San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 4

Weitere europäische und asiatische Filme

Von David Walsh
13. Juli 2006

Dies ist der vierte und letzte Teil einer Reihe von Artikeln zum diesjährigen San Francisco International Film Festival, das vom 20. April bis zum 4. Mai 2006 stattfand.

In Tout un hiver sans feu von Greg Zglinski geht es um das Ehepaar Jean (Aurélien Recoing) und Laure (Marie Matheron), die eine kleine Molkerei im Schweizer Jura besitzen. Sie haben ihre Tochter beim Brand ihrer Scheune verloren. Ihr Gram ist nahezu unerträglich. Darüber hinaus droht ihr Betrieb unterzugehen. Laure erlebt einen Nervenzusammenbruch und kommt, wahrscheinlich vorübergehend, ins Krankenhaus.

Jean findet Arbeit in einer Gießerei, wo er einen Ofen bedient. Er freundet sich mit einem jungen Kosovaren und seiner Schwester Labinota an. Labinota wartet, wahrscheinlich vergebens, auf die Rückkehr ihres Ehemannes, der seit sechs Jahren verschollen ist. Jean und Labinota finden etwas Trost beieinander. Menschliche Wärme bei einem Tanzfest und einer Neujahrsfeier helfen Jean, wieder ins Leben zurückzufinden. In der Zwischenzeit verbessert sich der psychische Zustand seiner Ehefrau, doch sie läuft Gefahr, ihn zu verlieren.

Recoing (aus Laurent Cantets L'emploi du temps), im Moment im französischen und europäischen Film und Fernsehen sehr gefragt, ist ein eindrucksvoller Darsteller. Er füllt die Rolle mit beachtlicher Tiefe und Engagement. Ich vermute, dass ohne ihn der Film deutlich weniger erfolgreich wäre.

Am meisten erinnert man sich an Jeans Schmerz, die beißende Kälte und den Schnee, und sein allmähliches Auftauen.

Zglinski ist ein in Polen geborener Schweizer Filmemacher. Seine Familie, die in der Schweiz lebte, erhielt politisches Asyl, als General Jaruzelski im Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief. Zglinski kehrte 1992 in sein Heimatland zurück, um in Lodz auf die Filmschule zu gehen. Er erläutert: "Das hatte sicher bestimmte Nachteile. Zum Beispiel arbeiteten wir mit alten Arriflex 35 [Filmkameras], die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Deutschen zurückgelassen worden waren. Doch gab es eine Art, das Kino in erster Linie als Kunst und den Filmemacher als Künstler anzusehen. Die Frage der Produktion, der Finanzierung von Filmen, all das, was zum Beispiel an deutschen Filmschulen behandelt wird, war weniger wichtig."

Über seinen Film sagt er: "Ein Mann, Jean, hat ein ziemlich klares Bild von seinem Leben. Ein Drama ereignet sich. Er findet sich selbst in einer Lage, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Auf der einen Seite ist da seine Frau Laure, die er liebt, aber es ist unmöglich für ihn, mit ihr zusammenzuleben. Dann ist da die andere Frau, Labinota, mit der er nicht zusammen sein sollte, aber bei der er sich wohlfühlt... Wie kann er mit all dem leben? Wie soll er sich entscheiden? Wen soll er wählen!? Er muss sich zwischen seinen Gefühlen und seinen moralischen Ansprüchen einen Weg bahnen. Aber im Grunde ist nur eine Wahl möglich: dem treu zu bleiben, woran er glaubt. Und dafür muss er achtsam, auf der Hut sein, was für mich eine Art Definition der richtigen Haltung zum Leben ist..."

Nicht weltbewegend, aber ernsthaft und sorgsam, und der Film ist im gleichen Geist gemacht. Die Charaktere kann man als menschliche Wesen ausmachen, fehlerbehaftet, prunklos, leidend und doch ringend, zu einem Leben zu finden.

Natürlich ist es hilfreich, wenn man nicht nur auf die Ebene persönlicher Beziehungen achtet.

Die Anspielung auf den Kosovo in Pierre-Pascal Rossis Drehbuch ist scheinbar ein Versuch, eine Art Analogie herzustellen zwischen den meteorologischen und emotionalen Umständen in dem Film, einschließlich der sich am Ende abzeichnenden Möglichkeit einer Wende zum Guten, und der gegenwärtigen politischen Situation auf dem Balkan oder in Europa als Ganzem. Zum Glück forciert der Filmemacher diesen Problemkreis nicht, der in dieser Form mit ziemlicher Sicherheit nicht angemessen behandelt wäre. Der Versuch, wie in Michael Hanekes Caché, Parallelen zwischen individuellen Traumen und nationalen oder gesellschaftlichen Tragödien zu ziehen, ist ein zweifelhaftes Unterfangen.

