Wahrheitssuche zwischen den Fronten des kalten Krieges

Zum Tod des Filmregisseurs Frank Beyer

Von Bernd Reinhardt
31. Januar 2007

Frank Beyer, der im Oktober unerwartet verstarb, gehört zu den wichtigen deutschen Filmemachern. Er drehte seit Mitte der fünfziger Jahre zahlreiche Spielfilme für Kino und Fernsehen. Seine populärsten Filme sind Jakob der Lügner und Spur der Steine.

Das Erbe der faschistischen und stalinistischen Verbrechen sowie die Widersprüchlichkeiten des Kalten Krieges waren prägend für Beyers Generation. Vielen erscheint es noch heute so, als hätte man sich damals nur für die eine oder andere Seite des Eisernen Vorhangs entscheiden können. Der im Osten Deutschlands aufgewachsene Beyer entschied sich für die DDR. Er wollte mit Hilfe der Kunst dazu beitragen, den "DDR-Sozialismus" zu verbessern.

Wie die meisten, die sich als Sozialisten verstanden, akzeptierte Beyer die von den Westalliierten und der Sowjetunion behauptete deutsche Kollektivschuld an den Verbrechen des Faschismus. Als ernsthafter Künstler konnte Beyer sich mit dem Schwarz-Weiss-Schema des Kalten Krieges nicht zufrieden geben. Wie sollte man Geschichten mit authentischen, lebendigen Figuren erzählen, wenn man die Menschen einteilte in Widerstandskämpfer, Mitläufer und Naziverbrecher? Die Realität war komplizierter.

Frank Beyer ist Ende des Krieges 13 Jahre alt. Die Zeit ist chaotisch, die einfache Bevölkerung damit beschäftigt zu überleben. Alles ist knapp, man geht Ährenlesen, und Mutter fragt nicht nach der Herkunft der Lebensmittel, die ihr Sohn sonst noch nach Hause bringt. Aus dem Krieg kommen verbitterte Soldaten, aus den KZs politische Gefangene. Beyers Onkel, ein alter Sozialdemokrat, kommt 1948 aus dem KZ Buchenwald, wo er ohne jede Untersuchung und Verurteilung von der Roten Armee als vermeintlicher Kriegsverbrecher eingesperrt war. Die Familie, die sich um Hilfe an die Führung der SED wandte, bekam nie eine Antwort von Ulbricht und Pieck. Nach der Entlassung wird dem Onkel angeboten, in die SED einzutreten. Er lehnt ab und stirbt als verbitterter Mann.

Dezember 1949, zwei Monate nach Gründung der DDR, wird die Rede, die Präsident Pieck zu Ehren von Stalins Geburtstag hält, im Thüringer Raum durch einen selbstgebauten Sender gestört. Dann verschwinden einige Klassenkameraden Beyers und einige junge Lehrer der Schule. Man erfährt nichts Genaues, nur sie hätten "Dreck am Stecken". Jahrzehnte später kommt heraus, dass sie zwei Widerstandsgruppen an der Schule angehörten, die sich nach dem Vorbild der Weißen Rose gegen die neue, stalinistische Diktatur organisiert hatten.

In einem kürzlich gesendeten Dokumentarfilm über diese Ereignisse berichteten Teilnehmer, wie schockiert sie waren, als das Ausmaß der Naziverbrechen bekannt wurde, über ihre hohe Motivation, sich politisch antifaschistisch zu betätigen, und ihre Fassungslosigkeit und schließlich Empörung, als sie erfuhren, dass nun sowjetische Lager auf dem Gelände ehemaliger KZs eingerichtet waren. Es gab Treffs, Plakataktionen und direkten Kontakt zur Westberliner "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die allerdings vom CIA unterwandert war. Der Kalte Krieg war bereits im Gang. Die Jugendlichen wurden 1950 wegen antisowjetischer Tätigkeit zu hohen Zuchthausstrafen, drei wegen Spionage zum Tode verurteilt

Beyer sieht die DDR als Chance eines gesellschaftlichen Neubeginns. Er tritt in die SED ein. Nach dem Abitur bekommt er den Parteiauftrag, Kreissekretär des "Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" zu werden, und besucht die Kreisparteisschule. "Die Lehrer waren frisch umgeschulte Nazimitläufer, und je schlechter ihr Gewissen, um so strammer war ihre Haltung. Ein ehemaliger Wehrmachtunteroffizier unterrichtete uns im Hauptfach Marxismus-Leninismus." Nach dieser "Ausbildung" agitiert Beyer Künstler gegen den "Formalismus" in der Kunst. "Aber die Maler waren freundliche Leute, sie ersparten mir eine Fachdiskussion, bei der ich sofort hätte kapitulieren müssen."

