Mel Gibsons Apocalypto: Eine schmerzhafte Erfahrung

Apocalypto, Regie: Mel Gibson, Drehbuch: Farhad Safinia

Von David Walsh
28. Dezember 2006

Was sollen wir mit Mel Gibsons Apocalypto anfangen, einem Film, der von Gewaltszenen nur so strotzt? Es scheint sich weniger um ein künstlerisches Ereignis als um ein sozialpsychologisches Phänomen zu handeln.

Die Geschichte dreht sich um die letzten Tage der Maya-Kultur in Mittelamerika, wie sie sich Gibson und sein Drehbuchautor Farhad Safinia vorstellen, kurz vor der Ankunft der Spanier. Ein friedliches Dorf wird von einer Gruppe Krieger verwüstet und niedergebrannt, seine Einwohner werde getötet oder gefangen genommen und verschleppt. Einem jungen Maya, der den Namen Pranke des Jaguar trägt, (Rudy Youngblood) gelingt es, seine schwangere Frau und sein Kind in einem Brunnen zu verstecken, ehe auch er verschleppt wird.

Nach einer an Schrecken reichen Fußwanderung kommen die Krieger und ihre Gefangenen in einer großen Maya-Stadt an, in einem Gebiet, in dem Trockenheit herrscht und Seuchen grassieren. Im zentralen Tempel sollen die Gefangenen als Opfer dargebracht werden, um die zornigen Götter zu besänftigen. Ein glücklicher Zufall erspart Pranke des Jaguar gerade noch dieses Schicksal, und es gelingt ihm, verwundet in den Dschungel zu fliehen. Die Furcht einflößenden Krieger machen Jagd auf ihn. Wird er ihnen entkommen? Wird er rechtzeitig bei Frau und Familie sein, um sie zu retten?

Was will uns Gibson mit diesem Film sagen? In Interviews erklärt er, vielleicht nicht einmal unehrlich gemeint, der Film sei lediglich von dem Wunsch inspiriert, eine aufregende und sensationelle Verfolgungsjagd zu zeigen. Und dazu gehören natürlich auch visuell kühne und erregende Momente. Die Ereignisse und Details aber, die sozusagen um diese zentrale Geschichte herum entstanden sind, zeigen unvermeidlicherweise die Einstellung des Regisseurs zur Welt.

Zwei Elemente beherrschen den Film: Gewalt und die Furcht vor ihr. Wir erinnern uns an aufgeschlitzte Kehlen, abgetrennte Köpfe, herausgeschnittene Herzen, aufgespießte Körperteile, eine Grube voller Leichen, ein von einem Panther zerbissenes Gesicht, einen von einem Speer Durchbohrten, und so fort; aber auch an die Blicke des Schreckens in den Gesichtern der verschiedenen Opfer. Diese letzteren sind auch die mächtigeren Bilder. Die Kamera scheut wohl gelegentlich davor zurück, uns die blutrünstigsten Details zu zeigen, doch sie verweilt lustvoll bei den entsetzten Gesichtern. An vielen Stellen erkennen wir schreckliche Dinge an verängstigten Augen und offenen Mündern, ehe wir sie sehen. Selbst die Ankunft der Spanier ist zuerst in den erstaunten und ängstlichen Blicken der Mayas festgehalten.

Einem Reporter von Entertainment Weekly sagte Gibson: "Wir haben alle Angst. Das habe ich in jüngster Zeit herausgefunden - wie sehr wir als Gesellschaft von Furcht geplagt sind. Darauf lässt sich alles zurückführen. Wenn man sich die Nachrichten ansieht, bekommt man richtig Angst", und "die Angst zu benutzen", das sei es, "worum es dem Film geht".

Apocalypto vermittelt das Gefühl, dass ein ehrlicher Blick auf die Welt ein Blick voller Entsetzen sein muss. Und Hilflosigkeit. Denn die Vorahnungen und Vorwarnungen nutzen im Wesentlichen keinem der Beteiligten. Sie starren unaussprechlicher Brutalität ins Gesicht, die über sie hereinbricht, und sie können nichts tun. Nur Pranke des Jaguar, wenn er in seiner natürlichen Umgebung ist, entschlossen, seine Familie zu retten, ist fähig, anders zu handeln. (Interessanterweise nimmt er alle seine Kraft zusammen und entscheidet sich, gegen seine Verfolger in die Offensive zu gehen, als er der Kamera den Rücken zuwendet, als er seinen Peinigern nicht ins Gesicht sieht.) Es liegt in der Logik des Films, dass man einem Individuum, das die menschliche Gesellschaft ablehnt und mit Frau und Kind in die abgelegensten Wälder flüchtet, daraus kaum einen Vorwurf machen würde.

