Ted Grant 1913 - 2006

Eine politische Würdigung des ehemaligen Führers der britischen Militant-Tendenz

Von Ann Talbot
20. Oktober 2006

Dies ist der zweite Teil eines zweiteiligen Nachrufs.

Wenn Ted Grant überhaupt einen eigenen Beitrag zum pablistischen Revisionismus geleistet hat, dann in Form seiner Theorie des proletarischen Bonapartismus. Laut Grant war die stalinistische Bürokratie in der Lage, soziale Umwälzungen in Osteuropa durchzuführen, weil sie, wie er behauptete, die indirekte Vertreterin des Proletariats sei.

Grant stellte dies als Weiterentwicklung von Trotzkis Analyse der Sowjetunion dar. In Wirklichkeit war es nichts dergleichen. Trotzki identifizierte den Stalinismus als eine Form des Bonapartismus und sprach vom sowjetischen Thermidor. Er erklärte aber sorgfältig, was er mit diesen Begriffen meinte, und unterschied zwischen dem sowjetischen Bonapartismus und seinen frühen Formen in der französischen Revolution.

Am 9. Thermidor 1794 wurde Robespierre gestürzt und die Macht ging auf die konservativeren Jakobiner über, die sich auf die besitzenden Schichten des dritten Standes stützten. Am 18. Brumaire 1799 ergriff Bonaparte mit einem Staatsstreich im Namen der wohlhabendsten Schichten der französischen Bourgeoisie die Macht. Aber keine dieser Regierungen stellte die vorangegangenen, wesentlichen Veränderungen der Eigentumsverhältnisse in Frage. Sie blieben alle Verteidiger der bürgerlichen Eigentumsrechte, und in diesem Sinn bewahrten sie einen gewissen progressiven Charakter im Vergleich zu den feudal-absolutistischen Regimen, die Europa immer noch beherrschten.

Daher kann man einen Vergleich ziehen zu der Art und Weise, wie nach 1924 die Macht in der Sowjetunion aus den Händen der revolutionären Avantgarde auf die konservativeren Schichten der Bürokratie und der Arbeiterklasse überging. Aber während es Napoleon unmöglich war, zum Feudalismus zurückzukehren, weil sich der Kapitalismus, einmal befreit von den Fesseln eines Feudalregimes, aus eigenen Kräften weiterentwickelte, so war die Situation in der Sowjetunion völlig anders.

Der Sozialismus entwickelt sich nicht auf die gleiche Art wie der Kapitalismus. Er muss bewusst geschaffen werden. Deshalb setzte das stalinistische Regime die proletarische Revolution Gefahren aus, die für die bürgerliche Revolution in Frankreich von Bonaparte nicht ausgingen. Stalin war gezwungen, die verstaatlichten Eigentumsverhältnisse zu verteidigen, weil seine Position und die der übrigen Kreml-Bürokratie davon abhängig war. Aber um eine Wiederbelebung der revolutionären Avantgarde in der Sowjetunion zu verhindern, erstickte er wiederholt revolutionäre Bewegungen im internationalen Rahmen. So untergrub die Bürokratie, an deren Spitze er stand, die neuen Eigentumsverhältnisse und schuf die Bedingungen für die Restauration des Kapitalismus.

Für Grant jedoch war Bonapartismus gleich Bonapartismus. Wenn Napoleon Bonaparte den Feudalismus im Europa des achtzehnten Jahrhunderts stürzen konnte, dann konnte Stalin im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts den Kapitalismus stürzen, lautete seine Argumentation. Und deshalb erklärte Grant, als die sowjetische Rote Armee nach dem Zweiten Weltkrieg Osteuropa besetzte, die osteuropäischen Staaten seien "Arbeiterstaaten", weil sie unter Moskaus Herrschaft gelangt seien.

Für Grant - wie für alle Pablisten - war der Stalinismus an der Macht gleichbedeutend mit einem Arbeiterstaat. Sie verliehen dem Stalinismus damit eine im Wesentlichen permanente revolutionäre Mission. Das einzige Problem, das sie dabei anerkannten, war das Fehlen einer wirklichen Arbeiterdemokratie, nicht jedoch die Gefahr von Konterrevolution oder kapitalistischer Restauration verursacht durch die Bürokratie.