Im Oktober 1950 erlebt er als Leiter eines Wahllokals die erste Wahlfarce einer Volkskammerwahl. Er spürt "Unbehagen über ein Verfahren, das der großen Sache, die ich mit vertreten wollte, nicht würdig war".

1952 beginnt er ein Studium an der Prager Filmhochschule wenige Tage vor dem beginnenden Schauprozess gegen Rudolf Slansky, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, und 13 weitere Funktionäre. Unerklärlich ist ihm, wie Leute, die ihr ganzes Leben als Kommunisten für die Sache der Arbeiter gekämpft hatten, öffentlich zugaben, seit frühster Jugend Antikommunisten gewesen zu sein. "Das Ganze war für mich ein sehr fremder, irgendwie barbarischer, aber nicht aufklärbarer Vorgang." Aus der erwähnten Parteischulung, die sich auf das von Stalin herausgebrachte Lehrbuch "Die Geschichte der KPdSU" stützte, weiß er, dass es in den dreißiger Jahren ähnliche Prozesse gegeben hatte. Er weiß auch von solchen Prozessen in den ersten Nachkriegsjahren in Albanien, Rumänien, Ungarn und Bulgarien, "aber das was zeitlich oder geografisch weit entfernt".

Die verunsicherten Studenten bemühen sich in ähnlicher Weise um eine plausible Erklärung, wie dies rund 15 Jahre früher Wolfgang Leonhard getan hatte, der Sohn deutscher Kommunisten, der als Jugendlicher in der Moskauer Emigration die großen politischen Säuberungen der UdSSR miterlebt hatte. Leonhard sagte sich damals: "Vielleicht sind die Angeklagten zwar ‚subjektiv’ keine Verräter und keine Spione, hemmen jedoch ‚objektiv’ die Entwicklung des Sozialismus."

In der Prager Zeit faszinieren Frank Beyer neben realistischen französischen Filmen wie Die Große Illusion (1937) von Jean Renoir auch sowjetische Filme aus den dreißiger Jahren, Tschapajew (1934), Wir aus Kronstadt (1936), die sich wohltuend von den flachen Filmen der fünfziger Jahre wie Das unvergessliche Jahr 1919 abheben, der von der offiziellen Kulturpolitik hoch gelobt wird. Die Figuren dieser Filme, Helden aus dem Bürgerkrieg, sind noch keine Ikonen, sondern lebendige Menschen.

Was war in der Sowjetunion passiert, dass jetzt so schlechte Filme entstanden, fragt sich Beyer. Nachdem er den Nazi-Durchaltefilm Kolberg (1944) gesehen hat, stellt er fest, dass dessen Ästhetik der Ästhetik von Das unvergessliche Jahr 1919 "wie ein Ei dem anderen" gleicht. "Das war für mich damals ganz und gar unverständlich. Verhielten sich doch Nazi-Ästhetik und Sozialistischer Realismus angeblich wie Feuer und Wasser."

Die zahlreichen Widersprüche der Zeit prägen Beyers künstlerischen Sinn für Konflikte. Ihn interessiert das Verhältnis zwischen privatem und öffentlichem Leben, die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Einzelnen. Ihnen ziehen Situationen an, wo Menschen, die aus unmittelbar humanen Motiven heraus handeln, aus einem breiteren Blickwinkel betrachtet plötzlich objektiv zu Tätern und Schuldigen werden oder umgekehrt. Rechtfertigte beispielsweise der im Namen des Sozialismus geführte antifaschistische Kampf der Kommunisten unter bestimmten Umständen auch Unmenschlichkeit?

