Provokative US-Angriffe auf Schiitenmiliz im Irak

Ein Angriff in Diwanijah, einer Stadt südlich von Bagdad, weist darauf hin, dass die US-Kräfte im Irak ihr Vorgehen gegen die Mahdi-Armee wesentlich verschärfen. Die Mahdi-Armee ist der bewaffnete Flügel der fundamentalistischen Bewegung, die von dem Kleriker Muktada al Sadr geführt wird.

In den frühen Morgenstunden des 8. Oktobers fuhr ein Konvoi aus Panzern und gepanzerten Fahrzeugen vor dem Wohnsitz des Mahdi-Führers in Diwanijah Kifah al Greiti vor. Es entwickelte sich ein sechsstündiges wildes Gefecht, in dem Hunderte Milizionäre ihren Kommandeur mit Granatwerfern und Handfeuerwaffen verteidigten. Die US-Armee behauptet, dreißig schiitische Kämpfer getötet zu haben. Von amerikanischen Opfern war zwar keine Rede, aber die Zerstörung eines schwer bewaffneten Abram-Panzers lässt auf intensive Kämpfe schließen.

Im August war Diwanijah Schauplatz zweitägiger Kämpfe zwischen irakische Einheiten und der Mahdi-Armee, die große Teile der Stadt kontrolliert. Mindestens 23 irakische Soldaten und fünfzig Milizionäre starben, bevor ein Waffenstillstand geschlossen wurde. Nach dem Abkommen mussten sich die Regierungstruppen aus den Stadtvierteln der Sadristen zurückzuziehen.

Der Führer der Sadristen in Diwanijah, Abdul Rasak al Nadawi, warf den Besatzungstruppen vor, diesen Waffenstillstand durch ihren Überfall am 8. Oktober verletzt zu haben. Er sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press: "Wir hatten eine Vereinbarung mit Vertretern des Ministerpräsidenten [Nuri al Maliki]. Dieses Abkommen besagt, dass die amerikanischen Truppen unsere Städte und Wohngebiete in Diwanijah und allen anderen irakischen Städten nicht betreten. Daran hat man sich bis jetzt gehalten. Wir greifen [amerikanische Truppen] nicht an, aber wenn wir angegriffen werden, reagieren wir."

Vertreter der Sadristen vermuteten, dass die Ereignisse vom ersten Oktoberwochenende Angriffe auf ihre Organisation im ganzen Land ankündigen. Diese würden sich vermutlich besonders gegen ihre wichtige Machtbasis in Sadr City richten, einen verarmten Stadtteil im Osten Bagdads. Nadawi erklärte am Sonntag: "Die amerikanischen Truppen planen eine breit angelegte Operation gegen die Mahdi-Armee und werden versuchen, in Sadr City einzudringen."

In Sadr City leben etwa 2,5 Millionen Iraker, die überwiegend schiitisch sind und der Arbeiterklasse angehören. Die Sadristen kontrollieren das Gebiet mittels eines Netzwerkes aus Moscheen, Wohlfahrtsorganisationen, Krankenstationen und der Mahdi-Armee, die allein in der Hauptstadt über bis zu zehntausend gut bewaffnete Kämpfer verfügen soll. Seit Anfang September ist die Zahl der US-Truppen in Bagdad beträchtlich aufgestockt worden. Amerikanische Soldaten sind wiederholt provokativ in Stadtteile eingedrungen, die an Sadr City angrenzen, haben aber vor der sadristischen Hochburg selbst Halt gemacht.

Die Atmosphäre ist durch die zunehmende Repression zum Zerreißen gespannt. Amerikanische Patrouillen treffen in Schiitengebieten auf hunderte Jugendliche, die ihre Fahrzeuge mit Steinen und Benzinbomben eindecken. Amerikanische Kommandeure behaupten, dass die Mahdi-Armee hinter den Unruhen stecke, damit die US-Truppen sich nicht den wichtigen Einrichtungen der Miliz nähern und sich nicht in Hinterhalte locken lassen. Ein Offizier, dessen Konvoi von Kindern mit Steinen beworfen wurde, sagte zu Associated Press: "Wahrscheinlich sitzen da draußen ein oder zwei Scharfschützen und warten darauf, dass wir in Reichweite kommen."

