Rummelplatz

Roman eines DDR-Arbeiters nach 40 Jahren erschienen

Von Verena Nees
22. Dezember 2007

Werner Bräunig: Rummelplatz, hrsg. von Angela Drescher, Berlin 2007, 768 Seiten, 24,95 €.

Wer noch eine spannende Buchlektüre zu Weihnachten sucht, dem sei Werner Bräunigs Rummelplatz empfohlen, der vom Ostberliner Aufbau-Verlag zur diesjährigen Leipziger Buchmesse erstmals herausgebracht worden ist. Geschrieben wurde der Roman bereits vor 40 Jahren.

Es gibt sicherlich viele interessante Romane, die die Anfangsjahre nach der Stunde Null darzustellen versuchen - einen solchen Roman gab es bisher nicht.

Was Rummelplatz auszeichnet, ist zweierlei: Zum einen wird die unmittelbare Nachkriegszeit aus der Sicht von Arbeitern in der DDR gezeichnet, "ohne Glanz und Schminke", wie es an einer Stelle im Buch heißt. Zwar wird parallel auch eine Gruppe von jungen Leuten im Westen charakterisiert, doch die Kapitel über das erzgebirgische Bergbaugebiet berühren mehr.

Zum anderen fällt der zuversichtliche Grundton des Buchs auf, man spürt in ihm etwas von Aufbruchstimmung. Im Unterschied zu manch westdeutscher Nachkriegsliteratur im Umfeld der Gruppe 47 dominieren nicht Endzeitstimmung und Demoralisierung, von Theodor W. Adorno mit seiner Feststellung auf den Punkt gebracht, nach Auschwitz könne es keine Gedichte mehr geben.

Der Grund ist, dass Bräunig aus der Perspektive junger Menschen in der frühen DDR schreibt, die sich in diesem Teil Deutschlands eine bessere Zukunft ohne Krieg und Faschismus erhoffen. Zugleich hebt sich sein Roman wohltuend von der Maxime des "Sozialistischen Realismus" ab: Bräunigs Buch ist zwar realistisch, aber seine Protagonisten sind nicht die holzschnittartigen "Helden der Arbeit" mit der erhobenen Faust, wie sie die Stalinisten so verherrlichten; es sind Menschen mit Widersprüchen, psychologischen Problemen, Menschen, die am Trauma der unmittelbaren Vergangenheit unter dem Faschismus leiden und über Geschichte und Gegenwart kritisch reflektieren.

Vor allem der erste Teil von Rummelplatz ist so erfrischend und packend geschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Bräunig spricht mit authentischer Stimme, expressionistisch und wunderbar lyrisch. Seine Symbole und Bilder sind überraschend und treffend, sein psychologisches Fingerspitzengefühl und seine feine Ironie lassen die manchmal langen Beschreibungen der Gedankenwelt seiner Charaktere zum Genuss werden. Selbst die drastische Sprache der Kumpel unter Tage wirkt authentisch und nicht abstoßend. Man merkt, hier spricht einer, der dieses Leben kennt und ein Stück von sich selbst in seinen Figuren wiedergibt. Man merkt auch, dass es jemand ist, der die klassische Literatur in sich aufgesogen hat, die große Erzählkunst eines Thomas Mann, die spitze Feder eines Kurt Tucholsky und andere.

Ein unbequemer Arbeiterschriftsteller

Werner Bräunig, 1934 in Chemnitz in einer Arbeiterfamilie geboren, gelernter Schlosser, schlug sich um 1950 zunächst mit Schwarzmarktgeschäften in Westdeutschland durch. Dann wurde er Schweißer in Chemnitz, kurzzeitig Bergarbeiter bei der Wismut in Johanngeorgenstadt und schließlich Papiermacher in Niederschlema. Bald fing er zu schreiben an und wurde Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren der Wismut. Die SED-Führung förderte ihn als Arbeiterschriftsteller und ermöglichte ein Studium am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig. 1959 wurde Bräunig als Mitautor des Aufrufs zur 1. Bitterfelder Konferenz "Greif zur Feder, Kumpel!" bekannt, und 1960 wurde er in den Schriftstellerverband aufgenommen. Eine Vorzeigekarriere eines schriftstellerisch begabten Arbeiters in der DDR, so scheint es.