Grant wandte die gleiche Logik auf Jugoslawien unter Tito und auf China unter Mao an. In der Folge entwickelte er die Theorie, dass diese und viele andere Länder - darunter Kuba, Burma, Syrien, Kambodscha, Vietnam, Angola, Mozambique und Äthiopien - Beispiele des "proletarischen Bonapartismus" seien. Er hielt sie für fähig, die Produktivkräfte dieser Länder zu entwickeln, deshalb galten sie ihm als progressiv.

Trotzki verglich die Bürokratie mit einem Krebsgeschwür, das so groß werden konnte, dass es den Organismus überwucherte, das aber niemals ein eigenes, unabhängiges Leben führen konnte. Grants Laufbahn als erwachsener Politiker gründete sich dagegen auf die Prämisse, dass die Bürokratie diese unabhängige Fähigkeit entwickelt habe.

Grant zufolge bestimmten die Gesetze des dialektischen Materialismus, dass Generationen von Menschen zu Sklaverei und Arbeitslagern unter diktatorischen Regimen verurteilt waren, die im Namen des Marxismus auftraten. Selbst als die Sowjetunion aufgelöst wurde, behauptete Grant, der Putschversuch vom August 1991 habe gezeigt, dass Schichten der Bürokratie den Sozialismus immer noch verteidigten.

Der Degenerationsprozess der Sowjetunion konnte nicht unbegrenzt weitergehen. An einem gewissen Punkt musste dieser Prozess, den Trotzki analysiert hatte, zur Restauration des Kapitalismus führen, wenn die stalinistische Bürokratie nicht vorher von einer politischen Revolution gestürzt wurde.

Grant lebte lange genug, um noch die Widerlegung seiner Perspektive durch die Geschichte zu erleben. Trotzkis Perspektive, die Grant nach dem zweiten Weltkrieg für widerlegt erklärt hatte, wurde dagegen vollkommen bestätigt.

Trotzdem ging Grant seinen Weg munter weiter, blind für die Veränderungen um ihn herum, sei es in der Sowjetunion oder sei es die Entartung der Labour Party zu einer rechten, neoliberalen Unternehmerpartei. Er konnte seinen politischen Weg auf diese Weise fortsetzen, weil er den Marxismus nicht verstand. Er hielt den Marxismus für eine Reihe von Dogmen, die man mit religiösem Eifer wiederholt. Die klassischen Werke des Marxismus hatten für ihn die Bedeutung heiliger Texte, die auf die gleiche Art zu zitieren waren, wie fundamentalistische Prediger die Bibel zitieren.

Grant und Venezuela

Eine komische Begleiterscheinung von Grants Dogmatismus besteht darin, dass er ihm so etwas wie ein gespenstisches Leben nach dem Tod in Lateinamerika bescherte. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez behauptet nämlich, auf seinem Nachttisch liege eine Ausgabe des Buchs Reason in Revolt, das Grant gemeinsam mit Alan Woods geschrieben hatte. Es ist ein weitschweifiges Werk, das vorgibt, die marxistische Philosophie und eine Überarbeitung der modernen Naturwissenschaften mit einer Analyse der kapitalistischen Krise zu kombinieren. Ohne Ausbildung und Erfahrung mit den Naturwissenschaften, maßen sich Grant und Woods an, die modernen Naturwissenschaften "unter Anwendung des dialektischen Materialismus" zu korrigieren. Um einen Eindruck von diesem sonderbaren Buch zu vermitteln, sei gesagt, dass sie die Möglichkeit der Existenz schwarzer Löcher leugnen, indem sie behaupten, das Phänomen stehe nicht im Einklang mit dem dialektischen Materialismus. Die Urknall-Theorie, heute von Kosmologen allgemein auf theoretischer Basis anerkannt und durch Beobachtungsergebnisse gestützt, tun sie als "mystische Spekulation" ab, die sich "auf abstruse und esoterische mathematische Formeln" stütze.

