Leipziger Buchmesse:

Arbeiterpresse Verlag stellt Programm für 2007 vor

Von einem Korrespondenten
27. März 2007

Der Arbeiterpresse Verlag war auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse wieder mit einem eigenen Stand und einer Veranstaltung vertreten.

Im Rahmen eines halbstündigen Forums stellte Peter Schwarz vor rund achtzig interessierten Zuhörern das Buch "Leo Trotzki und das Schicksal des Sozialismus" vor, das im kommenden Sommer erscheinen wird. Es enthält insgesamt acht Vorträge von David North aus den Jahren 1998 und 2005. North ist Chefredakteur der World Socialist Web Site , Vorsitzender der Socialist Equality Party in den USA und Autor mehrerer Bücher und Essays zu politischen, historischen und philosophischen Themen.

Der Arbeiterpresse Verlag wird außerdem in diesem Jahr zwei Bücher von Leo Trotzki neu auflegen: "Wohin geht Frankreich?" und - im Rahmen ihres 90 Jahrestags - "Geschichte der russischen Revolution".

Wir dokumentieren im Folgenden den Wortlaut des Beitrags von Peter Schwarz. Schwarz ist Mitglied der Redaktion der World Socialist Web Site .

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"Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet." - Dieser Satz des Romantikers Friedrich Schlegel enthält einen tiefen wahren Kern. Man kann nicht in die Zukunft blicken, ohne die Vergangenheit zu kennen und zu verstehen.

Betrachtet man die heutige Lage der Menschheit, so erfüllt sie einen nicht unbedingt mit Optimismus: Krieg, Elend, Arbeitslosigkeit und schreiende soziale Ungleichheit überall wo man hinblickt. Hinzu kommen die Zerstörung der Umwelt und ein merklicher Niedergang der Kultur.

Dabei hat die Menschheit auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Technik gewaltige Fortschritte gemacht und macht sie auch weiterhin. Die Entwicklung der Computertechnologie und Internetkommunikation haben den Fähigkeiten des Menschen ungeahnte neue Dimensionen hinzugefügt.

Doch wie können diese Fähigkeiten zur Verbesserung der menschlichen Gesellschaft eingesetzt werden? Wie eine Gesellschaft gestaltet werden, die den Namen human verdient? Damit meine ich eine Gesellschaft, in der die menschlichen Bedürfnisse und nicht der Profit im Mittelpunkt stehen, das heißt eine sozialistische Gesellschaft.

Man kann diese Frage nicht beantworten, ohne die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts zu studieren und zu verstehen.

"Gewiss, die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, und wir müssen mit ihren Folgen leben", schreibt David North in dem hier vorgestellten Buch. "Aber die Art und Weise, wie wir die Vergangenheit und den Prozess, durch den sich ihre Folgen ergaben, auffassen und begreifen, bildet die wesentliche Grundlage für unser Verständnis der gegenwärtigen historischen Lage und des darin verborgenen Potentials. Unsere Einschätzung der Möglichkeiten für den Sozialismus in der Zukunft hängt unauflöslich damit zusammen, wie wir die Ursachen für seine Niederlagen im Verlaufe des 20. Jahrhunderts bewerten."

Das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts war ohne Zweifel die russische Oktoberrevolution von 1917. Zum ersten Mal in der Geschichte hat hier die Arbeiterklasse, geführt von einer marxistischen Partei, die Macht erobert und den bewussten Versuch unternommen, die Gesellschaft auf eine neue, sozialistische Grundlage zu stellen.

"Man kann diese Revolution unterstützen oder ablehnen, übergehen kann man sie nicht", schreibt North. "Wie man die Probleme des heutigen Tages beantwortet, hängt unmittelbar damit zusammen, wie man die Oktoberrevolution, ihre Folgen, ihr Schicksal, und ihr Vermächtnis bewertet."

War die Oktoberrevolution von vornherein zum Scheitern verurteilt? Waren der Stalinismus und seine Verbrechen das unausweichliche Ergebnis des Bolschewismus? Bewies der letztendliche Zusammenbruch der Sowjetunion den Bankrott der sozialistischen Wirtschaftsorganisation?

