Das Massaker von Virginia:

Die sozialen Wurzeln einer weiteren amerikanischen Tragödie

Von David Walsh
21. April 2007

Einen Tag nach dem Amoklauf an der Technischen Universität von Blacksburg, Virginia, sind neben Trauer und Abscheu auch einige Gedanken über das Leben in den USA angebracht. Das Geschehene ist schrecklich, doch niemand, der die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft während des vergangenen Vierteljahrhunderts verfolgt hat, ist völlig unvorbereitet getroffen worden. Derartige psychopathische Episoden, darunter auch Dutzende von versuchten oder tatsächlichen Massenmorden an Arbeitsplätzen oder in Schulen, ereignen sich seit Mitte der 1980er Jahre mit verstörender Regelmäßigkeit. Eine von Associated Press und dem Zentrum für die Erforschung schulischer Gewalt zusammengestellte Aufzählung nennt etwa dreißig solcher Schießereien an Schulen und Universitäten seit 1991.

Die offizielle Reaktion auf die Opfer von Blacksburg wird mit Sicherheit ebenso oberflächlich und nichtssagend sein, wie in jedem einzelnen vorausgehenden Fall.

Besonders unpassend war das Erscheinen George W. Bushs bei der Gedenkveranstaltung auf dem Campus der Universität am Dienstagnachmittag - eines Mannes, der das Schlechteste an Amerika, seine reiche und korrupte Elite verkörpert. Als Gouverneur von Texas war er verantwortlich für die Exekution von 152 Menschen; als Präsident klebt an seinen Händen das Blut Tausender Amerikaner, Zehntausender Afghanen und Hunderttausender Iraker. Seine Regierung hat die ständige Gewalt zur Grundlage ihrer Weltpolitik gemacht - sie rechtfertigt dabei Ermordungen, geheime Gefangennahmen und Folter.

Über die Toten von Blacksburg sagte Bush: "Diejenigen, die ihr Leben verloren haben, hatten nichts getan, um dieses Schicksal zu verdienen. Sie waren schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Jetzt sind sie von uns gegangen. Zurück bleiben trauernde Familien, trauernde Kommilitonen und eine trauernde Nation." Wären er selbst und seine Kumpanen nicht völlig immun für die Folgen ihrer eigenen Politik - es könnte ihnen aufgehen, dass dies ebenso auf Tausenden Toten im Irak zutrifft, die auch "nichts getan hatten, um dieses Schicksal zu verdienen".

Mit seinen oberflächlichen Bemerkungen schien der Präsident vor allem anderen beflissen, das Geschehene hinter sich zu lassen. Sein Kommentar, es sei "unmöglich, solche Gewalt und solches Leid zu begreifen", kann kaum überraschen. Instinktiv erkennt er - oder seine Redenschreiber - dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit "solcher Gewalt und solchem Leid" verstörende Frage aufwerfen und zu noch verstörenderen Antworten führen müsste. Als der Präsident abschließend sagte: "Und an diesem Tag der Trauer ist nur schwer vorstellbar, dass eine Zeit kommen könnte, da das Leben an der Technischen Universität von Virginia zur Normalität zurückkehren wird" - da sagte er mehr, als er vielleicht wollte. Es ist ein Eingeständnis, dass an dieser Universität - die in dieser Hinsicht eine Art Mikrokosmos der gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit darstellt - etwas ganz furchtbar falsch gelaufen und nicht leicht wieder in Ordnung zu bringen ist.

