Amerikanische Befürchtungen über britischen Abzug aus Basra verschärfen transatlantische Spannungen

Von Chris Marsden
31. August 2007

Militärkreise in Washington und London ergehen sich in gegenseitigen Beschuldigungen wegen des geplanten Abbaus der britischen Truppen aus Basra. Die obersten US-Militärs sprechen dabei von Großbritanniens "Saigon-Stunde" und einem vollen Abzug. Die britische Armee hat mit ihrer Verärgerung über diese offene Kritik nicht hinter dem Berg gehalten, und die Medien haben darauf reagiert, indem sie die USA beschuldigen, Großbritannien die Schuld für die Unfähigkeit ihrer eigenen Streitkräfte zuzuschieben, den Aufstand im Irak zu besiegen.

Großbritannien hat tatsächlich nicht nur die Kontrolle über Basra, sondern über den gesamten Süden des Iraks verloren. Dies ist jedoch nur der klarste Ausdruck der umfassenderen militärischen und politischen Katastrophe, mit der die US-geführte Besatzung konfrontiert ist, und des Fehlschlagens der amerikanischen "Truppenverstärkung" im Besonderen.

Die Regierung hat sich bereits verpflichtet, die britischen Truppen um 500 Mann auf nur noch 5000 zu reduzieren. Militärisch macht es keinen Sinn, dass die restlichen dort verbleiben, es sei denn als Teil einer größeren US-geführten Streitkraft. Aber ein vollständiger Abzug ist bis jetzt nicht geplant, um Großbritanniens Bündnis mit den USA nicht zu gefährden und um nicht so dazustehen, als sei man in die Flucht geschlagen worden.

Bei seinem Treffen mit Präsident George Bush in Camp David verkündete Premierminister Gordon Brown: "Wir haben Verpflichtungen einzulösen und Verantwortungen wahrzunehmen" und versprach mit Entscheidungen über Truppenstärken zu warten, bis der US-Kommandierende im Irak, General David Petraeus, am 15. September im Kongress über die Ergebnisse der "Truppenverstärkung" berichtet hat. Er kündigte eine Regierungserklärung zum Irak an, wenn das Parlament im Oktober seine Arbeit wieder aufnimmt. Verteidigungsminister Des Browne hatte zusätzlich erklärt, weitere Truppenreduzierungen werde es nur in Absprache mit den Amerikanern geben.

Die Zeitschrift Independent on Sunday berichtete am 19. August, zwei ranghohe britische Generäle hätten "der Regierung mitgeteilt, dass Großbritannien im Südosten des Iraks,nichts mehr’ erreichen kann und dass die 5.500 Mann starken Truppen, die dort stationiert sind, sich ohne weitere Verzögerung auf den Abzug vorbereiten sollten". Die militärische Botschaft, die Brown vermittelt wurde, laute: "Wir haben im Süden getan, was wir konnten."

Der Bericht fährt fort: "Die Befehlshaber wollen den Palast von Basra bis Ende August übergeben. Die 500 britischen Soldaten dort sind bis zu 60 Raketen- und Mörserangriffen pro Tag ausgesetzt, und Versorgungstransporte gelten als,nächtliche Selbstmord-Missionen’. Der Rückzug von 500 Soldaten wurde von der Regierung schon angekündigt. Die Armee entwirft Pläne, die 5.000 am Flughafen von Basra verbleibenden Soldaten ‚neu aufzustellen’ und beabsichtigt, den größten Teil von ihnen in den nächsten paar Monaten nach Hause zu holen."

Der Independent weist auf das Ausmaß des Debakels in Basra hin und fährt fort: "In dem Maße, in dem die Truppenstärke schrumpfte, haben sich die Verluste unter den britischen Soldaten erhöht. In diesem Jahr sind schon 41 Soldaten und Soldatinnen gestorben, verglichen mit 29 während des gesamten Jahres 2006. Ihr Kampfgebiet wurde praktisch von drei mit einander konkurrierenden Milizen übernommen - der Mahdi-Armee, der SCIRI and der Fadhila, die alle in hohem Maße an Ölschmuggel, Einschüchterungen und Todesschwadronen beteiligt sind."

