Wall Street genehmigt sich Milliardensummen als Weihnachtsgratifikation

Von David Walsh
5. Januar 2007

Die Wall Street genehmigt sich dieses Jahr Weihnachtsgratifikationen in Höhe mehrerer Milliarden Dollar. Die Auszahlung phantastischer Geldbeträge an Investmentbanker und Wertpapierhändler ist ein Symptom der tiefen sozialen Spaltung, die in Amerika jeden Lebensbereich durchdringt.

An der Spitze der Meute steht die Investmentbank Goldman Sachs. Das Unternehmen hat eine Steigerung des Quartalsgewinns um 93 Prozent gemeldet und schüttet rund 16,5 Milliarden an Gratifikationen für seine Banker und Händler aus. Jeder einzelne dieser so genannten "Regenmacher" wird 20 bis 25 Millionen Dollar an Prämien nach Hause bringen, "und jeder Händler, der große Profite eingefahren hat, erhält einen Anteil an diesen Profiten, jeweils bis zu fünfzig Millionen Dollar", wie es in einem Artikel der New York Times vom 13. Dezember heißt. In dem Zeitungsbericht wird der Kommentar einer New Yorker Investmentfirma zitiert: "Alle, die sich bei Goldman Sachs eine Bonuszahlung ausrechneten, erwachten im Bonushimmel. Besser kann es nicht mehr werden."

In einem weiteren Artikel auf den Finanzseiten der Times vom 3. Dezember heißt es, dass sich die Wall-Street-Prämien vermutlich "dieses Jahr auf Beträge von über hundert Milliarden Dollar belaufen". Diese Schätzung bezieht sich offenbar auf Unternehmen jeder Größe. Letztes Jahr haben große Investmentbanken und Handelshäuser 21,5 Milliarden Dollar an Prämien zum Jahresende ausgeschüttet. Options Group, eine New Yorker Personalvermittlungsfirma für Spitzenkräfte, hatte vorausgesagt, diese Gratifikationen würden im Jahre 2006 um fünfzehn bis zwanzig Prozent steigen.

Die atemberaubende Gesamtsumme von hundert Milliarden Dollar an Prämien übersteigt das Doppelte des Jahreshaushalts, der dem amerikanischen Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung zur Verfügung steht, und ist fast zweimal so hoch wie das Budget des US-Bildungsministeriums. Zwanzig Milliarden Dollar pro Jahr gibt Washington an Auslandshilfe für die ganze Welt aus. Das Jahresbudget der Stadtverwaltung von New York, die 250.000 Menschen beschäftigt, beträgt fünfzig Milliarden Dollar.

Die 16,5 Milliarden an Prämien bei Goldman Sachs übersteigen alleine schon den Gesamtbetrag, den die Stadt New York für die Schulbildung von 1,1 Millionen Kindern ausgibt, und dabei handelt es sich um das höchste kommunale Schulbudget in den Vereinigten Staaten. Goldman Sachs lässt sich seine Prämien zum Jahresende mehr kosten, als Washington für das größte nationale Sozialwohnungsprogramm zur Verfügung stellt (15,9 Milliarden Dollar für rund zwei Millionen Haushalte).

Es sind aber nicht nur die Spitzenkräfte von Goldman Sachs. Die Investmentbank Morgan Stanley belohnt ihren Vorstandschef John Mack für das Jahr 2006 mit Aktien und Optionen im Wert von vierzig Millionen Dollar, wie am 14. Dezember offiziell verlautete. Als Mack im Juni 2005 wieder bei Morgan Stanley eintrat (er war 2001 vom Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank abgelöst worden), erhielt er eine Wiedereinstellungsprämie von 500.000 limitierten Aktien im Wert von 26,2 Millionen Dollar. Im Februar 2006 gab Morgan Stanley bekannt, Mack habe 13 Millionen in bar, in Aktien und andern Formen für seine ersten fünf Monate im Amt erhalten. Außer seinem Gehalt hat Mack also in achtzehn Monaten bei Morgan Stanley Vergütungen im Wert von fast 80 Millionen Dollar bekommen.

