Gesellschaftstheoretiker André Gorz (84) gestorben

Von Stefan Steinberg
1. November 2007

Am 24. September nahmen sich der Wirtschaftswissenschaftler und Gesellschaftstheoretiker André Gorz (84) und seine Frau in ihrem Haus nahe Paris gemeinsam das Leben. Sie hatten beschlossen, zusammen aus dem Leben zu scheiden, nachdem Gorz’ geliebte Frau Dorine schon seit langem schwer erkrankt war.

Mehrere Jahrzehnte, bis Ende des 20. Jahrhunderts, spielte Gorz eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Theorien über die Rolle der Arbeit und der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft. Vor allem seine Auffassung, dargelegt im Buch "Abschied vom Proletariat" (1980), dass die Arbeiterklasse keine gesellschaftlich fortschrittliche Kraft mehr sei, fand bei Schichten der so genannten "Neuen Linken" in Europa begeisterte Aufnahme. Auf seinen Theorien basieren manche politischen Konzepte, die Teile der westeuropäischen Gewerkschaften und die Grünen in ihr Programm aufnahmen.

1923 in Wien als Gerard Horst geboren, wuchs Gorz in einer atmosphärisch gestörten und unglücklichen Familie auf. Die Mutter war Katholikin, der Vater Jude. Seine Mutter änderte seinen Namen in Gorz, um seine jüdischen Wurzeln zu verbergen. Als Kind versuchte Gorz seiner unglücklichen Kindheit zu entkommen, indem er sich sprunghaft hier und da engagierte - zunächst, im Alter von zwölf Jahren, für einen rigorosen Katholizismus, nur ein Jahr später liebäugelte er sogar kurz mit den Nazis.

Gorz zog als junger Mann in die Schweiz, wo er 1946 den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre in Lausanne kennen lernte. Seine Begeisterung für Sartres Schriften trug wesentlich dazu bei, dass er am Ende des Zweiten Weltkrieges nach Frankreich übersiedelte. In dem von Nachkriegswirren gezeichneten Europa, wo die von den Faschisten in Deutschland und Frankreich begangenen Gräueltaten zunehmend ans Licht kamen, fand Gorz - Ex-Jude, Ex-Österreicher - Trost in den nihilistischen Aspekten von Sartres Philosophie. Sartres existentialistische Philosophie, die die uneingeschränkte Freiheit des Individuums propagierte, verfehlte nicht ihre Wirkung auf den jungen Intellektuellen, der in seiner Autobiographie "Der Verräter" (1958) sich selbst als ein "von der Welt verstoßenes Nichts" beschrieb.

Im Nachkriegsfrankreich schlug Gorz die Laufbahn eines Schriftstellers und Journalisten ein und arbeitete eng mit Sartre zusammen. 1954 war er Mitbegründer des einflussreichen französischen Magazins Nouvel Observateur, und 1961 löste er Sartre als Leiter des politischen Ressorts von dessen Magazin Les Temps Modernes ab.

Gorz’ politische Entwicklung war, wie die von Sartre und vielen anderen französischen Intellektuellen im Nachkriegsfrankreich, geprägt durch die einflussreichste Partei der Linken - die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF). Bei den ersten Parlamentswahlen nach dem Krieg (1946) hatte die KPF mit 28 Prozent am meisten Stimmen erhalten. Im "Verräter" schrieb Gorz, das höchste Ziel eines Intellektuellen sei der Eintritt in die Kommunistische Partei.

Gorz’ (und Sartres) Begeisterung für die Kommunistische Partei schwand nach der Niederschlagung des ungarischen Arbeiteraufstands durch russische Panzer im Jahr 1956. Doch keiner der beiden war in der Lage, aus dem Aufkommen des Stalinismus in Russland in den 1920er Jahren und dem beherrschenden Einfluss Moskaus auf die Kommunistische Partei Frankreichs entscheidende Lehren zu ziehen. Während sich Sartre zunehmend der so genannten Dritten Welt zuwandte und Gestalten wie Fidel Castro, Ho Chi Minh und Mao Zedong als beispielhaft für eine "antiimperialistische Politik" anpries, formulierte Gorz in seinem Buch "Strategy for Labour" (1964) ["Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus", 1967] zum ersten Mal eine Strategie so genannter "revolutionärer Reformen" für die Arbeiterbewegung in den entwickelten westlichen Ländern.