Beyer verfilmt den Roman von Bruno Apitz Nackt unter Wölfen (1962). Die Anwesenheit eines heimlich versteckten jüdischen Kindes im KZ Buchenwald gefährdet den von Kommunisten vorbereiteten Häftlingsaufstand und führt zwischen ihnen zu moralischen Konflikten. In seiner Autobiografie erklärt Beyer, es wäre ihm, mit dem tragischen Schicksal seines Onkels vor Augen, unmöglich gewesen, diesen Film zu drehen, wenn er sich nicht klar gemacht hätte, dass für die Grausamkeiten auch von sowjetischer Seite in letzter Instanz der deutsche Überfall auf die UdSSR verantwortlich gewesen sei.

Über die Frage deutscher Schuld oder Unschuld geht es in Der Aufenthalt (1982). Nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Kant wird die Geschichte eines jungen deutschen Kriegsgefangenen erzählt, der 1945 in Polen für konkrete Kriegsverbrechen inhaftiert wird, die er nicht begangen hat. Aber konnte ein deutscher Soldat, der getötet hatte in diesem Krieg, ohne Schuld sein? Für die unverbesserlichen Nazis in seiner Zelle ist klar, ein wirklich Unschuldiger kann nur auf der anderen Seite gestanden haben - ein Verräter. Sie bringen ihn fast um, weil sie ihn für einen Spitzel der Polen halten.

Kants Geschichte, die autobiografische Elemente enthält, erinnert an den Fall von Beyers Onkel. War dessen Haft "objektiv" gerecht? Der Film bejaht die Frage nach einer allgemeinen deutschen Schuld an den Naziverbrechen. Aber es ist für Beyer, das verraten die realistischen Figuren des Films, eine widersprüchliche Angelegenheit.

Spur der Steine - Hoffnungen nach dem Bau der Mauer

Wie gestaltete sich in der DDR das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern? Beyer, selbst Mitglied der SED, war in ständigem Konflikt mit den Partei-Kulturfunktionären. Etliche Filme wurden verboten, wie schon Alte Liebe (1958/59), ein Ehekonflikt vor dem Hintergrund der Zwangskollektivierungen auf dem Lande, oder entstanden gar nicht erst.

Den Bau der Mauer im August 1961 betrachtet Beyer als Niederlage, "aus der man aber vielleicht herauskommen konnte". Sein Film Spur der Steine (1965/66), eine Romanverfilmung nach Erik Neutsch , entsteht vier Jahre danach.

Die "Politik der harten Faust" war angesichts starker Streikbewegungen in der Sowjetunion bereits aufgegeben worden. Nun erhoffte sich die SED von einem mehr auf Marktwirtschaft, Flexibilität und Leistung ausgerichteten Wirtschaftskurs mit Prämiensystem größere Arbeitsproduktivität und Entspannung. Mit der verstärkten Orientierung auf kapitalistische Spielregeln, was in der UdSSR gerade die Streiks provoziert hatte, reagierte auch die SED auf internationale Krisenentwicklungen. Dabei registrierte sie beunruhigt, dass Teile der DDR-Jugend sich wie Jugendliche Westeuropas und Amerikas außerhalb staatlicher Kontrolle eigene Freiräume suchten.

Genossen der jüngeren Generation rieten zu einem neuen Umgang mit der Jugend: Statt Härte und Konfrontation, Kontrolle durch Einbindung. In dieser Atmosphäre keimt Hoffnung unter den Künstlern und es entstehen Filme, die etwas zeigen, was in dieser Vehemenz später nie wieder gezeigt werden sollte. Junge Menschen mischen sich in die Belange der Gesellschaft ein, verstehen sich als ihre Gestalter, als zukünftige Hausherren der DDR und prallen mit den starren bürokratischen Strukturen zusammen.

Spur der Steine spielt auf einer DDR-Großbaustelle, wo die Brigade Balla, eine Spitzenbrigade, arbeitet. Hannes Balla ist ein kräftiger, selbstbewusst-dreist auftretender Typ, der sich von niemand etwas sagen lässt und mitunter auch mit Gewalt dafür sorgt, dass seine Brigade Arbeit hat. Denn ständig gibt es Stockungen wegen Materialknappheit. Balla versucht deshalb sogar einen Streik zu organisieren. Gleich zu Beginn des Films schmeißt er einen Volkspolizisten in einen Löschteich.

