David North widerlegt Fälschungen von Trotzkis Leben in Vorlesungen in Glasgow, Cardiff und Berlin

Von unserem Korrespondenten
3. Mai 2007

David North, Chefredakteur der World Socialist Web Site hat im 1. Mai im Rathaus Schöneberg einen Vortrag gehalten, in denen er die Verfälschung der historischen Rolle Leo Trotzkis widerlegte. North hatte bereits zwei Vorlesungen an der Universität von Glasgow in Schottland und der Universität von Cardiff in Wales zum selben Thema gehalten. Die Fälschungen sind in zwei kürzlich erschienenen Trotzki-Biographien der britischen Historiker Ian Thatcher und Geoffrey Swain enthalten.

Die Veranstaltung wurde von Ulrich Rippert, dem Parteivorsitzenden der Partei für Soziale Gleichheit, eingeleitet. Er betonte, es sei ein politischer Erfolg, dass die Veranstaltung wie geplant im Rathaus Schöneberg stattfinden konnte und wies auf die Entscheidung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg hin, der Partei den seit Ende März beantragten Raum zu verweigern. Dieser Beschluss sei, wie die Bezirksverordnetenversammlung gezeigt habe, politisch motiviert gewesen. Die PSG habe sich mit einer politischen juristischen Offensive gegen diesen Angriff auf die demokratischen Grundrechte der Versammlungsfreiheit und des Rechts auf Gleichbehandlung gegen alle Fraktionen im Bezirksamt durchgesetzt: Gegen CDU und SPD genauso wie die Grünen und die FDP. Die Verteidigung dieses Grundrechts habe große Bedeutung, nicht nur für die PSG.

Rippert erklärte, dass es kein Zufall sei, dass gerade in Berlin die Behörden versuchten, die PSG mit bürokratischen Mitteln zu unterdrücken. Durch die jahrzehntelange Stellung West-Berlins als "Frontstadt" inmitten der DDR habe der Antikommunismus dort besonders giftige und bösartige Formen angenommen. Er konnte sich von den Verbrechen des Stalinismus in der DDR, Osteuropa und der Sowjetunion nähren.

In dieser Zeit der Nachkriegsperiode sei es für die Arbeiterklasse sehr schwer gewesen, Zugang zu sozialistischen Perspektiven zu finden, die vom stalinistischen Antikommunismus im Osten und dem bürgerlichen Antikommunismus im Westen unterdrückt wurden. Mit dem Zusammenbruch des Stalinismus und der wachsenden sozialen Ungleichheit nehme die Kritik am Kapitalismus und das Interesse an einer sozialistischen Perspektive deutlich zu. Daher sei es so wichtig, sich mit der alten Lüge auseinanderzusetzen, die Sozialismus und Stalinismus gleichsetzt. Der Kampf von Trotzki und der Linken Opposition habe bewiesen, dass es eine sozialistische Opposition gegen den Stalinismus gab.

North eröffnete seine Vorlesung, die den Titel "In Verteidigung von Leo Trotzki: Eine Antwort auf die postsowjetische Schule der Fälschung" trug, mit der Feststellung, dass siebzig Jahre vergangen sind seit dem Höhepunkt von Stalins Terrors, der sich gegen die noch verbliebenen Reste marxistischen Denkens und marxistischer Kultur in der Sowjetunion richtete.

"Selbst nachdem 70 Jahre vergangen sind, ist die Zahl derer, die 1937-38 von dem stalinistischen Regime ermordet wurden, nicht eindeutig festgestellt, sondern immer noch Diskussionsthema. Professor Michael Ellman von der Universität Amsterdam legte kürzlich eine Analyse vor, nach der die genaueste Schätzung über die Zahl der Opfer der Repression von 1937-38 gegenwärtig am ehesten im Bereich von 950.000 bis 1,2 Millionen liegt, d. h. bei etwa einer Million’."

"Niemand, der den Ursprung des stalinistischen Terrors studiert und sich ernsthaft mit seinen Konsequenzen befasst hat, wird die politisch reaktionären und gesellschaftlich zerstörerischen Auswirkungen historischer Fälschung unterschätzen", erklärte North.

"Das Beispiel der Sowjetunion lehrt uns, dass der politische Prozess, der sich zuerst in der Fälschung der Geschichte der Russischen Revolution ausdrückte, schließlich zur Massenvernichtung russischer Revolutionäre ausartete."

