie viel Druck auf sie ausgeübt wird."

Ein düsterer Film aus Dänemark

Der Film Drabet (Totschlag) bildet den letzten Teil der Trilogie des dänischen Regisseurs Per Fly über das heutige Leben in Dänemark, nach Baenken (Die Bank) und Arven (Die Erbschaft). Der Film dreht sich um Carsten, einen Oberschullehrer mittleren Alters, der von Angstzuständen geplagt wird und sich in seiner Ehe und gesetzten Existenz langweilt. ("Wir leben nicht mehr, wir bewegen uns nur noch fort.") Er hat eine Affäre mit der ehemaligen Schülerin Pil, die sich in anarchistischer Politik engagiert. Als Pil in die Vandalisierung einer Munitionsfabrik hineingezogen wird, die mit der Tötung eines Polizisten endet, verteidigt Carsten sie erfolgreich vor Gericht und hilft ihr, die traumatische Episode emotional zu überstehen, bevor sein eigenes Leben sich auflöst.

Der Film beginnt als interessante Betrachtung eines ruderlosen Manns aus der Mittelklasse, der sich in eine jugendliche Version seines eigenen früheren linken Selbsts verliebt. Der Höhepunkt des Films ist eine Rede, in der Carsten um Gnade für Pil bittet: "Wir haben Unternehmen wie Bovar [den Rüstungsbetrieb], die Lafetten für F16-Bomber herstellen, die losfliegen und Tausende von Menschen töten. Wir unterzeichnen Abkommen mit der WTO [Welthandelsorganisation], die Millionen von Armen den Krieg erklären. Auch das ist Gewalt. Wir haben einen toten Polizeibeamten auf der einen Seite und ein Kind im Irak, das infolge von EU-Sprengköpfen an Leukämie erkrankt. Zwei Opfer des gleichen Krieges, den Dänemark kämpft."

Doch die verstörte Witwe des Polizisten erschüttert Carstens politische Ansichten und Pil stellt sich schließlich (ziemlich billig) als kaltblütige Mörderin heraus. In den Schoß der Familie zurückkehrend, ist der einzige Schluss, den Carsten aus seinem trüben, nicht überzeugenden Verhältnis (nach dem Mord) mit Pil zieht: "Ich dachte, dass mein Leben wahr sein würde, aber alles, was ich tat, war eine neue Lüge aufzubauen." Will der Regisseur hier andeuten, dass die Anklage des Kapitalismus durch den Protagonisten und seine früheren humanen Ansichten schlicht nur egoistisch und unehrlich waren? Der Film ist nicht völlig klar, aber man befürchtet das Schlimmste.

Kleinere Filme aus China, Dänemark und Frankreich

Wu qiong dong (Perpetual Motion) ist ein visuell üppiger, aber schwächlicher Film über vier erfolgreiche Frauen, die das chinesische Neujahrsfest miteinander feiern. Die Gastgeberin, Herausgeberin einer Pekinger Modezeitschrift, versucht herauszufinden, welche ihrer Freundinnen mit ihrem Ehemann schläft. Die Frauen haben die Wechselfälle der maoistischen Kulturrevolution ertragen und sind offenbar triumphierend daraus hervorgegangen. Auch wenn der Regisseur vielleicht die Absicht hatte, die von Chinas Marktwirtschaft hervorgebrachte, widerwärtige Mittelklassenschicht zu porträtieren, wird jede Einsicht von Trivialitäten und Witzlosem erdrückt.

Über ihren Film, der als Chinas erster "feministische" Film tituliert wurde, witzelte Ning: "Männer brauchen etwas Mut, um diesen Film anzuschauen. Sie finden es für sich normal, offen über Sex zu reden, aber sie mögen es nicht, wenn Frauen das gleiche tun." Ist die Möglichkeit, offen über Sex zu reden, eine wirkliche Errungenschaft im sozial polarisierten China?

Adams æbler (Adams Äpfel - Gott ist auf meiner Seite), eine "schwarze Komödie" des dänischen Regisseurs Anders Thomas Jensen, ist weniger humorvoll als misanthropisch (und unerquicklich). Der Film ist im Wesentlichen eine konformistische Parabel, die augenscheinlich die Vorzüge der guten alten Religion inmitten unbegreiflichen gesellschaftlichen Durcheinanders rühmt. Diese desorientierte und ein bisschen hysterische Rückkehr zu Gott scheint in Skandinavien populär zu sein, wo die ehemals selbstzufriedene sozialdemokratische oder radikale Intelligenz von ihrem Weg abgekommen ist... und zwar unsäglich.

Trotz gegenteiliger Behauptungen und vielleicht Anmaßungen ist Le Petit Lieutenant (Eine fatale Entscheidung) des französischen Regisseurs Xavier Beauvois ein mittelmäßiges, schablonenhaftes Polizeidrama. Das erhebliche Talent von Nathalie Baye ist weitgehend vergeudet.

Fortsetzung folgt

Siehe auch:
San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 1
(7. Juni 2006)
San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 2
( 14. Juni 2006)

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