Für den allseits auf der Baustelle geachteten ehemaligen Widerstandskämpfer Hansen ist Balla ein Krimineller, gegen den man hart vorgehen müsse. Er sei aus dem Stoff, aus dem die Faschisten früher ihre Helden gemacht hätten.

Für den jungen Parteisekretär Horrath ist Balla jemand, der kein Heuchler ist. Einer, der umso mehr aufblüht, je mehr Verantwortung er trägt, jemand, den man gewinnen muss. Allerdings gelingt es auch ihm nicht, Balla von der Einführung des Dreischichtsystems auf dem Bau zu überzeugen. Das gelingt erst der neuen Ingenieurin Kati Klee durch weiblichen Charme. Horrath, der zwar in der Ferne Frau und Kinder hat, ist ebenfalls in Kati verliebt.

Als Kati schwanger wird, befindet sich Horrath hoffnungslos in einer Falle zwischen Familie, Kati und seiner Funktion als Parteisekretär, der auf der Baustelle für "sozialistische Moral" zu sorgen hat. Da Kati nicht bereit ist, ihn der Betriebs- und Parteileitung als Vater zu nennen, gerät sie unter starken Druck. Horrath, außerstande sich zu entscheiden, sucht Rat bei Hansen. Dieser kommt mit Parolen aus der Widerstandszeit: Es sei egoistisch, als Parteiarbeiter private Ansprüche anzumelden. An erster Stelle stehe der Aufbau des Sozialismus.

Als schließlich alles herauskommt, wird gegen Horrath ein Parteiverfahren u. a. wegen Karrierismus eingeleitet. Dabei tut sich der ganze opportunistische Dschungel der Partei auf, tausende Fallstricke von "objektiven Notwendigkeiten", "veränderten Bedingungen", Selbstkritikritualen, überforderten, unfähigen Leuten, die fachliche Unfähigkeit hinter "sozialistischen Prinzipien" und Angst vor Verantwortung hinter Parteidisziplin verstecken, offener Karrierismus und Demutshaltungen in erschreckendem Ausmaß.

Beyer verwendet viel Aufmerksamkeit darauf, den lähmenden Filz darzustellen. Dabei hält sich der Optimismus in Grenzen, dass die Bürokratie zur Einsicht gebracht werden könne. Auch wenn zum Schluss der unfähige Betriebsleiter ausgewechselt wird, bekommt man den Eindruck einer Sisyphus-Arbeit, zumal der Grund für die Materialknappheit, die allgemeine Mangelwirtschaft bleibt. Kati ist die Leidtragende des Films. Sie kann nur noch die Stadt mit ihrem Säugling verlassen, irgendwohin, wo sie neu anfangen kann.

In diesem und anderen Filmen dieser Zeit spielen die alten KPD-Kämpfer noch eine große Rolle. Sie genießen allseits eine hohe Autorität. Ein Teil der Konflikte mit der Bürokratie wird von den Künstlern als Generationskonflikt zwischen diesen ehrlichen Antifaschisten und der jungen, oft noch unreifen, aber im "Sozialismus" aufgewachsenen Generation dargestellt. Die Alten sitzen an den Schalthebeln, sind aber keine Fachleute für wirtschafts- oder kulturelle Fragen. Es fällt ihnen schwer, die unter großen Opfern erkämpfte Macht an die junge Generation weiterzugeben.

Ihre Härte, ihr Misstrauen und ihr Drang nach Kontrolle werden ganz allgemein aus den schwierigen Bedingungen der Illegalität unter den Nazis erklärt. Unter den gesicherten Bedingungen der DDR sei Misstrauen nicht mehr nötig. Zum Schluss sieht Hansen ein, dass auch Genossen ein Privatleben brauchen, und er erkennt die Notwendigkeit, um unbequeme Menschen wie Balla zu kämpfen.