Die Truppen am Flughafen von Basra zu belassen ist auf lange Sicht unhaltbar und bedeutet, dass sie vorwiegend damit beschäftigt sein werden, sich gegen die Angriffe der Aufständischen zu verteidigen. Ein Artikel der Financial Times vom 20. August mit dem unverblümten Titel "Wie die britische Armee Basra verloren hat" zitiert einen pensionierten Brigadegeneral, der erklärt, der Zweck der verbleibenden Truppen "scheint vor allen Dingen eine symbolische Unterstützungsgeste für Washington und die irakische Regierung zu sein".

Das US-Militär reagiert verbittert auf die Reduzierung der Truppen und einen möglichen Abzug und wird dabei von Persönlichkeiten in der Umgebung der Bush-Regierung unterstützt. Der Sunday Telegraph zitierte einen ranghohen US-Offizier, der erklärt: "Kurz gesagt - die Briten haben Basra verloren, wenn sie es überhaupt jemals gehalten haben... die Amerikaner sind enttäuscht, weil ihrer Meinung nach das Ganze noch zu gewinnen ist. Sie haben nicht vor, die Flinte ins Korn zu werfen und sich aus dem Staub zu machen... Das wird ein schlechtes Licht auf das britische Militär werfen und ihm lange nachhängen."

US-General Jack Keane, der Urheber der Truppenverstärkungsstrategie, erklärte gegenüber dem Sunday Telegraph : "Es ist enttäuschend und frustrierend mit anzusehen, wie die Situation in Basra, die zuvor ganz gut funktioniert hat, jetzt aus den Fugen gerät." Stephen Biddle, ein militärischer Berater Bushs, sagte der Sunday Times, ein britischer Abzug wäre "übel und beschämend".

Ein nicht namentlich genannter US-Regierungsmitarbeiter erklärte, die Beamten im Weißen Haus seien enttäuscht, dass sie von Brown keine festere Zusage erreichen konnten, die britischen Truppen in Basra zu belassen: "Sie haben nichts gegen eine rhetorische Anpassung, aber worum es dem Präsidenten im Endeffekt ging, war, dass die Briten für Basra verantwortlich bleiben. Er hat nicht das bekommen, was er wollte. Es gab einen Anflug von einem Doppelspiel in der ganzen Sache."

Diese offenen und verächtlichen Angriffe provozierten eine Reihe von Klagen in der britischen Presse. In einem Artikel im Telegraph bemerkte Con Coughlin: "Es ist nicht das ständige Raketenfeuer auf das schwer befestigte Gelände in Basra, das die Moral der britischen Truppen untergräbt. Es ist die scheinbar endlose Beschimpfungskanonade, die über den Atlantik hinweg von Amerikas obersten Militärs fast täglich gegen sie gerichtet wird."

Klagen darüber, dass die Briten alles hinwerfen und sich aus dem Staub machen würden, sind für die Bush-Regierung und das US-Militär angesichts ihrer eigenen zunehmenden Krise nichts weiter als eine Ablenkung. Präsident Bush und Premierminister Blair sind unter der Annahme in den Krieg gegen den Irak gegangen, dass die überlegene US-Militärmacht mit dem Regime Saddam Husseins kurzen Prozess machen werde. Die Truppen der Koalition würden dann als Befreier der irakischen Massen willkommen geheißen, es würde ein Marionetten-Regime errichtet werden und dann könne man die irakischen Ölvorräte plündern. Wenn Großbritannien oder die USA überhaupt eine "Abzugsstrategie" besaßen, dann basierte sie auf einem reibungslosen Übergang von der Besatzung zu einer Herrschaft der Sicherheitskräfte ihrer irakischen Stellvertreter.

Von Beginn der Invasion an spielte Großbritannien eine untergeordnete militärische Rolle. In einer längeren Antwort auf die amerikanische Kritik, den die Financial Times am 22. August unter dem Titel "Die Geschichte wird urteilen, wer den Irak verloren hat" veröffentlichte, wird zurecht bemerkt, dass "die politische Rückendeckung durch Großbritannien von der Bush-Regierung durchweg gelobt wurde, dessen militärischer Beitrag aber - wie der frühere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in erniedrigender Weise klar machte - als entbehrlich angesehen wurde".