Die stalinistischen Lügen und Verleumdungen richteten sich vor allen Dingen gegen Leo Trotzki und diejenigen, die ihn unterstützten. Trotzki, der mit Lenin zusammen die russische Revolution angeführt hatte, verteidigte als Führer der Roten Armee mit einer großartigen militärischen Kampagne den neu entstandenen Arbeiterstaat gegen die Zerstörungsversuche der imperialistischen Armeen und russischen Reaktionäre, die nach der Revolution einen Krieg gegen ihn begonnen hatten. Später, als die stalinistische Bürokratie versuchte, ihre Kontrolle über die Staatsmacht zu festigen, beschuldigte sie Trotzki, ein Agent unterschiedlicher imperialistischer und faschistischer Mächte zu sein.

North zitierte Trotzki: "Um ihre Privilegien zu rechtfertigen, verdreht die herrschende Kaste die Theorie, die die Abschaffung aller Privilegien zum Ziel hat. Die Lüge dient also als der wichtigste ideologische Zement der Bürokratie."

Es gab aber auch im Westen Liberale und Linke, die bereit waren, die stalinistischen Lügen für bare Münze zu nehmen.

Erst etwa zwei Jahrzehnte später begann "das in den Moskauer Prozessen errichtete stalinistische Lügengebäude" zu bröckeln, erklärte North, und verwies auf die "Geheim"-Rede des Sowjetführers Nikita Chruschtschow 1956, in der der kriminelle Charakter des Stalinschen Terrors anerkannt wurde.

North hob mehrere wichtige Werke hervor, die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren von dem Historiker E. H. Carr und anderen veröffentlicht worden waren, und die dreibändige Trotzki-Biographie Isaac Deutschers, die die stalinistischen Fälschungen auf der Grundlage objektiver historischer Fakten widerlegten.

"Die bleibende Bedeutung ihrer kollektiven Anstrengung... besteht darin, dass sie in erheblichem Maße dazu beigetragen haben, die Lügen, Verdrehungen und Halbwahrheiten zu widerlegen, die die Geschichte der russischen Revolution und der Sowjetunion so viele Jahrzehnte lang verhüllt haben", erklärte North.

Der größte Teil von Norths Vorlesung war der Entlarvung der - wie er sie nannte -"Postsowjetischen Schule der historischen Fälschung" gewidmet.

"Das wichtigste Ziel dieser Schule besteht darin, Leo Trotzki als bedeutende historische Persönlichkeit zu diskreditieren, und zu leugnen, dass er eine Alternative zum Stalinismus darstellte; außerdem, dass sein politisches Erbe irgendetwas Relevantes für heute und Wertvolles für die Zukunft enthält."

North betonte, dass jeder Historiker ein Recht auf seinen Standpunkt hat, dass "dieser Standpunkt sich aber auf einer ernsthaften, ehrlichen und prinzipiellen Haltung gegenüber der Sammlung der Fakten und der Darstellung historischer Beweise gründen muss."

"Das ist die grundlegende Qualität, an der es zwei neuen Trotzki-Biographien der Professoren Geoffrey Swain und Ian Thatcher bedauerlicherweise völlig mangelt."

Es folgte eine detaillierte Entlarvung der in beiden Büchern enthaltenen Fälschungen. Dabei lenkte North die Aufmerksamkeit ganz besonders auf den deutlichen Kontrast in den Bestrebungen beider Autoren, auf der einen Seite Trotzki zu verleumden und seine Bedeutung zu schmälern, und auf der anderen Seite offen die Taten Stalins zu verteidigen.

Abschließend wandte sich North der objektiven Bedeutung der beiden Biographien zu. Die umfassende Diskreditierung aller großen politischen Parteien, und besonders derjenigen, die traditionell mit der Arbeiterbewegung verbunden sind, werfe unvermeidlich die Frage nach einer politischen Alternative auf.

Unter diesen Umständen sei es unvermeidlich, dass ein neues Interesse am Leben und der Arbeit Leo Trotzkis entstehe. "Genau das geschah während der letzten großen Radikalisierungswelle von Arbeitern und Studenten. Die weitsichtigeren Sektionen der Bourgeoisie erkennen diese Gefahr und fürchten sie. Das ist der Grund, warum angesehene Verlage wie Routledge und Longman Werke wie die von Swain und Thatcher in Auftrag geben. Wir leben, wie wir wissen, in der Ära der Präventivkriege. Und diese Bücher stellen eine Art Präventivschlag gegen das Wiederaufleben des Trotzkismus dar."

North wies auf die Rolle der Lüge bei der Einstimmung der öffentlichen Meinung auf den Irakkrieg hin. "Die ‚Massenvernichtungswaffen’ waren eine Lüge, die schon jetzt zum Tod von Hunderttausenden geführt hat.

