Streik der Lokführer hat Auswirkung

Von unseren Reportern
19. Oktober 2007

Der bundesweite Lokführerstreik hat am Donnerstagmorgen den regionalen Bahnverkehr vor allem in Ostdeutschland stark eingeschränkt. Nach Angaben der Lokführergewerkschaft GDL standen 70 bis 80 Prozent der Züge im Regional- und S-Bahnverkehr still. Obwohl der Bahnvorstand noch kein neues Angebot vorgelegt hat und viele Lokführer die Fortsetzung des Arbeitskampfs fordern, setzte die GDL-Führung den Streik für Freitag aus. Sie will erst am Wochenende bekannt geben, ob der Streik in der kommenden Woche weitergeführt wird.

Reporter der WSWS sprachen mit streikenden Lokführern in Berlin

Renè Staub, (34) ist Lokführer in Berlin und hat bereits 17 Dienstjahre hinter sich.

"Wir sind sehr froh darüber, dass jetzt endlich eine harte Linie gefahren wird und auf das miserable Angebot vom Montag sofort mit Streik reagiert wurde. Das ist die einzige Sprache, die Mehdorn und sein Vorstand verstehen. Wenn sie nach dem heutigen Streik kein besseres Angebot machen, werden wir morgen und auch in der kommenden Woche weiterstreiken. Wir ziehen das jetzt durch. Das ist die Meinung so gut wie aller Kollegen hier.

Insofern unterstütze ich auch den Wechsel an der Spitze in Frankfurt, was die Verhandlungsführung angeht. Nach meinem Geschmack gab es in den letzten Wochen zu lange Abstände zwischen den einzelnen Streikaktionen. Ob es in der GDL-Spitze Meinungsverschiedenheiten darüber gab, weiß ich nicht, das kann schon sein. Ich will es vielleicht mal so sagen: Manfred Schell, der ja schon seit vielen Jahren unser Bundesvorsitzender ist, soll sich ruhig mal erholen und sich seine Kur gönnen. Immerhin fordert die GDL ja schon lange bessere Gesundheitsversorgung.

Es ist gut dass jetzt auch gegen das Chemnitzer Urteil, das uns nur Streiks im Regional- und S-Bahn-Verkehr erlaubt und Streiks im Fern- und Güterverkehr verbietet, Berufung eingelegt wurde. Man muss das mal wirklich deutlich sagen: Dieses Urteil ist nicht halb gut und halb schlecht, sondern ist ein Angriff auf das Streikrecht. Wenn ein Streik mit der Begründung verboten wird, er dürfe keinen wirtschaftlichen Schaden verursachen, dann gibt es im Grunde kein Streikrecht mehr. Denn was anderes soll ein Streik denn erreichen, wenn nicht Druck auf den Unternehmer auszuüben?"

Auf die Frage, wie der Arbeitskampf seiner Meinung nach weitergeführt werden solle, antwortete Renè Staub:

"Wir müssten es machen wie die Franzosen. Das heißt, einen unbefristeten Vollstreik aller Lokführer in allen Bereichen organisieren. So lange, bis Herr Mehdorn ein vernünftiges Angebot macht. Dass heute auch in Frankreich die Lokführer und auch die anderen Bahnbeschäftigten streiken, ist zwar Zufall, aber macht doch auch deutlich, dass wir überall sehr ähnliche Probleme haben. In Frankreich richten sich die Streiks, so weit ich weiß, vor allem gegen Verschlechterungen bei den Renten.

Eines der Hauptprobleme, die wir hier haben, besteht darin, dass unsere Forderungen oder auch die Angebote vom Bahnvorstand von vielen Medien sehr verzerrt und missverständlich dargestellt werden. Zum Beispiel wird immer wieder berichtet, uns seien 10 Prozent Lohnerhöhung angeboten worden und eine Einmalzahlung von 2.000 Euro zum Jahresende. Das hört sich nicht schlecht an, ist aber glatt gelogen.

In Wirklichkeit wurde uns das Transnet-Angebot wiederholt, das heißt: eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent - ich glaube da ist sogar eine Laufzeit von 19 Monaten vereinbart - und dann sollen wir noch zwei bezahlte Überstunden machen. Das nennt sich dann 10 Prozent Lohnerhöhung. Wir arbeiten jetzt schon 41 Stunden die Woche und sollen dann 43 Stunden arbeiten. Das ist keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung. Wir haben jetzt schon Schichtpläne, die nicht nur an die Grenze des Erträglichen gehen, sondern darüber hinaus. Als im Juni hier in unserem Bereich die Dienstpläne erneut verschärft wurden, dachte ich, die spielen wirklich mit unserer Gesundheit.

