Hunderttausende demonstrieren im Irak für das Ende der US-Besatzung

Von Bill Van Auken
17. April 2007

Auf einer großen Demonstration zum vierten Jahrestag der Eroberung Bagdads durch die USA haben Anfang April Hunderttausende Iraker in Nadschaf das Ende der amerikanischen Besatzung gefordert.

Riesige Menschenmengen - Männer, Frauen und Kinder - schwenkten irakische Flaggen und appellierten damit an die nationale Einheit gegen die Besatzung. Sie marschierten hinter Transparenten mit der Aufschrift "Nieder mit Bush, Nieder mit Amerika". Andere verbrannten amerikanische Flaggen oder traten mit den Füßen auf ihnen herum.

Die überwiegend schiitische Demonstration, zu der der radikale Geistliche Moktada al-Sadr aufgerufen hatte, war die größte in Nadschaf seit der Invasion 2003. Die Demonstranten riefen: "Nein, nein, nein Amerika... Moktada ja, ja, ja", "Ja zum Irak, ja zur Selbstbestimmung, nein zur Besatzung" und "Der Terrorist Bush soll verschwinden". Die massive Demonstration begann vor einer Moschee in der Zwillingsstadt Kufa und führte durch das Zentrum von Nadschaf, das von der schiitischen Glaubensgemeinschaft als heilige Stadt angesehen wird.

Am Vorabend der Demonstration rief al-Sadr die irakischen Soldaten und die Polizei auf, nicht auf der Seite der Amerikaner gegen ihre Glaubensbrüder in der von ihm geführten Mahdi-Armee zu kämpfen. Die Wirkung dieses Appells konnte man daran sehen, dass sich eine erhebliche Zahl von Soldaten und Polizisten in Uniform an der Demonstration beteiligten.

Der Appell erfolgte während heftiger Kämpfe, die am Freitag zuvor ausgebrochen waren, als US-amerikanische und irakische Kräfte die Stadt Diwaniya belagerten. Die Stadt hat über 400.000 Einwohner und liegt etwa 180 Kilometer südlich von Bagdad.

Wie sehr das US-Militär den irakischen Sicherheitskräften misstraut wurde durch Flugblätter deutlich, die von Militärflugzeugen über der Stadt abgeworfen wurden. Darin wurden die Polizisten der Stadt angewiesen, nicht auf die Straße zu gehen, und gewarnt, dass sie ohne Warnung erschossen würden, wenn sie bewaffnet angetroffen würden.

Die von den US-Kommandeuren als "Operation schwarzer Adler" genannten Militäroperationen beinhalteten auch Luftangriffe durch US-Kampfflugzeuge. Ein Raketenangriff zerstörte am Samstag ein Haus, wobei mindestens sechs Menschen getötet wurden, darunter zwei Kinder und eine Frau. Kampfhubschrauber flogen auch über das dicht bevölkerte Stadtgebiet. Offenbar zur Mahdi-Armee gehörende Kämpfer haben Berichten zufolge zu Beginn der Kämpfe mindestens einen US-Panzer und zwei hochgerüstete Humvees zerstört und verbrannt.

Es gab Berichte über zahlreiche Todesopfer und Verwundete. Die irakische Presse zitierte Dr. Hamid Ja'iti, den Generaldirektor der Gesundheitsdienste in Diwaniya. Er beschuldigte die US-Streitkräfte, Krankenwagen gehindert zu haben, Verletzte in das örtliche Krankenhaus zu fahren. Er rief auch zu dringender medizinischer Unterstützung der Stadt auf, die diese nach den Kämpfen benötige.

Das Weiße Haus und Sprecher des US-Militärs unternahmen den lächerlichen Versuch, den Massenprotest in Nadschaf als Anzeichen für den Erfolg der Invasion und Besatzung zu werten.

Der Militärsprecher Colonel Steven Boylan erklärte, dass die Iraker "das vor vier Jahren nicht hätten tun können", wobei der den Massenprotest gegen die USA meinte. "Das ist das Recht, sich zu versammeln, das Recht auf Meinungsfreiheit... Das ist Fortschritt, da gibt es keinen Zweifel." Dem Colonel schien entgangen zu sein, dass die Demonstranten eine Bewegung unterstützten, die sich im bewaffneten Kampf gegen die US-Besatzung befindet.

