US-Angriff auf Moschee führt zu Massaker in Bagdad

Von Bill Van Auken
19. April 2007

Bei einem heftigen Kampf zwischen den amerikanischen Besatzungskräften und Bewohnern Bagdads wurden am 10. April viele Menschen getötet oder verwundet. Die Straßen eines dicht besiedelten städtischen Wohngebiets im Zentrum Bagdads waren mit Leichen übersät.

Die Kämpfe brachen in den überwiegend sunnitischen Stadtteilen Fadhil and Sheikh Omar aus, nachdem die amerikanisch-irakischen Truppen offensichtlich eine bewusste Provokation lanciert hatten.

Laut Einwohnern des Stadtgebiets, die von der New York Times befragt wurden, brachen die Kämpfe am frühen Dienstagmorgen aus, nachdem amerikanische und Streitkräfte des irakischen Marionettenregimes ein Gebiet abgesperrt hatten und begannen, es Haus für Haus zu durchkämmen.

"Die irakische Armee überfiel eine Moschee und tötete zwei Männer vor den Augen anderer Gläubiger beim Morgengebet", berichtet die Times. Sie zitiert Qais Ahhmed, einen Arbeiter, der in der Nähe der Moschee lebt, und der erklärte, dass einer der Erschossenen der Muezzin gewesen sei, der zu den Gebeten gerufen hatte.

"Daraufhin haben die Anwohner ihre Gewehre genommen und sind raus gegangen, um als Antwort auf diese Hinrichtungen gegen die irakische Armee und die Polizei zu kämpfen", fügte Ahmed hinzu.

In diesem Moment haben US-Truppen in den Kampf eingegriffen und Kampfhubschrauber hinzugezogen, um das Viertel aus der Luft anzugreifen.

Der Vorfall, der alle Merkmale einer bewussten Provokation trägt, die darauf abzielt, die Gegner der amerikanischen Besatzung aus der Deckung zu locken und abzuschlachten, bietet einen aufschlussreichen Einblick in den so genannten "Truppenaufbau", den die Bush-Regierung angeordnet hat. Er wurde vom Weißen Haus und vom Pentagon groß angekündigt, als Einsatz, der "Sicherheit" für die Einwohner Bagdads schaffen würde. In Wirklichkeit ist der zusätzliche Einsatz von etwa 30.000 Soldaten ein allerletzter Versuch, den wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen die US-Herrschaft in Blut zu ersticken.

Die von Sunniten dominierte Muslim Scholars Association (Muslimischer Gelehrtenverband) gab eine Erklärung heraus, in der die Ermordung von Zivilisten, darunter Frauen und Kindern, scharf verurteilt wurde. "Der Verband verurteilt dieses furchtbare Verbrechen, das von den Besatzern und der Regierung verübt wurde", steht in der Erklärung. Und weiter: "Die Zivilisten dieses Stadtteils fordern die freie Welt und die Menschenrechtsorganisationen auf, diese Massaker zu unterbinden, die keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern machen. Sie fordern Hilfe und Versorgung ihrer Verletzungen."

Verschiedenen Berichten zufolge wurden bei dem Einsatz Dutzende von Zivilisten getötet und viele weitere verletzt. Amerikanische und irakische Streitkräfte hinderten Krankenwagen daran, in den Bezirk zu fahren, und ließen so die Verwundeten unversorgt liegen. Außerdem wurde berichtet, dass eine Grundschule während der Kämpfe getroffen wurde, wobei ein Geschoss ein sechsjähriges Kind tötete.

Als Einzelheiten über das Massaker in Bagdad bekannt wurden, veröffentlichte eine britische Zeitung einen Bericht über Dokumente, die Pentagonpläne für eine drakonische Niederschlagung des Aufstands verdeutlichen. Deren Ziel besteht darin, den größten Teil der irakischen Hauptstadt faktisch in ein Gefängnis zu verwandeln.

Der langjährige Korrespondent des Independent im Nahen Osten, Robert Fisk, berichtete am Mittwoch: "Durch diese Operation werden riesige Teile der Stadt abgeriegelt und ganze Viertel mit Barrikaden abgesperrt, die nur Iraker mit neu ausgegebenen Ausweisen passieren können."

Wie Fisk erklärt, hat diese Strategie eine lange und unheilvolle Geschichte bei der Unterdrückung antikolonialer Kämpfe von Algerien bis Vietnam. In Vietnam hat das amerikanische Militär mit seinem fehlgeschlagenen Programm "strategischer Dörfer" etwas Ähnliches versucht.