Beantwortet man diese Fragen mit "Ja" - und das ist gegenwärtig die vorherrschende Ansicht unter den Akademikern an den Universitäten - dann hat der Marxismus auf ganzer Linie Schiffbruch erlitten. Man muss eine sozialistische Perspektive ein für allemal abschreiben. Man kann bestenfalls noch den Versuch unternehmen, die sozialen Zustände durch moralische Appelle an die Herrschenden leicht zu verbessern - ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt haben.

North weist derartige Auffassungen scharf zurück. Er weist minutiös nach, dass die Oktoberrevolution auch andere Möglichkeiten in sich barg. Der Stalinismus erfolgte nicht zwangsläufig aus der Machtübernahme des Proletariats. Er entsprang nicht dem Bolschewismus, sondern als Reaktion darauf. Der Stalinismus verkörperte die einsetzende Konterrevolution. Er stieß auf den entschiedenen Widerstand der damaligen Marxisten und konnte sich schließlich nur konsolidieren, indem er in den Säuberungen der 30er Jahre eine ganze Generation revolutionärer Marxisten physisch vernichtete.

North ignoriert nicht die objektiven Faktoren, die dem Stalinismus zum Durchbruch verhalfen - die ererbte wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit und die internationale Isolation der Sowjetunion. "Es besteht jedoch", schreibt er, "ein entscheidender Unterschied zwischen der Erkenntnis der objektiven materiellen Grundlagen des Stalinismus und der Aussage, dass diese Grundlagen nur zu einem politischen Resultat führen konnten - zu der unwiderruflichen bürokratischen Degeneration der UdSSR und ihrem schließlichen Zusammenbruch 1991."

Eine solche deterministische Auffassung der Sowjetgeschichte ignoriert "die Rolle der Politik, der Programme, der Kämpfe verschiedener Richtungen, die Rolle des Bewusstseins". Sie verwandelt die Geschichte "in einen gänzlich abstrakten und deterministischen Vorgang: alles wird von blind wirkenden, unkontrollierbaren Kräften entschieden."

Betrachtet man das Schicksal der Sowjetunion dagegen nicht deterministisch, sondern vom Standpunkt des lebendigen Kampfs sozialer und politischer Kräfte, dann fällt der Linken Opposition und ihrem wichtigsten Führer, Leo Trotzki, eine entscheidende Rolle zu. Man begibt "sich nicht auf den Boden aussichtsloser Spekulation", betont North, "wenn man über Alternativen zum Ausgang des Kampfes innerhalb der russischen Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale nachdenkt."

"Als Leo Trotzki und die Linke Opposition den Kampf aufnahmen," fährt er fort, "besaßen sie ein außerordentlich weitreichendes Verständnis über die historischen Implikationen der Probleme, vor denen die Sowjetunion und die internationale sozialistische Bewegung standen." Trotzki hatte von Anfang an keine Zweifel, dass die wachsende Macht der Bürokratie und die falsche Politik der sowjetischen Führung letzten Endes zum Sieg der Konterrevolution führen würden. "Birgt der Bürokratismus die Gefahr der Degeneration in sich oder nicht?" fragte er schon im Dezember 1923. "Nur ein Blinder könnte das leugnen."

North befasst sich ausführlich mit der Frage, "ob der Sieg der Linken Opposition den Verlauf der sowjetischen und der Weltgeschichte durchgreifend geändert hätte", und beantwortet sie mit einem eindeutigen Ja. Er geht dabei auf drei Bereiche ein, "die für das Schicksal der UdSSR von ausschlaggebender Bedeutung waren: 1. Die innerparteiliche und die Sowjetdemokratie, 2. die Wirtschaftspolitik, und 3. die internationale Politik." Minutiös weist er nach, dass die Linke Opposition in jedem dieser Bereiche eine ausgearbeitete Alternative vorzuweisen hatte.