Als jedoch ein Vorabdruck seines Hauptwerks Rummelplatz 1965 in der Literaturzeitschrift "Neue Deutsche Literatur" (NDL 10/1965) erschien, war Werner Bräunig mit einer gehässigen Kampagne der SED-Führung konfrontiert, die letztlich zum Stopp der Herausgabe führte. Ihm wurde vorgeworfen, er habe "im Schmutz über unsere Bergarbeiter und deren Frauen" geschrieben, habe "unsere sowjetischen Freunde und Genossen" in den Dreck gezogen, und ähnliches. Beim 11. Plenum des ZK der SED 1965 wurde sein Roman als Beispiel für eine "neuere Art Literatur" angeführt, die "aus einer Mischung von Sexualität und Brutalität besteht" (Bericht des Politbüros von Erich Honecker).

Werner Bräunigs Versuche, einige Kapitel umzuschreiben, nützten ihm nichts. Der Roman blieb unveröffentlicht. Auch wenn Bräunig noch einige Erzählungen schrieb, kam er darüber nicht hinweg. Er starb 1976 mit nur 42 Jahren in Einsamkeit, krank und dem Alkohol verfallen.

"Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt?"

Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt? Seine Arbeit? Das, was er geschaffen hat? Aber dies habe ich gesehen: Da ist keiner, so arm er gewesen sein mag, der bei seinem Tode nicht etwas hinterläßt. (S. 621)

Über 30 Jahre nach Werner Bräunigs Tod und fast zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR wird Rummelplatz als Überraschung bewertet. In den Literaturzeitschriften und Feuilletons der großen Zeitungen gab es überwiegend positive Reaktionen. Die meisten Kritiker bewundern die Sprache Bräunigs, manch einer gesteht seine Faszination ein, ohne genau zu verstehen, woher sie kommt. Michael Ostheimer in perlentaucher.de bemerkt, dass "Bräunigs Welt unserer Gegenwart" etwas voraus habe. Aus Rummelplatz spreche "ein gesellschaftlicher Entdeckergeist". Evelyn Finger begeistert sich in der Zeit (03. Mai 07 "Pechblende") über die "erzählerische Wucht" des Autors, es sei ein "Epochenroman von ganz unten, aus der Bergarbeiterperspektive." Sie meint sogar, im Vergleich mit Rummelplatz wirkten "viele kanonische Texte der damaligen Zeit - etwa Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns, Christa Wolfs Geteilter Himmel, Günter Grass’ Hundejahre, Erik Neutschs Spur der Steine, Hermann Kants Aula oder Jurek Beckers Jakob der Lügner - ein wenig blass." Franziska Augstein schwärmt in der Süddeutschen Zeitung (20. März 07) von der psychologisch genauen Beobachtungsgabe des Autors und der Kunstfertigkeit seiner Erzählkunst. Auch sie wertet Bräunig auf einer Ebene mit Grass und Böll oder Walser und spricht sogar über die Nachfolge von Thomas Mann.

Doch inhaltlich sind die meisten Rezensenten etwas ratlos: Die einen sehen ihn durch die Brille des Antikommunismus als Vorkämpfer für die Wiedervereinigung (z.B. Neue Zürcher Zeitung, 29. Mai 07), die anderen als einen von der SED geförderten Arbeiterschriftsteller, der schließlich vor den stalinistischen Funktionären eingeknickt sei, wie das letzte Kapitel zum 17. Juni-Aufstand beweise (Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 17. März 07). Franziska Augstein weist im Rundfunk auf den Widerspruch, der so viele verwirrt: "Das ist die Ironie, die die Geschichte dieses Buches begleitet, dass dieser Roman ein ganz großer Arbeiterroman ist, genau das, worauf die DDR und die SED eigentlich hätten warten müssen. Das hat der Mann geschrieben und dann wurde er dafür fertig gemacht." (22. März 07, "Stilbruch", Radio Berlin-Brandenburg)