Das Feuer, das in Tout un hiver sans feu das junge Mädchen das Leben kostet, war ein furchtbarer Unfall. Der Verlust eines Kindes ist eine persönliche Tragödie von unter Umständen überwältigenden Ausmaßen. Natürlich kann selbst in solchen Fällen der Unfall eine gesellschaftliche Seite haben (die Umstände zu Hause oder anderswo, wirtschaftliche oder seelische Zwänge), aber auch in der besten aller möglichen Welten wird es tödliche Unfälle geben. Das ist für die Betroffenen zwar kein Trost, doch ein Teil des mit einer solchen Tragödie verbundenen Schmerzes ist mit der Endlichkeit allen menschlichen Lebens verbunden.

Auch Künstler sollten daran denken, dass das verbreitete Sterben und Elend im Kosovo - oder Irak, oder Ruanda, oder Tschetschenien, oder jeder anderen der gegenwärtigen Höllen auf Erden - nicht zufällig oder unvermeidlich, sondern das Ergebnis definitiver politischer Strategien ist, die von herrschenden Eliten oder Untereliten und ihren Parteien und politischen und militärischen Vertretern verfolgt werden. Die bestehende Gesellschaftsordnung, ihre Anarchie und ihr Zerfall, ist in letzter Instanz für das Elend im Kosovo verantwortlich, nicht das unveränderliche Wesen des Menschen oder die Absurdität und Grausamkeit des Universums. Was immer die Absichten der Filmemacher waren, der unüberlegte Versuch, solche Parallelen zu ziehen, löst am Ende vermeidbare politische Katastrophen in irgendeinem kollektiven menschlichen Unglück auf.

Italienisches Filmtreiben im Film

In La Vita Che Vorrei (The Life I Want) von Giuseppe Piccioni geht es um Schauspieler und das Kino. Laura (Sandra Ceccarelli) ist eine gefühlvolle, ein wenig neurotische Darstellerin, die sich unbedacht ins Leben und ihre Rollen wirft. Sie erhält die Gelegenheit, für eine Rolle in einem Film mit dem bekannten Schauspieler Stefano (Luigi Lo Cascio) vorzusprechen, und sie kriegt die Rolle.

Das Paar rezitiert gemeinsam, sie proben und beginnen zu filmen. Das Drehbuch ist eine Version des La Traviata/Camille Stoffs, eine ausgehaltene Frau im neunzehnten Jahrhundert verliebt sich in einen jungen Mann. Die Beziehung würde seinen gesellschaftlichen Ruin bedeuten, und so trennt sie sich schweren Herzens von ihm, indem sie ihm vortäuscht, sich nicht mehr für ihn zu interessieren. Die dramatische Situation und die Sprache sind gefühlsbetont, eindringlich, ein bisschen schwülstig.

Durch die Worte, die sie einander sagen, die Worte eines Schriftstellers, vermögen sich die Filmschauspieler gegenseitig etwas auszudrücken, was Menschen in weniger ‘abenteuerlichem’ oder ‘promiskuitivem’ Gelände (Piccionis Formulierungen) schwerer fiele, oder wenigstens wird der Prozess beschleunigt. Für zwei Menschen, die empfänglich oder einander bereits zugeneigt sind, ist die Vorspiegelung von Liebe einer der sichersten Wege, sich tatsächlich zu verlieben.

Laura und Stefano beginnen eine Affäre, aber es gibt von Anfang an Probleme. Ihre unstete Emotionalität verhäkelt sich mit seiner relativen Kälte und Gleichgültigkeit. Er belehrt sie, dass Schauspielerei "nichts mit Gefühl oder Wahrhaftigkeit zu tun hat". Er tritt für die bewusste Vortäuschung von Gefühlen auf der Leinwand ein, nicht für ihre Wiedererzeugung. Laura hängt der "Stanislawski-Methode" an, sie braucht Motivation und Dramatik, sowohl vor als hinter den Kulissen.

Da sie das Filmteam von ihren Fähigkeiten überzeugen konnte, beginnt Laura Angebote für andere Werke zu erhalten. Sie geht mit den Produzenten und Regisseuren eines bevorstehenden Filmes zum Abendessen. Stefano wird eifersüchtig und unruhig. Er schläft mit einer ehemaligen Freundin. "Ich denke nicht an dich", sagt er Laura. Sie antwortet: "Du bist traurig." Sie treiben voneinander weg und kommen wieder zusammen. Entnervt von dem Lächeln und der Wärme, die sie jedem entgegenbringt, fragt er sie an einer Stelle zornig: "Gibt es jemanden, mit dem du nicht intim wirst?" Später wird sie sagen: "Du machst mich schlechter als ich bin."