Ganz allgemein schienen die Versammlungsredner - Schuloffizielle, Politiker und Kleriker - bemüht, hastig einen Schlussstrich unter die Ereignisse zu ziehen. In einigen Fällen mag dies aus dem ehrlichen Wunsch zu erklären sein, zu trösten und der Gemeinschaft Mut zu machen. Doch es hat eine große Tragödie mit weitreichenden gesellschaftlichen Implikationen stattgefunden, und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Die Geschehnisse an der Technischen Universität von Virginia folgen fast auf den Tag genau acht Jahre auf die Massenerschießung an der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, bei der 15 Menschen starben. Zu jener Zeit stimmten Medien und Politiker mit Bill Clinton an der Spitze ein rituelles Klagegeschrei an. Es wurde viel über die Notwendigkeit eines neuen Waffengesetzes gesprochen, über größere Sicherheitsvorkehrungen an den Schulen und den Bedarf an Betreuung für instabile Schüler und Studenten. Damals wie heute weigerte sich die offizielle öffentliche Meinung Amerikas, das Massaker als gesellschaftliche Fehlentwicklung zu erkennen.

Was ist in den Jahren seither passiert? Kann irgendjemand ernsthaft behaupten, die amerikanische Gesellschaft habe sich seit 1999 in einer Art und Weise entwickelt, die Tragödien ähnlich der von Littleton weniger wahrscheinlich gemacht habe?

Das Alltagsleben Amerikas spielt sich vor einer unerbittlichen und gewalttätigen Kulisse ab. Im April 1999 schossen die USA und die NATO eine Cruisemissile-Rakete nach der anderen auf das ehemalige Jugoslawien ab und bescherten dem Irak tödliche Sanktionen sowie regelmäßig wiederkehrende Bombenangriffe. Auch Somalia und Afghanistan waren bereits durch die Clinton-Administration bestraft worden.

Während des vergangenen Jahrzehnts jedoch erlebte der amerikanische Militarismus eine wahre Blüte. Während der meisten der acht Jahre seit Littleton hielten die Vereinigten Staaten Teile Zentralasiens und des Mittleren Ostens besetzt. Nach einer gestohlenen Wahl und unter Ausnutzung der Terroranschläge vom 11. September begann das Regime Bushs und Cheneys einen Krieg auf der Grundlage von Lügen. Die Botschaft der herrschenden Elite ist unmissverständlich: Um seine Ziele zu erreichen, ist jede Form von Rücksichtslosigkeit erlaubt.

Gleichzeitig hat sich die soziale Spaltung Amerikas vertieft. Im Jahr 2005 bezog das reichste Prozent der amerikanischen Bevölkerung ein fast ebenso hohes Einkommen wie die 150 Millionen ärmsten Amerikaner. Diese 300.000 wohlhabenden Individuen verdienten jeder für sich 440 Mal so viel wie eine durchschnittliche Person in der ärmeren Hälfte der Bevölkerung. Der Unterschied ist fast doppelt so groß wie 1980. Die Reichen schwingen sich zu Herrschern über alle andern auf und häufen auf Kosten breiter Schichten der arbeitenden Menschen Vermögen an. Die Gesellschaft ist zweigeteilt in "Gewinner" und "Verlierer". Für die letzteren ist die Zukunft trostlos.

Der Niedergang des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Herrschaft von Geld über politische Prozesse, die Erosion demokratischer Rechte, die Umformung der Medien in mehr oder weniger direkte Propagandainstrumente der Regierung und des Pentagons - all diese schon 1999 spürbaren Entwicklungen befinden sich heute in einem weitaus fortgeschritteneren Stadium als damals.

Allgemeiner gesprochen ist es während der vergangenen 25 Jahre, befördert durch Amerikas wirtschaftlichen Abstieg, zu einem scharfen Rechtsruck der Eliten in Politik und Medien gekommen, und gleichzeitig zu einer Verrohung und Entartung der gesellschaftlichen Atmosphäre. Brutalität der Sprache wie des Handelns ist heute die bevorzugte Politik der Machthabenden.

Das Wuchern der Gewalt, das andauernde Angsteinjagen, das Heraufbeschwören von Paranoia - all das hat Folgen, schafft ein ganz bestimmtes Klima. Allzu lang hat die amerikanische Gesellschaft versucht, ihre drängendsten Probleme zu überdecken oder zu ignorieren. Wie lauten die offiziellen Antworten? Erst kommt der Ruf nach Strafe, dann die Anrufung Gottes. Aber die Widersprüche verschwinden nicht, weil man sie unterdrückt.