Der zentrale Ort des Geschehens in Rummelplatz ist der Uranbergbau Wismut. Für die Sowjetunion war der Abbau der Uranerzvorräte im Erzgebirge und Thüringen wichtig, um den Vorsprung der USA beim Bau von Atomwaffen aufzuholen. 1947 wurde die Wismut AG gegründet, die sich bis 1953 vollständig unter sowjetischer Aufsicht befand. Wegen der Bedeutung für die Rüstungsindustrie wurde die Wismut AG als ein Staat im Staat organisiert, mit militärischer Bewachung der Objekte, Geheimhaltung und eigenen Ausweisen für die Beschäftigten (ihre richtigen Personalausweise wurden eingezogen). Die Arbeitsbedingungen waren sehr hart, die Arbeiter mussten in Massenquartieren leben, im Gegenzug waren Löhne und Prämien ebenso wie die Lebensmittelversorgung und die Sozialleistungen höher als in anderen Betrieben der DDR.

Im Rummelplatz-Kapitel (Kapitel IV), das vorab abgedruckt wurde, sagt Bräunig: "Die Wismut ist ein Staat im Staate, und der Wodka ist ihr Nationalgetränk." Der Rummelplatz ist Synonym für die Situation nach dem Krieg: Auf einem ehemaligen Friedhof errichtet, ist dieser Platz Treffpunkt für alle, die nach der harten Arbeit im dunklen Schacht ein bisschen Wärme und Helligkeit suchen. "Leierkastenmusik, plärrende Blechlautsprecher. Der Platz hinter der Bermsthaler Kirche flackert, er lärmt, er bäumt sich. Die Leichen sind ausquartiert, die Gräber evakuiert, vor zwei Jahren schon, als hier ein Schacht getäuft werden sollte.... Hinter dem Platz lauert die Dunkelheit. Zwei Farben nur hat die Landschaft, weiß und grau, das Dorf ist schmutzig am Tag und schon finster am Nachmittag, abends ist es ein böses, geschundenes, heimtückisches Tier, zu Tode erschöpft und gierig. Es ist ein Tier auf der Lauer... Der Platz aber ist hell, und die Menschen hier hungern nach Helligkeit stärker und verzweifelter als anderswo." (S. 75)

Bei der Wismut kommen die unterschiedlichsten Charaktere zusammen, "Bäcker, Apotheker, Landarbeiter, Berufssoldaten, Beamte, entnazifizierte Nazis, Studienräte, Stubenmaler, Buchhalter, Möbeltischler, Hilfsarbeiter, Abenteurer, Asoziale, Jugendliche, die marschieren gelernt hatten und sonst nichts." (S. 108) Ihnen gemeinsam sind die Desillusionierung nach Krieg und Faschismus und die Suche nach einer neuen Perspektive, die Sehnsucht nach einem neuen "Vaterland", wie Bräunig es ausdrückt. "Da saßen sie nun, die Spätgeborenen des großdeutschen Schlussverkaufs, und eine Epidemie in Frömmigkeit war ausgebrochen über Nacht, und die Impotenten freuten sich halbtot, da saßen sie nun und suchten den entgötterten Himmel ab und den gestohlenen Horizont, suchten die Abenteuer und den enormen Wind, und suchten in Wahrheit ein Vaterland." (S. 86)