Es sind nicht blauäugige, aber doch politisch naive Hoffnungen auf einen "Sozialismus mit menschlichem Gesicht", die sich in Spur der Steine und anderen Filmen der sechziger Jahre ausdrückten. Aus dem Blickwinkel eines "Sozialismus", der gezwungen ist, seine Existenz durch staatliche Abschottung zu schützen, musste sich der objektive Rechtsschwenk in der Wirtschaft für die Künstler als Weg nach vorn darstellen, wenn auch als widersprüchlicher.

In Spur der Steine wird der alte Betriebsdirektors durch den Erfinder des den Arbeitern mehr Opfer abverlangenden Dreischichtsystems auf dem Bau ersetzt. Dass sich hier "sozialistische" Hoffnungen Beyers widerspiegeln, zeigt sich darin, dass er keinen Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und dem harten Schlag sieht, den die SED 1965 den Kulturschaffenden versetzt. Letzteren führt er auf die sklavische Abhängigkeit der SED von der UdSSR zurück, wo Chruschtschow seit Ende 1962 (mitten in der Zeit der sozialen Unruhen, die Beyer in seiner Autobiografie nicht erwähnt) scharfe Angriffe auf Künstler führt, die von Leidenschaften erfasst seien, "in den Hinterhöfen zu wühlen", und nicht sehen wollten, "was auf den Hauptstraßen unserer Entwicklung vor sich geht".

Das 11. Plenum des ZK der SED Ende 1965 weist jene in die Schranken, die gedacht hatten, in der DDR stünden jetzt grundlegende demokratische Reformen auf der Tagesordnung. Eine ganze Jahresproduktion von Filmen wurde verboten. Erich Honecker, dem seit Ende der fünfziger Jahre der gesamte Sicherheitsapparat der DDR unterstand, referierte gegen den "Skeptizismus" der Künstler und forderte eine "saubere Leinwand". Der neu eingesetzte Kulturminister Klaus Gysi, Vater des heutigen PDS-Politikers Gregor Gysi, sorgte dafür, dass Spur der Steine, der dem Verbot des Plenums nicht unterlag, nach einigen sehr erfolgreichen Vorstellungen rigoros abgesetzt wurde.

Als "Stimme des Volkes" wurden Auftragsrandalierer in die Vorstellungen gesetzt. Beyer war schockiert, da er wusste, dass die Nazis Anfang der dreißiger Jahre den amerikanischen Film Im Westen nichts Neues auf dieselbe Art sabotiert hatten. Nach dem Verbot von Spur der Steine wurde der Kinofilmer Frank Beyer kaltgestellt, erst ans Theater, dann ans Fernsehen verbannt.

Geschlossene Gesellschaft

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag 1968, der einen noch tieferen Schock auslöste, war die Hoffnung vieler Künstler erloschen, auch wenn sie hin und wieder reflexartig aufflackerte. Als im Herbst 1976 der DDR-Liedermacher Wolf Biermann nach einem Konzert in der BRD aus der DDR ausgebürgert wurde, war der legendäre "Protestbrief", den auch Beyer unterschrieb, nicht Beginn einer Offensive für eine demokratische DDR. Es war eine letzte müde, kraftlose Geste, bemüht jede Konfrontation mit der SED zu vermeiden. Danach verließen viele Künstler das Land.

"Nach 1976 hatte ich mit der DDR-Kulturpolitik nichts mehr am Hut", schreibt Beyer in seiner Autobiografie Zwei Jahre später entsteht sein Fernsehfilm Geschlossene Gesellschaft (1978), dem SED-Kulturpolitiker "sozialismusfeindliche Tendenzen" bescheinigen. Er wird ein einziges Mal gesendet, zu ungünstiger Sendezeit, und verschwindet dann im Keller.

Eine dreiköpfige Familie: Die Frau arbeitet bei der Jugendhilfe, ihr Mann in der Forschung. Sie leben beziehungslos nebeneinander her. Infolge dessen entwickelt ihr Kind eine psychosomatische Symptomatik. Der Junge bekommt Lähmungszustände, wenn er das Gefühl hat, von den Eltern allein gelassen zu werden. Während eines gemeinsamen Herbsturlaubs bricht die Krise offen aus. Es zeigt sich, beide Eltern leiden unter ähnlichen Gefühlen.

