57. Berliner Filmfestspiele - Teil 3

Ein Aufhorchen im deutschen Film

Yella von Christian Petzold, Der Rote Elvis von Leopold Grün und Die Fälscher von Stefan Ruzowitzki

Von Stefan Steinberg
18. Mai 2007

Yella

Christian Petzold ist einer der interessantesten Filmmacher, die derzeit in Deutschland arbeiten. Sein aktueller Film Yella lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. In Zusammenarbeit mit seinem angestammten Drehbuchschreiber Harun Farocki hat er bislang u.a. die Filme Wolfsburg (2003) und Die innere Sicherheit (2000) gedreht, die gut geschriebene Handlungen mit einem scharfen Blick für gesellschaftliche Details verbinden. Gleichzeitig werden Petzolds (und Farockis eigene) Arbeiten unscharf, wenn sie breitere politische oder ideologische Themen ansprechen. Die Stärken und Schwächen des Paares traten in Yella (in dem Farocki als Herausgeber des Drehbuches fungierte) einmal mehr zu Tage.

Die Handlung beginnt in der ostdeutschen Stadt Wittenberg. Yella ist eine junge Frau, die wie viele andere in Ostdeutschland keine Arbeit in ihrer Heimatstadt findet, sondern gezwungen ist, in den Westen zu ziehen. Als sie sich auf den Weg von ihrem Haus zum Bahnhof begibt, wird sie von einem Mann verfolgt - ihrem von ihr verlassenen Ehemann, wie sich herausstellt.

Wenig später erfahren wir, dass der Ehemann - wiederum wie viele andere junge Ostdeutsche nach der Deutschen Wiedervereinigung - eine große Summe Geld in ein neu gegründetes Geschäft investierte, dass dann Pleite ging. Er ist ruiniert und hoch verschuldet, und nun ist ihm der letzte Schlag versetzt worden - seine Frau hat ihn verlassen.

Die Rettung kommt für Yella in Form eines Stellenangebotes aus dem Westen - endlich kann sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen. Auf dem Weg zum Zug sieht sie sich ein letztes Mal mit ihrem ehemaligen Mann konfrontiert - mit traumatischen Folgen. Doch fest entschlossen, den Bruch zu vollziehen, gelingt es Yella, in den Westen zu reisen - nur um, wie das Publikum bald entdeckt, vom Regen in die Traufe zu kommen. Ihr Arbeitgeber im Westen ist soeben entlassen worden. Sein erster und einziger Dienst für Yella besteht darin, sie in das Büro zu schmuggeln, aus dem er eben erst verwiesen wurde, um dort eine Kasse mit Bargeld zu stehlen. Aber jemand anders war vor ihr zur Stelle - das bisschen Kleingeld, was übrig bleibt, reicht gerade für ein gutes Essen.

Yella hat damit ihre erste ernüchternde Erfahrung mit dem Leben in Westdeutschland gemacht. Innerhalb von Stunden findet sie einen neuen Arbeitgeber. Wie sich herausstellt, ist ihr neuer Chef Philipp ein Risikospekulant und in noch fragwürdigere Unternehmungen involviert, als ihr erster Arbeitgeber. Dennoch ist Yella entschlossen, sich um jeden Preis durchzusetzen, und wir werden Zeugen einer Reihe amüsanter und lehrreicher "Machtkämpfe" zwischen Yella, ihrem Chef und dessen vermeintlichen Geschäftspartnern.

Petzolds Schilderung des skrupellosen Philipp, der um größtmöglicher Profite willen bereit ist, seine Kunden mit den Füßen zu treten, und dem dabei stets das ultimative, ganz große Geschäft vorschwebt, ist unwiderstehlich. Ganz offensichtlich haben er und Farocki einige Zeit damit verbracht, sich in das Wesen, die Moral und die Persönlichkeit einzufühlen, die bei den neuen Methoden kapitalistischen Geldmachens eine große Rolle spielen.

Im Jahr 2004 hat Farocki eine eigene Dokumentation mit dem Titel Nicht ohne Risiko angefertigt, in der er sich mit der Welt des privaten Anlagekapitals auseinandersetzt. In Petzolds neuen Film fließen die Ergebnisse hiervon deutlich ein, und dies sehr überzeugend. Unter Verwendung herausragender Schauspieler gelingt es Petzold, einige wahrhaft ergreifende Momente dramatischer Konflikte zu kreieren. Wir sehen, wie die ruhige, aber sympathische Yella in der Lage ist, zu einer ebenso rücksichtslosen Person wie ihr neuer Chef (und Partner) zu werden.

Ein wiederkehrendes Thema in Petzolds Filmen ist die Entfremdung in der modernen Gesellschaft. In Yella gelingt es ihm, eine greifbare Atmosphäre von Fremdheit und Trübsinn zu schaffen. In dieser Welt gibt es kein Happy End.

Gleichzeitig bleibt diese Atmosphäre nebulös - viele Fragen bleiben nicht nur unbeantwortet, sondern werden nicht einmal angesprochen. Yellas Heimatstadt ist bekannt als Schauplatz von Martin Luthers Aufbegehren gegen die organisierte Kirche. 1517 soll er hier seine 95 Thesen an die Pforte der Schlosskirche geschlagen haben - ein Ereignis von entscheidender Bedeutung für den Verlauf der Reformation.