Fisk berichtet, die Strategie sei von dem neuen US-Oberbefehlshaber im Irak, General David Petraeus, während eines sechsmonatigen Lehrgangs an der Generalstabsakademie in Fort Leavenworth, Kansas, entwickelt worden. An der Ausarbeitung der Pläne waren, wie verlautet, "mindestens vier hochrangige israelische Offiziere beteiligt ".

Die Strategie erfordert Massenverhaftungen von Männern im Wehrdienstalter, berichtet Fisk. Tatsächlich besteht ein Teil der aufgestockten US-Truppen aus 2.200 Militärpolizisten, die in den Irak geschickt wurden, um die wachsende Zahl an Häftlingen zu bewachen.

Wenn die Stadtviertel von potenziellen Widerstandskämpfern gereinigt sind, sollen sie mit Mauern umgeben und mit Pforten versehen werden, durch die nur Bewohner ein- und ausgelassen werden, die von den Amerikanern ausgestellte Ausweise besitzen. Währenddessen errichten US-Truppen und Truppen des irakischen Marionettenregimes befestigte "Nachschubbasen" innerhalb der abgeriegelten Gebiete, wo sie regelmäßig patrouillieren. "Die Zivilisten könnten sich innerhalb eines Gefängnisses als,überwachte Bewohner‘ wiederfinden", schreibt Fisk.

Er fährt fort und zitiert die "pessimistischen Ansichten" eines nicht genannten, ehemals ranghohen US-Offiziers zu dieser Strategie:

"Sobald die zusätzlichen Truppen vor Ort sind, werden die Aufständischen die Verkehrswege von Kuwait, soweit sie eben können, unterbrechen. Dasselbe werden sie innerhalb von Bagdad tun, und dadurch den Einsatz von mehr Hubschraubern erzwingen. Die Hubschrauber sind angreifbar, wenn sie die Basen anfliegen, und der Feind wird so viele zerstören, wie er kann. Der zweite Teil ihres Plans wird darin bestehen, eine der Basisstationen zu zerstören... Die amerikanische Reaktion wird ein massives Artilleriefeuer sein, das den Stadtteil, der ‚geschützt’ werden soll, zerstören wird."

Mit anderen Worten, der so genannte Vorstoß wird zu einem noch viel größeren Blutvergießen und zum Verlust unzähliger Menschenleben auf Seiten der Iraker und von sehr viel mehr US-Soldaten als bisher führen.

Internationales Rotes Kreuz: Das Leid der Iraker ist "unerträglich"

Die entsetzlichen Bedingungen, die dem irakischen Volk durch den US-Krieg und die Besatzung auferlegt werden, wurden erneut in einem deutlichen Bericht bestätigt, der am Mittwoch vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), herausgegeben wurde. Dieser Bericht weist die hohlen Behauptungen der Bush-Regierung über "Fortschritte" im Irak zurück.

"Das Leid, das irakische Frauen und Kinder heute erdulden, ist unerträglich und unzumutbar", erklärte der Einsatzleiter des IKRK, Pierre Krähenbühl, gegenüber der Presse, als der Bericht veröffentlicht wurde. "Ihr Leben und ihre Würde sind ständig bedroht."

Über die Militäroperationen der USA sagte er: "Wir können mit Sicherheit derzeit keine Stabilisierung für die Zivilisten feststellen. Dieser Auffassung sind wir nicht."

"Der Konflikt im Irak fügt der gesamten Bevölkerung unermessliches Leid zu", heißt es im IKRK-Bericht. "Die Zivilisten sind die Hauptleidtragenden der unerbittlichen Gewalt und der äußerst schlechten Sicherheitslage, die das Leben und die Lebensgrundlage von Millionen zerstören. Täglich werden Dutzende von Menschen getötet und zahlreiche weitere verwundet. Die Notlage der irakischen Zivilisten ist eine tägliche Erinnerung an die Tatsache, dass ihr Leben und ihre Würde schon seit langem missachtet werden."

Neben dem täglichen Massaker, das Hunderttausende getötet und verstümmelt und Millionen zu Flüchtlingen gemacht hat, führt der IKRK-Bericht die Zerstörung des Gesundheitssystems und der grundlegenden Infrastruktur des Landes als weiteren Grund für die humanitäre Katastrophe an.