Auch die so genannte Einmalzahlung von 2.000 Euro zum Jahresende ist so eine Mogelpackung. Wir sollen also die 600 Euro bekommen, die Transnet vereinbart hat, und darüber hinaus sollen wir wöchentlich zwei Überstunden - wohlgemerkt nur aus diesem Jahr 2007 - ausbezahlt bekommen, was etwa 1.400 Euro ausmachen würde. Als erstes muss man fragen, was ist mit denjenigen, die keine Überstunden haben, die gibt’s ja auch. Zweitens steht uns die Vergütung der Überstunden ohnehin zu, entweder über ein Lebensarbeitszeitkonto oder in anderer Form. Mit anderen Worten: wir bekommen hier nichts zusätzlich angeboten."

Auf die Streikbrecherrolle von Transnet und dem DGB angesprochen, sagte Staub:

"Ich weiß, dass viele Kollegen von Transnet mit dem Kuschelkurs von Transnet-Chef Hansen mit Mehdorn nicht einverstanden sind. Viele Kollegen signalisieren uns, dass sie unseren Arbeitskampf unterstützen. Es gibt auch eine ganze Menge, die aus Transnet ausgetreten und zu uns gekommen sind. Mein Appell an Transnet-Kollegen ist sehr einfach: Lasst Euch nicht missbrauchen! Unterstützt unseren Kampf, wir haben gemeinsame Interessen!"

Sehr ähnliche Fragen standen auch im Mittelpunkt einer Unterhaltung mit einer Gruppe streikender Lokführer in der Bahn-Kantine, dem so genannten Casino, am Berliner Ostbahnhof.

Stefanie Große (29) arbeitet seit acht Jahren als S-Bahnfahrerin. Sie betonte, dass die Berichterstattung in den Medien oft sehr wenig die Fakten berichte und stattdessen die Propaganda des Bahnvorstands wiederhole.

"Dass eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent durch die Bezahlung von zwei Stunden Mehrarbeit nicht zu einer 10-prozentigen Lohnerhöhung wird, müsste doch eigentlich jedem einleuchten. Und dass die Bezahlung von bereits geleisteten Überstunden, die ohnehin vergütet werden müssen, keine Einkommensverbesserung ist, ist doch auch klar. Hier wird alter Wein in neuen Schläuchen angeboten, und die Öffentlichkeit soll gezielt in die Irre geführt werden."

Ein anderer Gesprächsteilnehmer, Björn Glinka (40), fährt seit zwölf Jahren S-Bahnen im Berliner Raum. Er schilderte die schwierigen Arbeitsbedingungen und Schichtdienste.

"Obwohl es hier bei uns Lokführern um teilweise sehr spezifische Fragen geht, was die Schichtdienste angeht, ist es in vielen anderen Betrieben nicht anders. Man muss sich nur mal ansehen, was bei der Telekom stattgefunden hat. 50 000 wurden ausgegliedert und abgruppiert. So ist es überall. Wir haben uns zur Wehr gesetzt, und deshalb wollen Mehdorn und der Bahnvorstand nicht nachgeben. Wenn wir uns durchsetzen, dann hat das Signalwirkung."

Die Reporter der WSWS sprachen auch mit Passanten am Berliner Alexanderplatz, die lange Wartezeiten in Kauf nehmen mussten, den Streik aber trotzdem unterstützen.

Gisela Bonfati-Rosenow, ehmalige Übersetzerin und Dolmetscherin, jetzt Rentnerin, sagte: "Mehdorn tut so, als ob ihm die Bahn allein gehört. Sie gehört aber allen, sie ist staatlich."

Sie erzählte, sie habe in Italien und Frankreich gelebt und kenne die harten Streiks dort. In Deutschland sei man das nicht gewöhnt, man denke, die Welt breche zusammen, wenn so etwas einmal passiert. Kenne man das aber, so wisse man: "Die Welt bricht nicht durch einen hart geführten Streik zusammen, sie bricht zusammen, wenn sich gewisse Leute die Taschen voll stopfen."

Frau Lainer, Rentnerin aus München, meinte: "Es geht nicht an, dass die Lokführer so wenig Geld verdienen. So ein verantwortungsvoller Beruf!" Wenn es nach ihr ginge, müsse man "streiken, bis nichts mehr geht in ganz Deutschland, dass sich auch die Merkel mal bewegt, die nur in der Welt herumreist".

Sie kritisierte die Berichterstattung der Medien und forderte: "Die müssen darüber schreiben, wie sich der Mehdorn sein eigenes Gehalt erhöht."

Siehe auch:
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