Der bittere Groll, der in Virginia zum Massenmord führte

Von David Walsh
27. April 2007

Die Tragödie am Virginia Tech College, in der 33 Menschen brutal den Tod fanden, ist ein Ereignis, dass nüchtern und gründlich untersucht werden muss. Aber noch bevor die Opfer beerdigt sind und der Toten angemessen gedacht wurde, fordern Regierung und Universitätsleitung Studenten, Lehrpersonal und die ganz Bevölkerung auf, "wieder zum Alltag überzugehen".

Zum Teil ist das typisch amerikanischer Pragmatismus, aber zum überwiegenden Teil stehen eigennützige Interessen dahinter. Die Spitzen der Gesellschaft reagieren mit instinktiver Feindschaft auf jede gründliche Untersuchung der Ursachen dieses schrecklichen Ereignisses. Die gleichen Politiker und Leitartikler, die betonen, es gehe jetzt "nicht mehr darum, wie wir in den Irak gelangt sind, sondern nur noch darum, wie Amerika Erfolg haben kann, nachdem es einmal da ist", sind auch dagegen, dass man sich mit den Wurzeln des Massenmords von Blacksburg, Virginia, auseinandersetzt. Der Grund ist einfach zu verstehen: Verantwortlich für diese Toten ist die amerikanische Gesellschaft selbst.

Menschenleben sind vernichtet worden, das Leben ganzer Familien ist zerstört. Tausende Menschen werden nicht mehr so weiter leben wie vorher.

Dies zeigt ein Blick auf die 23-jährige Regina Rohde, die das Massaker an der Columbine High School vor genau acht Jahren, im April 1999, überlebte. Damals töteten ihre Klassenkameraden Dylan Klebold und Eric Harris dreizehn Menschen und schließlich sich selbst. Heute ist Regina Studentin am Virginia Tech, wo sie an einem Masterabschluss am Departement für Fischerei und Forstwirtschaft arbeitet. Sie war am Montag in der Universität, als Cho Seung-Hui in den beiden Gebäuden zu schießen begann. Sie sagte einem Reporter: "Es braucht viel Zeit, damit fertig zu werden und weitermachen zu können. Normalität kehrt nie wieder zurück. Normalität muss neu definiert werden."

Die Appelle der Politiker, "wieder zum Alltag überzugehen", sind gefühllos und dumm. Sie sind zu einem schrecklichen Klischee geworden, das ständig wiederholt wird und sich gegen kritisches Denken und Fühlen richtet. Nein, die Menschen dürfen nicht einfach zum Alltag übergehen. "Genug jetzt, zurück zum Tagesgeschäft!" Darin drückt sich die Rückständigkeit und Gleichgültigkeit des ganzen gesellschaftlichen Überbaus aus, der sich weigert, der von ihm selbst geschaffenen Realität ins Auge zu blicken. Es ist Teil einer gängigen Kultur, die sich weigert, zu analysieren und zu verstehen. Der Versuch, jede größere Zusammenkunft am Virginia Tech zu einer "Pep Rally" (einer Muntermacherversammlung) hoch zu stilisieren, hat einen perversen und ungehörigen Nachgeschmack.

"Normalität kehrt nie wieder zurück", und sie soll es auch nicht. Jeder in Amerika und in aller Welt weiß, dass das nicht die letzte Gräueltat dieser Art war. Es kann überall im Land wieder passieren, es ist Teil des sozialen Krankheitsbilds dieser Gesellschaft.

Die ungehörigste und ignoranteste Reaktion kommt nicht überraschend von den Herausgebern des Wall Street Journal, dem Sprachrohr der Spekulanten und Schwindler, die die amerikanische und die Weltwirtschaft um Milliarden geprellt haben. Der Leitartikel des Journal vom 18. April argumentiert, dass die Katastrophe am Virginia Tech "ein traumatisches Ereignis von der Art ist, die einen Wirbelsturm an volkstümlicher Soziologie und nationaler Psychoanalyse entfesselt. Wir erlauben und deswegen eine grundlegendere Erklärung: Es gibt schlicht böse und psychotische Menschen auf der Welt, die bereit sind, anderen großes Leid zuzufügen, wenn sie nicht gestoppt werden."

Das Gegenteil ist wahr: Das meiste, was wir bisher über Cho und sein Abgleiten in den Wahnsinn wissen, unterstreicht gerade den gesellschaftlichen Aspekt der Tragödie am Virginia Tech, ihren engen und allzu schmerzhaften Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Das gilt sowohl für die Desorientierung des Schützen selbst, wie für die Unfähigkeit des Universitätssystems und der Universitätsgemeinschaft, ihm zu helfen.

