US-Truppen entfesseln in Bagdad neue Mord- und Gewaltorgie

Von James Cogan
13. Januar 2007

Die Eskalation des Irakkriegs, die Präsident Bush am Mittwochabend ankündigte, ist schon in vollem Gange. Seit vergangenem Samstag führt die US-Armee eine Operation gegen Aufständische an der Haifa-Straße durch, einer wichtigen Verkehrsader im Herzen Bagdads, die am Westufer des Tigris entlang bis in die "Grüne Zone" führt, wo die US-Botschaft und die Büros der irakischen Regierung liegen.

Am Donnerstag wurde zum umfassenden Angriff auf diesen Bezirk geblasen. Was dann geschah, machte klar, dass die "Aufstockung" amerikanischer Truppen und irakischer Regierungssoldaten in Bagdad einem Befehl zum Massenmord gleichkommt und nur der Unterdrückung dient.

An der Haifa-Straße wohnen überwiegend sunnitische Araber, beiderseits stehen Bürohochhäuser und Wohngebäude, in denen früher die Regierungsangestellten und Offiziere von Saddam Husseins Baath-Regime wohnten. Durch die US-Invasion haben sie ihre Arbeitsplätze und ihre gesellschaftliche Stellung verloren. Die ärmeren Seitenstraßen, in denen Arbeiter wohnen, sind für die amerikanischen Soldaten ein "Labyrinth" von krummen Gassen und zerfallenen Häusern, ein "idealer Ort für Aufständische, die sich verstecken müssen".

Als im Laufe des Jahres 2003 der bewaffnete Widerstand gegen die US-Besatzung zunahm, wurde dieses Viertel zu einem der gefährlichsten Gebiete in ganz Bagdad. Obwohl die US-Armee immer wieder Razzien durchführte und hunderte Anwohner tötete oder verhaftete, ist es ihr bisher nicht gelungen, die hier lebenden Menschen in die Knie zu zwingen. Jedes Mal, wenn sich die amerikanischen Soldaten aus dem Gebiet zurückzogen, formierten sich die Guerillazellen neu und nahmen ihre Widerstandstätigkeit wieder auf.

Die laufende Operation in der Haifa-Straße entspricht der allgemeinen Leitlinie von Bushs Truppenaufstockung und soll unter Zuhilfenahme massivster Gewalt mit diesem Widerstand endgültig aufräumen. Nachdem ein Voraustrupp von schlecht ausgerüsteten irakischen Kräften - die offenbar vor allem als Kanonenfutter benutzt wurden, um die Aufständischen zu lokalisieren - drei Tagen lang die Lage überprüft hatte, griffen die amerikanischen Truppen im Morgengrauen mit Panzerwagen an, aus der Luft unterstützt von F-18-Bombern und Apache-Kampfhubschraubern.

Um ein Gebiet von knapp zwei Kilometern Länge entlang dieser zentralen Straße einzunehmen, wurden rund tausend Soldaten eingesetzt. Amerikanische Soldaten und irakische Regierungstruppen nahmen den Tala’a-Platz am Nordende der Haifa-Straße ein und setzten sich in südlicher Richtung in Bewegung; sie drangen beiderseits der Straße gewaltsam in die Wohnhäuser und Büros ein und durchkämmten sie nach angeblichen Aufständischen. Der Widerstand setzte sofort ein. Um 6:30 Uhr früh waren die Soldaten schon in Kämpfe mit irakischen Kräften verwickelt, die nur mit Handfeuerwaffen, Raketenwerfern und Mörsern bewaffnet waren.

An der Art und Weise, wie amerikanische Kommandeure gegen den irakischen Widerstand vorgehen, lässt sich ablesen, was in weit größerem Ausmaß zu erwarten ist, wenn das US-Militär Bushs neue Pläne in die Tat umsetzt. Amerikanische Soldaten versuchten gar nicht erst, Gebäude zu erobern, von denen aus sie beschossen wurden. Stattdessen nahmen Kampfhubschrauber und Panzerwagen - mitten in der Stadt und ohne Vorwarnung an Zivilisten - die Bürogebäude und Wohnhäuser unter heftigen Beschuss. Mutmaßliche Widerstandsnester wurden aus der Luft mit Hellcat-Raketen gesprengt oder vom Boden aus mit Panzerabwehr-Raketen und Granaten beschossen.

Hausdächer, auf denen man Heckenschützen vermutete, wurden im Tiefflug von F-15 und F-18-Kampfjets angegriffen, die bis zum frühen Nachmittag über der Stadt kreisten. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die amerikanischen und irakischen Truppen von Haus zu Haus ungefähr 1,6 km weit die Straße entlang vorgearbeitet. Eine Moschee und ein alter Friedhof wurden von der amerikanischen Luftwaffe direkt angegriffen, weil sich angeblich dort Widerständler versteckten.