Grant und Woods stellen den dialektischen Materialismus als fertigen Zauberschlüssel zum Universum dar, der es ihnen ermöglicht, ohne beschwerliche wissenschaftliche Arbeit die Geheimnisse der Natur zu erschließen. Wer eine solche Argumentationsweise benutzt, weiß immer, worin der"dialektischer Materialismus" besteht. Er ist immer das, was man gerade behauptet. Solche Auffassungen laufen nie Gefahr, mit der Erfahrung in Kontakt zu treten, weil sie der Untersuchung und Überprüfung der konkreten Realität aus dem Weg gehen, die den Marxismus kennzeichnet. Es handelt sich um eine eigennützige und subjektive Vorgehensweise, die höchstens verbale Ähnlichkeiten mit dem Marxismus hat. Grant und Woods sind versiert in der Verwendung marxistischer Phrasen, aber sie tun es in einer rein rhetorischen, unwissenschaftlichen Art und Weise. Sie benutzen eine naturwissenschaftlich klingende Sprache ähnlich wie eine Werbeagentur, die behauptet, ein neuer wissenschaftlicher Zauberstoff in ihrem Produkt bewirke Wunder.

Es lohnt sich, einen etwas genaueren Blick auf Reason in Revolt zu werfen, weil das Buch eine unmittelbare politische Bedeutung besitzt, indem es die Verbindung zwischen der philosophischen Methode und der opportunistischen Politik der Autoren aufzeigt.

Woods zufolge war Chavez besonders von einem Abschnitt in dem Buch eingenommen, der sich mit der Gibbs-Energie befasst. Woods beschreibt, wie er Chavez als einer der Buchautoren vorgestellt wurde, und der Präsident ihm gratulierte und das Buch allen seinen Anhängern empfahl. Woods erinnert sich, wie Chavez sagte: "Wissen Sie, ich habe dieses Buch auf meinem Nachttisch, und ich lese jeden Abend darin. Ich bin bis zum Kapitel über den ‚Molekularprozess der Revolution’ gekommen. Wissen Sie, da wo sie über die Gibbs-Energie schreiben." Chavez war so beeindruckt von diesem Abschnitt über die Gibbs-Energie, dass er ihn "ständig in seinen Reden zitiert. Mr. Gibbs war vermutlich noch niemals zuvor so berühmt!" [8].

Professor J. Willard Gibbs, ein amerikanischer mathematischer Physiker des neunzehnten Jahrhunderts, ist wegen seines Beitrags zur statistischen Mechanik bekannt. Er war längst berühmt, ehe er die Aufmerksamkeit von Grant, Woods oder Chavez auf sich zog. Jeder Gymnasiast, der sich im Fach Naturwissenschaft mit Brennstoffzellen beschäftigt, hat diesen Namen schon gehört und hat mit Gleichungen gearbeitet, die dieser Physiker aufgestellt hat. Sein Konzept der freien Energie beschreibt mathematisch die Energiemenge, die für den Antrieb benötigt wird, oder die aus einer chemischen Reaktion gewonnen werden kann. Die Autoren würden jedoch in arge Verlegenheit geraten, müssten sie erklären, warum auf dem Gebiet der Thermodynamik ausgerechnet die Gibbs-Energie derart ins politische Blickfeld gerückt wird, und nicht etwa die Helmholtz-Energie oder die Boltzman-Konstante.

Liest man Grants und Woods Buch, ist nicht sofort klar, worin nun die Verbindung zwischen den thermodynamischen Eigenschaften einer chemischen Reaktion und gesellschaftspolitischen Prozessen besteht. Es bestehe, so erfahren wir, eine Ähnlichkeit zwischen der Rolle der Gibbs-Energie und dem, was Trotzki den "Molekularprozess der Revolution" nannte. Trotzki benutzt in der Tat diesen Begriff in seiner Geschichte der Russischen Revolution, obwohl er keinen Anlass sah, auf die Gibbs-Energie Bezug zu nehmen. Auch treibt er die Analogie nicht so weit, einen gesellschaftlichen und politischen Prozess mit einem chemischen zu vergleichen.

Trotzki zog eine anschauliche Analogie zwischen zwei ähnlichen Prozessen in den vollkommen unterschiedlichen Bereichen Chemie und Politik. Grant und Woods dagegen sprechen von einer Gleichwertigkeit der Prozesse, die in keiner Weise zulässig ist. In der Chemie gelangen die Komponenten einer Reaktion niemals zum Bewusstsein dessen, was sie tun. In der Politik aber schon, und im Fall der sozialistischen Revolution müssen sie es sogar.