Macks Bonus über vierzig Millionen wird jedoch vermutlich noch durch die Summe in den Schatten gestellt, die Goldman Sachs-Vorstandschef Lloyd Blankfein kassiert. Analysten vermuten, dass seine Prämie für 2006 wahrscheinlich fünfzig Millionen Dollar übersteigt. Weitere Spitzenleute in der Kategorie von 40 bis 50 Millionen sind laut Wall Street Journal James Cayne von Bear Stearns, Stan O’Neil von Merrill Lynch und Richard Fuld von Lehman Brothers.

Ein großer Teil der Gratifikationen wird für die gewaltigen Fusionen und Übernahmen bezahlt. Die New York Times enthüllt, was sie das "schmutzige kleine Geheimnis" der Konzernfusionen nennt: Es gibt "am Ende jedes Jahres einen Schwung an milliardenschweren Übernahmen und Fusionen", um die Boni "für all jene in die Höhe zu treiben, die am Deal beteiligt waren, besonders für die Banker". Die Zeitung fügte hinzu: "Die größten Cheerleader und Preistreiber der amerikanischen Geschäftswelt wollen bezahlt werden."

Banker bei Goldman Sachs und anderen Unternehmen erhalten einen Bonus, wenn der Deal noch in diesem Jahr angekündigt wird, und noch einmal eine Prämie, wenn im nächsten Jahr der Abschluss stattfindet. Selbst wenn die Fusion letztlich nicht zustande kommt, behalten die Banker den bereits erhaltenen Bonus.

Die Aktivitäten von Goldman Sachs unterstreichen den parasitären Charakter des modernen amerikanischen Kapitalismus. Laut der Times hat die Investmentbank ihr "Geschäftsmodell verändert, um von Umschwüngen am Kapitalmarkt zu profitieren. Dies betrifft besonders die neuen Möglichkeiten an weit entfernten Märkten und den Umstieg vom Handel mit einfachen Aktien und Anleihen auf die Entwicklung von komplexen Derivatprodukten sowie den Handel mit ihnen."

Zwei Episoden demonstrieren, wie Goldman Sachs einige der Milliarden verdient hat. Im zweiten Quartal 2006 hat die Bank 2,6 Milliarden Dollar in einen fünfprozentigen Anteil an der Industrial & Commercial Bank of China investiert, der größten chinesischen Bank in Staatsbesitz. Als diese im Oktober an die Börse ging, konnte Goldman Sachs absahnen. Im vierten Quartal verdiente das Haus an dieser Investition fast eine Milliarde Dollar.

Eine weitere halbe Milliarde Dollar verdiente Goldman Sachs beim Verkauf von Accordia Golf, einer Holdinggesellschaft für japanische Golfplätze, die Goldman Sachs seit 2001 zusammengekauft hatte. Solche Geschäfte sind meilenweit von den industriellen Aktivitäten eines Henry Ford oder Andrew Carnegie entfernt.

Goldman Sachs ist ein Finanzhaus mit besonders guten Verbindungen. Der derzeitige US-Finanzminister Henry Paulson war dort früher Vorsitzender und Vorstandschef. Seine drei unmittelbaren Vorgänger auf diesem Posten waren der ehemalige Senator (und heutige Gouverneur von New Jersey) Jon Corzine, der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten (und heutige Berater des Präsidenten in Geheimdienstfragen) Stephen Friedman sowie der Finanzminister unter Präsident Clinton Robert Rubin.

Die milliardenschweren Prämien werden in erster Linie Auswirkungen auf New York City haben, wo sie zu einer Vertiefung der sozialen Polarisierung beitragen. Angestellte der Finanzwirtschaft heimsen über die Hälfte der Gesamtsumme an Löhnen ein, die in Manhattan gezahlt wird, obwohl ihre 280.000 Arbeitsplätze weniger als ein Sechstel der insgesamt 1,8 Millionen Stellen ausmachen. Und auch die erste Zahl vermittelt kein realistisches Bild, da in Wirklichkeit nur relativ wenige Beschäftigte in den Wall-Street-Unternehmen derart fabelhafte Summen verdienen. Unterdessen stagnieren die Einkommen der Beschäftigten in der Gastronomie, im Hotelgewerbe, Einzelhandel und Gesundheitswesen, die sich oft genug an der Armutsgrenze bewegen.