Ähnlich kommentierte Gordon Johndroe, Sprecher des Weißen Hauses: "Im Irak kann sich die Bevölkerung jetzt, nach vier Jahren, frei versammeln und ihre Meinung äußern... dieses Land hat sich nach der Tyrannei Saddam Husseins weit entwickelt".

Der vielleicht absurdeste Versuch, die Ereignisse im Irak in ein positives Licht zu rücken, kam von Senator Joseph Lieberman, Connecticut. Im letzten Jahr unterlag er wegen seiner sklavischen Unterstützung des Irak-Krieges bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei, verteidigte seinen Sitz aber als formell unabhängiger Kandidat. Er meinte anscheinend, dass der Appell al-Sadrs an die nationale Einheit den Erfolg der Truppenaufstockung durch die Bush-Administration zeige, vermutlich weil die amerikanische Militäreskalation alle Fraktionen gegen die Besatzung vereint hat.

"Er ruft nicht zu einer Wiederaufnahme des religiösen Konflikts auf" sagte Lieberman bei einem Auftritt im Fernsehsender CNN. "Er versucht nationale Gefühle anzusprechen... Er erkennt an, dass die Truppenaufstockung funktioniert."

Die Teilnehmer der Proteste jedoch sahen den "Fortschritt" in den vier Jahren nach dem Fall von Bagdad anders.

"Der Sturz Saddams bedeutet für uns nichts solange die Alternative in der amerikanischen Besatzung besteht" sagte Haider Abdul Rahim Mustafa, ein 23 Jahre alter Mitarbeiter des Innenministeriums der New York Times.

"Welche Freiheit? Welche Befreiung?"

"In den vier Besatzungsjahren wurden unsere Söhne getötet und die Frauen zu Witwen gemacht" sagte der 39 Jahre alte Shiit Ahmed al-Mayahie aus der Stadt Basra im Süden einer Nachrichtenagentur. "Die Besatzer behaupteten, der Irak sei frei, der Irak sei befreit. Welche Freiheit? Welche Befreiung? Hier gibt es nichts als Zerstörung. Wir wollen ihre Befreiung und ihre Anwesenheit nicht. Wir sagen ihnen, dass sie unser Land verlassen sollen."

Auf der Demonstration wurde eine Erklärung von al-Sadr verlesen. Er ist nach den Angriffen der USA in Bagdad untergetaucht. Vertreter der USA behaupten, er sei im Iran, während seine Anhänger darauf bestehen, dass er noch im Irak ist.

Er beschrieb die US-Besatzung als "48 Monate der Furcht, Unterdrückung und Besatzungstyrannei" die der irakischen Bevölkerung nur "mehr Tod, Zerstörung und Entwürdigung" gebracht habe. Er fuhr fort: "Jeden Tag gibt es zehn neue Märtyrer, Dutzende werden verkrüppelt und jeden Tag sehen und hören wir, wie sich die Amerikaner in jeden Aspekt unseres Lebens einmischen. Wir sind also kein selbstständiges Land, nicht unabhängig und deshalb nicht frei. Das ist das Ergebnis der Invasion durch die USA."

Der Aufruf al-Sadrs zu der massiven Demonstration wurde weithin als Versuch angesehen, die wachsende Wut seiner Anhänger und der irakischen Bevölkerung insgesamt gegen die vier Jahre alte Besatzung und die Anfang des Jahres von Bush beschlossene Aufstockung der Truppen um 30.000 Soldaten zu beschwichtigen. Insbesondere in der schiitischen Bevölkerung gibt es wachsende Unruhe über die offensichtliche Entscheidung al-Sadrs, dem Einmarsch des US-Militärs in die Slums von Sadr City keinen Widerstand entgegen zu setzen, und die Angriffe auf die schiitische Miliz und die Festnahmen ihrer Mitglieder hinzunehmen.