Der Film nähert sich dem Abschluss. Laura, schwanger von Stefano, verschwindet. Sie ist wütend auf ihn, tief verwundet von seinen Worten und Taten. Stefano kann sie monatelang nicht erreichen. Er erfährt von dem Baby und besucht sie im Krankenhaus nach der Geburt. Laura ist kühl, aber sie gestattet ihm, für einige Minuten zu bleiben. Er hält daran fest, ein neues Leben begonnen zu haben. Vielleicht können sie ihre neue Filmrolle gemeinsam proben? Sie geht widerwillig darauf ein.

Piccionis Werk ist eine intelligente, einfühlsame Darstellung der Filmwelt. Die Darsteller, besonders Luigi Lo Cascio (Die besten Jahre), sind vorzüglich.

Infolge seines Massencharakters, seiner Basis in der modernen Industrie und Produktion und weil es anspruchsvolle und feinfühlige Kunsterfahrungen zu vermitteln vermag, ist das Kino innig mit der Entwicklung der zeitgenössischen Gesellschaft verknüpft. Was es auch sonst sein mag, wo es ernst genommen wird, ist das Kino keine unerhebliche Angelegenheit. Was in der Filmwelt vor sich geht, ist von eigenartigem Belang. Dass etwa Hollywood oder entsprechende Filmindustrien anderswo nach wie vor eine weitverbreitete Faszination ausüben, ist nicht einfach nur eine Form der Teilhabe an Ruhm und Reichtum aus zweiter Hand. Auch wenn es viel davon enthält, zeigt sich darin ebenso ein instinktives Begreifen (und der Wunsch nach körperlichem Kontakt mit) der nahezu einzigartigen Macht des Films, etwas Wesentliches über das menschliche Zusammenleben zu vermitteln

Piccioni gelingt es, etwas von dieser Kraft herüberzubringen, wie auch vom Narzissmus, der Wichtigtuerei und der Hohlheit von so vielem, was sich in der Filmindustrie abspielt. Es wirkt wie ein mehr oder weniger objektives Porträt. Natürlich sind die Dinge vereinfacht, abgerundet, hier und dort ein wenig zurechtgemacht. Die Charaktere sind genötigt, innerhalb bestimmter Grenzen zu verbleiben - der eine intellektuell und befangen, der andere gefühlsmäßig unstet und leichtsinnig - ein bisschen mehr als es wirklich förderlich wäre, dennoch macht das Bemühen im Großen und Ganzen einen aufrichtigen Eindruck.

Nichtsdestotrotz stellt sich einem nach dem Anschauen von La Vita Che Vorrei mit Nachdruck eine Frage. Piccionis Film zeichnet ein kritisches, aber achtungsvolles Bild der italienischen Filmindustrie. Der Film, in dem Laura und Stefano mitspielen, bedeutet zugegebenermaßen keinen radikalen Neuanfang, dennoch wirkt die Produktion ernsthaft und künstlerisch motiviert. Aber filmt Piccioni ein Phantom? Wo befindet sich die tatsächliche, lebendige italienische Filmindustrie? Er stellt sie dar, aber sie hat mehr oder weniger aufgehört, sich selbst darzustellen, jedenfalls auf dem internationalen Parkett. Auf Persönlichkeiten wie Visconti, Rossellini, Fellini, Pasolini, Antonioni und eine Reihe anderer bemerkenswerter Filmemacher folgte... was eigentlich genau?

Der Zusammenbruch des italienischen Kinos, ebenso wie des japanischen (das in der Nachkriegsperiode ebenfalls von Giganten dominiert war), ist offensichtlich mit einer Krise der Perspektive verbunden, die weit über die Grenzen der Filmindustrie hinausreicht und tatsächlich von dort herrührt. Die Enttäuschung und Desillusionierung, die bei mehreren Generationen vor allem durch den welthistorischen Verrat der Kommunistischen Partei hervorgerufen wurde - einer Partei, deren kümmerliche menschlichen Reste jetzt die höchsten Stellungen im italienischen Staat einnehmen - muss in Italien erst noch konfrontiert und überwunden werden. Da haben wir ein Thema, dass eines neuen, sich verjüngenden italienischen Kinos würdig wäre! Wer wird es angehen?

