Hungerstreik in Guantánamo weitet sich trotz Unterdrückung aus

Von Tom Carter
12. April 2007

Trotz Einschüchterung und massiver Drohungen seitens der Gefängniswärter haben sich in den letzten Tagen weitere Häftlinge in Guantánamo einem Hungerstreik angeschlossen, wie die New York Times in einem Artikel vom 8. April berichtet. US-Behörden haben bestätigt, dass sich dreizehn Personen am Hungerstreik beteiligen. Anwälte, die jüngst das Gefängnis besucht haben, gehen allerdings von bis zu 40 Teilnehmern aus.

Als im Oktober 2005 rund 150 Gefangene, d.h. mehr als ein Drittel aller Insassen, an einem längeren Hungerstreik teilnahmen, ordnete die Gefängnisleitung eine brutale Zwangsernährung an. Hungerstreikende wurden auf einen Stuhl geschnallt und Nahrungsschläuche wurden ohne Betäubung gewaltsam durch die Nase in den Magen geschoben, wobei viele Gefangene sich gegen die Schläuche wehrten. Die Gefängniswärter die keine medizinischen Kenntnisse haben, benutzten oft Schläuche, "die noch von Schleim und Blut des vorherigen Gefangenen verschmutzt waren", wie ein Anwalt berichtete, der mit einem der Opfer darüber gesprochen hatte.

Angesichts dieser unerbittlichen Prozedur nahm die Zahl der Hungerstreikenden damals rapide ab.

Wenn sich trotz dieser Erfahrungen jetzt erneut ein Hungerstreik ausbreitet, dann kann das nur ein Ausdruck der Verzweiflung der Guantánamo-Häftlinge sein, denen jeder Rechtsschutz nach internationalem oder amerikanischem Bundesrecht aberkannt wird. Viele der Insassen, von denen einige noch in jugendlichem Alter festgenommen worden waren, sind schon das fünfte Jahr in Haft. In den fünf Jahren, in denen das Lager jetzt schon existiert, sind erst zehn Gefangene überhaupt eines Verbrechens beschuldigt worden.

"Ich will sterben", sagte der 27jährige Adnan Farhan Abdullatif aus dem Jemen seinem Rechtsanwalt. "Wir verrotten bei lebendigem Leib."

Im vor kurzem erweiterten Guantánamo Bay-Gefängniskomplex sitzen fast 400 Personen ein. Die meisten gerieten 2002, im ersten Stadium der Afghanistan-Invasion, ins Antiterrornetz der USA und wurden von amerikanischen Soldaten bei Nacht und Nebel verschleppt. Der Name des Gefängnisses wurde zum Synonym für Folter, Erniedrigung, religiöse Verfolgung, sexuellen Missbrauch und die Verletzung der grundlegendsten demokratischen Rechte im Zusammenhang mit dem so genannten "Krieg gegen den Terror".

Die brutalen Methoden der Zwangsernährung in Guantánamo sind ausführlich dokumentiert und von zahlreichen Menschenrechtsgruppen vehement verurteilt worden. Unter anderem von der American Civil Liberties Union, Amnesty International (AI), dem Center for Constitutional Rights, Human Rights First, der UN-Menschenrechtskommission und den Physicians for Human Rights.

AI zitierte kürzlich in einem Bericht einen Gefangenen, der beschrieb, wie "die Schläuche dreimal in die falsche Röhre gingen und in der Lunge endeten". Er sagte, er habe sich nach der Zwangsernährung "häufig übergeben müssen, aber keinerlei frische Kleidung bekommen".

"Einige Wärter haben in einem Block hungerstreikende Gefangene noch in anderer Weise brutal behandelt", fährt der Bericht fort. "Sie setzten Pfefferspray ein oder drehten die Klimaanlage extra besonders hoch." (siehe "Amnesty International report: conditions for Guantánamo prisoners worsening")

Sami al-Hajj, ein ehemaliger Kameramann des Fernsehsenders Al-Dschasira, beschrieb in einem Tagebucheintrag, den er seinem Anwalt zukommen ließ, die Panik und den Schmerz, die die lange Anwendung der Nahrungsschläuche in seinem Rachen verursachten: "Ich sagte ihnen, ich würde schreien, wenn sie sie nicht entfernten... was sie dann schließlich auch taten."

Navy Commander Robert Durand gab in Erklärungen gegenüber der Presse zu, dass alle Hungerstreikenden mit durch die Nase eingeführten Nahrungsschläuchen zwangsernährt würden. Einige Gefangene wurden in einen besonderen "Zwangsernährungsblock" für die unnachgiebigsten Hungerstreikenden verlegt, der mit speziellen Fesselstühlen ausgerüstet ist.

Guantánamo-Sprecher haben die Praxis der Zwangsernährung als "sicher und human" bezeichnet.

Anwälte der Insassen haben erklärt, der gegenwärtige Hungerstreik sei vor allem eine Antwort auf die Eröffnung eines 38 Millionen Dollar teuren Betonbaus namens "Camp 6" im Dezember 2006. Darin hockt jeder Gefangene in einer winzigen, verschlossenen, fensterlosen Zelle, ohne jeden Kontakt zu anderen Gefangenen. Viele Insassen, die vorher in primitiven Käfigen in direkter Nachbarschaft zu anderen Mitgefangenen untergebracht waren, werden nun willkürlich in Camp 6 in Isolationshaft gehalten, ohne jeden Kontakt zu anderen Gefangenen oder zur Außenwelt.

Die 160 Gefangenen in Camp 6 sind 22 Stunden am Tag in ihren Zellen eingesperrt und dürfen sich nur zwei Stunden lang in einem Maschendrahtkäfig bewegen. Die Zellen sind Tag und Nacht von grell fluoreszierendem Licht erhellt, die Temperaturen werden sehr niedrig gehalten, der Kontakt mit anderen Gefangenen ist verboten, so gut wie keine persönlichen Gegenstände sind erlaubt und weibliche Wärter beobachten die Gefangenen beim Duschen und auf der Toilette.

Angesichts dieser Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass sich die psychische Gesundheit der Gefangenen rapide verschlechtert und sie bereit sind, drastische und verzweifelte Maßnahmen zu ergreifen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

"Die sitzen da unten auf einem Pulverfass", sagte der Anwalt Sabin Willet der Times. "Das wird noch zur Irrenanstalt."

Siehe auch:
Bush gibt Existenz von Geheimgefängnissen zu fordert Militärtribunale
(9. September 2006)
Fünf Jahre seit dem 11. September 2001: Eine politische Bilanz
( 14. September 2006)

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