Das wäre anders auch nicht möglich. Großbritanniens stehendes Heer hat weniger als 100.000 Mann und zusätzliche 25.000 Mann in der Territorialarmee. Es könnte niemals eine lang andauernde Besetzung des Irak verkraften und begann fast unmittelbar nach der Einnahme von Bagdad seine Truppen - deren Zahl auf dem Höhepunkt 35.000 Mann betrug - zu reduzieren. Großbritannien und die USA waren jedoch aufgrund des Aufstandes gegen die Besatzung und des Bürgerkriegs zwischen den sunnitischen, schiitischen und kurdischen Gruppen, den die Besatzer selbst zu verantworten haben, gezwungen, ihre Streitkräfte ein Jahr nach dem anderen im Irak stationiert zu lassen.

Die amerikanische "Truppenverstärkung" hat nichts dazu beigetragen, die Situation grundlegend zu verändern. Der Independent bemerkt dazu: "Statt die Gewalt einzudämmen... scheint der ‚Truppenverstärkung’ sie immer mehr zu verlagern - [vom Zentrum des Irak] an die Randgebiete im kurdischen Norden und schiitischen Süden, die zuvor relativen Frieden genossen. Die unausweichliche Schlussfolgerung muss sein, dass selbst die gegenwärtige Truppenstärke der USA zu niedrig ist, um den gesamten Irak zu befrieden."

Die Financial Times stellt ebenfalls verbittert fest: "Zunächst einmal hat Großbritannien den Süd-Irak nie kontrolliert - und konnte ihn deshalb auch nicht verlieren. Die Inkompetenz des Pentagon unter Rumsfeld hat den Irak wahrscheinlich in der Anarchie verloren, die direkt nach dem Fall von Bagdad ausbrach. Die südlichen Provinzen blieben von diesem Chaos verschont, aber nur deshalb, weil die klerikale Hierarchie der Schiiten, angeführt von Ayatollah Ali al-Sistani Zurückhaltung erzwang. Sie haben sich zurückgehalten, bis der politische Prozess - eine neue Verfassung und Wahlen - den Irak an die schiitische Mehrheit übergeben hatte. Anders als die sunnitische Mitte und der Westen des Landes, wo Baathisten, sunnitische Extremisten und Dschihadisten einen tödlichen Aufstand gegen die anglo-amerikanische Besatzung in Gang setzten, war der Süden relativ ruhig. Diese trügerische Ruhe wurde durch den innerschiitischen Kampf um die Macht zwischen drei klerikalen Dynastien und ihren bewaffneten Verbündeten zerstört."

Die Blair-Regierung hat alles getan, was sie konnte, um sich in Washington beliebt zu machen, und Brown hat keinen größeren Wunsch, als so weiterzumachen. Die Unterordnung Großbritanniens unter den US-Imperialismus - durch die Großbritannien versucht hat, seine eigenen globalen geo-strategischen Interessen sicherzustellen, wie z. B. den Zugang zum Öl - hat auch zum Einsatz britischer Truppen in Afghanistan geführt. Das britische Militär fürchtet, dort ebenfalls eine Niederlage zu erleiden, wenn es sein Engagement im Irak nicht verringert.

General Sir Richard Dannatt, der Chef des Generalsstabs, hat zugegeben, dass die Einsätze im Irak und in Afghanistan die Streitkräfte bis zur Grenze der Belastbarkeit "gedehnt" haben. Das Verteidigungsministerium erwägt, 2.000 der im Irak frei werdenden Soldaten zur Verstärkung der 7.000 bereits an der NATO-Mission in Afghanistan beteiligten Soldaten zu schicken. Dies wird umso dringlicher, da sich Deutschland, Frankreich und Italien weigern, nennenswerte Kräfte in diesem Konflikt einzusetzen, und stattdessen hoffen, Washingtons Debakel in Nahen Osten für bessere Vereinbarungen nutzen zu können, als sie Großbritannien als Gegenleistung für seine militärische Hilfe erhalten hat.