Ali al Jassiri, ein Sprecher der Sadristen, wies diese Anschuldigungen zurück. Er erklärte, die Straßenunruhen seien eine "spontane und natürliche Reaktion unschuldiger Kinder, die grausige Taten der Besatzungskräfte im Irak erleben mussten".

Jeder direkte Angriff des amerikanischen Militärs auf die Mahdi-Armee in Sadr City würde unvermeidlich hunderten oder möglicherweise tausenden Zivilisten das Leben kosten und auch zu einem deutlichen Anstieg bei den amerikanischen Opferzahlen führen. Dessen ungeachtet gibt es aber vielfache Anzeichen, dass eine solche Offensive vorbereitet wird.

Die Anzahl der US-Truppen in Bagdad wurde um das Doppelte, auf 15.000 Soldaten erhöht. Eine der wichtigsten Einheiten in der Hauptstadt ist die 172. Stryker Brigade, deren gepanzerte Fahrzeuge in erster Linie für Kämpfe in einem städtischen Umfeld konzipiert sind. Die Brigade sollte den Irak eigentlich im Juli verlassen, ihr Aufenthalt wurde aber um 120 Tage, bis Ende November verlängert. Eine andere gepanzerte Einheit, die 4. Brigade der in Texas stationierten 1. Kavalleriedivision, wird Ende dieses Monats ankommen, um sie zu ersetzen. In der überlappenden Zeit und unmittelbar nach den US-Kongresswahlen Anfang November werden amerikanische Kommandeure vielleicht versuchen, mit beiden Brigaden nach Sadr City vorzustoßen.

Die Bush-Regierung und amerikanische Militärstrategen haben die Sadristen schon seit den ersten Monaten der Besatzung als Bedrohung wahrgenommen. Zwar hatten Figuren wie Vizepräsident Dick Cheney vorhergesagt, die irakischen Schiiten würden die eindringenden amerikanischen Truppen mit Blumen begrüßen. Doch die schiitische Arbeiterklasse und die verarmte Masse der Bevölkerung in den Städten - die soziale Basis der Sadr-Bewegung - reagierte überwiegend feindlich auf die ausländische Truppenpräsenz.

Innerhalb weniger Monate nach der Invasion erlangte und festigte Muktada al Sadr, ein junger und zuvor relativ unbekannter Kleriker, seine Position als wichtigster Sprecher des schiitischen Widerstands. Er forderte immer wieder den sofortigen Rückzug aller amerikanischen Truppen. Nach einem Versuch, Sadr selbst sowie wichtige Führer der Sadristen festzunehmen, griffen im April 2004 tausende junge Schiiten im ganzen Südirak zu den Waffen, um gegen amerikanische und andere Besatzungstruppen zu kämpfen. Zu größeren Gefechten kam es in Bagdad, Kerbela und Nadschaf.

Der Schiitenaufstand 2004 endete mit einem Kompromiss. Als Gegenleistung für die Beendigung des bewaffneten Widerstands erlaubten die Besatzungstruppen den Sadristen, offen als politische Bewegung zu arbeiten. Im Ergebnis stellen die Sadristen heute die größte Fraktion in der schiitisch dominierten Koalitionsregierung von Ministerpräsident Nuri al Maliki. Sie haben 30 der 275 Sitze im Parlament inne und kontrollieren Schlüsselfunktionen der Regierung wie die Ministerien für Gesundheit und Bildung. Doch obwohl sie sich in den Dienst des amerikanischen Marionettenregimes stellen, verweigern sie die Auflösung der Mahdi-Armee und üben nach wie vor populistische Kritik an der Besatzung, um ihre Unterstützung unter der schiitischen Bevölkerung nicht zu verlieren.