Es gibt verschiedene, vorwiegend unerfreuliche Aspekte an Apocalyptos Sichtweise, wie sie sich dem Publikum darbietet. Der Film zeigt sich feindselig gegenüber Städten, großen Menschenansammlungen, und er fördert beziehungsweise beinhaltet einen menschenfeindlichen Standpunkt, wie man ihn von Leuten kennt, die Überlebenstraining in der Wildnis betreiben. Die Szenen in der Hauptstadt zeigen eine Vision der Hölle, nicht mit Feuer und Schwefel, sondern der Hölle als trockener, staubiger und kalkiger Ort, ein verschmutztes, vertrocknetes Wüstengebiet - Gehenna oder so etwas Ähnliches, bevölkert von seelenlosen, wahnsinnigen Männern und Frauen, die im Chor jubeln, wenn Menschenköpfe die Tempelstufen herabrollen. Die Stadt und ihre Einwohner sind ein hoffnungsloser Fall. Ganz offensichtlich wäre es das Beste, den Ort dem Erdboden gleichzumachen, seine Bewohner auszulöschen und einen Neuanfang zu machen.

Gibsons Film beginnt mit einem Zitat des Historikers Will Durant: "Eine überragende Kultur kann nicht von außen her erobert werden, so lange sie sich nicht von innen her selbst zerstört hat."

Es scheint klar zu sein, dass Gibson die heutige Situation meint. In den Produktionsaufzeichnungen steht sein Kommentar, dass "beim Verfassen des Drehbuchs immer wieder zur Sprache kam, dass viel von dem, was unmittelbar vor dem Fall der Maya-Kultur geschah, heute in unserer Gesellschaft geschieht. Für mich war es wichtig, diese Parallele zu ziehen, weil man sehen kann, wie sich diese Zyklen immer und immer wiederholen. Die Leute glauben, der Mensch sei so aufgeklärt, doch wir sind anfällig gegenüber den gleichen Kräften - und wir sind auch gleichermaßen fähig zu Heroismus und Transzendenz."

Vom Drehbuchautor Farhad Safinia lesen wir: "Wir fanden heraus, dass das, was Archäologen und Anthropologen zu den größten Problemen der Maya zählten, den Problemen unserer eigenen Gesellschaft äußerst ähnlich ist, insbesondere weit reichende Umweltverschmutzung, exzessives Konsumverhalten und politische Korruption."

Diese vagen, ahistorischen Betrachtungen sind keineswegs gleichzusetzen mit einer Kritik an oder Protest gegen die heutige Gesellschaft - auch wenn es verfehlt wäre, Gibson allzu schnell ein Etikett zu verpassen. Durch seine jüngsten Bemerkungen gegen George W. Bush und den Irakkrieg hat er sich keine Freunde auf der politischen Rechten gemacht. Bei Aufnahmen im September in Austin, Texas, zog er eine Parallele zwischen der zerrütteten Gesellschaft der Maya und der gegenwärtigen politischen Situation in den USA. "Die Vorboten einer untergehenden Gesellschaft sind immer wieder die gleichen", bemerkte er. "Handelt es sich nicht um Menschenopfer, wenn man Soldaten ohne Grund in den Irak schickt?"

Über seine eigene politische Ausrichtung sagt Gibson: "Ich sehe die Dinge schon immer mit unabhängigen Augen. Alle nehmen an, ich sei Republikaner. Nein. Bei den letzten Wahlen konnte ich keinem dieser Leute meine Stimme geben. Ich sah sie mir an und dachte: ‚Was willst du - geschlagen oder getreten werden?’ Man musste eine schreckliche Entscheidung treffen. Ich fand noch jemand auf dem Wahlzettel, der als Unabhängiger kandidierte, und der mir vernünftig vorkam. An seinen Namen kann ich mich gar nicht mehr erinnern." Es wäre interessant zu erfahren, ob dieser vergessene Kandidat ein linker oder, was wahrscheinlicher ist, ein extrem rechtsgerichteter war.

Wenn Gibson meint, dass die westliche Zivilisation oder die amerikanische Gesellschaft in den letzten Zügen liegt, wie erklärt er dies dann? Vermutlich verbinden sich im Denken des Filmemachers ‘apokalyptische’ religiöse Vorstellungen (Vorahnungen über ‘das Ende der Welt’) mit der antiwissenschaftlichen Auffassung, dass die Entwicklung jeder Gesellschaft durch universelle und vorherbestimmte Zyklen von Geburt, Leben und Tod verläuft.