Der Vater hat seit Jahren berufliche Misserfolge. Er will forschen, verändern, aber niemand interessiert sich für neue Ideen, es herrscht gleichgültige Routine, und junge Karrieristen machen ihm den Platz streitig. Die Mutter verdrängt berufliche Unzufriedenheit hinter der Fassade eines aufgesetzten, gewichtigen Bewusstseins, gesellschaftlich nützliche Arbeit zu leisten. Aber was heißt das? Im Urlaub trifft sie auf einen ihrer ehemaligen, inzwischen erwachsen Schützlinge. Ihr wird bewusst, dass ihre damalige Hilfe darin bestand, ihn zu befähigen, in gegebenen Strukturen zu funktionieren, sich einzufügen, dass der Jugendliche dressiert wurde, ohne dass ihm geholfen wurde, seine eigentlichen individuellen Probleme zu lösen. Sie ist darüber tief schockiert. Der Schluss des Films deutet an, dass radikale, desillusionierende Schocks dieser Art die Chance eines Neubeginns bergen.

Man kann Geschlossene Gesellschaft in gewisser Weise als Fortsetzung von Spur der Steine auffassen. Inzwischen hat die lähmende Bürokratie sich durchgesetzt und vergiftet das Leben. Hoffnung schöpft das Ehepaar aus der Begegnung mit einem zurückgezogen lebenden ehemaligen Physiker. Der seelisch verschlissene Rentner hat sich in der Dorfeinsamkeit dem Einfluss der Bürokratie entzogen. Er schart die Dorfkinder um sich, tollt mit ihnen umher, ist fasziniert von deren Naivität und Fähigkeit, ohne belastenden Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges, sinnlich, genussvoll in der Gegenwart aufzugehen.

Er vollbringt das Wunder, für den Jungen mitten im November einen prall tragenden Apfelbaum. herbeizuzaubern. Dafür band der Alte unzählige Äpfel an den Ästen fest. Die Symptome des Jungen lassen nach, er hat starke Liebe und Zuwendung gespürt. Der alte Mann ermutigt das Ehepaar, wieder Verantwortung zu übernehmen, nicht für abstrakt gewordene Ideale, sondern konkret für ihr eigenes Kind. Auch dieser Film appelliert an Menschlichkeit und Mitgefühl. Doch richtet sich dieser Appell nicht mehr mit leicht drohendem Unterton an die offiziellen Repräsentanten der Gesellschaft. Menschen wie Balla gibt es nicht mehr.

Die Figur des Balla, die vor allem die Ausstrahlung von Spur der Steine ausmacht, atmet noch den Geist von 1953 und 1956, Symbol einer Arbeiterklasse, die eine reale Bedrohung für die Macht der SED darstellt. In Geschlossene Gesellschaft ist der Kampf so gut wie verloren. Der jugendliche Randalierer mit den Bärenkräften hat die Mühle der staatlichen Jugendhilfe hinter sich. Er schmeißt keine Polizisten mehr ins Wasser, sondern treibt Bodybuilding. Innerlich ist er gebrochen. Geschlossene Gesellschaft vermittelt eine allgemeine Atmosphäre der Einsamkeit und Vereinzelung. Immer wieder kommt die triste, kahle Novemberlandschaft ins Bild.

Der Film beschreibt eine Gefühlslage im Akademiker- und Angestelltenmilieu, auf dessen Boden das Bedürfnis nach individuell alternativen Lebensformen in "natürlicher Umwelt" genährt wird und die Bewegung der Grünen im Westen an Attraktivität gewinnt. Dieses Lebensgefühl wird eine wesentliche Basis der späteren Bürgerbewegung der DDR um das "Neue Forum" herum. Im Jahr 1980 wird Beyer aus der SED ausgeschlossen.

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Ein weiterer Artikel wird sich mit dem restlichen Leben und Werk Frank Beyers befassen.

Siehe auch:
Was ist von den Utopien der sechziger Jahre geblieben?
(17. April 2002)

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