"Medizinischen Einrichtungen wird das Letzte abverlangt, da sie tagtäglich zahllose Verletzte verkraften müssen", erklärt der Bericht und fügt hinzu: Viele kranke und verletzte Menschen gehen nicht ins Krankenhaus, weil es zu gefährlich ist..." Das IKRK berichtet, dass mehr als die Hälfte der Ärzte des Landes ins Exil geflohen sind.

Der Bericht des Roten Kreuzes spricht von wachsender Nahrungsmittelknappheit und um sich greifender Unterernährung. Er warnt, dass die "in umfassendem Maße unzureichende Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung ein Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung darstellt ... Das Wasser ist oft verunreinigt, aufgrund der schlechten Instandsetzung der Abwasser- und Wasserversorgungsnetze und dem Einleiten von ungereinigten Abwässern in die Flüsse, die die Hauptquelle für Trinkwasser darstellen."

Der Bericht bestätigt auch, dass die US-Besatzer sehr viele Iraker ohne Anklageerhebung eingesperrt haben. "Zehntausende von Menschen werden derzeit von irakischen Behörden und den multinationalen Streitkräften im Irak in Haft gehalten. Viele Familien haben keine Informationen über ihre Angehörigen, die verschwunden sind." Das IKRK schätzt, dass die Zahl der Iraker, die von den amerikanischen Besatzungsstreitkräften verhaftet und interniert wurden, seit Beginn des Jahres 2006 um 40 Prozent gestiegen ist.

Das Weiße Haus und das Pentagon unternimmt immer verzweifeltere Versuche, die Katastrophe abzuwenden, in die der Aggressionskrieg im Irak den US-Imperialismus gestürzt hat.

Am Mittwoch erschien Verteidigungsminister Robert Gates auf einer überhastet einberufenen Pressekonferenz des Pentagon, um zu verkünden, dass die Dienstzeiten aller regulären Armeeeinheiten, die im Irak eingesetzt sind, mit sofortiger Wirkung von 12 auf 15 Monate verlängert werden. Die Ankündigung war ein weiteres Zeichen für den enormen Druck, unter dem die Berufsarmee in zwei Einsatzgebieten gleichzeitig steht. Einige ehemalige Offiziere bezeichnen diese Armee jetzt schon als "erledigt". Die öffentliche Ankündigung - noch vor der Information der Truppen, die im Moment im Irak eingesetzt sind -, dass sie weitere drei Monate im Kampfeinsatz bleiben werden, wird zweifellos die Moral weiter untergraben, die jetzt schon auf einem Tiefpunkt ist.

Ebenfalls am Mittwoch berichtete die Washington Post, dass das Weiße Haus nicht in der Lage sei, jemanden zu finden, der bereit ist, die Kriege im Irak und Afghanistan zu leiten und die Einsätze des Pentagons, des Außenministeriums und anderer Behörden zu koordinieren.

Die Zeitung nannte mindestens vier pensionierte Vier-Sterne-Generäle, die das Amt eines so genannten "Kriegszaren" abgelehnt haben, offenbar wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Politik der Regierung oder aus der Überzeugung heraus, dass der Irakkrieg nicht zu gewinnen sei.

"Das grundlegende Problem besteht darin, dass man nicht weiß, wo zum Teufel man hinwill", erklärte der pensionierte Marine-General Jack Sheehan, ein ehemaliger Nato-Kommandeur, gegenüber der Zeitung. "Es gibt noch Überreste von der Cheney-Perspektive -,wir werden gewinnen, es geht dort um al-Quaida’ - womit alles rechtfertigt wird, was wir getan haben", fügte er hinzu. "Und es gibt die pragmatische Sicht: ‚Wie zum Teufel kommen wir am besten da raus und überleben?’ Bedauerlicherweise besetzen die Leute mit der ersteren Ansicht immer noch die Positionen mit dem meisten Einfluss."

Zu seiner Entscheidung, das Amt abzulehnen, erklärte Sheehan: "Ich habe also,Nein, danke’ gesagt, anstatt dorthin zu gehen, mir ein Geschwür zuzuziehen und schließlich irgendwann doch abzuhauen."

Siehe auch:
Hunderttausende demonstrieren im Irak für das Ende der US-Besatzung
(17. April 2007)
Die menschlichen Kosten von vier Jahren Krieg: Fast eine Dreiviertelmillion Iraker getötet
( 22. März 2007)