Gorz ließ keinen Zweifel daran, dass er das Konzept einer Partei leninistischen Typs als Führung der Arbeiterklasse uneingeschränkt ablehnte. An Stelle der Arbeiterklasse entdeckte Gorz Mitte der 1960er Jahre "eine neue Arbeiterklasse" aus qualifizierten Facharbeitern, die in den Fabriken Druck ausüben konnten, sowie die Gewerkschaften für das, was er selbst revolutionäre Reformen nannte. Drei Jahre später erläuterte Gorz in seinem Buch "Socialism and Revolution" (1967), was er mit solchen Reformen meinte.

Der Sozialismus, schreibt Gorz, "kann nur durch überlegtes, langfristig angelegtes Handeln erreicht werden. Am Beginn mögen eine Reihe kleinerer Reformen stehen, doch mit der Zeit muss daraus eine Reihe von Kraftproben werden, begleitet von mehr oder weniger Gewalt, von denen einige gewonnen, andere verloren werden, deren Ergebnis aber sein wird, die sozialistische Entschlossenheit und das sozialistische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu formen und zu organisieren."

Gorz’ Forderung nach Reformen in den Fabriken rückte ins Zentrum der französischen Bewegung für Selbstverwaltung (autogestion) - einer anarchistisch gefärbten Bewegung, die die Forderung nach Arbeiterkontrolle in den Fabriken in den Mittelpunkt stellte. Diese Konzentration auf die Militanz in der Fabrik auf Kosten von ernsthafter Beschäftigung mit weitergehenden politischen Fragen trug maßgeblich dazu bei, die Aufmerksamkeit von der verräterischen Rolle abzulenken, die die Kommunistische Partei Frankreichs 1968 in der revolutionären Bewegung der Studenten und Arbeiter in Paris spielte.

Nach der Restabilisierung des französischen Kapitalismus dank des Verrats der KPF 1968 überarbeitete Gorz seine Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und rückte von seinen Theorien ab. In den 1970er Jahren wandte er sich mehr und mehr der Ökologiebewegung zu und dabei vor allem den Werken von Ivan Illich, der selbst scharfe Angriffe gegen viele Aspekte der modernen Kultur führte, darunter auf die zentralisierte Erziehung und auf ihre Konzentration auf Konsum und Produktion auf Kosten der Freiheit des Individuums. Gorz integrierte und artikulierte die Implikationen einer solchen "Grenzen des Wachstums"-Theorie für die Schichten der Mittelklasse, die sich in den 70er Jahren mehr und mehr von der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Partei ab- und der Ökologiebewegung und den Grünen zuwandten.

In diesen Jahren veränderte Gorz auch seinen Standpunkt in der Frage der Arbeitsteilung. In seinen Frühschriften hatte er die Arbeitsteilung und die daraus resultierende Entfremdung des Arbeiters als historisch notwendiges Übel charakterisiert, das durch den Sturz des Kapitalismus beseitigt werden müsse - im Sinne der Analyse von Karl Marx. Jetzt, in den 1970er Jahren, bezeichnete er die im Arbeitsprozess begründete Entfremdung als ein untilgbares Kennzeichen jeder komplexen modernen Gesellschaft. Für Gorz ist die Entfremdung in der Vergesellschaftung der Produktion selbst schon enthalten, nicht allein in der kapitalistischen Form ihrer Organisation.

In seinem Buch "Division of Labour" weist Gorz die marxistische Ansicht zurück, wonach die Produktion für Profit und das Privateigentum an den Produktionsmitteln die Quelle gesellschaftlicher Unterdrückung darstellen. Die Technik ist für ihn das Hauptproblem. So schreibt er: "Es ist die Technik der Fabrik, die eine gewisse technische Arbeitsteilung diktiert, welche ihrerseits eine bestimmte Art der Unterordnung, Hierarchie und Despotie erfordert. Die Technik ist also die Matrix und der letzte Grund für alles..." Für Gorz würde Arbeiterkontrolle über die Produktion gar nichts ändern. Gesellschaftlicher Fortschritt musste außerhalb des Produktionsprozesses und der Sphäre der Wirtschaft gesucht werden.