Heute erzählt Wittenberg eine weit weniger faszinierende Geschichte. Zehntausende Einwohner haben die Stadt seit der deutschen Wiedervereinigung verlassen. Infolge der Schließung der ortsansässigen Industrien hat Wittenberg heute eine Arbeitslosenrate von 58 Prozent. Es besteht eine Verbindung zwischen den ungezügelten Formen von Spekulation, die im Westen in den 90er Jahren blühte, und dem Zusammenbruch der ehemaligen Länder des Ostblocks. Im Westen wurde ein gewaltiger Propagandafeldzug gestartet, um den Leuten einzuhämmern, dass der Kollaps der stalinistischen Bürokratien das Ende des Sozialismus’ bedeutet habe, womit die Gesellschaft den Klauen des einzigen noch vorstellbaren Gesellschaftssystems ausgeliefert war - dem Freien Markt.

Die Folgen dieser Kampagne und der freien, kapitalistischen Marktwirtschaft waren desaströs. Und das nicht nur für die Lebensbedingungen einfacher Menschen in Ostdeutschland, sondern in ganz Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Doch diese Fragen liegen brach in Petzolds Film - seine Charaktere haben keine wirkliche Geschichte. Als Ergebnis hiervon scheint der Schluss nahegelegt, dass Entfremdung ein unvermeidlicher Bestandteil des Menschseins ist - und nicht das Produkt bestimmter gesellschaftlicher Beziehungen, die verstanden, bekämpft und überwunden werden können.

Der Rote Elvis

Der Rote Elvis, Regisseur Leopold Grün, ist eine enthüllende Dokumentation über das kurze Leben und die Karriere des amerikanischen Sängers Dean Reed, der zu Beginn seiner Karriere die Vereinigten Staaten verließ, um seinen politischen Überzeugungen zu folgen. Er landete in Ostdeutschland, wo er, durch die erstickenden Anforderungen der stalinistischen Bürokratie in politische und künstlerische Verzweiflung getrieben, 1986 Selbstmord beging.

Geboren 1938, wuchs Reed in Denver, Colorado, auf und begann als junger Mann eine Karriere im Showgeschäft. Wie viele junge Menschen seiner Generation wurde Reed in den 60er Jahren durch die sozialen Unruhen in den USA und den Vietnamkrieg radikalisiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in Hollywood und einem Plattenvertrag reiste er nach Südamerika, wo seine ersten Erfahrungen mit Massenarmut und den Folgen der imperialistischen Politik der USA ihn zum Kommunismus hinzogen. Er sprach sich gegen Unterdrückung und Armut aus und lernte Spanisch, um besser mit den einfachen Menschen kommunizieren zu können. In Der Rote Elvis ist Filmmaterial zu sehen, in dem Reed sich angewidert über die amerikanischen Politik äußert und an der Verbrennung einer amerikanischen Flagge vor einer US-Botschaft teilnimmt. 1966 wurde er wegen seiner antiamerikanischen Agitation aus Argentinien ausgewiesen.

Reed war ein persönlicher Bekannter von Salvador Allende und tief getroffen von dem brutalen, von den USA unterstützten Staatsstreich, der im September 1973 die Volksfrontregierung in Chile zu Fall brachte. Nach einer kurzen Periode, in der er in Italien "Spaghetti-Western" drehte, zog Reed schließlich im gleichen Jahr nach Ostdeutschland.

Der Rote Elvis zeigt einen rechten amerikanischen Radiokommentator, der Reed aufgrund seiner Verbindung mit der kommunistischen Bewegung des "Opportunismus" und "Karrierismus" bezichtigt. Gleichzeitig stellt der Film klar, dass Reeds Eintreten für die Armen und Unterdrückten in Südamerika ihm wenig an materiellen Vorteilen einbrachte. Stattdessen wurde Reed nach seiner Einreise in die DDR von der dortigen Bürokratie rücksichtslos zu Gunsten ihrer politischen Zielsetzungen ausgebeutet. Der Rote Elvis zeigt Filmmaterial, in dem der letzte Staatschef der DDR, Egon Krenz, freimütig erklärt: "Wir haben ihn benutzt. Wir haben ihm gesagt, was er zu tun hatte."

Regelmäßig wurde Reed bei Parteiveranstaltungen der herrschenden SED vorgeführt, um zwischen den Reden für Unterhaltung zu sorgen und um dem armseligen, vollständig von oben vorgegebenen Ablauf der Veranstaltungen etwas Leben einzuhauchen.

Der Film verfolgt eine Aneinanderreihung von Gesangs- und Filmauftritten Reeds zu unterschiedlichen Zeitpunkten seiner Karriere. 1984 beschrieb ihn die New York Times als den "Johnny Cash des Kommunismus". Reed hatte das gute Aussehen eines Frontmanns und eine angenehme Stimme, letzteres jedoch mit Einschränkungen. Er zeigte keinerlei besondere Ambitionen in seinem künstlerischen Repertoire und war gewiss kein Johnny Cash. Doch macht Der Rote Elvis deutlich, dass sich Reed gegen Ende seines Lebens zunehmend erstickt und frustriert durch den künstlerischen und politischen Rahmen fühlte, in den ihn seine politischen Herren in Ostberlin zwängten.