Die Regierungsbeteiligung der Sadristen und die Existenz tausender bewaffneter schiitischer Kämpfer steht dem langfristigen Ziel Washingtons im Irak entgegen: Die Vereinigten Staaten wollen in Bagdad eine stabile Regierung einsetzen, die den USA ständige Militärstützpunkte im Nahen Osten garantiert und vor allem die Ausbeutung der irakischen Öl- und Gasreserven durch amerikanische Energiekonzernen ermöglicht.

Schiitenmilizen wie die Mahdi-Armee führen einen blutigen Bürgerkrieg gegen ihre sunnitisch Rivalen, damit die politische Macht in den Händen der schiitischen Parteien bleibt. Das religiös motivierte Blutbad macht einen funktionierenden Kompromiss zwischen den Vertretern der verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen im Lande unmöglich. Ein solcher Kompromiss wäre aber notwendig, um den seit 2003 weitgehend von Sunniten getragenen Aufstand gegen das amerikanische Militär zu beenden. Amerikanische Offiziere sagen, ihre Truppen seien immer öfter Angriffen schiitischer Milizen wie sunnitischer Guerillas ausgesetzt. Ein amerikanischer Offizier sagte gegenüber USA Today : "Wenn die Mahdi-Armee, wie sie behauptet, Sadr City kontrolliert, dann bedeutet dies, dass Angriffe von dort entweder von ihr ausgehen oder von ihr zugelassen werden."

Das geplante militärische Vorgehen der Vereinigten Staaten gegen den Iran macht eine Konfrontation mit der Mahdi-Armee nur noch wahrscheinlich. Sadr hat offen gedroht, zu den Waffen zu greifen, um den Iran zu verteidigen. Im August demonstrierten bis zu einer Million Schiiten in Bagdad ihre Unterstützung für die schiitische Hisbollah im Kampf gegen den israelisch-amerikanischen Angriff im Südlibanon. Seitdem werden die Sadristen von amerikanischen Regierungsvertretern und Militärs als "Staat im Staat" und als potentielle fünfte Kolonne des Irans im Irak bezeichnet.

Die Maliki-Regierung steht unter starkem Druck der Bush-Regierung, die Unterdrückung der Mahdi-Armee zu billigen und die Bewegung möglicherweise zu verbieten. Bis heute hat sie das abgelehnt. Maliki und andere Fraktionen der Schiiten sind politisch mit den Sadristen verbündet und zur Verteidigung ihrer Herrschaftsposition im irakischen Staat stark auf deren Unterstützung angewiesen.

Malikis Zögern, einem Angriff auf die Sadristen zuzustimmen, lässt die amerikanische Kritik an seiner Regierung schärfer werden und die Bush-Regierung erwägen, ihn fallen zu lassen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Angriff auf die Sadristen mit einem Manöver zur Absetzung Malikis einhergehen wird. Bei einer solchen Entwicklung würden jene Teile der irakischen Elite an die Macht kommen, die ein Blutbad an der schiitischen Bevölkerungsmasse bereitwillig akzeptieren.

Die Aussicht auf eine neue, noch blutigere Phase des Irakkriegs ruft unter den amerikanischen Demokraten oder anderen Teilen des politischen Establishments in den Vereinigten Staaten keinerlei Opposition hervor. Dreieinhalb Jahre nach der US-Invasion sind die führenden Kreise Amerikas sich einig, dass sie ihr Militär nur dann aus dem Irak abziehen und gleichzeitig die US-Interessen im Nahen und Mittleren Osten wahren können, wenn zuvor die Gewalt gegen die irakische Bevölkerung nochmals stark gesteigert wird.

Siehe auch:
Folgt auf US-Wahlen ein Putsch im Irak?
(7. Oktober 2006)
Planen die USA einen Putsch im Irak?
( 23 August 2006)
US-Regierung stößt Irak an den Rand des Bürgerkriegs
( 2. März 2006)
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