Die Daily Mail vom 21. August berichtete: "Die Kontrolle über die Provinz Helmand, wo die meisten britischen Verbände kämpfen, wird in zunehmendem Maße als Divisionsaufgabe betrachtet, zu der neun Kampfeinheiten von jeweils ca. tausend Kämpfern nötig sind. Zurzeit hat Großbritannien aber nur drei Kampfgruppen zur Verfügung, und trotz wiederholter Appelle an die NATO-Verbündeten, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass andere Länder die nötige Unterstützung zur Verfügung stellen."

Ein Gewährsmann aus der Armee erklärte gegenüber der Mail : "Das schmutzige kleine Geheimnis des Westens ist, dass wir nicht genügend Infanterie besitzen, um uns zu behaupten. Es ist jetzt sehr wahrscheinlich, dass die Soldaten, die im Irak freigesetzt werden, in Afghanistan absorbiert werden."

Ein wichtiger Aspekt der Washingtoner Beschwerden über Großbritannien lautet, Brown gebe dem heimischen Druck nach - anders als Bush und Blair, die beide wiederholt ihre Bereitschaft verkündet hatten, die Besetzung des Irak trotz überwältigender Opposition der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Niemand sollte jedoch glauben, dass Brown eine wesentliche Änderung dieser antidemokratischen Haltung vornehmen wird. Man wird sehen, was Brown in Bezug auf die Truppenreduzierung im Irak unternehmen wird, um die eindeutig miteinander in Konflikt stehenden Forderungen aus Washington und aus der herrschenden Elite in Großbritannien in Einklang zu bringen. Aber jeder Schritt, den er unternimmt, geschieht im Rahmen der neokolonialen Strategie, die Blair vorbereitet hat - und im fortdauernden Bündnis mit den USA.

Es gibt in Teilen der britischen Medien zunehmend Forderungen nach einem vollständigen Rückzug aus dem Irak. Aber von den großen Parteien unterstützen nur die Liberalen einen Abzug. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Brown einer solchen Forderung nachgeben wird, wenn er damit riskiert, sich den Zorn der USA zuzuziehen. Darüber hinaus kann sich die Situation im Nahen Osten nur verschlechtern, angesichts der Haltung vieler wichtiger Neokonservativer, die der Meinung sind, dass der Irak nur stabilisiert werden kann, wenn der Konflikt auf den Iran ausgedehnt wird.

Was immer auch geschieht, keine Fraktion der britischen herrschenden Elite bringt die wirkliche Antikriegsstimmung der arbeitenden Bevölkerung zum Ausdruck. Diejenigen, die wie der liberaldemokratische Führer Sir Menzies Campbell einen "Rahmen für den Rückzug" aus dem Irak fordern, wollen nur taktische militärische und politische Veränderungen, um so die Interessen des britischen Imperialismus besser zu wahren. Die Forderungen konzentrieren sich darauf, mehr Truppen in den angeblich "zu gewinnenden" und "gerechten" Krieg in Afghanistan zu schicken.

Wie der Independent in seinem Leitartikel vom 19. August schreibt: "Irak und Afghanistan sind zwei verschiedene Fronten, zwei verschiedene Feldzüge. In Afghanistan ist die Anwesenheit unserer Truppen gerechtfertigt und sinnvoll; im Irak gibt es keine weitere Grundlage für ihre Anwesenheit außer dem politischen Gebot, Solidarität mit der US-Regierung zu zeigen ... wir sollten uns aus Basra zurückziehen und nach Afghanistan verlagern."

Siehe auch:
Blairs Auslandsreise wirft Schlaglicht auf militärische Krise in Afghanistan
(28. November 2006)
Irakkriegsgegner George Galloway vom Parlament ausgeschlossen
( 3. August 2007)
Irak: US-Besatzung im Irak fördert Unterdrückung und ethnische Säuberung
( 29. August 2007)

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