Bräunigs Roman entrollt ein Panorama von etwa zwanzig Personen vor dem Leser, neben Arbeitern auch Parteifunktionäre, sowjetische Kommissare, Studenten, Journalisten im Westen, und versetzt sich in deren Gedankenwelt. Keiner wird nur positiv oder nur negativ dargestellt. Aber Werner Bräunig lässt doch seine Sympathien erkennen. Die Schlüsselfiguren stellen Peter Loose und Christian Kleinschmidt dar, die in enger Beziehung zu Hermann Fischer, dem erfahrenen Steiger des Wismut-Bergwerks, überlebenden KZ-Häftling, Parteimitglied und überzeugten Kommunisten stehen. In ihre Geschichte geht auch die Biographie des Autors selbst ein: Der Arbeiter aus einfachen Verhältnissen, Glücksritter, Raufbold, der seine Enttäuschungen im Alkohol ersäuft, aber eine ehrliche Haut ist (Peter Loose) und der lesehungrige Oberschüler, Professorensohn, der trotz Glanzabitur vorerst nicht studieren darf, aber die Herausforderung der Arbeit im Bergbau nicht ablehnt und eine Karriere aufgrund von Beziehungen des Vaters in den Wind schlägt (Christian Schmidt).

Er wollte einen "Entwicklungsroman junger Menschen" schreiben, sagte Bräunig später in der Auseinandersetzung mit den SED-Kulturfunktionären. Seine Protagonisten gehören zur Generation jener, die zu Beginn der Nazi-Zeit noch nicht geboren oder noch Kinder waren und schließlich ihre Jugendträume unter den Schrecken des Kriegs begraben mussten. "Er sah sie stehen, mit ihren Wehrmachtsrucksäcken, mit den grauen Holzkoffern aus der Kriegsgefangenschaft, er sah Zwei-, Drei- und Vierundzwanzigjährige mit den unruhigen, misstrauischen, wachsamen Augen heimatloser Flüchtlinge, und nur hier und da ein ruhiges Gesicht, nur hier und da ein sicherer Blick. Viele von ihnen waren erwachsen, ohne eine Chance gehabt zu haben, jemals jung zu sein." (S. 13) So beschreibt Hermann Fischer die neuen Arbeitskräfte.

Aber die "Decke der Jahre war dünn zwischen Krieg und Gegenwart". Das Trauma der Kriegserlebnisse mischt sich in das neue Leben. Christian Kleinschmidt trottet todmüde nach der Einweisung mit den anderen zu den Schlafbaracken: "... die Bodendämpfe flimmerten vor seinen Augen, die Häuser kamen auf ihn zu, schwankend, gleich werden sie zusammenstürzen.... Der kochende Phosphor fraß sich in die Steine, kroch näher, Straßenbahnschienen bogen sich aus dem Pflaster.... Er keuchte mit rasselnden Lungen an der Reihe der fahlgelben Straßenbahnwaggons entlang, Baracken, weiter, weiter... ‚He, Mann, bleib doch stehen!’ Christian blieb stehen...". (S. 19) Er ist nicht mehr im brennenden Leipzig, er ist vor seiner neuen Bleibe auf dem Wismut-Gelände.

Peter Loose, der "einst davon geträumt (hat), ein kühner Forscher und Entdecker zu werden, Heldentaten zu vollbringen und Abenteuer zu bestehen, in die Stratosphäre vorzudringen und auf den Grund des Meeres wie Piccard", bemerkt: "Aber nicht die Tage der Siege brachen an, sondern die Amis kamen, dann kamen die Russen. Russen kamen, zogen ein auf Panzerwagen und in ausgefransten Mänteln, sie passten genau in die Landschaft, wie sie nun war: Hunger, Seuchen, Ruinen, Flüchtlingstrecks. Sanglos, klanglos traten da die Helden ab über Nacht, die Hakenkreuze stahlen sich aus den Fahnen, im Luftschutzkeller versteckte sich der Stiefvater, versteckten alle sich, die gestern noch stramm getönt hatten... Übrig blieb eine Welt ohne Glanz und Schminke, und ohne Hoffnung auch...." (S. 81)