Abschied vom Proletariat

Die Zurückweisung der marxistischen Auffassung der Gesellschaft führte Gorz schließlich zur unvermeidlichen Schlussfolgerung - zur Auffassung, die Arbeiterklasse könne nichts ausrichten. Ein Jahr vor dem Machtantritt einer Koalition der KPF und der Sozialistischen Partei Mitterands in Frankreich veröffentlichte Gorz das Buch, das seinen Bruch mit den marxistischen und sozialistischen Ideen am deutlichsten formulierte - " Abschied vom Proletariat" (1980).

Darin entwickelte er die Argumente, die eine ganze Schicht der radikalen Linken und der Intelligenz in Frankreich und anderswo bei ihrer vollständigen Abwendung von der Arbeiterklasse als Kraft gesellschaftlicher Veränderung beeinflussten.

Aus einer oberflächlichen Analyse statistischen Materials über die abnehmende Zahl der Industriearbeiter in den entwickelten westlichen Ländern folgerte Gorz, dass die Arbeiterschichten, die in der Produktion beschäftigt waren, eine privilegierte Minderheit und nicht fähig seien, bei der Umgestaltung der Gesellschaft eine progressive Rolle zu spielen.

Entsprechend seiner früheren Ablehnung von Produktion und Technologie argumentierte Gorz, dass die einzig progressive gesellschaftliche Kraft der Teil der Gesellschaft sei, der nicht mit produktiver Arbeit befasst sei - und prägte dafür die Bezeichnung der "Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter". Gorz bezog in diese Kategorie die Arbeitslosen und geringfügig Beschäftigten ein, die, unter veränderten Bedingungen, die Rolle eines revolutionären Subjekts spielen könnten. Gorz’ Vorstellung von gesellschaftlicher Veränderung, eine Veränderung, die gänzlich unabhängig von materiellen Faktoren vor sich geht, nimmt offen voluntaristische Form an, wenn er schreibt:

"Das Reich der Freiheit kann sich nie aus materiellen Prozessen heraus einstellen; es kann nur als ein konstitutiver Akt verwirklicht werden, der, im Bewusstsein seiner freien Subjektivität, sich als absoluter Selbstzweck in jedem Individuum geltend macht. Nur die Nicht-Klasse der Nicht-Produzenten ist zu einem solchen Akt fähig. Denn nur sie verkörpert, was jenseits des Produktivitätsstrebens liegt: die Zurückweisung der Ethik der Akkumulation und die Auflösung aller Klassen."

In einem Interview, das ein Jahr nach Veröffentlichung von "Abschied vom Proletariat" in Englisch erschien, brachte Gorz seine Ablehnung der Arbeiterklasse noch ungeschminkter zum Ausdruck: "Eine Sache, die ich aufzeigen wollte, ist, dass die Arbeiterklasse strukturell unfähig ist, Kontrolle über Produktion und Gesellschaft auszuüben." An anderer Stelle des Interviews kommt er auf dieses Thema zurück: "Das post-industrielle Neo-Proletariat ist offensichtlich unfähig, die Macht zu erobern, und dies gilt auch für die traditionelle Arbeiterklasse. Keine Strategie oder Taktik kann den heutigen repressiven, konterrevolutionären Möglichkeiten des modernen Staates widerstehen."

Gorz’ Zurückweisung der Arbeiterklasse und seine Charakterisierung des Staates als allmächtiger Monolith wurden von Gewerkschaftsfunktionären und der grünen Bewegung begierig aufgegriffen, die versuchten, eine Reihe seiner konkreten Vorschläge in ihr Programm zu integrieren. Im Einklang damit, dass er die Vorzüge der Arbeitslosen und nur zeitweise Beschäftigten als neue progressive Kraft anpries, meinte Gorz, dass die Massenarbeitslosigkeit in den westlichen kapitalistischen Ländern, ein Ergebnis der Einführung neuer Technologien, genau genommen zu begrüßen sei. Gorz zufolge sollte die fortschreitende Revolutionierung der Produktionstechniken, die den Unternehmen erlaubt, Arbeitsplätze zu vernichten, als historisch einmalige Chance ergriffen werden, Arbeit "abzuschaffen" zugunsten einer so genannten "autonomen Aktivität" oder "Arbeit für sich selbst" - d.h., Aktivität ohne Lohn nach den Interessen des Individuums.