Unter den amerikanischen Soldaten und irakischen Regierungstruppen gab es keine Todesopfer oder Schwerverletzten. Den Berichten nach wurden 50 Aufständische getötet und weitere 21 gefangen genommen. Laut offiziellen Mitteilungen wurden trotz des massiven Beschusses und der Explosionen keine irakischen Zivilisten getötet. Diese Behauptung wurde bislang jedoch von keinem unabhängigen Beobachter bestätigt. An der Moschee, zu der die meisten der Getöteten gebracht wurden, sagte ein Iraker gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Toten seien "alles unschuldige Opfer". Die meisten Guerillakämpfer haben sich wahrscheinlich unter die Bevölkerung gemischt oder in anderen Teilen der Stadt Zuflucht gesucht.

Nach dem Angriff wurden in der Haifa-Straße Militärposten eingerichtet. So werden Aufständische provoziert, die Besatzungskräfte anzugreifen und dadurch ihre Stellungen zu verraten. Die irakischen Regierungstruppen werden dabei als Köder benutzt. Sie werden auf Patrouille und Razzien geschickt, während die amerikanischen Soldaten sich in Bereitschaft halten, um auf jeden Angriff mit massiver Gewalt zu reagieren.

In Ramadi, der Hauptstadt der westirakischen Provinz Anbar, haben Kommandeure der US-Marines diese Taktik im vergangenen Jahr angewandt. Dadurch wurden die Marines und ihre irakischen Hilfskräfte permanenten Angriffen ausgesetzt. Über ein Drittel der amerikanischen Verluste ereigneten sich in dieser Provinz. Die Auseinandersetzungen mündeten in einen gefährlichen und zermürbenden Häuserkampf, als die US-Truppen mit brutaler Vergeltung auf die Attacken reagierten. Zahlreiche Gebäude rings um die Stützpunkte der Marines in dieser Stadt wurden in Schutt und Asche gelegt.

Solche Taktiken befinden sich durchaus in Übereinstimmung mit dem Feldhandbuch zur Aufstandsbekämpfung von General David Petraeus. Bush hat Petraeus erst vor wenigen Tagen zum neuen Chef der amerikanischen Streitkräfte im Irak bestellt, der die "Truppenaufstockung" befehligen wird. Petraeus ist dafür, die US-Truppen mitten in aufständischen Hochburgen zu stationieren; in Anlehnung an die rundum überwachten Wohnsiedlungen wohlhabender Bürger in den USA und anderswo heißen diese geplanten Stellung im Jargon der US-Strategen bereits jetzt Gated Communities ("Geschlossene Anlagen").

Ein Militärsprecher sagte der Los Angeles Times am Mittwoch: "Man kann Gated Communities schaffen, weil die Bevölkerung das will, weil die Bevölkerung sich sicher fühlen möchte. Oder man kann sie schaffen, um die Bevölkerung und ihre Bewegungen zu kontrollieren und die Operationen der Aufständischen zu erschweren. Das ist die Theorie, die dahinter steht." Im Irak, wo die große Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass die US-Armee das Land verlässt, ist Kontrolle das Ziel.

Als Petraeus und sein Stab das Projekt Gated Communities entwarfen, ließen sie sich von Taktiken inspirieren, die in früheren brutalen Kolonialkriegen zur Anwendung kamen. Vorbilder sind zum Beispiel die französische Aufstandsbekämpfung in Algerien, die britischen Besetzung von Nordirland und der US-Politik der "strategischen Dörfer" in Vietnam.

Letztlich sollen ganze Stadtteile von Bagdad und anderen irakischen Städten in Konzentrationslager verwandelt werden. Die Bewohner dieser Gebiete werden ständiger Militärrepression unterworfen. Alle Zugänge zum Gebiet sind durch Checkpoints und Barrikaden versperrt, die Bewohner erhalten spezielle Ausweise, ihre Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt und ihre Häuser regelmäßig durchsucht, um die Rückkehr von Aufständischen zu verhindern.

Ohne Zweifel ist es Petraeus' Aufgabe, dieses Vorgehen in den kommenden Wochen und Monaten auch auf das überwiegend von Schiiten bewohnte Bagdader Arbeiterviertel Sadr City mit seinen mehr als zwei Millionen Einwohnern auszudehnen. Die Bush-Regierung hat klar gemacht, dass sie rücksichtslos entschlossen ist, die politische Bewegung des Klerikers Muktada al Sadr und seine große Mehdi-Miliz zu zerschlagen, um die Vorherrschaft der USA im Irak zu zementieren.

Die Bush-Regierung und das US-Militär werfen der Mehdi-Armee vor, auf Seite der Schiiten hauptverantwortlich für die konfessionell motivierte Gewalt zu sein, die zwischen sunnitischen und schiitischen Extremisten wütet. Washingtons Hauptsorge ist jedoch, dass die Sadr-Bewegung, die größte Fraktion im irakischen Parlament, Massenunterstützung gewinnt, weil sie eine langfristige neokoloniale Herrschaft der USA über den Irak ablehnt. Zwar hat sie seit den beiden schiitischen Aufständen 2004 nicht mehr zum bewaffneten Widerstand gegen die amerikanische Besatzung aufgerufen, doch das jüngste Treffen von Ministerpräsident Nuri al Maliki mit Bush in Jordanien diente ihr als Anlass, sich aus der Regierung zurückzuziehen.