Niemand kann behaupten, es habe keine Warnsignale gegeben. Es scheint, dass Cho, der aus einer arrangierten Ehe zwischen einem Mann und einer zehn Jahre jüngeren, offenbar widerstrebenden Braut, hervorging, keine glückliche Kindheit hatte. Als Kind war Cho fast stumm, man vermutete in der Familie, er habe psychische Probleme. Seine Eltern besaßen einen Second Hand Buchladen in Südkorea, der nicht genug abwarf, und lebten in einer zu engen Wohnung. Sie emigrierten 1992 mit wenig mehr als dem Hemd, das sie auf dem Leib trugen, in die Vereinigten Staaten.

Der Junge hatte in seiner neuen amerikanischen Schule Schwierigkeiten. Als Schuljunge im Stadtteil Centreville, Virginia, einem Vorort von Washington, D.C., wurde "auf ihm herumgehackt, er wurde herumgeschubst und wegen seiner Schüchternheit verlacht" (Associated Press). Auf der High School hatte Cho gute Noten in Mathematik. Als er aufs College kam, "nahm seine Mutter seine Mitbewohner zur Seite, wies sie auf den ungewöhnlichen Charakter ihres Sohnes hin, und bat sie, ihm zu helfen", wie der Guardian berichtet.

Am Virginia Tech sprach er so wenig wie möglich mit seinen Zimmergenossen, Klassenkameraden und Professoren. Manchmal bezeichnete er sich selbst als "das Fragezeichen" und unterhielt sich in flüsterndem Ton. Einer seiner Mitbewohner sagte zu CNN, er sei "wie der Schatten seiner selbst" gewesen.

2005 traten alarmierende Schwierigkeiten zutage. Er verärgerte zwei Studentinnen mit seinen Botschaften und seiner Aufmerksamkeit. Sein finsteres und aggressives Verhalten im Unterricht provozierte den Zorn einer seiner Professorinnen, die ihn aus ihrem Kurs werfen wollte. Als Cho im Dezember 2005 erwähnte, er wolle sich vielleicht selbst töten, erließ ein Richter eine vorläufige Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus. Ein Arzt untersuchte ihn und erstellte einen Bericht, in dem er ihm eine psychische Krankheit bescheinigte; er sei aber keine unmittelbare Gefahr für sich selbst oder andere. Es gibt keine Belege für eine weitere Behandlung oder Beobachtung.

Mehrere Professoren scheinen alles für Cho getan zu haben, was ihnen persönlich möglich war. Besonders Lucinda Roy, die Leiterin des Englischinstituts am Virginia Tech, scheint sich seiner als persönliche Tutorin angenommen zu haben, nachdem er aus jener schwierigen Klasse geworfen worden war. Sie wies auch die Universitätsbehörden auf seine Probleme hin. Sie schätzte ihn als schwer gestört ein. "Ich fürchtete, er sei suizidgefährdet und depressiv. Er war wie ein Negativum. Es war, als würde man mit einem Loch sprechen. Es war so eine Abwesenheit da, wenn er den Raum betrat. Alles wurde so leer und sehr dunkel."

Zahlreiche Menschen versuchten ihm individuell zu helfen, aber letztendlich behandelte das universitäre System seine Probleme routinemäßig, wie das so oft geschieht. Zweifellos hätte die Universität mehr tun können, aber es gibt für die allgemeine gesellschaftliche Entfremdung keine institutionelle oder polizeiliche Lösung.

Eine jüngere Studie der Anxiety Disorders Association of America (ADAA) stellt fest, dass "fast alle nationalen Universitäten und Kunsthochschulen berichten, dass Studenten die psychologischen Dienste in den vergangenen drei Jahren verstärkt wahrgenommen haben". Und weiter: "An die Colleges kommen immer mehr Studenten, die schon eine psychische Krankengeschichte, verstärkte Angstzustände nach dem 11. September und ein zunehmendes Problembewusstsein in Fragen psychischer Erkrankungen haben."

Die ADAA bemerkt: "Es werden zwar unterschiedliche Dienste angeboten, aber viele sind nicht ausreichend ausgestattet, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden." Die Organisation weist auf folgendes hin: "Jedes Jahr denken 19 Prozent der jungen Erwachsenen in der Gesamtbevölkerung der USA an Selbstmord. Fast neun Prozent begehen tatsächlich einen Selbstmordversuch."

Eine in der Pittsburgh Post-Gazette zitierte Untersuchung von fast 95.000 Studenten an 117 Universitäten vom Frühjahr 2006 fand heraus, dass fast die Hälfte von ihnen "sich zumindest einmal im letzten akademischen Jahr so depressiv fühlten, dass sie nur noch mit Schwierigkeiten funktionieren konnten; 16 Prozent fühlten sich mindestens fünfmal so." Fast Zweidrittel fühlten sich mindestens einmal hoffnungslos. Neun Prozent war der Gedanke an Selbstmord gekommen. "Mehr als 93 Prozent waren sich mindestens einmal verloren vorgekommen, bei allem, was sie zu tun hatten."