Im Jahr 2004 zwang die Mahdi-Armee al-Sadrs die US-Besatzungstruppen zum taktischen Rückzug, als sie sich deren Versuchen zur Eroberung der Kontrolle über Nadschaf, Kerbela und Sadr City widersetzte. Der Aufstand traf mit dem erbitterten Widerstand der Schiiten gegen die Versuche der USA zusammen, die vorwiegend sunnitische Stadt Falludscha zu beherrschen. Diese Stadt wurde erst nach einer mörderischen Belagerung erobert, nachdem die USA einen Waffenstillstand mit den schiitischen Kräften geschlossen hatten.

Jetzt propagiert al-Sadr erneut die schiitisch-sunnitische Einheit gegen die US-Besatzung. Das lag der massiven Verwendung irakischer Flaggen am Jahrestag des Falls von Bagdad nicht nur auf der Demonstration in Nadschaf, sondern auch in Sadr City zugrunde. In der sunnitischen Bevölkerung werden aber Elemente der Mahdi-Armee für einen großen Teil der religiös motivierten Morde durch Todesschwadrone mit Tausenden von Toten verantwortlich gemacht. Das betrifft auch die Teile, die sich den irakischen Sicherheitskräften angeschlossen haben.

In dem Maße, in dem die USA ihre Offensive gegen die Mahdi-Armee vorantreiben und al-Sadr zwingen zurückzuschlagen, um die Unterstützung seiner Basis nicht zu verlieren, wird die Stellung von Premierminister Nuri al-Maliki schwächer. Mit ihren 32 Abgeordneten und sechs Ministern in der Regierung ist al-Sadrs Bewegung ein wesentlicher Teil dieser Regierung und es ist zweifelhaft, ob die Regierung ohne ihre Unterstützung überleben könnte.

Der Hauptsprecher der US-Streikräfte im Irak, Konteradmiral Mark Fox, lieferte eine offene Einschätzung der Krise, in der sich die Besatzung befindet, und dämpfte Meldungen über "Erfolge" mit dem Eingeständnis, dass "die vergangenen vier Jahre in vielen Teilen Iraks auch enttäuschend, frustrierend und zunehmend gefährlich waren."

Während der Vertreter der Marine sprach, wuchs die Zahl der US-Soldaten, die im Irak getötet wurden auf 3.282, wobei zehn Soldaten gerade am Wochenende vor der Demonstration und in den Kämpfen von Diwaniya am Montag ums Leben kamen. Die Anzahl der Verwundeten stieg auf über 26.000.

Seit Anfang dieses Monats wurden 36 US Soldaten getötet, womit der April möglicherweise für die USA zum verlustreichsten Monat seit der Invasion vor vier Jahren wird. Die Monate Januar, Februar und März waren mit 244 getöteten US-Soldaten bereits das verlustreichste Anfangs-Vierteljahr seit dem Einmarsch, verglichen mit 148 Toten im ersten Quartal des Vorjahres.

Es gibt immer mehr Hinweise, dass die "Aufstockung" der Truppen durch die Bush-Administration für die steigende Zahl von Opfern verantwortlich ist. Es werden nicht nur mehr Soldaten in Kampfsituationen geschickt, sondern die zunehmenden Truppen-Stationierungen bedeuten auch, dass mehr Soldaten ohne ausreichenden Nachschub, Ausbildung oder Ausrüstung in gefährliche Gebiete geschickt werden.

Am Montag gab das Pentagon vier weitere Brigaden der Nationalgarde mit zusammen 30.000 Soldaten bekannt, die in den Irak geschickt werden sollen. Die Einheiten kommen aus Arkansas, Indiana, Ohio und Oklahoma. Informierte Kreise deuteten an, dass für 18.000 zurzeit im Irak stationierte Soldaten der Dienst im Irak verlängert werden soll.

Für irakische Zivilisten geht das Blutbad unvermindert weiter. Die "Truppenaufstockung" hat nur dazu geführt, dass die Gewalt sich von Bagdad in andere Gebiete des Landes verlagert hat. Täglich werden etwa 100 neue Todesopfer im ganzen Land gemeldet.

Siehe auch:
Fast eine Dreiviertelmillion Iraker getötet
(22. März 2007)
US-Städteversammlungen fordern Amtsenthebung von Bush und Cheney
( 14. März 2007)
Demokraten schließen Finanzierungsstopp für Irakkrieg aus
( 2. März 2007)