Nach dem Massaker in Westbengalen wenden sich prominente Intellektuelle von der stalinistischen Regierung ab

Von Kranti Kumara
11. April 2007

Einige der bekanntesten indischen Historiker, Autoren und Schauspieler haben das Massaker von Nandigram verurteilt, für das die von der Kommunistischen Partei Indiens (Marxisten) [CPM] geführte Linksfront-Regierung Westbengalens verantwortlich ist. Unter den Protestierenden befinden sich auch langjährige prominente Sympathisanten der Linksfront.

Am 14. März hatten auf Befehl der stalinistischen Linksfront mehr als 4.000 schwer bewaffnete Polizisten den Bezirk Nandigram gestürmt, um den Widerstand der ortsansässigen Bauern gegen die Pläne der westbengalischen Regierung zu brechen. Diese will über vier Hektar Land für eine Sonderwirtschaftszone enteignen und sie der indonesischen Salim-Gruppe zur Verfügung stellen.

Die Polizei erschoss mindestens vierzehn Dorfbewohner und verwundete siebzig (Siehe hierzu unsern Bericht vom 24. März 2007).

Das brutale Bauernmassaker zum Wohle eines Großkonzerns, der für seine einst engen Beziehungen zu der mörderischen Suharto-Diktatur berüchtigt ist, provozierte in ganz Indien einen Aufschrei. Für viele Schauspieler und Intellektuellen war das Massaker von Nandigram ein schrecklicher Schock. Sie hatten lange Zeit geglaubt, die Linksfront und die stalinistische CPM seien eine fortschrittliche Alternative zur heruntergekommenen indischen Bourgeoisie mit ihren käuflichen, im Kastenwesen verhafteten Politikern.

Die bisher schärfste Kritik an den Vorgängen in Westbengalen kam von Sumit Sarkar, dem führenden Historiker Indiens des zwanzigsten Jahrhunderts und selbsterklärten Marxisten, sowie dessen Ehefrau, der Historikerin Tanika Sarkar. Aus Protest gegen das Blutbad von Nandigram gab das Paar Westbengalens höchsten Literaturpreis, den Rabindra Puraskars, an die Regierung zurück und spendete die damit verbundene Summe von 75.000 Rupien dem Hilfsfond für die Opfer von Nandigram.

Die Sarkars erklärten, das Nandigram-Massaker sei noch schrecklicher als das Blutbad von Jallianwala Bagh. Bei jenem Massaker waren am 13. April 1919 Hunderte unbewaffneter Demonstranten von der britischen Kolonialarmee in der Stadt Amritsar (im Bundesstaat Punjab) erschossen worden. Das Massaker von Jallianwala Bagh gilt gemeinhin als zentraler historischer Wendepunkt und Beginn einer Massenopposition gegen die britische Kolonialherrschaft.

Der Indo-Asian News Service (IANS) führte ein Telefoninterview mit den beiden, und es lohnt sich, daraus einen längeren Auszug zu zitieren.

"Das Massaker von Jallianwala ereignete sich damals im kolonialen Indien, doch was in Nandigram passiert ist, ist schrecklich, weil es im unabhängigen Indien unter einer linken Regierung geschah," sagten sie. "Jallianwala Bagh war das Ergebnis der Entscheidung eines einzigen Mannes [General Dyer, der den Feuerbefehl gab], doch an dem Blutbad hier waren der gesamte CPM-Apparat und die Regierung beteiligt."

Darauf gingen die Sarkars auf das Pogrom von Gujarat im Jahr 2002 ein: "Nicht einmal die Ereignisse von Gujarat 2002 haben uns besonders überrascht, denn die Regierung der Bharatiya Janata Party (BJP) war dafür verantwortlich. Aber in einem links-regierten Bundesstaat ist so etwas doch überraschend." [Das Gujarat-Massaker wurde 2002 von Regierungschef Narendra Modi angezettelt, einem altgedientem BJP-Funktionär, der mit den Hindu-Rassisten in Verbindung steht. Rund 2.000 Muslime wurden getötet, Hunderttausende verloren Heim und Arbeit.]

Sumit Sarkar fuhr fort: "Ich bin jemand, der sein ganzes Leben lang ein Linker war, und mich haben die jüngsten Ereignisse in Westbengalen zutiefst erschüttert. Wir waren schon am 31. Dezember mit einer Gruppe in Singur" [wo die westbengalische Regierung fruchtbares Land für eine Tata-Autofabrik enteignen ließ]. "Dort brachten wir einen ganzen Tag zu und besuchten vier von fünf betroffenen Dörfern. Die Version der westbengalischen Regierung kann aus drei Gründen nicht akzeptiert werden.

Erstens ist der Boden keineswegs unfruchtbar oder mit Monokulturen bebaut, wie immer behauptet wurde, sondern äußerst fruchtbar und mit Multikulturen bebaut. Zweitens lehnen die allermeisten Dorfbewohner, mit denen wir gesprochen haben, die Übernahme des Landes ab und wollen auch keine Entschädigung dafür haben. Drittens fanden wir zahlreiche Beweise, dass Gewalt angewandt wurde, besonders in den Nächten des 25. September und des 2. Dezember letzten Jahres.