Immobilienmakler, Luxuswagenhändler und Juweliere rieben sich bei den Nachrichten über die Wall-Street-Prämien die Hände. Die Times berichtete: "Es gibt wenig, was die Herzen der New Yorker Immobilienmakler so erwärmt, wie der Gedanke an die Milliarden-Dollar-Bonuszahlungen, die Wall Street ausschüttet. Hedge Fonds und Übernahmeprämien verwandeln sich in harte Ziegelsteine oder zuweilen in Glas und Stahl, während dieses unsichere Jahr voller Preisschwankungen bei Wohnungen und Liegenschaften sich dem Ende zuneigt."

Weiter heißt es in dem Artikel: "Natürlich warten nicht alle Käufer die Prämiensaison ab. Vor kurzem kaufte J. Christopher Flowers, ein ehemaliger Goldman Sachs-Partner, der seinen eigenen Investment Fond gegründet hat, für neunzehn Millionen Dollar eine Liegenschaft an der East 79th Street. Flowers wird bei Forbes auf der Liste der reichsten 400 Amerikaner mit einem Nettovermögen von 1,2 Milliarden Dollar geführt. Darauf erwarb Kenneth D. Brody, ein weiterer ehemaliger Goldman Sachs-Partner, der zur Zeit der Clinton-Administration die Führung der United States Export-Import Bank übernommen hatte, für 6,25 Millionen Dollar ein Appartement im fünften Stock des Hauses Sutton Place 25."

Die enormen Summen, die für Liegenschaften in Manhattan und wohlhabenden Ecken anderer Viertel bezahlt werden, tragen dazu bei, die Mietkosten in die Höhe zu treiben. So verschwindet bezahlbarer Wohnraum für normal arbeitende New Yorker. Und die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen in der Stadt verschlechtern sich weiter.

Im Jahr 2004 litten in der "reichsten Stadt der Welt" schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen, darunter 400.000 Kinder, Hunger oder lebten in Haushalten, in denen die ausreichende Versorgung mit Essen ständig in Frage stand.

Im Jahr 2005 verdienten die oberen zwanzig Prozent in Manhattan 330.244 Dollar - etwa 41-mal mehr als die untersten zwanzig Prozent, deren Einkommen 8.019 Dollar betrug. Die Bronx ist nach wie vor die ärmste städtische Region von New York; hier leben mehr als die Hälfte aller Haushalte, die aus einer alleinerziehenden Mutter mit kleineren Kindern bestehen, unter der Armutsgrenze.

Wie bei jedem anderen gesellschaftlichen Phänomen unterscheiden sich auch die Feiertage in den USA: Sie sehen bei der wohlhabenden Elite ganz anders aus als beim überwiegenden Rest der Bevölkerung. Jedes seriöse soziale Barometer registriert diese Kluft.

Ende November berichtete Tiffany & Co. über einen 23-prozentigen Umsatzsprung durch den gesteigerten Verkauf von Ringen und Colliers im Preissegment von rund zwanzigtausend Dollar. Als Ergebnis der Festtagsnachfrage korrigierte das Luxushandelshaus seine Profitvoraussage für das Gesamtjahr nach oben.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete: "Der US-Luxusmarkt ist gewachsen, da die Anzahl der Amerikaner, die mindestens eine Million Dollar besitzen, im vergangenen Jahr um mindestens 6,5 Prozent gestiegen ist, wie es im Weltvermögensbericht von der Capgemini Group und Merrill Lynch & Co heißt. Analysten berichten, dass Tiffany und andere US-Luxushäuser von einem starken Weihnachtsgeschäft ausgehen."