Gibson schert sich nicht darum, ein genaues historisches Bild zu gewinnen. Schockierende Bilder lassen sich leichter erzeugen. Die Geschichte des Films macht keinen wirklichen Sinn. Wie kommt es, dass ein Teil der Maya-Gesellschaft ein harmonisches Zusammenlaben führt, während der andere skrupellos mordet und versklavt? Ist es das Vordringen der Zivilisation in die Städte, das die Menschen zu Monstern gemacht hat? Auf genauen Antworten sollte man nicht bestehen, sie werden nicht kommen.

Denken und Fühlen des Regisseurs sind, gelinde gesagt, ziemlich verwirrt. Anstelle von wirklichen Motiven für das Handeln der verschiedenen gesellschaftlichen Figuren in seinen Filmen liefert uns Gibson als erstes eine schnelle Abfolge von bewegten Bildern und obendrauf Brutalität.

Zur Geschwindigkeit des Handlungsablaufs sagt er uns: "Man sieht sicher, dass der Film ununterbrochen in Bewegung ist; ich wollte ihn von Anfang bis Ende ausschließlich in Bewegung sehen. Ich glaube, wir haben niemals die Kamera auf einem Stativ befestigt; sie wurde entweder in den Händen gehalten, glitt an einem Kabel entlang, man filmte aus einem fahrenden Auto oder jemand hielt sie und lief damit." Der zeitliche Ablauf im Film ist denn auch sehr verzerrt; sobald Pranke des Jaguar seinen Weg nach Hause antritt, bleibt er nie stehen, bis er die Überreste seines Heimatdorfes erreicht, obwohl er für seinen Weg mehr als einen Tag und eine Nacht benötigt.

Die Wildheit und Brutalität der Handlung verschleiern den im Wesen statischen, ‘zeitlosen’ Charakter von Gibsons Auffassungen über Gesellschaft und Geschichte. Wenn die Menschheit sich nie geändert hat und ihre Gesellschaftsformationen immer dieselben Prozesse durchlaufen haben, dann spielt es keinerlei Rolle, ob man die Handlung in der Maya-Kultur oder im Schottland des 14. Jahrhundert ansiedelt.

Der Hinweis ist angebracht, dass Gibsons Sichtweise der Mayas als blutrünstige, lüsterne Wilde von Historikern und Anthropologen in Frage gestellt wird. Sie machen auf die großen Fortschritte dieser mittelamerikanischen Kultur in der Mathematik, Wissenschaft, Schrift, Kunst, Architektur und Technik aufmerksam. Menschenopfer wurden zwar offensichtlich praktiziert, doch die Berichte von spanischen Soldaten und Priestern von Massenopfern sind als Zweckbehauptungen und weit übertrieben kritisiert worden.

Traci Ardren, Assistenzprofessor für Anthropologie an der Universität Miami, weist die "beleidigende und rassistische Vorstellung zurück, dass das Volk der Maya sich lange vor dem Erscheinen der Europäer untereinander brutal bekämpfte, und es deshalb Retter verdient, ja gebraucht habe. Genau diese Vorstellung wurde 500 Jahre lang benutzt, um die Unterwerfung der Maya zu rechtfertigen... Intellektuelle Maya-Abkömmlinge haben überzeugend nachgewiesen, dass solche Vorstellungen von der Armee Guatemalas in Umlauf gebracht wurden, um den völkermörderischen Bürgerkrieg zu rechtfertigen, der von den 1970er bis in die 1990er Jahre tobte."

Grausamkeit und Brutalität werden zum Selbstzweck, bemerkte der Kritiker Georg Lukács vor langer Zeit, wenn der Künstler dem "Hauptthema, der gesellschaftlichen Entwicklung des Menschen", nicht gerecht werden kann. Lukacs meinte, Unmenschlichkeit und Grausamkeit würden zum Ersatz für "die verloren gegangene Größe der Geschichte". Diese Merkmale, wie auch die Wahl eines exotischen Drehortes, entsprängen dem morbiden Verlangen des modernen Menschen, "der erstickenden Enge des Alltags zu entkommen".

Der letzte Punkt trifft wohl ins Schwarze. Gibson reagiert mit Paranoia, Ekel und Langeweile sowohl auf die politische Elite wie auf das Hollywood-Establishment, doch seine Empfindungen schaffen sich ein Ventil in ziemlich vergifteter und von wilden Fantasien geprägter Weise.