Was Loose und Kleinschmidt verbindet, ist die Arbeit als schöpferische gesellschaftliche Kraft. "Unser wertes Wohlbefinden interessiert im neuen Deutschland keinen Hund. Und dennoch war Loose stolz darauf, dass keiner sich seinetwegen eine Zacke aus der Krone zu brechen brauchte, dennoch gefiel ihm dieses Leben, er nahm die Herausforderung an." (S. 80) Christian erfährt die Arbeit als etwas völlig Neues in seinem Leben. "Die Arbeit überkam ihn wie ein Rausch, plötzlich und ungeheuer. Er setzte den Meißel an und stemmte ihn mit aller Kraft in den Berg, der Druck der Pressluft schüttelte seinen Körper, der Rückschlag lief wie ein Schauder durchs Fleisch und spannte die Muskeln. Christian spürte den Rhythmus dieser Arbeit. Nun gab der Berg seine Geheimnisse preis.... Er ordnete sich einem Rhythmus ein, den er nicht erfunden hatte, der in ihm war, oder zwischen ihm und dem Berg und der Maschine.... er war eins mit sich und den Dingen ringsum, er war er." (S. 115 f)

Christian will nicht in den Westen, wo ein reicher Onkel ihm ein Studium ermöglichen wollte, Peter ist aus dem Westen zurückgekommen, wo er eine Zeitlang in einem Nähmaschinenbetrieb seines Schwagers gearbeitet hat. "Ich kann dir sagen: beschissen ist geprahlt", antwortet Peter auf die Frage, wie es war. Dass Christian die Angebote seines reichen Onkels abgelehnt hat, versteht Loose allerdings nicht: "Mann!" "Ja", sagte Christian, "das hat mein alter Herr auch gesagt." Weiter denkt er: "Und wenn es womöglich hinausgelaufen wäre auf ungefähr das, was Loose mit seinem Nähmaschinenschwager erlebt hatte?" Beide wollen sich nicht irgendwelchen Kapitalisten unterordnen.

Gleichermaßen lehnen Christian und Peter die "Schleimer und Phrasendrescher" ab, die sich in der SED breit machen. Als Steiger Fischer Peter nach seinem Beruf und den Beruf seines Vaters fragt, antwortet er nicht: "Denn diese Fragen kannte er: soziale Herkunft, Rubrik sowieso, aha. Er hatte das erlebt und er war postwendend in der Wertschätzung dieser Leute gestiegen, wenn sie erfuhren, dass sein Vater Metallarbeiter gewesen war, proletarisches Element, besondere Vorkommnisse keine. Erfuhren sie hingegen, dass er als SS-Mann in einem englischen Kriegsgefangenenlager in Griechenland an Flecktyphus gestorben war, dann entgleisten alle Aussichten." (S. 24) Christian, den Hermann Fischer für die Leitung einer Jugendbrigade und die SED gewinnen will, wehrt sich zunächst heftig dagegen. Letzlich gibt er nach, weil er etwas tun will - "nur - was?" Er kann Hermann Fischer, der aus Überzeugung Parteimitglied ist, obwohl er die bürokratischen Gängeleien ebenfalls verabscheut, nichts entgegensetzen.

Die Frage selbstbestimmter Arbeit wird von Bräunig immer wieder aufgeworfen: In der nahe gelegenen Papierfabrik fordert die Tochter des Steigers, Ruth Fischer, Gleichberechtigung der Frauen im Betrieb. In einer herrlichen Szene beschreibt Bräunig eine Betriebsversammlung, in der Ruth dafür plädiert, als Maschinenarbeiterin eingesetzt zu werden. Eine andere Szene aus demselben Betrieb schildert, wie sich eines Morgens die Betriebsleitung in den Westen abgesetzt hat und die Arbeiter den Produktionsablauf selbst in die Hand nehmen, unterstützt nur von einem Vorstandsmitglied, Dr. Jungandres, der der SED distanziert gegenübersteht, sich aber für die Produktion verantwortlich fühlt und jedes Angebot aus dem Westen ausschlägt.

