Verunsicherung im Kreditwesen löst Absturz des Aktienmarktes aus

Von Patrick Martin
16. August 2007

Am Donnerstag, den 9. August 2007, brachen die Aktienmärkte weltweit ein. Grund waren die wachsenden Befürchtungen, die Krise im subprime -Sektor des Hypothekenmarktes (Häuserhypotheken an Kunden mit niedriger Bonität) könne zu einer umfassenderen allgemeinen Kreditkrise führen. Der wichtigste Leitindex, der Dow Jones, schloss mit einem Verlust von 387,18 Punkten, dem größten Verlust in sechs Monaten und der vierten dreistelligen Veränderung innerhalb von fünf Tagen. Dies zeigt die zunehmende Instabilität auf den Finanzmärkten.

Auslöser war die Ankündigung der französischen Großbank BNP Paribas, dass drei ihrer Tochtergesellschaften ihre Geschäftstätigkeit einstellten. Die drei Gesellschaften handelten mit Schuldverschreibungen, die von amerikanischen Hypotheken gedeckt sind. Dies geschah während einer Sitzung der Deutschen Bundesbank, auf der über eine Rettungsaktion für die IKB Deutsche Industriebank beraten wurde. Das Kreditinstitut IKB hatte sich übermäßig im amerikanischen subprime -Markt engagiert und war von den Verlusten besonders betroffen. Gleichzeitig gab der holländische Kreditgeber NIBC Holding einen Verlust von 189 Millionen Dollar bei Hypothekeninvestitionen in den USA bekannt.

BNP Paribas erklärte, dass keine Rückzahlungen für die 3,8 Milliarden in Fonds investierten US-Dollar geleistet würden, bevor man die Vermögenswerte, die ihnen zu Grunde lägen, nicht bestimmen könne. "Das vollkommene Verschwinden der Liquidität in bestimmten Segmenten des amerikanischen securitization -Marktes hat es unmöglich werden lassen, gewisse Vermögenswerte korrekt, unabhängig von ihrer Qualität oder des Kredit-Ratings, zu bewerten."

Mit securitization wird der Vorgang bezeichnet, bei dem die Hypothek für ein Haus durch den Hypothekengeber weiter verkauft und mit Tausenden anderer Hypotheken in Paketen zusammengefasst wird. Diese Pakete werden an Hedgefonds oder andere riesige Investmentfirmen in Form zusammengefasster Schuldobligationen, so genannter CDOs (Collateralized Debt Obligations) verkauft.

Die französischen Aktien fielen im Nachmittagshandel um drei Prozent. Gleichzeitig verlor der deutsche DAX 2,13 Prozent, der britische FTSE 100 verlor 1.92 Prozent. In New York fiel der Aktienhandel in der ersten Stunde um 200 Punkte, zog aber dann, teils als Reaktion auf groß herausgestellte Berichte über Interventionen der Zentralbanken zur Stabilisierung der Finanzmärkte, wieder an.

Die Europäische Zentralbank (EZB) stellte Kredit-gebenden Banken fast hundert Milliarden Euro zu einem günstigen vierprozentigen Zinssatz zur Verfügung. Dies war die erste derartige Intervention der EZB zur Beeinflussung des Eurowechselkurses seit dem 11. September 2001, als die Terroranschläge zu einer tagelangen Schließung der Finanzmärkte geführt hatten.

Nach der europäischen Maßnahme führte die Federal Reserve Bank von New York durch den Abschluss von Rückkaufsvereinbarungen mit den Großbanken den Geldmärkten noch einmal 24 Milliarden Dollar zu. Auch die Bank von Kanada stellte dem Bankensystem Gelder zur Verfügung und gab eine öffentliche Stellungnahme ab. Darin heißt es: "Dies wird die Liquidität zur Unterstützung der Stabilität des kanadischen Bankensystems und der weiteren Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte herstellen."

Selbst Präsident Bush beteiligte sich an dem Vertrauensbildungsprozess. Er gab bei seiner letzten Pressekonferenz im Weißen Haus, ehe er zu seinem vierwöchigen Ferienaufenthalt in Crawford, Texas, aufbrach, eine sorgfältig formulierte, beruhigende Erklärung für den Markt heraus. Anfangs vermied er das ganze Thema, weil dies sonst die Größenordnung der Krise noch unterstrichen hätte, und wartete ab, bis ihn die Journalisten nach seiner Reaktion auf das Chaos an den Finanzmärkten fragten.