Auch persönliche psychische Schwierigkeiten spielen wohl eine Rolle. Seine Filme und sein Auftreten, wozu auch seine jüngsten antisemitischen Tiraden zu zählen sind, deuten auf eine instabile Persönlichkeit hin. Unter der Last eines schrecklichen Vaters, eines Holocaust-Leugners und Mitglieds einer traditionalistischen katholischen Sekte, die das reformorientierte Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) als "von den Juden unterstütztes Freimaurer-Komplott" bezeichnete, führt Gibson sichtbar einen Kampf gegen die eigenen bösen Geister. Die Szene eines fast nackten, gegeißelten Mannes, beinahe zu Tode geprügelt und gefoltert, gefesselt oder gekreuzigt (in Apocalypto sind Pranke des Jaguar und seine Mitgefangenen wie Christus an schwere Pfähle gefesselt, die sie durch den Dschungel und über Bergpässe schleppen), taucht immer wieder in den Filmen des Regisseurs auf. Er scheint ein unersättliches Verlangen danach zu haben, Schmerzen zugefügt zu bekommen, wohl als Mittel der moralischen Selbstläuterung. Dies ist in keiner Hinsicht gesund.

Gibson hat Talent, auch als Regisseur, auch wenn zu viele der schauspielerischen Leistungen in Apocalypto Karikaturen des groben, anzüglichen und schrecklichen Bösen sind. Er besitzt offenbar unendliche Energie. Der Aufbau einer Maya-Stadt im Kleinformat, mit großer Detailgenauigkeit ausgeführt, bedeutete einen enormen Arbeitsaufwand. Geld scheint nicht sein vorrangigstes Interesse zu sein.

In einen Gibson-Film geht man mit einer gewissen Furcht. Es handelt sich aber nicht um das Gefühl, das von einem überragenden Kunstwerk ausgelöst wird, von Werken, deren Tiefe mit Händen zu greifen ist und die den Leser oder Betrachter schier überfordern, wie etwa Dreisers Eine amerikanische Tragödie, Döblins Berlin Alexanderplatz oder König Lear. Vielmehr wird die rein animalische Furcht aktiviert, die beim Sehen eines grausamen Horrorfilms entsteht. Beides überlappt sich in seinen Filmen, was nicht für Gibson spricht.

Gleichzeitig aber gibt es eine gehörige Portion Scheinheiligkeit und Oberflächlichkeit in den eher selbstgerechten Angriffen auf Apocalypto. Jeder Kritiker hat natürlich das Recht, die bluttriefende ‘Pornographie’ von Gibsons Film zu beklagen, seine Sensationslüsternheit, seine unmotivierte und pausenlose Gewalttätigkeit - es gibt viel zu verurteilen, und der Regisseur hat sich ja auch viele Feinde geschaffen. Doch man muss sich auch fragen, wie viele dieser Kritiker zum Beispiel Quentin Tarantinos Kill Bill oder Martin Scorseses Departed in höchsten Tönen gelobt haben.

Menschen machen sich auf viele Weise etwas vor. Tarantino wird von Kritik verschont, weil seine in modischer Weise zynischen Filme als Karikatur auf die ‘black comedy` verstanden werden, und Scorsese sieht man die Gewalt nach wegen ihrer angeblich strukturierten und poetischen Qualität. In Wahrheit sind die Filme Tarantinos, Scorseses und Gibsons Wegmarken ein- und derselben Desorientiertheit und Verkümmerung. Interessanterweise bemerkte Gibson in einem seiner Interviews: "Martin Scorses schickte mir das Drehbuch seines letzten Filmes, The Departed, [als er vergeblich versuchte, Gibson für eine Rolle als Schauspieler dafür zu gewinnen]. Ich hielt es für fantastisch." Ein anderer Kritiker merkte an, dass Scorseses letzter Film "Szenen von Grausamkeit und Gewalt enthielt, auf die Tarantino selbst stolz wäre".

Der Unterschied besteht darin, dass Gibson keine Grenzen kennt. Außer Kontrolle, unberechenbar und halb-unabhängig (seine beiden letzten Filme hat er selbst finanziert) ist Gibson weniger in der Lage und weniger unter Zwang, sich zurückzuhalten. Er ähnelt dem Profisportler, der die feine Grenzlinie zwischen der systematischen, kontrollierten Aggressivität, die von den Sportfunktionären und Medien gefördert wird, und den ‘unprofessionellen’, sogar kriminellen Aktivitäten überschreitet, für die er moralische Verurteilung und Bestrafung befürchten muss.

Gibson beunruhigt manche Leute, zum Teil, weil er die obszöne Faszination von Gewalt, die in der Film- und Unterhaltungsindustrie allgegenwärtig ist, zu solch absurden Formen treibt, dass das Thema selbst deutlich sichtbar und in Frage gestellt zu werden droht. Doch das allein reicht nicht aus, seinen neuen Film zu loben, der weitgehend eine schmerzhafte Erfahrung darstellt.

Siehe auch:
Internationale Redaktionskonferenz der WSWS: Künstlerische und kulturelle Probleme in der gegenwärtigen Situation
(9. Mai 2006)

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