Heftige Schwankungen an den Weltmärkten

Von Nick Beams
19. August 2007

Trotz immer neuer Interventionen der Weltnotenbanken lassen die heftigen Schwankungen an den Börsen nicht nach. Furcht breitet sich aus, die Krise könnte vom US-Hypothekenkreditmarkt für geringe Bonitäten (Subprime) auf andere Märkte übergreifen.

Am Donnerstag kam es an der Wall Street zu heftigen Schwankungen und der Kurs rutschte zeitweilig um 343 Punkte ab, um schließlich mit einem Verlust von 15,69 Punkten zu enden.

Davor wurden asiatische und europäische Märkte von einer Verkaufswelle überrollt. Dies war eine Folge der Talfahrt an der Wall Street am Mittwoch, in deren Verlauf der Dow Jones unter die Marke von 13.000 abrutschte und einen Verlust von über 800 Punkten in fünf Tagen verzeichnete.

Der australische Markt schloss mit einem Minus von 1,54 Prozent, nachdem er früher am Tag schon ein Minus von über fünf Prozent verzeichnet hatte. Der japanische Markt kam auf ein Minus von zwei Prozent, Singapur von 4,3 Prozent, Mumbai von 3,7 Prozent und Manila von 6 Prozent. In Südkorea gehen Banken und Investoren, die amerikanische Subprime-Anleihen im Wert von 850 Millionen Dollar halten, von einem Verlust von mindestens zehn Prozent aus, und die Börse rutschte um beinahe 7 Prozent ab, obwohl Präsident Roh Moohyun die Investoren beschwor, Ruhe zu bewahren.

Aber in der ganzen Region beherrschte die Angst das Tagesgeschehen. So sagte ein Finanzanalyst aus Malaysia gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg: "Blut fließt auf die Straße. Jeder scheint in Panik zu geraten und zwar mit Recht. Es ist derart Vieles aufgeblasen, dass kein Mensch weiß, wo das noch endet. Die Liquidität löst sich einfach in Luft auf."

Der Ausverkauf setzte sich in Europa fort, wo der britische FTSE-Index um 4 Prozent einbrach und zum ersten Mal seit März unter 6.000 endete. Dies brachte die Gesamtverluste der führenden Papiere in der letzten Woche auf eine Gesamtsumme von 216,9 Milliarden Dollar. Der größte Abschwung traf Finanzanleihen, was Sorge um die Kreditvergabe zum Ausdruck bringt. Aber auch an den Metallbörsen zeigte sich ein erheblicher Rückgang, und es geht die Angst um, dass sich die Finanzkrise auf das weltweite Wirtschaftswachstum auswirken könnte.

In Frankreich fiel der CAC-Index um beinahe 2,5 Prozent, während der deutsche DAX fast 2 Prozent einbüßte. Analysten der Credit Suisse sagten dem Wall Street Journal, der Handel vom Donnerstag könnte die "Wasserscheide zwischen einer ‚gesunden’ Korrektur der Risikobestände und etwas weitaus Schlimmerem sein, das effektiv zu einer wirtschaftlichen Notlage führen kann".

Als die Wall Street am Donnerstag öffnete, fiel der Dow Jones sofort um 80 Punkte, weil es Warnungen gab, der Markt für Geldmarktpapiere - mit denen die großen Finanzhäuser kurzfristige Kredite stützen können - sei beinahe ausgetrocknet. Das Wall Street Journal berichtete, eine Immobilienabteilung des großen Finanzinvestors Kohlberg Kravis Roberts versuche, die Rückzahlung von 5 Milliarden Dollar an Geldmarktpapieren zu verschieben, und bezeichnete dies als "den größten Schlag" für den Markt.

Was für Konsequenzen eine solche Krise haben könnte, zeigte sich an einer Verkaufsempfehlung bezüglich der größten amerikanischen Hypothekenbank Countrywide Financial, die Kenneth Bruce, ein Analyst der Investmentbank Merrill Lynch, herausgab. Er warnte vor einem möglichen Konkurs dieser Gesellschaft.

"Wenn genügend finanzieller Druck auf Countrywide ausgeübt wird", schrieb er am Mittwoch, "oder wenn der Markt das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit verliert, dann kann das [...] effektiv zu einer Insolvenz führen." Wenn es an einem schwachen Markt zu Liquidierungen komme, könne Countrywide möglicherweise "Bankrott gehen".

Noch vor Börsenbeginn am Donnerstag gab Countrywide bekannt, dass eine Gruppe von vierzig Banken eine Kreditlinie in Höhe von insgesamt 11,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt hat. Countrywide-Anleihen, die in diesem Jahr schon über die Hälfte ihres Werts eingebüßt haben, setzten nach dieser Nachricht ihre Talfahrt fort.