Sein Begriff von Befreiung unabhängig vom Produktionsprozess fand sich wieder im Programm der irischen Grünen von 1989, wo es heißt: "Vollbeschäftigung für alle erwachsenen Menschen wäre ein sozialer und ökologischer Albtraum."(!)

Auch andere Maßnahmen, die er vorschlug, wurden zunehmend von grünen Parteien und später von der Anti-Globalisierungsbewegung Attac aufgegriffen, so die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen als Gegengewicht zur großen Industrie und den Banken. Gorz äußerte sich begeistert über solche Initiativen wie das Local Employment Trading System (LETSystem), d.h., gemeinnützige Verbände von lokalen Unternehmen und Individuen, bei denen die Mitglieder Waren und Dienstleistungen austauschen und dazu eine eigene örtliche Währung benutzen. Gorz meinte, solche Kleinunternehmen könnten dabei helfen, die Macht des globalen Kapitals zu unterlaufen, weil eine "lokale Währung den Fetisch des Geldes... und der Ware zerstört, und Denkprozesse über Bedürfnisse und schädliche Verschwendung in Gang setzt."

Während Gorz in "Abschied vom Proletariat" die Arbeiterklasse abschrieb, verherrlichte er weiterhin die Rolle von Gewerkschaften in sozialen Kämpfen und forderte eine neue Art von Gewerkschaftsbewegung, die sich mit unklar definierten "sozialen Bewegungen" verbinden und die auf Arbeit basierende Gesellschaft zugunsten "fantasievoller" Vorstellungen zur Nutzung von Freizeit untergraben sollte. Seine Vorstellungen wurden von Teilen der Gewerkschaftsbewegung in Italien, Deutschland und Frankreich aufgegriffen, die viele von Gorz’ Argumenten einsetzten, um auf eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit oder die Zahlung eines garantierten sozialen Grundeinkommens zu drängen.

Gorz’ "sozialistische Utopie" erleidet Schiffbruch

In seinen späteren Schriften, "Wege ins Paradies", "Kritik der ökonomischen Vernunft" und "Capitalism, Socialism, Ecology" kleidete Gorz seine Vorschläge weiterhin in sozialistische Begriffe, während er gleichzeitig den utopischen Charakter seiner Bemühungen ausdrücklich hervorhob.

"Wir brauchen eine neue Utopie, wollen wir bewahren, was der ethische Gehalt der sozialistischen Utopie uns bot: die Utopie einer Gesellschaft der Freizeit. Die Emanzipation von Individuen, ihre umfängliche Entwicklung, die Neugestaltung der Gesellschaft, all das wird erreicht durch die Befreiung von der Arbeit." ("Kritik der ökonomischen Vernunft", 1989)

Gorz’ Befürwortung einer "sozialistischen Utopie" auf der Grundlage der Befreiung des Individuums, losgelöst von Produktion und Konsum, erinnert stark an die Schriften des deutsch-amerikanischen Theoretikers Herbert Marcuse, wie auch an zeitgenössischere Theoretiker wie Zygmunt Baumann. Die Aufgabe, Gorz’ "Utopie" Wirklichkeit werden zu lassen, blieb den verknöcherten bürokratischen Gewerkschaftsführern von Organisationen wie der IG Metall in Deutschland oder der CFDT (Confédération Française Démocratique du Travail) in Frankreich überlassen.

1984 erkämpfte die IG Metall in einem siebenwöchigen Streik für viele ihrer Mitglieder in der Industrie die 35-Stunden-Woche. Der Streik bildete den Abschluss einer Reihe von Kämpfen der Arbeiter in Deutschland für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Für kurze Zeit in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren schien es, als könnten einige der Vorschläge von Gorz manchen Schichten von Arbeitern Nutzen bringen. Doch eine neue Offensive der Bourgeoisie, die Politik, die von Leuten wie Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA verfolgt wurde, zerstörte endgültig die Möglichkeit, weit reichende Reformen durchzusetzen.