Dann lautete seine offensichtlich einstudierte Formulierung: "Die Grunddaten unserer Wirtschaft sind stark." Und er fügte hinzu: "Ein weiterer Faktor, der berücksichtigt werden muss, ist die Liquiditätsmenge im System. Mit anderen Worten: Gibt es genug Liquidität, um die Märkte zur Korrektur zu befähigen? Und mir hat man gesagt, dass es genug Liquidität im System gibt, und dass dies die Märkte zur Korrektur befähigt."

Später fügte Bush - als nochmalige Rückversicherung für die Wall Street - hinzu, er sei gegen jeden Vorschlag, die Steuern auf Verdienste von Hedgefonds-Managern dadurch zu erhöhen, dass so genannte carried interests (Vergütung von Managementleistungen) als Einkommen und nicht als Kapitalgewinne eingestuft werden. In einem Atemzug begrüßte er einerseits die Milliardeneinkünfte der Spekulanten und lehnte es andrerseits vollkommen ab, Hausbesitzern Bürgschaften zu gewähren, die jetzt wegen der Anpassung der Hypothekenraten riesige Monatszahlungen leisten sollen oder von Zwangsvollstreckung betroffen sind.

Trotz allem setzte während des New Yorker Nachmittagshandels erneut eine Welle von Verkäufen ein, teils als Reaktion auf weitere Hinweise auf umfassendere Auswirkungen des subprime -Hypothekendebakels. Zum Beispiel gab es Presseberichte über schwere Verluste und zwangsweise Verkäufe des von der riesigen Investmentbank Goldman Sachs geführten Hedgefonds North American Equity Opportunities.

In einem Brief an Investoren eines weiteren Hedgefonds, Black Mesa Capital, wurde vermerkt, dass ein "sehr großer Hedgefonds massiv" Anlagen verkaufe. Wie am Donnerstag von Marketwatch berichtet, wird in dem Brief erklärt: "Gewiss läuft etwas verkehrt auf den Märkten, was kaum jemand - wenn überhaupt - schon einmal in unserer Strategie erlebt hat."

Die größte amerikanische Versicherungsgesellschaft, die American International Group (AIG), die gleichzeitig ein wichtiger Hypothekenverleiher ist, warnte am Donnerstag vor weiteren Zahlungsausfällen bei subprime -Hypotheken. Sie warnte, die Zunahme dieser Ausfallrate könne auch auf die höher eingestufte Hypothekenkategorie übergreifen, die die AIG als die nonprime -Hypotheken (nicht erstklassige Hypotheken) bezeichnet. Nach Angaben von AIG befinden sich 10,8 Prozent der subprime -Hypotheken 60 Tage in Zahlungsrückstand, verglichen mit 4,6 Prozent in der nonprime -Kategorie.

Die Presse berichtete über den Schock, den die französische Bankenkrise an der Wall Street ausgelöst hat. Nach Associated Press (AP) "erweckte die Ankündigung von BNP Paribas das Schreckgespenst einer Ausbreitung der amerikanischen Kreditmarktprobleme. Die Vorstellung, dass niemand - weder Institutionen, Investoren, Unternehmen, noch Einzelpersonen - bei Bedarf Geld bekommen kann, brachte den Aktienhandel aus der Fassung. Er leidet schon seit Wochen unter den Schwankungen, die durch Befürchtungen über die Verfügbarkeit von Krediten und die faulen subprime -Hypotheken ausgelöst wurden."

AP deutete an, die umfangreiche Intervention der Europäischen Zentralbank habe einen Bumerangeffekt gehabt. Demzufolge "sah die Wall Street in dem Schritt der Bank eine Bestätigung des problematischen Zustands der Kreditmärkte, obwohl die 130 Milliarden Dollar, die die Bank an kurzfristigen Krediten zum besonders niedrigen Zinssatz von vier Prozent zur Verfügung stellte, eigentlich in der Absicht gewährt wurden, die Investoren zu beruhigen."

In der vergangenen Woche wiesen noch weitere Ereignisse auf die tiefe Krise des Finanzsystems hin. Am Montag meldete der einst zehntgrößte amerikanische Hypothekenverleiher, American Home Mortgage, Bankrott an. Er entließ beinahe 7.000 Angestellte, vorwiegend in seiner New Yorker Zentrale in Long Island, und gab den Großteil seiner Geschäftstätigkeit auf.

