Journalist verklagt US-Sender, weil er dem Druck der Rechten geopfert wurde

Von Bill Van Auken
3. Oktober 2007

Der frühere Nachrichtenmoderator des Fernsehsenders CBS, Dan Rather, hat eine 70 Millionen Dollar schwere Schadensersatzklage gegen den Sender und dessen Geschäftsführung angestrengt. Er beschuldigt CBS, ihn zum "Prügelknaben" für einen Nachrichtenbeitrag über George W. Bush gemacht zu haben. Der Beitrag vom September 2004 untersuchte, wie es Bush gelungen war, während des Vietnamkriegs in die Flugstaffel der Nationalgarde von Texas aufgenommen zu werden und so dem Einzug ins Militär zu entgehen.

In der Klageschrift werden CBS, die Muttergesellschaft Viacom und drei Direktoren des Unternehmens - Leslie Moonves, der Vorstandsvorsitzende von CBS, Sumner Redstone, der Generaldirektor des Medienunternehmens Viacom, und Andrew Heyward, der frühere Präsident von CBS News - beschuldigt, Rathers Ruf beschädigt und seinen Vertrag verletzt zu haben, indem sie ihm das Recht verweigerten, noch eine Zeitlang Sendungen zu präsentieren, nachdem er als Moderator der Abendnachrichten (eine Stellung, die er fast 25 Jahre bekleidete) zurückgetreten war.

Der Anwalt des Moderators, Martin Gold, bemerkte in einer Stellungnahme: "Dan Rathers landesweiter Ruf als exzellenter unparteiischer und unabhängiger Journalist wurde von CBS, Viacom und deren Vorstandsmitgliedern absichtlich beschädigt. Sie opferten den unabhängigen Journalismus ihren finanziellen Unternehmensinteressen. Eine gesunde Demokratie kann ohne unabhängige Presse nicht gedeihen. Dan Rather erhebt die Klage, um diesen Grundsatz zu verteidigen und seinen Leumund wieder herzustellen. Wenn er Erfolg hat, beabsichtigt er, einen beträchtlichen Teil der Summe für die Verteidigung dieser Ideale zu spenden."

Die Sendung über die Flugstaffel wurde in der Wochentagsausgabe der Sendung "60 Minutes" knapp zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen 2004 gesendet. Sie versetzte vor allem rechte Anhänger der Bush-Regierung in Wut. Diese bezweifelten die Authentizität von Dokumenten, die angeblich aus der Feder von Bushs vorgesetztem Offizier stammten und belegten, dass Bush die politischen Verbindungen seiner prominenten Familie genutzt hatte, um in die Nationalgarde aufgenommen zu werden und damit dem Militärdienst zu entgehen.

Obwohl es zahlreiche Beweise für beide Vorwürfe gab, machte die Rechte diese Dokumente zum Thema und warf CBS vor, Fälschungen benutzt zu haben, um den Präsidenten zu diffamieren.

In der offiziellen Klageschrift, die am Mittwoch in Manhattan beim Obersten Gerichtshof des Staates New York eingereicht wurde, heißt es, die Infragestellung der Dokumente sei Bestandteil "eines umfassenden und in manchen Punkten gut organisierten Angriffs ... von konservativen politischen Kreisen, welche die Bush-Administration unterstützen." Und weiter: "Der Zweck dieses Angriffs bestand darin, CBS News davon abzuhalten, Nachrichten zu verbreiten, die für die Bush-Administration von Nachteil sind, und gleichzeitig die Glaubwürdigkeit von Mr. Rather und anderer Mitarbeiter von CBS News... herabzusetzen, von denen sie glaubten, dass sie Gegner der Bush-Administration seien."

Obwohl CBS ursprünglich sowohl die Story als auch Rather und die anderen, die sie produziert hatten, verteidigte, änderte der Sender nach kaum zwei Wochen seine Haltung und wies Rather an, sich live persönlich für den "schlechten journalistischen Stil" zu entschuldigen. Laut der Klageschrift widersetzte sich Rather dieser Entscheidung mit der Begründung, dass eine derartige Entschuldigung nicht gerechtfertigt sei. Es heißt in der Klageschrift weiter, dass die Aktion darauf hinauslief, den Nachrichtenmoderator von CBS zum Prügelknaben für die Story zu machen und so den Weg für seine Entlassung zu ebnen.

Zusätzlich zu Rathers erzwungenem Rücktritt wurden seine Produzentin Mary Mapes - die Journalistin, die als erste die Story über die Folterfotos im Gefängnis Abu Ghraib lieferte - und drei weitere Angestellte von CBS News im Zuge dieser Kontroverse gefeuert.

Der Generaldirektor von Viacom, Sumner Redstone, war laut Gerichtsakten "erzürnt darüber, dass die Sendung CBS in den Augen der Bush-Administration geschadet habe". Er habe deshalb versucht, sich beim Weißen Haus "einzuschmeicheln", indem er Rather abschob und andere opferte, die an der Produktion der Story beteiligt waren.

Der Fernsehsender setzte zu diesem Zweck einen "unabhängigen Untersuchungsausschuss" ein, dem Rather und sein Rechtsanwalt vorwerfen, in dieser Kontroverse eine "voreingenommene Untersuchung" geführt zu haben, die alle Informationen unterdrücken sollte, welche die Vorwürfe gegen Bush bestätigten. Damit sollte die Regierung beschwichtigt werden. Die Klageschrift behauptet weiter, die CBS-Untersuchung habe keine Belege dafür gefunden, dass die Dokumente tatsächlich Fälschungen waren oder dass irgendein Aspekt in der Sendung falsch dargestellt worden sei.