Kaum eine der politischen und geistigen Strömungen, die erklären, die Sowjetunion sei von vornherein dem Untergang geweiht gewesen, habe sich jemals die Mühe gemacht, die Politik der Linken Opposition einer konkreten Analyse zu unterziehen, bemerkt North. "Trotzki ist bis auf den heutigen Tag ‚die große Unperson’ der sowjetischen Geschichte."

Und er zieht die Schlussfolgerung: "Alle Behauptungen, dass der Untergang der UdSSR unvermeidlich gewesen sei, dass die sozialistische Revolution ihrem ganzen Wesen nach ein utopisches Unterfangen sei, dass von daher die Oktoberrevolution die russische Arbeiterklasse in eine Sackgasse geführt habe, aus der es kein Entrinnen gab, dass Marxismus unweigerlich zu Totalitarismus führe, usw., werden durch die historisch verbürgte Tätigkeit der Linken Opposition widerlegt. Sie war in ihrer Politik eindeutig eine tragfähige, theoretisch wohlbegründete und politisch mächtige Opposition gegen die stalinistische Bürokratie."

Polemik gegen heutige ideologische Strömungen

Der im Arbeiterpresse Verlag erscheinende Band enthält insgesamt acht Vorträge, die David North in den Jahren 1998 und 2005 gehalten hat. Alle beschäftigen sich mit wichtigen Erfahrungen der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert. Zwei befassen sich mit der Bedeutung und den Folgen der Russischen Revolution, zwei mit der Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Revisionismus, die ihr vorausging. Ein weiterer geht auf die Ursprünge des Bolschewismus und Lenins Schrift "Was Tun?" ein. Ein Vortrag befasst sich mit dem Thema "Marxismus und Gewerkschaften".

North beschränkt sich aber nicht darauf, diese historischen Erfahrungen zu erläutern. Seine Vorträge sind gleichzeitig Polemiken gegen die ideologischen und philosophischen Strömungen, die heute in der akademischen Welt vorherrschen. So setzt sich der bereits zitierte Vortrag "Leo Trotzki und das Schicksal des Sozialismus im 20. Jahrhundert" mit dem bekannten Historiker Eric Hobsbawm auseinander.

Hobsbawm hat wertvolle Bücher zum 18. und 19. Jahrhundert verfasst, doch wenn er auf das 20. Jahrhundert und die Sowjetunion eingeht, wird seine historische Arbeit durch die Tatsache beeinträchtigt, dass er jahrelang Mitglied der Kommunistischen Partei war. Er verteidigt zwar nicht jedes Verbrechen des Stalinismus, relativiert diese aber, indem er sie als Ergebnis objektiver Prozesse darstellt, auf die subjektive Faktoren nur geringen Einfluss hatten. Er rechtfertigt Stalin mit dem Argument: "Die objektiven Umstände haben ihn dazu gebracht."

So behauptet Hobsbawm, "selbst wenn die UdSSR von einer weniger brutalen und grausamen Persönlichkeit als Stalin geführt worden wäre", hätte das Ziel einer raschen Industrialisierung trotzdem erfordert, dass "eine gehörige Portion Zwang ausgeübt" wird. Trotzki und der Linken Opposition erwähnt Hobsbawm so gut wie gar nicht. Weil sie Stalin unterlegen sind, erklärt er sie für historisch unbedeutend. Er begründet dies mit dem Argument: "Die Geschichte muss von dem ausgehen, was geschah. Alles andere ist Spekulation."

Hobsbawms Herangehensweise ist deterministisch. Er weigert sich, historische Alternativen in Betracht zu ziehen. Er befasst sich nur mit dem, was geschah, und nicht mit dem, was hätte geschehen können. Auf diese Weise rechtfertigt er nicht nur den Stalinismus. Seine Methode führt ihn dazu, dass er den Zusammenbruch der Sowjetunion als unausweichlich betrachtet. So leugnet Hobsbawm rückblickend die Berechtigung der Oktoberrevolution und jede Möglichkeit der revolutionären Veränderung der Gesellschaft.