Die riesige Investmentbank Bear Stearns entließ ihren zweiten Präsidenten, Warren Spector, weil sie ihn für den Misserfolg zweier Hedgefonds verantwortlich machte, die zu der von ihm beaufsichtigten Vermögensmanagementgruppe gehörten. Diese beiden Fonds, die auf durch subprime -Hypotheken gedeckte Schuldverschreibungen spezialisiert waren, meldeten nach einem Milliardenverlust ihre Zahlungsunfähigkeit an, und Bear Stearns wurde vorletzten Freitag in ihrer Kreditwürdigkeit abgestuft.

Die Finanzpresse veröffentlichte Statistiken, nach denen die Bedingungen für Kreditvergaben weiter verschärft werden. Thomson Financial berichtete, dass die Verkäufe hochspekulativer Risikopapiere von 22,4 Milliarden US-Dollar im Juni auf 2,4 Milliarden im Juli fielen, während die Verkäufe hoch bewerteter Papiere von 109 Mrd. Dollar im Juni auf 30,4 Mrd. Dollar im Juli abfielen. Das sind die niedrigsten Monatswerte der letzten fünf Jahre.

Die Los Angeles Times schreibt: "Viele Analysten sagen, dass der wirkliche Test erst im September kommen wird, wenn Private-Equity-Firmen [Beteiligungskapitalgesellschaften] und Investmentbanken Investoren für schätzungsweise 330 Milliarden Dollar Schuldverschreibungen und Darlehen finden müssen, die benötigt werden, um schon angekündigte Firmenübernahmen zu finanzieren."

Der Wirtschaftskommentator der Washington Post, Robert Samuelson, sonst ein gläubiger Verfechter des freien Marktes, fasste die düstere Stimmung der Finanzbeobachter in Worte. In seinem Donnerstagskommentar vor dem letzten Handelsabsturz beklagte er die fast unbegreifliche Komplexität des securitization -Prozesses der Hypotheken:

"Das Risiko liegt darin, dass sich so viel so schnell ändert, dass niemand mehr die Wirkungsweisen des Systems versteht. Oft ist es wie im Roulette. Aus der vorsichtigen Investition am Montag kann die unkluge Spekulation am Dienstag werden. Die globalen Märkte sind untereinander verflochten und die Finanzierungsbedingungen verschärfen sich. Einige Hedgefonds - auch ausländische Fonds - haben mit amerikanischen subprime -Hypotheken riesige Verluste erlitten. Diese könnten bei Banken, die an Hedgefonds verleihen, Schaden verursachen. Bis zu einem gewissen Grad sind Verluste unvermeidlich und wünschenswert. Die Investoren werden so an die Risiken erinnert. Zu viele Verluste aber - zu viel Angst vor dem Ungewissen - können eine Kettenreaktion beim Verkauf und bei der Kreditverknappung auslösen. Dies muss die Federal Reserve und die Zentralbanken anderer Regierungen beunruhigen."

Ein anderer Wirtschaftskommentator der Washington Post, Steven Pearlstein, schreibt: "Inzwischen suchen die Herrn dieser Welt in den Hedgefonds, Versicherungsgesellschaften und Großbanken der Wall Street im Schweiße ihres Angesichts nach plausiblen Erklärungen gegenüber Investoren und Regulierungsbehörden für Vermögenswerte in ihren Firmenbüchern, für die sich plötzlich kein Käufer mehr findet. Dies betrifft neben Darlehen für Firmenübernahmen an Private-Equity-Firmen auch Kredit-Tauschgeschäfte und andere Fantasie-Derivate."

Pearlstein äußerte sich vernichtend über Bushs "Katrina-ähnliche Reaktion" auf den Absturz am Hypothekenmarkt. Er schreibt: "Der Absturz des Hypothekenmarktes ging weit über die vordergründigen subprime -Darlehen hinaus ... Wenn als Folge von Marktversagen oder Fehlern bei der Regulierung Millionen Amerikaner mit der Aussicht konfrontiert sind, ihre Häuser oder ihre Alterssicherung zu verlieren, könnte man erwarten, dass die Regierung das Problem etwas dringlicher und mit mehr Nachdruck angeht und mit mehr Führungsanspruch und Kreativität behandelt. Dies ist kaum der Zeitpunkt, um sich auf die Ranch oder an den Strand zu begeben und alles andere dem Markt zu überlassen."

Siehe auch:
Platzende Kreditblase löst Turbulenzen am Aktienmarkt aus
(14. August 2007)
Krise am Hypothekenmarkt bringt Wall Street ins Schleudern
( 7. August 2007)

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