Zu dem Ausschuss gehörte Richard Thornburgh, der frühere republikanische Gouverneur von Pennsylvania, der in der Regierung von Bush Senior Justizminister war. Thornburgh kandidierte in Pennsylvania auch erfolglos für den Senat. Sein Wahlkampf wurde von Karl Rove organisiert.

Weiter heißt es in den Gerichtsakten, dass die Leitung des Senders gleichzeitig den Mitarbeiterstab der Nachrichtenabteilung anwies, jede weitere Untersuchung des Falles um Bush und die Nationalgarde zu stoppen.

Wie die Klageschrift weiter ausführt, hat CBS allerdings als Teil der internen Untersuchung einen früheren FBI-Agenten als Privatdetektiv angeheuert und ihm das gesamte unveröffentlichte Material für die Vorbereitung der Sendung "60 Minutes" zur Verfügung gestellt.

Weiter ist dort zu lesen, der Detektiv Erik Rigler habe einen Bericht verfasste, laut dem die fraglichen Dokumente, die in der Sendung vorgestellt wurden, wahrscheinlich echt seien, und die zugrunde liegende Story, die durch sie gestützt werde, mit Sicherheit zutreffend sei. Hinzugefügt wird allerdings, dass das Untersuchungsgremium weniger an den Erkenntnissen über die Tatsachen interessiert war, als daran, ob Rigler "nachteilige Informationen über Rather und Mapes entdeckt habe".

In der Klageschrift wird auch ein Interview zitiert, das der Generaldirektor von Viacom, Redstone, dem Magazin Times gab. Er äußert darin die Meinung, die Wiederwahl Bushs im Jahr 2004 werde für sein Unternehmen von Vorteil sein.

Die Entscheidung über Rathers Rauswurf als Moderator der "CBS Evening News" wurde von Moonves einen Tag nach Bushs Wiederwahl getroffen. Er ordnete ebenfalls an, Rather zu verbieten, weiter CBS Radio-Sendungen zu moderieren. Der Geschäftsführer der Radioabteilung von CBS teilte Rather mit, dass diese Entscheidung "auf Druck der ‚Rechten’" gefallen sei.

Nach seiner Ablösung als Moderator wurde Rather laut den Gerichtsakten bewusst isoliert. Der Status eines "Vollzeit-Korrespondenten" mit zugesagten Rechten auf Erstberichterstattung bei "60 Minutes" wurde ihm verweigert, und er bekam nur noch wenige Aufträge und kaum Unterstützung. Letztes Jahr lehnte es der Sender ab, Rathers Vertrag zu erneuern.

Die Klageschrift macht deutlich, dass die politische Antwort des Senders auf die Kontroverse um die Story über die Nationalgarde keineswegs ein einmaliges Ereignis war. Sie wirft CBS auch vor, versucht zu haben, die Enthüllungen über Abu Ghraib wegen der Befürchtung "zu beerdigen", dass sie negative Auswirkungen auf das Verhältnis zur Bush-Administration haben könnten.

Es wird beschrieben, wie der Präsident von CBS News, Andrew Heyward, und andere leitende Angestellte des Senders direkt in die Veröffentlichung des Berichts über Folterungen von Irakern in dem US-Gefängnis eingriffen und die Ausstrahlung um Wochen verzögerten, indem sie immer höhere Ansprüche an die Beweise stellten. Selbst als fast ein Dutzend Fotografien vorlagen, die den Missbrauch in Abu Ghraib dokumentierten, beugte sich die Leitung des Senders dem Druck der Regierung und blockierte laut Klageschrift die Ausstrahlung noch drei Wochen lang.

Als Beispiel für den Druck, den die Regierung ausübte, zitiert die Gerichtsakte einen persönlichen Anruf von General Richard Myers, des Chefs des Vereinigten Generalstabs, der Rather drängte, über diese Sache nicht zu berichten.

Obwohl die Leitung des Senders schließlich zustimmte, den Bericht Ende April 2004 zu senden - und zwar nur, weil es so aussah, dass andere Nachrichtenagenturen ihn vorher bringen könnten -, wurden der Redaktion laut Klageschrift, "ungewöhnliche Restriktionen auferlegt: die Story durfte nur einmal ausgestrahlt, nicht von einer Live-Moderation eingeleitet und nicht in den 'CBS Evening News' angesprochen werden".

Ob Rather, der bei CBS als Moderator ein Jahresgrundgehalt von 6 Millionen Dollar bezog, sich in diesem Prozess durchsetzen wird, ist keineswegs sicher. Was auch immer das Resultat sein mag, dieses juristische Verfahren hat das Verdienst, zumindest ein wenig sichtbar werden zu lassen, dass hinter der Selbstzensur und der Käuflichkeit der amerikanischen Massenmedien eine Kombination aus Unternehmensinteressen und politischer Feigheit steht. Dadurch werden sie zu einem durch und durch willigen Propagandainstrument für die US-Regierung und die Finanzelite, deren Interesse sie vertritt.

Siehe auch:
Der Rücktritt des amerikanischen Justizministers Alberto Gonzales
(7. September 2007)
Zum Rücktritt von Weltbank-Chef Wolfowitz
( 24. Mai 2007)

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