Leserbriefe zu Günter Grass

7. September 2006

Die folgenden Leserbriefe befassen sich mit dem Artikel "Günter Grass und die Waffen-SS" vom 18. August. Sie wurden aus dem Englischen übersetzt.

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Ich fand Ihren ausführlichen Artikel zu Grass und seinen Dienst bei der Waffen-SS sehr interessant. Ich lese seine Werke seit meiner Jugendzeit in den späten 1960er Jahren. In den letzten Wochen habe ich wahrscheinlich zwanzig bis dreißig Artikel und Blogs zu dem Thema gelesen. Ihr Artikel ragt als besonders umfassend und aufschlussreich heraus. Der Artikel von Joshua Cohen im Jewish Daily Forward, den ich heute auch gelesen habe, ist der einzige mit vergleichbaren Qualitäten.

Die Tatsache, dass Grass die Sache selbst ans Licht gebracht hat, verleiht der Diskussion eine zusätzliche Schärfe. (Das Argument, er habe das nur als Verkaufsförderung für sein neues Buch eingesetzt, kann ich zwar nachvollziehen, stimme aber damit nicht überein.) Viele, die über die Kontroverse schreiben, tun so, als habe jemand anderes ein kleines, schmutziges Geheimnis aufgedeckt.

Es fügt dem Leben Grass’ und seinem Werk nur ein kleines Detail, nur eine Nuance hinzu - ohne Frage eine sehr pikante Nuance - aber dennoch nur eine Nuance. Der wichtige Punkt ist, dass er vom Beginn seiner Schriftstellerkarriere an zugegeben hatte, völlig von der Nazipropaganda gefesselt und getäuscht gewesen zu sein, bis er kurz nach dem Krieg aufwachte. Und seine moralische Entrüstung über dieses persönliche und nationale Versagen, Fragen zu stellen, Widerstand zu leisten, war von Anfang an eine Triebkraft für sein Schreiben und ist es auch heute noch.

Ihr Artikel spricht gerade diese Frage mit aller Offenheit aus. Danke.

JW, Kalifornien, 1. September 2006

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Ich frage mich, wie viele von jenen, die jüngst Grass verurteilt haben, in selber Weise auf den Bericht über Joseph Ratzingers Mitgliedschaft in der Hitlerjugend reagiert haben, als das bekannt wurde. Haben sie damals ebenso aufgeheult, wie sie es heute tun?

Ihre Publikation richtet sich an die hoffentlich wachsende Schicht von Leuten, die die Wahrheit nicht für eine unerträgliche Bürde halten. Setzt eure mutige Arbeit fort.

JF, San Atonio, Texas, 24. August 2006

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Hervorragender Artikel über die groben und absurden Versuche, Günter Grass zu diskreditieren und seinen Ruf zu zerstören. Ich glaube nicht, dass intelligente Leute, die bisher Grass gelesen haben, jetzt damit aufhören werden, und bin überrascht, dass Grass’ Enthüllung eine derartige Hysterie hervorgerufen hat (aber vielleicht sollte ich das nicht). Scheinbar gerät das weltweite rechte Establishment zunehmend in Panik - sie nehmen jeden kleinen Strohhalm, dessen sie habhaft werden können, und reagieren mit schäumendem Mund. Ich denke - ich hoffe - dass immer weniger Leute auf sie hören werden.

Einige der angeführten Zitate dieser Clowns haben mir wirklich gefallen: "Man wird ihn fortan nur noch als die Karikatur seiner selbst wahrnehmen und ihm einen Platz in der Hall of Shame zuweisen", und: "Das ist ja wie einer, der Wasser predigt und sich täglich mit Wein vollsäuft." Das letzte Zitat sticht aus all den Gründen hervor, die sie angeführt haben. Es ist lächerlich, jemanden wegen etwas der lebenslangen Doppelzüngigkeit zu beschuldigen, das er als 17-Jähriger unter dem Dach einer wahnsinnigen Ära getan hat - und worüber er sich auch sechzig Jahre später noch zutiefst schämt.

Ich hoffe, dass die Leute in Deutschland und das weltweite literarische Establishment ihn auch weiterhin unterstützen und dass sich die Leute durch diese verächtlichen Verleumdungen nicht einschüchtern lassen. Wir brauchen den Mut von Künstlern wie Grass und Pinter, die der Hysterie der Rechten entgegen treten.

KK, 18. August 2006

Siehe auch:
Günter Grass und die Waffen-SS
(18. August 2006)

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