Die Kultur als ganze hat gelitten. Ohne den rechten Moralaposteln in irgendeiner Weise Vorschub zu leisten, kann die Verbreitung von Videospielen, Popmusik und Filmen, in denen Vergewaltigung und Mord zelebriert werden, kaum als ein Zeichen gesellschaftlichen Wohlbefindens gedeutet werden. Alles nur Erdenkliche ist getan worden, um die Menschen voneinander zu isolieren, um sie gleichgültig und gefühllos für das Leiden anderer zu machen. Das menschliche Leben ist entwertet worden und wird oftmals mit völliger Verachtung behandelt.

Das hat ganz eindeutig Folgen. Die Fähigkeit, seine Mitstudenten methodisch und kaltblütig umzubringen, enthüllt einen schrecklichen Grad an sozialer Beziehungslosigkeit. Ein Arzt am Regionalkrankenhaus von Montgomery, wo die Verwundeten behandelt wurden, kommentierte: "Die Verletzungen sind unglaublich. Dieser Mann war brutal. Es gibt kein Opfer, das weniger als drei Schusswunden hat."

Der Amokläufer von Blacksburg, Cho Seung-Hui, ein 23 Jahre alter Amerikaner koreanischer Herkunft, ist eines jener verlassenen Individuen, die unvermeidlich in solchen Tragödien vorkommen. Ein Universitätsmitarbeiter sagte, er sei ein "Eigenbrötler" gewesen. Seine Zimmerkumpanen beschrieben ihn als "komisch", als einen jungen Mann, der alleine gegessen, anscheinend keine Freunde oder Freundinnen gehabt, und der stundenlang an seinem Computer gehockt oder einfach dagesessen und "auf seinen Schreibtisch gestarrt, einfach ins Nichts gestarrt" habe.

Chos Englischprofessorin gab an, es habe während eines Kurses für kreatives Schreiben "Zeichen gegeben, dass er verstört war", und sie habe ihn daraufhin an eine Beratungsstelle verwiesen. Eine Kommilitonin in einem Kurs für das Schreiben von Theaterstücken bezeichnete seine Arbeiten als "wirklich morbide und grotesk". Sie erinnerte sich an eines seiner Stücke: "Es ging um einen Sohn, der seinen Stiefvater hasst. Im Stück macht der Junge mit einer Kettensäge herum und schlägt auf ihn ein. Am Ende erstickt ihn der Sohn genüsslich und gewalttätig mit Reiscrackern." Es ist eine unangenehme Erkenntnis - doch wäre eine solche Szene in der gegenwärtigen Filmindustrie Amerikas so unvorstellbar?

Cho, der als Kind in die Vereinigten Staaten kam und in der Region Fairfax, Virginia, und in den Vorstädten von Washington D.C. zur Highschool ging, hinterließ eine Botschaft, in der er sich wiederholt über die "Kinder der Reichen" auslässt, über das "Lotterleben" und die "betrügerischen Scharlatane". Er schrieb auch: "Ihr habt mich dazu gebracht, das zu tun." Der Schulbehörde zufolge hatte der junge Mann in einem Online-Forum der Schule eine Warnung platziert und geschrieben: "Ich werde heute Leute an der V-Tech umbringen."

Er war eine aufgewühlte Persönlichkeit, doch nichts wurde unternommen. Wie so viele fiel er durch die Maschen. In Amerika gibt es ungeheuer viele wohlmeinende Individuen, die mehr als gewillt sind, ihre Hilfe anzubieten, doch die Gesellschaft als ganze ist völlig gefühllos. Zahlreiche Hindernisse - organisatorischer oder finanzieller Art - versperren den wahrhaft hilfsbereiten Menschen den Weg, und all das unter den Bedingungen eines erbarmungslosen Wettbewerbs.