Die gesamte Zukunft des Planeten steht auf dem Spiel, wenn keine Antwort auf die Krise des kapitalistischen Weltsystems gefunden wird. Das Studium der Geschichte muss eine zentrale Rolle spielen bei der Suche nach den Antworten, die die Menschheit benötig. Aber wie kann die Geschichte studiert werden, wenn die Fakten verfälscht und verdreht werden? Die Jugend der Welt braucht Wahrheit, denn das Aufdecken der objektiven Wahrheit ist die intellektuelle Triebkraft des menschlichen Fortschritts."

Die Vorlesung, die zu gegebener Zeit auf der World Socialist Web Site veröffentlicht werden wird, wurde von dem überwiegend jugendlichen Publikum von Studenten, Akademikern und Arbeitern in Glasgow und Cardiff mit großem Interesse und ernsthafter Aufmerksamkeit verfolgt.

In Cardiff fragte ein Teilnehmer, ob es möglich sei, juristische Schritte gegen Swain and Thatcher wegen ihrer Verleumdungen gegen Trotzki zu ergreifen. North antwortete, dass es für dieses Problem keine juristische Lösung gebe.

"Der zentrale Punkt ist, zu verstehen, warum solche Lügen verbreitet werden, und eine internationale Gegenoffensive gegen die Fälschungen zu führen." Die sich entwickelnde politische Bewegung der Jugend, Studenten und Arbeiter "muss geistig mit einem historischen Verständnis bewaffnet werden", betonte North.

Ein weiterer Student meinte, jedes politische Ereignis sei einzigartig und fragte, ob es möglich sei, vorangegangene historische Lehren darauf anzuwenden. North antwortete, auch wenn es viele Veränderungen gegeben habe, seien die zentralen Fragen der Epoche noch die gleichen.

"Der Widerspruch zwischen der globalen Wirtschaft und dem Nationalstaatensystem, zwischen dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und der gesellschaftlichen Produktion, der Ausbruch imperialistischer Kriege, zunehmende soziale Ungleichheit und die Probleme der Bürokratie sind alle noch vorhanden", sagte North. "All diese Probleme verleihen den Schriften Trotzkis eine außerordentliche Bedeutung für heute. Das waren die Fragen, die den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts beherrschten, und die auch weiterhin die politischen Ereignisse dieses Jahrhunderts überschatten."

In Berlin fragte eine Teilnehmerin, ob es ähnliche historische Fälschungen über Trotzki wie mit den Büchern von Swain und Thatcher auch in Russland gebe. North antwortete, davon gebe sogar sehr viele und nannte als ein Beispiel eine Pseudo-Dokumentation im Fernsehen, in der Trotzki als jüdischer Spion der Rothschilds dargestellt wird, der Russland zerstören wolle. Dies werde russlandweit ausgestrahlt. Solche bizarren Lügen seien Bestandteil eines generellen Angriffs auf das fortschrittliche Denken und der Wiederbelebung von Zar und Kirche.

Befragt, wie Rezensionen der Bücher von Swain und Thatcher in den bürgerlichen Medien ausgefallen seien und warum sie nicht von wissenschaftlichen Kommissionen zurückgewiesen worden seien, erwiderte North, niemand außer uns habe es bisher gewagt, Swain und Thatcher entgegenzutreten. Die bisherigen Rezensionen seien allesamt unkritisch ausgefallen. Es sei vom wissenschaftlichen Standpunkt aus unbegreiflich, warum die Bücher in renommierten Verlagen von seriösen Herausgebern und in anerkannten Buchreihen erschienen seien, ohne dass jemand sie gestoppt habe. Das sei ein nur politisch zu erklärendes Phänomen.

Auf eine Frage nach Objektivität in der Wissenschaft betonte North, diese sei nicht gleichzusetzen mit Gleichgültigkeit. Man könne bei einem Thema durchaus Partei ergreifen und eine eigene Interpretation der Geschichte vertreten. Man müsse dabei aber Treue zu den objektiven Tatsachen bewahren und sich darauf gründen. Die eigene Darstellung müsse der Logik der Ereignisse entsprechen. Anders als der Postmodernismus, der die objektive Wahrheit leugnet und jede noch so absurde Meinung anerkennt, wenn sie nur in sich schlüssig erscheint, stütze der Marxismus seine Interpretation der Geschichte auf objektive Tatsachen.

Nach der Vorlesung in Glasgow sprach Jordan, Politikstudent im zweiten Jahr an der Universität von Dundee, mit der WSWS. Er sagte: "Mir ist aufgefallen, dass die Historiker, über die David North gesprochen hat, mit ganz ähnlichen Methoden und Lügen arbeiten, wie die Stalinisten, als sie in der Sowjetunion an der Macht waren. Es zeigt die Krise der Gesellschaft und die Degeneration des intellektuellen Lebens, dass sie so was von sich geben können, und niemand sie angreift.