Neue Zahlen aus dem Handelsministerium unterstrichen die Krise im Wohnungsbau, die einer der Gründe für die Krise am Hypothekenmarkt ist. Sie zeigten einen Rückgang von über 6 Prozent bei begonnenen Neubauten seit Anfang Juli. Seit zehn Jahren wurden niemals so wenige Baubeginne verzeichnet, und nichts deutet auf ein Ende der seit 18 Monaten anhaltenden Rezession hin.

Brian Bethune, Wirtschaftsexperte beim Finanzberater Global Insight, sagte gegenüber Bloomberg, der Immobilienmarkt befinde sich "nach wie vor in einer Abwärtsspirale", und die " schwache Nachfrage" werde "durch die schärferen Kreditbedingungen am Hypothekenmarkt noch weiter ausgehöhlt". Gleichzeitig nahmen die Verkäufe von bestehenden Eigenheimen in 41 US-Bundesstaaten ab, wobei vor allem in Großstädten die Preise für Wohneigentum sanken.

In seinem ersten öffentlichen Kommentar zur Krise am Finanzmarkt erklärte US-Finanzminister Henry Paulson, die Unsicherheiten würden "dem Wirtschaftswachstum ihren Tribut abnötigen", aber die Märkte und die US-Wirtschaft seien "stark genug" um die Verluste zu verkraften, ohne dass es zur Rezession käme. Er sagte dem Wall Street Journal, die Turbulenzen ereigneten sich "vor dem Hintergrund einer sehr gesunden globalen Wirtschaft mit starken Fundamenten".

Paulson, der auch ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Investmentbank Goldman Sachs ist, sagte im Rückblick auf die Stressperioden, die er in seiner 32-jährigen Karriere an der Wall Street selbst erlebt habe, sei dies "die stärkste globale Wirtschaft, die wir je hatten".

Dies sei der wichtigste Unterschied, so Paulson, zwischen der heutigen Krise und der Situation von 1998, als die Russlandkrise und der Kollaps eines US-Hedgefonds namens Long Term Capital Management drohten, auf die globalen Geldmärkte überzugreifen.

Zwar hatte sich die US-Konjunktur in der letzten Zeit etwas abgekühlt, doch der Internationale Währungsfond sagte für die Weltwirtschaft nach drei Jahren ungewöhnlich starken Wachstums bislang für dieses Jahr ein Wachstum von mehr als fünf Prozent voraus.

Das starke Wachstum der Weltwirtschaft in der letzten Zeit bedeutet aber nicht, dass die gegenwärtige Krise lediglich eine Marktturbulenz ist, die wieder vorbeigeht. Denn der Turbulenz selbst liegen zwei Prozesse zugrunde, die das Wachstum der Weltwirtschaft in der letzten Periode angetrieben haben: die Zunahme von Krediten und das Sinken der Reallöhne.

Zinssenkungen

Die Ursachen der gegenwärtigen Krise reichen mehr als zehn Jahre zurück, auf die Börsenblase in den USA, die sich seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt hat. Wie Protokolle der US-Notenbank Federal Reserve Board (Fed) belegen, wusste ihr Chef Alan Greenspan seit 1996, dass die Entwicklung des Markts sich immer stärker vom Wachstum der Realwirtschaft löste.

Seitdem er Anfang 1997 eine Zinserhöhung scharf abgelehnt hatte, erteilte Greenspan allen Vorstellungen, er werde den "irrationalen Überschwang" bremsen, eine Absage. Die Finanzblase dehnte sich nach den Zinssenkungen in Folge der Asienkrise und der Probleme in Russland noch schneller aus.

Als der Markt neue Höhen erreichte, gab ihm der US-Notenbankchef noch zusätzlichen Auftrieb. Er erklärte, die aufgeblähten Aktienwerte seien das Ergebnis von Produktivitätssteigerungen durch technologische Fortschritte in der "New Economy". Weiteres Geld strömte in die Märkte und die Aktien stiegen weiter. Dieses Schneeballsystem konnte eine zeitlang so weitergehen, aber das Wachstum war letztlich nicht unabhängig von der Profitrate und dem Kapital, das die Aktien verkörpern.

Und auf diesem Gebiet zeigten die US-Statistiken zur nationalen Entwicklung eine Bewegung in die andere Richtung. Während die Aktienpreise nach 1997 rapide stiegen, sank gleichzeitig die Profitrate der amerikanischen Konzerne, die nicht im Finanzsektor tätig waren. Das führte zum Einbruch von 2000/01 und schließlich flogen auch die betrügerischen Operationen von Überfliegern am Markt wie Enron oder WorldComm auf.