Die westbengalische Regierung ist offenbar entschlossen, ihre ganz eigene Politik durchzusetzen, wobei sie den Großkapitalisten, wie Tata und den Multis, die in den Sonderwirtschaftszonen operieren, erhebliche Zugeständnisse macht. Es ist äußerst befremdend, wie vehement die linken Parteien und Gruppen dies nach wie vor bestreiten.

Ist dieses Modell der Sonderwirtschaftszonen, das soviel Entwurzelung und Elend mit sich bringt, wirklich der einzig mögliche Weg? Wenn die westbengalische Regierung so denkt, dann muss sie unausweichlich die Wiederholung von Nandigram im ganzen Bundesstaat akzeptieren."

Sarkar unterschätzt offenbar die Komplizenschaft der CPM und der Linksfront bei der Einführung der neuen, pro-kapitalistischen "Reformen" der indischen Bourgeoisie. Diese will Indien in ein favorisiertes Niedriglohnland des Weltkapitalismus für Produktion, Verwaltung und Forschung verwandeln.

Deshalb besteht die "Industrialisierungs"-Politik der Linksfront in Westbengalen darin, den Grund und Boden der Bauern zugunsten von Sonderwirtschaftszonen zu enteignen, dem Kapital alle Arten von Billiglohnarbeit anzubieten und Arbeiterrechte und Umweltschutzstandards mit Füßen zu treten. Sie ist nur der jüngste Schritt in einer ganzen Reihe kapitalfreundlicher und arbeiterfeindlicher Maßnahmen.

Außerdem unterstützt die westbengalische Linksfront auf nationaler Ebene die Koalitionsregierung der United Progressive Alliance unter Führung der Kongress-Partei, die ihrerseits ökonomische "Reformen" durchsetzt und eine strategische Partnerschaft mit dem US-Imperialismus anstrebt.

Dennoch ist die aufrichtige Empörung zu begrüßen, mit der die Sarkars die Behauptungen der CMP zurückweisen, dass der Widerstand der Bauern gegen Enteignungen eine von den Rechten und Naxaliten (Maoisten) angezettelte politische Provokation sei. Zu Recht bestehen sie darauf, dass die Linksfront die volle Verantwortung für die Ausschreitungen in Nandigram trägt.

Auch andere prominente Personen, Autoren und Schauspieler haben die Untaten der westbengalischen Regierung verurteilt.

Die sogenannte Nandan Lobby (benannt nach einem Kulturzentrum), der linke Theaterleute, Dramatiker und Autoren des Bundesstaats angehören, hielt einen Tag nach dem Massaker eine öffentliche Kundgebung ab und verurteilte Buddhadeb Bhattacharjee, den westbengalischen Regierungschef und CPM-Funktionär, und seine Polizei. Der bekannte Maler Subhaprassana forderte Bhattacharjees Rücktritt, und ein anderer erklärte: "Das nächste Mal, wenn er [Bhattacharjee] nach Nandan kommt, sollte er besser eine Polizeiuniform tragen."

Sankha Ghosh, ein bekannter bengalischer Poet, und Asru Kumar Sikder, der Vizepräsident der Paschim Banga Bangla Academy und vielbeachtete Kommentator der Werke Rabindranath Tagores, und weitere Künstler traten aus Protest aus der Akademie aus. Gosh und Sikder bezeichneten das Massaker von Nandigram einen "staatlich geförderten Mord an unschuldigen Dorfbewohnern".

Der Aufschrei dieser Leute ist von großer politischer Bedeutung, denn trotz der verheerenden Verbrechen, die der Stalinismus im zwanzigsten Jahrhundert verübte, hielt eine ganze Schicht von indischen Intellektuellen und Künstlern an der Illusion fest, der CPM verfüge über ein fortschrittliches Potential. Der CPM ist in den frühen 1960er Jahren aus einer Spaltung der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) entstanden und nahm später eine "unabhängige" nationalistische Position zwischen den Kämpfen der sowjetischen und chinesischen Bürokratien ein.

Der CPM hat ihrerseits diese Akademiker und Künstler benutzt, um seine politische und intellektuelle Autorität zu stärken.

Über die Komplizenschaft der gesamten CPM-Führung am Massaker von Nandigram sagte Tanika Sarkar: "Wir sind alle am Boden zerstört. All dies konnte geschehen, ohne dass das CPM-Zentralkomitee oder die westbengalische Regierung ein einziges Wort der Scham oder Entschuldigung hören ließ."

Die nationale CPM-Führung denkt nicht daran, sich in irgendeiner Weise zu entschuldigen. Sie steht geschlossen hinter Bhattacharjee, dem Ministerpräsidenten Westbengalens. Mehrere Koalitionspartner der Linksfront, auch die CPI, die zum Schein damit gedroht hatte, der westbengalischen Regierung ihre Unterstützung zu entziehen, ließen ihre Forderung, sie müsse sich "öffentlich entschuldigen" und die Sonderwirtschaftszonen stoppen, sehr schnell fallen.

Die CPM und ihre Komplizen in der Linksfront-Regierung spielen bei der Verteidigung der bürgerlichen Herrschaft in Indien eine Schlüsselrolle. Das Massaker in Nandigram hat die simple Tatsache ans Licht gebracht, dass die Stalinisten bereit sind, die Pläne der Bourgeoisie mit den brutalsten Methoden in die Tat umzusetzen.

Siehe auch:
Stalinistische Regierung in Westbengalen verübt Massaker an Bauern
(24. März 2007)