Die Geschichte der Russischen Revolution ist ein klassisches Beispiel der Anwendung des historischen Materialismus auf ein politisches Ereignis, bei dem Trotzki eine konkrete Analyse der objektiven und subjektiven Bedingungen leistet, die die Russische Revolution hervorbrachten. Er spürt die Veränderungen im politischen Bewusstsein auf, die in den verschiedenen Klassen der russischen Gesellschaft und in bestimmten Schichten stattfanden, und er benennt die Faktoren, die diese Veränderungen beeinflusst haben. Er legt die Beziehung offen zwischen dem individuellen Bewusstsein von Arbeitern, Soldaten, Matrosen und Bauern und dem gesellschaftlichen Bewusstsein von Klassen.

Grant und Woods bieten uns nichts vergleichbar Konkretes an. Ihre Diskussion der Gibbs-Energie findet sich in einer Passage über die Rolle des Individuums in der Geschichte; es geht um die Beziehung zwischen der Rolle des Individuum und den objektiven ökonomischen Bedingungen in der Geschichte. "In gewissen Situationen kann selbst ein einzelnes Individuum eine absolut entscheidende Rolle spielen", erklären sie uns, und dann betonen sie zu Recht, ohne Lenin und Trotzki hätte es die russische Oktoberrevolution von 1917 nicht gegeben. Der Erfolg oder Misserfolg einer Revolution sei abhängig von dem "Grad an Vorbereitung, Voraussicht, persönlichem Mut und Können der Führer".

In einem gewissen allgemeinen und völlig abstrakten Sinn ist das wahr. In jeder historischen Situation müssen Führer solche Qualitäten aufweisen. Aber welche besonderen Vorbereitungen müssen die Führer einer sozialistischen Revolution treffen, welchen Weitblick müssen sie entwickeln, worin müssen sie Mut beweisen? Welche persönlichen Fähigkeiten brauchen sie? Marxisten haben immer betont, dass die Führer einer sozialistischen Revolution in bewusster Weise die objektiven, historisch entstandenen Interessen der Arbeiterklasse widerspiegeln müssen. Nicht so Grant und Woods. Für sie ist der Klassencharakter eines Führers ohne Bedeutung. Er wird zum unbewussten oder halbbewussten Werkzeug objektiver revolutionärer Entwicklungen.

Aus diesem Grund reagierte Chavez so begeistert auf diesen Abschnitt in Grants und Woods Buch. Grant und Woods behaupten, das einzige was zähle, sei, dass ein mutiger und kühner Führer entschlossen zur Tat greift. Das macht, wie sie sagen, eine Revolution aus, selbst wenn dabei keine entschlossenen Maßnahmen gegen das Kapital ergriffen werden.

Chavez zögert nicht, sich in die Pose zu werfen, die ihm Grant und Woods andienen. Dabei gibt es ein Problem. Chavez ist ein ehemaliger Fallschirmjäger, der nichts vom Marxismus weiß; Lenin und Trotzki dagegen waren Marxisten, die sich in der wissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft und historischer Prozesse geschult und ihr ganzes Leben lang die Fragen studiert haben, vor denen die internationale Arbeiterbewegung stand. Grant und Woods behaupten, große Bewunderer von Lenin und Trotzki zu sein, doch wenn es nach ihnen geht, kann ein bürgerlich-populistischer Führer wie Chavez die gleiche Rolle wie ein proletarisch-revolutionärer Führer spielen, solange er nur ein paar Ratschläge aus den Reihen der International Marxist Tendency erhält. Aber wie sie in Reason in Revolt schreiben: "In der Dialektik verwandeln sich die Dinge früher oder später in ihr Gegenteil." Wir sollen offenbar annehmen, Chavez werde sich am Ende auf wunderbare Weise von einem bürgerlichen Nationalisten in einen proletarischen Internationalisten verwandeln.

Ende

Anmerkungen: 8 Alan Woods, Encounters with Hugo Chavez, 29. April 2004. www.marxist.com/Latinam/encounters_with_hugo_chavez.html

Siehe auch:
50 Jahre Internationales Komitee der Vierten Internationale
(16. Dezember 2003)
Neuausgabe von Trotzkis "Verteidigung des Marxismus"
( 8. September 2006)

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