Ich finde es sehr wichtig, dass in der Vorlesung die Dinge richtig gestellt wurden. Ich spreche mit vielen Studenten, die linke Ansichten vertreten oder sich als Sozialisten verstehen. Aber sie sind sehr desillusioniert und haben keine Perspektive oder Vorstellung davon, wie es vorwärts gehen soll.

Ich habe gerade in diesem Semester sechs Vorlesungen über Russland besucht und ich glaube, Trotzki wurde nicht einmal erwähnt. Die Vorlesungen gingen über den Zeitraum von der Auflösung der Sowjetunion bis heute... Im ersten Jahr hatten wir eine Vorlesung über den Marxismus. Ein Buch von Marx wurde diskutiert, aber der Dozent empfahl uns, nicht zu versuchen, den Originaltext zu lesen, der sei ‚zu schwierig’."

Simone, eine italienische Linguistik-Studentin im ersten Jahr, sagte: "Ich finde, dass David North einige sehr interessante Argumente angeführt hat, die auf heute anwendbar sind. Zum Beispiel für das, was in Italien passiert und für die Art und Weise, wie Geschichte in der Schule unterrichtet wird. Den Studenten werden Lügen über Leo Trotzki erzählt und über die Ursachen historischer Ereignisse. Ich möchte weitere Vorlesungen besuchen und mehr erfahren."

Mary und ihr Mann Alistair fanden die Vorlesung beide sehr gut und meinten, es sei wichtig, dass darin die Wahrheit über eine entscheidende Periode des zwanzigsten Jahrhunderts erklärt worden sei. Mary sagte: "Ich finde es erschreckend, dass den Studenten solche Unwahrheiten über die Sowjetunion beigebracht werden, wie sie in den Büchern der Professoren Thatcher und Swain stehen. Sie wollen nicht, dass die Wahrheit bekannt wird."

Sue liest gerade 1937 - Jahr des Terrors von Wadim Rogowin. Sie sagte, sie halte es für sehr wichtig, dass North seine Vorlesung mit einer Würdigung der Rolle Rogowins bei der Aufdeckung der Wahrheit über die Moskauer Prozesse und die stalinistische Diktatur begonnen habe. "Er war ein sehr mutiger Mann und seine Methode unterscheidet sich völlig von der Swains und Thatchers. Seine Quellen sind alle minutiös aufgeführt. Sein Buch beweist ohne Zweifel, dass Stalin nicht einfach ein schlechter Mensch war. Er war nicht verrückt. Es steckte ein klarer Plan dahinter. Die Moskauer Prozesse waren eine Art politischer Völkermord, um jede Opposition in der Sowjetunion zu vernichten. Wie David North sagte, es war ein Präventivschlag und das gleiche passiert heute."

In Cardiff sagte Stephen Hanks, ein freischaffender Filmemacher, über die Vorlesung: "Sie hat in intelligenter und zusammenhängender Form Dinge dargestellt, über die ich schon lange nachdenke und mit meinen Freunden diskutiere.

Ich wusste, wer Trotzki war, und bin nie auf die hereingefallen, die Stalin vergöttert haben. Ich habe auch eine Menge von [George] Orwell gelesen und das hat mir geholfen, zu verstehen, dass es eine Alternative zum stalinistischen Regime gab oder geben sollte.

Eine der zentralen Fragen der Vorlesung, die besonders wichtig ist und sehr gut erklärt wurde, ist die Notwendigkeit von Wahrheit. Wenn man der objektiven Wahrheit gegenüber nicht treu ist, kann man nichts verstehen.

Nimm zum Beispiel die Medien. Es gibt heutzutage kein Sinn für objektive Wahrheit in den Medien. Alle möglichen Lügen werden verbreitet und nur wenige haben überhaupt eine Spalte für Berichtigungen. Sie kommen mit so gut wie allem durch. Die in der Vorlesung behandelten Fragen sind nicht nur in der Politik wichtig. Sie zeigen die Notwendigkeit von Ehrlichkeit und Objektivität in allen Bereichen. Ohne das kann es keine rationale oder vernünftige Debatte über irgendein Problem geben, mit dem wir konfrontiert sind."

Siehe auch:
Kongress in Madrid zum 70. Jahrestag des spanischen Bürgerkriegs
(7. Dezember 2006)
Die Volksfront von 1936 - Historische Lehren für den Kampf gegen den Ersteinstellungsvertrag
( 24. März 2006)
Frankreich - Mai-Juni 1968: Der Verrat von KPF und CGT
( 23. März 2006)

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