Doch das Engagement für die Arbeit genügt nicht, um ein "besseres Vaterland" zu realisieren. Die Entwicklung der Romanfiguren erreicht, wieder auf einem Rummelplatz, einen dramatischen Höhepunkt. Peter Loose trifft sich dort mit einigen Kollegen und Freunden - Christian Kleinschmidt hat inzwischen doch einen Studienplatz bekommen - und vergnügt sich. Als er gerade einen SED-Witz macht, bemerkt er, dass er beobachtet wird. Kurz danach greift die Volkspolizei gegen eine Boogie tanzende Gruppe ein, und obwohl Loose nicht tanzt, wird er zusammen mit einem anderen Wismut-Arbeiter verhaftet. Dieses Ereignis zeigt eine Wende im Verhältnis der Arbeiterklasse zum DDR-Staat. Es ist kurz vor Stalins Tod und kurz vor dem Juni-Aufstand 1953. Hermann Fischer, der am nächsten Tag einen Kollegen von Peter Loose zum Zeitungsbericht über die Verhaftung befragt, bemerkt die neue Stimmung unter den Arbeitern. Der Kollege sagt, er könne den beiden ohnehin nicht helfen und wolle sich raushalten. "Was sind das nur für Symptome, fragte sich Hermann Fischer. Diese Resignation. Diese Verbitterung. Dieses verzerrte, mitleidige, erstarrte Lächeln." (S. 520)

An den Widersprüchen der DDR zerbrochen

Die Herausgeberin von Rummelplatz, Angela Drescher, bemerkt, Bräunig habe seinen Roman selbstbewusst verteidigt. Er habe nicht verstanden, warum sein Roman überhaupt angegriffen werde. Sein Hauptanliegen sei die "Darstellung des Arbeiters in unserer Gesellschaft" (Aktennotiz über die Aussprache in der IG Wismut vom 25. Januar 1966), hatte Bräunig immer wieder betont. Hatte nicht die Regierung der DDR die Arbeiter zur herrschenden Klasse erklärt?

Werner Bräunig ist an den Widersprüchen in der DDR zerbrochen. Das letzte Kapitel zum 17. Juni macht sein Dilemma deutlich. Christian begleitet Hermann Fischer bei einer Massendemonstration in Halle und erlebt, wie dieser von einem rechten Element in der Menschenmenge, einem Kriminellen, umgebracht wird, als er versucht, zu den Arbeitern zu sprechen. Christian denkt an Peter Loose, er glaubt, dieser hätte Hermann Fischer retten und heraushauen können. Aber Loose ist vom DDR-Staat unschuldig eingesperrt worden. Hermann Fischer ist vor seinem Tod voller Zweifel: "Wenn Massen von Arbeitern die Partei nicht mehr verstehen, dann können daran doch nicht die Arbeiter schuld sein." (S. 593). Aber seine Vorstellung, die Arbeiter müssten "zur Kelle, nicht zum Messer" greifen, um den begonnenen Aufbau eines "neuen Vaterlands" fortzusetzen, ist gescheitert. Das Kapitel macht Bräunigs Verwirrung deutlich, sein Unverständnis darüber, dass die Interessen der Arbeiter in der DDR in unüberbrückbarem Gegensatz zu den Interessen der herrschenden Bürokratie stehen.

Die DDR war von Anfang an kein Staat auf dem Weg zum Sozialismus, wie die SED behauptete, sondern ein deformierter Arbeiterstaat. Die soziale Stellung der Arbeiterklasse wurde durch die Verstaatlichung der Produktion gestärkt, aber politisch gründete sich der Staat auf den Stalinismus und die Unterdrückung jeder revolutionären Initiative von unten. Hätte Werner Bräunig die Perspektive der Linken Opposition unter Trotzki, ihre Verteidigung des Marxismus gegen den Stalinismus gekannt und verstanden, er hätte vielleicht trotz Verbot seines Romans den Mut nicht verloren.

Siehe auch:
Stefan Heym: Die Architekten
(30. Januar 2001)