Sadr verlangt nachdrücklich einen Zeitplan für den Rückzug der US-Truppen, lehnt jede Öffnung der Ölindustrie für ausländische Konzerne ab und fordert Maßnahmen, um die schrecklichen Lebensbedingungen der irakischen Bevölkerung zu bessern. Derzeit würden die Sadristen wohl bei jeder Wahl in den Schiitengebieten bedeutende Stimmengewinne erzielen. Da die Bush-Regierung zunehmend auf Konfrontationskurs gegen das schiitische Regime im Iran geht, wird die Mehdi-Armee von amerikanischen Militärkreisen als eine ernstzunehmende und wachsende Bedrohung betrachtet. Die Miliz verfügt über bis zu 60.000 Kämpfer und kontrolliert effektiv ganze Einheiten der irakischen Sicherheitskräfte. Sadr hat angekündigt, das Nachbarland zu verteidigen, falls der Iran von Israel oder den Vereinigten Staaten angegriffen wird.

Die USA behaupten, die derzeitigen Militärpläne stammten von der irakischen Regierung. Doch im Widerspruch dazu hat Maliki hat schon mehrmals aus Furcht vor den Reaktionen seiner politischen Basis unter den Schiiten die Forderung Washingtons zurückgewiesen, sein Einverständnis für Angriffe auf die Mehdi-Armee in Sadr City zu geben. Im November hatte er sogar vorgeschlagen, alle amerikanischen Kräfte aus Bagdad abzuziehen und die Aufrechterhaltung der Sicherheit an die schiitisch dominierte Armee und Polizei des Iraks zu übertragen.

Ebenso wie mit dem Boykott der Sadristen ist Maliki konfrontiert wie mit der offenen Drohung Washingtons, die derzeitige Regierung im Irak abzusetzen. Er scheint nun den amerikanischen Forderungen nachgegeben zu haben. Bush erklärte Mittwochabend, der irakische Ministerpräsident habe der amerikanischen Armee "grünes Licht" für das Eindringen in alle Stadtviertel gegeben, "von denen religiös motivierte Gewalt ausgeht".

Auf die Frage der Washington Post, ob Maliki ausdrücklich ein Vorgehen gegen Sadr gebilligt habe, antwortete ein hoher Regierungsvertreter in einem Hintergrundgespräch mit Presseleuten: "Ich möchte jetzt nicht im Detail auf die Gespräche des Präsidenten eingehen, aber jedem ist klar, dass man sich der Mehdi-Armee und Sadr annehmen muss." Maliki, erklärte der Sprecher, habe "dem Befehlshaber freie Hand gegeben, überall in Bagdad gegen diejenigen vorzugehen, die sich außerhalb des Gesetzes befinden. [...] Das schließt natürlich Sadr City ein".

Eine Offensive gegen die Sadristen wäre ohne Zweifel eines der blutigsten Kapitel im Irakkrieg und würde unzählige Opfer auf amerikanischer und noch viel mehr auf irakischer Seite kosten. Ein Vorgehen gegen die Mehdi-Armee, merkte die Washington Post am 11. Januar an, könnte zu "monatelangen Straßenkämpfen führen". Aus Furcht, schiitische Armeeeinheiten könnten den Angriff auf Sadr City verweigern oder gar ihre Waffen gegen das amerikanische Militär richten, fordern die USA, zwei kurdischen Peschmerga-Brigaden in die Hauptstadt zu verlegen und bei den Operationen in schiitischen Gebieten einzusetzen. Das setzt zusätzlich zu der sunnitisch-schiitischen Gewalt, die jeden Monat tausende Menschenleben fordert, die Möglichkeit eines kurdisch-schiitischen Konflikts auf die Tagesordnung.

Offenbar hat sich die Bush-Regierung bislang kaum ernsthaft mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass ein Angriff auf Muktada al Sadr im ganzen Südirak einen Aufstand gegen die amerikanischen Truppen auslösen könnte. Die Vorbereitungen auf die Auseinandersetzung gehen gleichwohl weiter. US-Truppen durchsuchten nächtens eine Wohnung in Sadr City und begannen Anfang der Woche angeblich damit, an wichtigen Zugängen zum Stadtteil Straßensperren und Kontrollposten einzurichten. Die blutigen Szenen der Haifa-Straße und die Bombardierung dicht bewohnter Stadtgebiete sollen sich demnächst in der ganzen Hauptstadt wiederholen.

Siehe auch:
Bush kündigt Verschärfung des Irakkriegs an und verspricht mehr Blutvergießen
(12. Januar 2007)
Die Hinrichtung Saddam Husseins: Ein konfessionell geprägter Racheakt
( 6. Januar 2007)