Der Film zeigt Material von 1985, als Reed zwischenzeitlich in die USA zurückkehrte und einen kurzen Auftritt in der Fernsehsendung 60 Minutes hatte. Dort beschrieb er seine politischen Überzeugungen mit den Worten: "Es gab eine Zeit in der Geschichte Amerikas, in der Revolution kein schmutziges Wort war." In derselben Sendung zog er sich den Zorn der Rechten (und sicherlich auch seiner Mentoren in Ostdeutschland) zu, als er Ronald Reagan mit Stalin verglich. Die hasserfüllten Briefe, die auf seinen Auftritt folgten, trugen mit zu seiner Entscheidung bei, in die DDR zurückzukehren. Dort beging er ein Jahr später Selbstmord.

Angesichts des Todes eines ihrer wertvollsten kulturellen Besitztümer leugnete die DDR-Bürokratie Tatsachen, die auf Reeds tragischen Selbstmord hindeuteten und stellten seinen Tod als Unfall dar. Grüns Film nimmt Abstand von jeder tieferen Auseinandersetzung mit Reeds politischen und ideologischen Motiven. Stattdessen werden Figuren wie Krenz und der rechte Radiomoderator Peter Boyles unkritisch als Figuren dargestellt, die irgendetwas Ernstzunehmendes über Reed zu sagen hätten.

Trotz seiner Schwächen offenbart Der Rote Elvis jedoch einen faszinierenden Blick auf die Art, in der ein junger, sich dem Kommunismus verbunden fühlender amerikanischer Idealist durch den verachtungswürdigen Opportunismus und die Engstirnigkeit der stalinistischen Bürokratie in Ostdeutschland und der Sowjetunion in Verzweiflung - und schließlich den Tod - getrieben wurde.

Die Fälscher

Der gegenwärtig in deutschen Kinos laufende Film Die Fälscher ist eine einnehmende und gefühlvolle Studie über die Insassen des Nazi-Konzentrationslagers Sachsenhausen, die während des Zweiten Weltkrieges gezwungen wurden, die deutschen Kriegsanstrengungen durch das Drucken von Falschgeld in einer eigens hierfür gefertigten Werkstatt zu unterstützen.

Die Geschichte basiert auf einem authentischen Bericht über eine derartige Werkstatt, der sich in Adolf Burgers Buch Des Teufels Werkstatt findet. Der Film verfolgt das Schicksal von Salomon Sorowitsch, der während der 30er Jahre in Deutschland ein berüchtigter Geldfälscher war. 1944 wird er als jüdischer Gefangener in das Vernichtungslager Sachsenhausen gebracht. Er fürchtet das Schlimmste, doch tatsächlich hält der Oberaufseher des Lagers einen Auftrag für ihn bereit: Sorowitsch und einige handverlesene Fachleute sollen gefälschte ausländische Währungen herstellen. Zur Erfüllung dieser Mission werden ihnen innerhalb des Lagers privilegierte Bedingungen gewährt.

Es liegen einige offensichtliche Gefahren darin, Filme über das faschistische Deutschland zu drehen. So basierte der Film Sass (2001) ebenfalls auf einer wahren Geschichte: Die Gebrüder Sass, zwei Sprösslinge aus der Arbeiterklasse, verübten in den späten 20er und frühen 30er Jahren eine Reihe von Banküberfällen. Der Höhepunkt war der Raub von Nazigeld aus Deutschlands vermeintlich sicherster Bank. Im Falle des Sass-Filmes verkommen die Verarmung der deutschen Gesellschaft und der Aufstieg des Faschismus in den 1920er und 1930er Jahren zum verschrobenen Hintergrund für eine Geschichte über persönlichen Aufstieg und persönliche Vergeltung. Fragen bezüglich politischer oder moralischer Werte bleiben weitgehend außen vor.

Stefan Ruzowitzki, Regisseur von Die Fälscher, lässt sich dagegen nicht davon abhalten, das politische und moralische Dilemma zu schildern, vor dem das Fälscherteam in seiner Arbeit steht. Führen sie diese erfolgreich aus, so bedeutet dies Unterstützung für die Kriegsziele des verhassten Feindes, der für den Tod Tausender ihrer Mithäftlinge verantwortlich ist. Gleichzeitig würde jede Verweigerung der Zusammenarbeit zu Vergeltungsmaßnahmen durch die Nazi-Aufseher für das gesamte Fälscherteam führen. Auf kluge und ergreifende Weise behandelt der Film diesen Gewissenskonflikt in Form einer Reihe von Diskussionen zwischen Sorowitsch und dem kommunistischen Fälscher Adolf Burger.

Siehe auch:
57. Berliner Filmfestspiele: Ein Gestolper über politische und historische Themen
(21. März 2007)
San Francisco International Film Festival 2006
(7. Juni 2006)

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