Koreanische, brasilianische, japanische Versuche

Neoneun nae unmyeong (You Are My Sunshine) aus Südkorea (Regie von Park Jin-pyo) erzählt die Geschichte einer HIV-infizierten Kellnerin, einer ehemaligen Prostituierten, in die sich ein gutmütiger, naiver Landarbeiter schwer verliebt. Nichts kann seiner Zuneigung etwas anhaben. Der Film ist für das Thema recht heiter, doch ein wenig herablassend und possenhaft. Sein Tonfall ist hinreichend abwegig, um unser Interesse an den Lebensumständen und Problemen der Figuren abebben zu lassen.

Jogo Subterrâneo (Underground Game) aus Brasilien, unter der Regie von Roberto Gervitz, soll "auf den Fantasien des berühmten argentinischen Autors Julio Cortázar basieren". Ein Salonpianist markiert Wegstrecken auf dem U-Bahnnetz von São Paulo, die er dann abfährt auf der Suche nach einer Frau, die exakt die gleiche Route nimmt. Er trifft auf diese Weise eine Reihe von Frauen, aber keine ist die Erfüllung seiner Träume. Seine Begegnung mit einer rotgewandeten Schönheit führt ihn in mysteriöse und gefährliche Bereiche.

Cortázar, ein brillanter Schriftsteller, konnte gelegentlich allzu brillant sein, schlauer als für ihn selbst gut war, doch selbst in seinen schelmischsten und traumartigsten Momenten war sein Werk durchdrungen von Opposition und sozialer Gegnerschaft. In gewisser Hinsicht wurde das als selbstverständlich vorausgesetzt. Dieser Qualität beraubt, wird Gervitzs Film schlicht zur Masche, zum Spiel, zur Grille.

Un couple parfait von Nobuhiro Suwa ist ein weiterer, sehr schwacher japanischer Film von einem jungen Filmemacher. Suwa, der Regisseur der clever betitelten Filme M/Other und H Story, gehört zu der Sorte Filmemacher, die glauben, dass ein Schauspieler, der ein langes Gesicht macht, auf Ernsthaftigkeit schließen lässt.

Sein neuer, in Frankreich gemachter Film folgt einem Paar an der Schwelle zur Scheidung, so will es zumindest scheinen. Marie (Valéria Bruni-Tedeschi) und Nicolas (Bruno Todeschini) sind zu einer Hochzeit nach Paris zurückgekehrt, nachdem sie mehrere Jahre in Lissabon gelebt haben. Der Film besteht aus ihrem ziemlich bedrückenden und ereignislosen Aufenthalt in Paris, bei dem sie ihren alten Freunden die bevorstehende Trennung ankündigen, dem Gesellschaftsereignis beiwohnen und aufeinander herumhacken.

Es ist ein Werk, dem es gelingt, konzentriert und obsessiv zu sein, aber nur in Bezug auf völlig zweit- und drittrangige Angelegenheiten. Die Resultate sind anmaßend und unfreiwillig komisch. Ab einem gewissen Punkt entwickelt man den Drang, die (von den bedauernswerten Schauspielern anscheinend improvisierten) Dialoge zu imitieren und vielleicht zu verbessern. Zum Beispiel:

Sie: Du bist angepasst und geistlos. Du und deine prominenten Freunde.

Stille.

Er: Ich weiß nicht.

Sie: Mir reicht’s. Alles, was du tust, ist falsch.

Er: Tut mir leid. Ich bin müde.

Sie: Ich empfinde nichts als Bedauern.

Stille.

Er: Na ja, ich weiß nicht.

Sie: So?

Er: Ich weiß nicht. Bist du müde?

Sie: Müde. Vielleicht. Was glaubst du?

Er: Ich weiß nicht. Es ist schlimm, ich weiß.

Sie: Ja.

Stille.

Er: Bist du wach?

Sie: Ich weiß nicht. Vielleicht.

Er: Tut mir leid.

Und so weiter.

Drei Dokumentarfilme

Eine große Zahl insbesondere türkischer Immigranten hat sich in den vergangenen Jahren in einem proletarischen Stadtteil von Den Haag niedergelassen. Es haben sich Spannungen zwischen den einheimischen und den eingewanderten Taubenzüchtern entwickelt. Der Film Vreemd in de buurt (Strangers in the Neighborhood) des niederländischen Regisseurs Patrick Bisschops betrachtet das Problem. Er enthüllt die Ressentiments unter einigen der niederländischen Einwohner, darunter Gefühle, dass die alten Bräuche und Traditionen im Verschwinden begriffen sind, gelegentlich auch ignorante Behauptungen über die ‘Ausländer’. Mit Brettern vernagelte Ladeneingänge deuten auf die Wahrheit hin: wirtschaftliche Unsicherheit und sich verschlechternde Lebensbedingungen schüren die Spannungen.