Greenspan zog aus dieser Erfahrung nicht die Lehre, dass die Notenbank die Bildung solcher Spekulationsblasen verhindern muss. Stattdessen waren seiner Ansicht nach beim Platzen der Blase die Zinsen zu senken - was den Beginn einer neuen Blase bedeutete. Demnach senkte die Fed ab 2001 die Zinsen, bis der wichtigste Leitzins im Mai 2003 nur noch 1 Prozent betrug. Auf diesem Niveau blieb er bis Juni 2004. Danach wurde er in Viertel-Prozent Schritten angehoben.

Die Zinssenkungen schufen die Bedingungen für eine neue Spekulationsblase, diesmal im Hypothekenmarkt. Als die Immobilienpreise stiegen, ergriffen die Finanzhäuser an der Wall Street die Gelegenheit, ihre Profite zu steigern. Sie kauften und verkauften forderungsbesicherte Anleihen (CDOs), die durch die Aufteilung und Neuzusammenstellung großer Blöcke von Hypotheken entsprechend ihrem Risikoniveau gebildet wurden. Die größten Profite wurden in den riskantesten Sektoren gemacht, nämlich mit den so genannten Subprime-Hypotheken, die an Leute vergeben wurden, die sich diese gar nicht leisten konnten.

Die ersten nicht abgesicherten Kredite wurden Mitte der neunziger Jahre vergeben, aber für nicht mehr als 70 Prozent des Kaufpreises eines Eigenheims. Das änderte sich nach 2001, und Gesellschaften an der Wall Street boten Kredite zum Kauf, die erst zu 90 Prozent und später zu 100 Prozent nicht abgesichert waren. Infolgedessen vergaben Hypothekenbanken immer mehr Subprime-Hypotheken in dem Wissen, dass sie ihnen von den großen Finanzhäusern abgekauft würden. Neue Subprime-Kredite beliefen sich 2005 und 2006 auf mehr als 600 Milliarden Dollar, während es 2001 nur 160 Milliarden gewesen waren.

Löhne stagnieren, Profite steigen

Solange die Zinsen niedrig blieben und Geld in den Markt strömte, wuchs die Hypotheken-Blase weiter. Aber sie geriet bald mit einer anderen grundlegenden Erscheinung der heutigen US- und Weltwirtschaft in Konflikt: mit der Stagnation der Reallöhne und der Zusammensetzung des Nationaleinkommens, bei dem der Anteil der Löhne zugunsten der Profite sinkt.

Auf Grundlage von Zahlen aus dem US-Handelsministerium berichtete das Center on Budget and Policy Priorities am 29. März, dass der Anteil der Löhne und Gehälter am Nationaleinkommen 2006 ein Allzeittief erreicht hat. Der Anteil der Profite befand sich dagegen auf einem Allzeithoch.

Außerdem sind die Unternehmensgewinne in der Periode wirtschaftlicher Erholung seit 2001 schneller gestiegen als in irgendeiner vergleichbaren Periode nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur 34 Prozent der Zuwächse beim Nationaleinkommen schlugen sich seit Ende 2001 in höheren Löhnen nieder. Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen verzeichneten die Profite einen größeren Anteil vom Zuwachs beim Nationaleinkommen als die Löhne, nämlich 46 Prozent.

Wenn der Aufschwung nach der Rezession von 2001 dem Muster der 1990er Jahre gefolgt wäre, dann wäre der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen heute um 1,5 Prozentpunkte höher als er tatsächlich ist. Da ein Prozentpunkt des Nationaleinkommens 117 Milliarden Dollar entspricht, bedeutet dies nichts weniger, als dass 160 Milliarden Dollar von den Löhnen der arbeitenden Bevölkerung abgezogen und in die Tresore der großen Finanzinstitutionen und Konzerne umgeleitet wurden.

Diese Umverteilung des Einkommens, die so wichtig für die Aufrechterhaltung der Profitraten war, bedeutete gleichzeitig, dass der Hypothekenblase ein definitives Ende gesetzt war. Die Fähigkeit der arbeitenden Bevölkerung, immer höhere Preise für den Hauskauf zu bezahlen, musste an ihre Grenzen stoßen.

Der Zusammenbruch des Subprime-Markts und die wachsenden Verwerfungen im ganzen Hypothekenmarkt haben jetzt zu einem globalen Unwetter auf den Finanzmärkten geführt. Es droht eine weltweite Wirtschaftskatastrophe, weil wichtige Banken und Anleger zu dubiosen Finanzierungspraktiken gegriffen haben, um aus den Nöten arbeitender Menschen und ihrem Abstrampeln fürs Eigenheim Nutzen zu schlagen. Daran zeigt sich das historische Ausmaß der kapitalistischen Weltwirtschaftkrise.

Siehe auch:
Verunsicherung im Kreditwesen löst Absturz des Aktienmarktes aus
(16. August 2007)
Krise am Hypothekenmarkt bringt Wall Street ins Schleudern
( 7. August 2007)

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