In einem anderen Vortrag, "Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts", setzt sich North mit dem Postmodernismus auseinander; unter anderem mit dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard und seinem amerikanischen Kollegen Richard Rorty. "Der politische, wirtschaftliche und soziale Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft spiegelt sich auch in ihrem intellektuellen Niedergang wieder, wenn ihm dieser nicht sogar vorangeht", schreibt North.

Kennzeichen der postmodernen Strömung sei "die Ignoranz und Verachtung der Geschichte". Sie bezeichne die Auffassung als naive Illusionen, dass die Geschichte ein gesetzmäßiger Prozess sei, "der von sozioökonomischen Kräften gelenkt wird, die außerhalb des Bewusstseins des Individuums existieren, die der Mensch jedoch entdecken, verstehen und zum Wohle des menschlichen Fortschritts anwenden kann". Sie lehne die Vorstellung, man könne Lehren aus der Geschichte ziehen, kategorisch ab: "Es gibt nichts, das man studieren, nichts, das man lernen könnte."

Der Zynismus, den man in den Werken der postmodernen Autoren finde, sei "bezeichnend für die Erschöpfung und Demoralisierung, die im Milieu linker Akademiker und Radikaler angesichts der politischen Reaktion nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime um sich gegriffen hat", kommentiert North. "Anstatt die historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wurzeln dieses Zusammenbruchs ernsthaft zu analysieren, haben sich diese Tendenzen sehr schnell an das vorherrschende Klima von Reaktion, Konfusion und Pessimismus angepasst."

Im Vortrag "Marxismus, Geschichte und Wissenschaft der Perspektive" geht David North auf den Philosophen Karl Popper und seine Behauptung ein, historische Voraussagen und damit eine wissenschaftliche Begründung des Sozialismus seien unmöglich. In seiner Antwort auf Popper verteidigt er die wissenschaftliche Geschichtsauffassung des Marxismus.

"Der Marxismus als analytische Methode und materialistische Weltsicht hat Gesetze entdeckt, die sozioökonomische und politische Prozesse bestimmen", schreibt er. "Das Wissen um diese Gesetze enthüllt Trends und Tendenzen, auf deren Grundlage stichhaltig historische ‚Voraussagen’ getroffen werden können und die ein bewusstes Eingreifen erlauben, das ein vorteilhaftes Ergebnis für die Arbeiterklasse mit sich bringen kann."

Die ideologischen Strömungen, mit denen sich North in diesem Buch auseinandersetzt, üben gegenwärtig an den Universitäten beträchtlichen Einfluss aus. Sie spielen eine wichtige Rolle dabei, Jugendliche von einem ernsthaften Studium der Geschichte und des Marxismus abzuhalten. Das Buch von David North trägt dazu bei, ihnen den Zugang zu diesen Fragen zu eröffnen.

Es erscheint in einer Zeit, in der das Bedürfnis nach einer politischen und gesellschaftlichen Alternative immer deutlicher wird. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Vorstellungen Auftrieb gegeben, die den Kapitalismus als alternativlos bezeichneten. Doch inzwischen zeigt sich die kapitalistische Gesellschaft wieder so, wie sie Marx einst beschrieben hat: Als brutales Ausbeutungssystem, dass unausweichlich soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Krieg hervorbringt.

Versuche, den Kapitalismus zu bändigen und sozial zu zähmen, haben sich als aussichtslos erwiesen. Das beweist am deutlichsten die Rechtswendung der Sozialdemokratie. Sie versteht heute unter "Reformen" nicht mehr die Verbesserung der sozialen Lage, sondern die Zerschlagung des Sozialstaats im Interesse der globalen Konzerne.

Die amerikanische Regierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa für Stabilität gesorgt hatte, ist zum wichtigsten Faktor der weltweiten Instabilität geworden. Mit der völkerrechtswidrigen Eroberung des Irak hat sie den ganzen Nahen Osten in Brand gesetzt. Nun droht sie auch noch den Iran anzugreifen.

Ein Verständnis der Lehren der Geschichte - insbesondere der Geschichte der Sowjetunion - ist eine Grundvoraussetzung, um der wachsenden Opposition gegen die kapitalistische Gesellschaft einen sozialistischen Ausweg zu weisen.

Siehe auch:
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