Die Chicago Tribune bemerkte: "Bisher ist es für die Händler ein gespaltenes Weihnachten. Jene Läden, die Luxuskunden versorgen, fahren weit besser als die Discounter." Der International Council of Shopping Centers stellte fest, dass die Ladenketten beim Schlussverkauf im November nur um 2,1 Prozent zulegen konnten, und dass insbesondere Wal-Mart ein schwaches Ergebnis aufwies. Wal-Mart, wo Millionen Menschen mit Niedrigeinkommen einkaufen, fuhr die schlechteste Bilanz der letzten zehn Jahre ein.

Ein Bericht des Center on Budget and Policy Priorities betont, dass das Missverhältnis bei den Verbraucherausgaben zwischen Haushalten mit unterschiedlichem Einkommen 2005 größer als jemals zuvor ausfiel. Im Jahr 2005 tätigten die Haushalte im obersten Fünftel 39 Prozent aller Konsumentenausgaben, das ist der höchste je registrierte Anteil. Die untersten zwanzig Prozent der Bevölkerung trugen nur acht Prozent der Ausgaben bei, was, wie schon im Jahr zuvor, der niedrigste Anteil überhaupt war.

Die Medien und das politische Establishment versuchen, diese enorme soziale Kluft zu ignorieren oder scherzend darüber hinwegzugehen. Vor noch gar nicht so langer Zeit hätten Prämien wie die von Goldman Sachs in Amerika für große Aufregung gesorgt. Man hätte die Zahlung derartiger Summen, während gleichzeitig Dutzende Millionen in Armut leben, eine nationale Schande genannt. Kongressabgeordnete hätten öffentliche Anhörungen dazu verlangt. Heute gehen die Medien mit einem Schulterzucken darüber hinweg, erwähnen es als Witz am Rande oder zeigen Anzeichen von Neid. Die Politiker, von denen viele, wie Corzine, selbst Multimillionäre sind, ziehen es vor zu schweigen.

Wenn es überhaupt zu einer Stellungnahme kommt, sieht man in den enormen Zahlungen ein positives Zeichen. So versicherte ein New York Times- Reporter, der für viele sprach: "Die Verdienste von Investmentbankern sind oft Anzeichen für die Gesundheit der amerikanischen und globalen Wirtschaft."

Diese abartige Bereicherung einer Handvoll Spekulanten und hochgejubelter Widerlinge ist im Gegenteil das Symptom für einen kranken gesellschaftlichen Organismus. Wenn sich die Elite Dutzende Milliarden Dollars in die Taschen stopft, um sie nur für sich selbst, für ihre Villen, Jachten und Privatjets auszugeben, bedeutet dies, dass nützliche und produktive Projekte auf der Strecke bleiben und wichtige gesellschaftliche Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Die Zahlen von Goldman Sachs machten einige Medienleute dann doch nervös. So schrieb John Gibson, ein rechter Fernsehmoderator bei Fox News: "Jawohl, ich bin für den Kapitalismus, aber bitte. Es gibt Leute wie [den Demokratische Politiker] John Edwards, die von der Existenz der zwei Amerikas - des reichen und des armen - sprechen und auf die Klassenfrage anspielen... Ich meine: Warum müssen sich die Fat Cats so bemühen, ihm Recht zu geben, wenn wir doch im Großen und Ganzen wissen, dass er falsch liegt?"

Auf der Wirtschaftsseite der Washington Post hieß es: "Die Nachrichten des sehr, sehr guten Jahres an der Wall Street könnten leicht Emotionen auf der Main Street [Hauptstraße] wecken - nicht weil die Wirtschaft an sich so schlecht liefe, sondern, weil sie an die immer größere Kluft zwischen den Superreichen und allen Übrigen erinnern."

Siehe auch:
Bericht über die Weltwirtschaft im Jahr 2006 (Treffen der Internationalen Redaktion der Welt Socialist Web Site in Sydney)
(30. März bis 1. April 2006)