Gorz’ Vorschläge zur "Befreiung von der Arbeit" gingen immer von der Voraussetzung eines stetig wachsenden Sozialstaates aus. Doch der schnell Fahrt aufnehmende Prozess der Globalisierung der Produktion, der auf völlig neuen Technologien beruhte, die erstmals in den 1970er Jahren entwickelt worden waren, vereitelte die Möglichkeit von Zugeständnissen im nationalen Rahmen und eines weiteren Ausbaus des Sozialstaates. In einem Land nach dem andern begann die politische und wirtschaftliche Elite damit, systematisch bestehende soziale Errungenschaften abzubauen und die Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeiter anzugreifen.

In Frankreich kapitulierte die linke Regierung von Francois Mitterand (in der die KPF vier Minister stellte) umgehend vor dem Druck der Märkte, ließ ihr eigenes Programm der "revolutionären Reformen" fallen und begann mit systematischen Angriffen auf die Arbeiterklasse.

In Deutschland brachte die von der IG Metall erreichte Verkürzung der Wochenarbeitszeit keinen längerfristigen Nutzen für die Arbeiter. Die Gewerkschaftsbürokraten rechtfertigten neue Zugeständnisse an die Unternehmer dafür mit den Argumenten, die Gorz entwickelt hatte - d.h., die Notwendigkeit, sich an "Veränderungen in der Arbeitswelt" und die Entstehung neuer "sozialer Schichten mit anderen Erwartungen an die Arbeit" anzupassen. Mehr und mehr wurden neue Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern die Grundlage für die Unternehmer, gesteigerte Flexibilität der Arbeit vertraglich festzuschreiben, ohne dass es entsprechende Einkommenszuwächse gegeben hätte. In der Realität haben Vereinbarungen über eine kürzere Wochenarbeitszeit wesentlich dazu beigetragen, dass die Unternehmen den herkömmlichen Begriff einer Vollzeitarbeit mit angemessener Entlohnung kippen konnten zugunsten einer Vielzahl von Formen von Billiglohnarbeit auf der Basis flexibler Arbeitszeiten und der Beseitigung früherer Formen tarifvertraglicher Garantien.

In einer Reihe großer Unternehmen versucht die IG Metall nun, die 40-Stunden-Woche wieder einzuführen (z.B. bei Siemens im Jahr 2004). Neuere Statistiken haben gleichzeitig aufgezeigt, dass in den Jahren, die größtenteils von der rot-grünen Regierung bestimmt waren (1998-2005), die Löhne der Arbeiter in Deutschland stagnierten, während die Profite der großen Unternehmen und die Vergütungen der Vorstände enorme Zuwächse verzeichneten. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die Geschichte selbst über die wiederholten, vier Jahrzehnte währenden Versuche von Gorz, einem Programm radikaler Reformen neues Leben einzuhauchen, ein vernichtendes Urteil gefällt.

Vor zwei Jahrhunderten hatten die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, die begrenzten Vorstellungen der frühen utopischen Sozialisten einer harschen Kritik unterzogen. Sie nannten diese Konzepte einen "eklektischen, Durchschnittssozialismus", einen "Misch-Masch". Heute dient der fehlgeschlagene "eklektische Misch-Masch" utopischer Politik à la Gorz, der sich auf die Zurückweisung der Arbeiterklasse stützt, als politischer Deckmantel für Schichten des Kleinbürgertums und der Gewerkschaftsbürokratie - darunter viele einstige Radikale -, die heute Ministerposten in mehreren europäischen Regierungen bekleiden, und eine durch und durch reaktionäre Sozialpolitik zugunsten des Großkapitals und von Finanzinteressen betreiben.

Siehe auch:
Französischer Philosoph Jean Baudrillard in Paris gestorben
(21. April 2007)
Im Wunderland der Postmoderne: Eleganter Unsinn von Alan Sokal und Jean Bricmont
(15. August 2000)
Ein Briefwechsel zum Postmodernismus
(20. November 2000)
Der Fall Martin Heidegger Philosoph und Nazi
(28. April 2000)

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