Ein türkischer Mann, ein Taubenbesitzer, sorgt für die bewegendsten Augenblicke. Er spricht über Rassismus und wie er aus seiner letzten Heimstatt herausgeworfen wurde. "Türken, Antillaner, Marokkaner -hier muss man international ausgerichtet sein." Er verdient Geld, aber er findet das Leben in Den Haag trist: "Ich habe keinen Umgang hier. Was nützt einem Geld, wenn man tot ist?" Er möchte nach Istanbul zurück, "die Mitte der Welt". Argwohn und Misstrauen findet man auf beiden Seiten. Als der Filmemacher und ein holländischer Einwohner ihre Köpfe in eine örtliche Kneipe hineinstecken, die jetzt in türkischer Hand ist, bedeutet man ihnen, sich aus dem Staub zu machen.

Die türkischen und holländischen Taubenzüchter können auch schnell zu Freunden werden, wie ein Beispiel zeigt. Der Film bleibt äußerlich, aber die Bilder sind authentisch.

SchussWechsel von Sacha Mirzoeff und Bettina Borgfeld [Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2005 für die beste Reportage - Anm. d. Ü.] dokumentiert die letzten Wochen des vierjährigen Israelaufenthalts des Fotografen Reinhard Krause, der für die Bildberichterstattung von Reuters den Nahostkonflikt verfolgte. Die Gefahren, denen sich ‘Front’-Fotografen ausgesetzt sehen, werden beispielhaft deutlich dank des Filmmaterials und der Anekdoten von Krause und anderen, israelischen und palästinensischen Reuters-Fotografen.

Es ist völlig angemessen, dieses Thema zu behandeln, besonders im Licht der hohen Todesrate von Journalisten und Fotografen während des Irakkriegs und der nachfolgenden Besatzung. Dennoch bleibt das Gefühl zurück, dass jene, die die Situation fotografieren, in einer weit weniger schlimmen Lage sind als jene, die täglich mit ihr leben müssen, besonders die so lange leidende palästinensische Bevölkerung. In dieser Hinsicht grenzt der Film durch das, was er weglässt oder wozu er keinen klaren Standpunkt einnimmt, vielleicht an Gefühllosigkeit.

Die gebürtige Kanadierin Ronit Avni und die Brasilianerin Julia Bacha haben zusammen Encounter Point gedreht, einen Dokumentarfilm über das Bereaved Families Forum, eine Hinterbliebenenorganisation mit 250 palästinensischen und 250 israelischen Mitgliedern, die aus Interesse an Frieden und Versöhnung den Dialog miteinander suchen. Ali Abu Awwad, dessen Bruder von einem israelischen Soldaten getötet wurde, ist einer der Wortführer auf der palästinensischen Seite. Der Film konzentriert sich auf Robi Damelin, eine in Südafrika geborene israelische Mutter, deren Sohn von einem Heckenschützen getötet wurde.

Encounter Point enthält eine Reihe von tief bewegenden Momenten, sowohl in der Nacherzählung der persönlichen Tragödie als auch in den Begegnungen zwischen den Israelis und Palästinensern, doch die einzige Antwort, die der Film auf den Konflikt bietet, ist die pazifistisch-reformistische Politik von Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela. Die Motive der Aktivisten mögen noch so aufrichtig sein, dennoch bietet dies keinen Weg aus der gegenwärtigen tragischen Situation.

Im Nahen Osten gibt es einen sozialen Konflikt, eine brennende Klassenfrage. Die Strategie des auf bürgerlichem Nationalismus beruhenden ‘bewaffneten Kampfes’ der Palästinenser hat versagt, und der ‘passive Widerstand’ à la Gandhi wird sich als noch weniger fruchtbar erweisen. Israelische Arbeiter und Intellektuelle müssen davon überzeugt werden, die völlig falsche politische Perspektive und Ideologie des Zionismus aufzugeben, einschließlich seiner ‘linken’ Variante. Das Wiedererwecken des sozialistischen Internationalismus, unter Juden und Arabern gleichermaßen, ist die dringendste Aufgabe.

Ende

Siehe auch:
San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 1
(7. Juni 2006)
San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 2
( 14. Juni 2006)
San Francisco International Film Festival 2006 - Teil 3
( 8. Juli 2006)

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