So fürchterlich der Vorfall in Blacksburg auch sein mag - er steht nicht einzigartig oder isoliert da. Einen Tag nach der Massenerschießung von Virginia verschlossen oder evakuierten Universitätsbeamte in Texas, Oklahoma und Tennessee ihre Hochschulen, ebenso die Leiter zweier öffentlicher Schulen in Louisiana. In Hollywood Hills, Florida, wurde eine Highschool geschlossen, nachdem ein Schüler das Bild eines Gewehrs mit seinem Handy verschickt und gedroht hatte, sich zu erschießen. In Iowa wurde die Highschool von Rapid City geschlossen, nachdem berichtet worden war, jemand auf dem Schulhof habe ein Gewehr mit sich herumgetragen.

Was hat man seit Littleton über eine derartige gesellschaftliche Entfremdung gelernt? Eine Durchsicht der Kommentare in den größten Zeitungen des Landes bringt einen unweigerlich zu der Schlussfolgerung: Im Grunde nichts.

Die Herausgeber der New York Times klagen, eine der größten Gefahren, die Amerikanern drohe, seien "Killer im eigenen Land, bewaffnet mit Gewehren, die erschreckend leicht zu bekommen sind". Sie erinnern ihre Leser daran, dass nach Littleton "die Leiter öffentlicher Schulen viel Konzentration darauf verwandten, früh genug die Warnzeichen zu erkennen, um einer Tragödie zuvorzukommen".

Hunderte Millionen von Gewehren sind in den USA in Umlauf, und es ist zweifellos zu leicht, eines davon in die Hände zu bekommen. Doch das ist weitgehend sekundär. Solche Argumente tragen nichts zur Erklärung der Regelmäßigkeit bei, mit der sich im amerikanischen Leben ein soziopathisches Verhalten manifestiert. Es mag ein guter Rat sein, die Augen für "Warnzeichen" offen zu halten - doch eine Erklärung liefert auch dies nicht.

Kommentare in der Washington Post, der Los Angeles Times, dem Boston Globe, USA Today und der Detroit Free Press tragen ebenso wenig zur Erhellung bei. Sie stellen Fragen ("Sollten in Amerikas Klassenzimmern und Universitäten Metalldetektoren üblich werden?"), enthalten sich eines Kommentars ("Wir sollten uns daran erinnern, dass Schweigen manchmal die beste Antwort ist"), drücken Erstaunen aus ("Es ist schwer zu begreifen, wie jemand so viele seiner Mitmenschen so sinnlos vernichten konnte") und Wut ("Heute jedoch sollten wir vor allem Abscheu vor dem haben, was der Amokläufer getan hat, und Kummer für seine Opfer"), oder sie moralisieren (vielleicht sei die Gewalt "ein Symptom einer Gesellschaft mit losen moralischen Fundamenten").

In Ermangelung ernsthafter Diskussionen oder Kommentare nimmt die 24-Stunden Berichterstattung auf den privaten Fernsehsendern über eine Tragödie wie diese den Charakter von Sensationslust an.

Praktisch keine Minute der Medienberichterstattung widmet sich den sozialen Ursachen solcher Geschehnisse. Das Establishment in Politik und Medien antwortet auf das Massaker von Virginia genauso, wie auf jedes andere gesellschaftliche Krankheitssymptom: Mit einer Kombination aus Leugnung und Selbsttäuschung. Wenn sie vorgeben, der Epidemie von Amokläufen könne durch erhöhte Wachsamkeit oder die Umformung von Hochschulen in Festungen begegnet werden, dann zeigen Politiker und Kommentatoren nur, wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt sind.

Solche Ereignisse führen uns vor Augen, wie dringend es ist, andere Wege, feinfühligere Antworten, überhaupt echte Antworten auf die Probleme zu finden. Was wiederum die Notwendigkeit einer anderen gesellschaftlichen Orientierung aufwirft, einer Orientierung, die die heutigen Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft in Frage stellt. Ein solch kritisches Suchen sollte nicht Zeiten vorbehalten bleiben, in denen sich nationale Katastrophen ereignen.

Siehe auch:
Das Massaker an der Columbine Highschool: Amerikanische Pastorale - amerikanische Berserker
(28. April 1999)