Studenten stehen unter enormem ökonomischem Druck. Eine schwache Note, ein nicht bestandener Test, eine verpasste akademische Chance - und die ganze Zukunft kann ruiniert sein. Die Zahl der Studenten, die Teilzeit arbeiten, hat zugenommen, und damit auch die Konkurrenz um die vorhandenen Jobs. Nach dem College oder der Universität haben die Studenten oft Zehntausende Dollar Schulden, die abzuzahlen Jahre dauert.

Dazu das allgemeine Klima im Land. Die USA befinden sich seit 2001 ständig im Krieg und die Regierung verspricht Jahrzehnte oder gar ein halbes Jahrhundert weiterer blutiger Konflikte. Die Terrorwarnstufe der Regierung steht fast die ganze Zeit auf "erhöht" (Gelb).

Wiederholte Warnungen vor der Explosion biologischer, chemischer oder nuklearer Waffen im Land, endlose Drohungen gegen ausländische Regierungen und Personen, eine blutrünstigste Sprache bei Regierungsvertretern ("Wir werden ihn entweder töten oder gefangen nehmen; wir wollen ihn zwar gefangen nehmen und nicht töten, aber wenn wir ihn nicht gefangen nehmen, aber töten können, dann werden wir das tun" - Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld) ...

Kein Wunder, dass Stress und Unsicherheit auf dem Vormarsch sind. Wie wirkt sich dies alles auf die sensibelsten und labilsten Persönlichkeiten aus?

In den Medien wagt niemand, zwischen der Gewalt, die Amerika jeden Tag gegen die übrige Welt verübt, und der Gewalt, die es gegen sich selbst verübt, eine Verbindung zu ziehen. In den offiziellen Kreisen schlägt kein Mensch vor, das Land solle einen forschenden Blick in den Spiegel werfen.

Chos Videos sind sehr beunruhigend. Er posiert mit Handfeuerwaffen, richtet sie gegen die Kamera oder seinen eigenen Kopf, hält sich ein Messer an die Kehle oder schwingt bedrohlich einen Hammer. In anderen Sequenzen wettert er gegen die Welt im Allgemeinen: "Ihr habt mein Herz zerstört, meine Seele vergewaltigt und mein Gewissen verbrannt. Dank euch sterbe ich wie Jesus Christus, um Generationen des schwachen und wehrlosen Volkes zu inspirieren."

Und weiter: "Ihr habt nie auch nur einen Funken Schmerz in eurem ganzen Leben gefühlt. Und ihr wollt so viel Elend in unser Leben bringen, wie ihr könnt, einfach weil ihr es könnt. Ihr hattet alles, was ihr wolltet. Euer Mercedes war euch nicht genug, ihr Bälger, Eure goldenen Halsketten waren nicht genug, ihr Snobs. Euer Trust Fund war nicht genug. Euer Wodka und euer Cognac waren nicht genug. Alle eure Ausschweifungen waren nicht genug. All das war nicht genug, um eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles."

Schließlich, schrecklich: "Das war’s. Hier endet alles. Was für ein Leben war das. Eben ein Leben."

Dies ist eine geistig extrem gestörte Person, aber wer seinen Worten lauscht, erkennt, dass sich hier gesellschaftliche Bedingungen auf sein Denken ausgewirkt haben. Er empfand große Verbitterung. Das rechtfertigt keine seiner irrsinnigen Taten, aber seine Verbitterung hat eine reale Basis. Er war mental unstabil, aber das heißt nicht, dass es keine Verbindung zwischen dem gesellschaftlichen Leben und seinen Taten gibt. Und jetzt beginnen die TV-Experten Schande über sein Haupt zu schütten, um einer ernsthaften Untersuchung der Probleme aus dem Weg zu gehen. "Er war ein Feigling", usw. Das ist schon fast eine Provokation, eine Aufwiegelung anderer.

Die Verbitterung ist real. An den Colleges existieren große soziale Unterschiede. Snobismus und Elitegehabe existieren. Cho verinnerlichte die Verbitterung in psychotischer Weise und entwickelte pathologische Züge. Die Gesellschaft leugnet, dass soziale Klassen existieren, sie übertüncht soziale Ungleichheit. Die Gegensätze brechen in bösartigen Formen auf, sie explodieren in gesellschaftsfeindlicher Form.

Das ist der ständige Preis, den die amerikanische Gesellschaft für das Fehlen einer progressiven und revolutionären sozialen Bewegung zahlt, die einen Ausweg aus der gegenwärtigen Sackgasse weisen könnte, für den Mangel an Klassenbewusstsein und gesellschaftlicher Solidarität. Die Entstehung einer solchen Bewegung hätte einen wunderbar regenerativen und heilenden Effekt auf die nationale Psyche und wäre eine tödliche Bedrohung für den gesellschaftlichen und finanziellen Status Quo. Deshalb fürchtet die herrschende Elite eine solche Bewegung tausend Mal mehr als ein verwirrtes Individuum mit einem Gewehr.

Siehe auch:
Das Massaker von Virginia: Die sozialen Wurzeln einer weiteren amerikanischen Tragödie
(21. April 2007)