Deutschland: Die Mittelschicht schrumpft

Von Dietmar Henning
12. März 2008

Eine Studie zur Einkommensverteilung, verfasst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hat in der vergangenen Woche für Aufsehen gesorgt. Sie gelangt zum Ergebnis, dass die Mittelschicht in Deutschland allein in den Jahren 2000 bis 2006 von 62 Prozent der Bevölkerung auf nur noch 54 Prozent geschmolzen ist.

Die Mittelschicht wird von den Forschern rein wirtschaftlich nach Haushaltseinkommen definiert, also nicht nach Bildung, Beruf, Herkunft oder sonstigen sozialen Indikatoren. Die Forscher setzen dabei den so genannten Median ein. Der Median teilt die Einkommensbezieher in zwei Hälften: 50 Prozent der Menschen in Deutschland erhalten weniger als diesen Wert, 50 Prozent erhalten mehr. (1)

Der Median stieg von gut 15.000 Euro Mitte der 1990er Jahre auf fast 17.000 Euro im Jahr 2003. Seitdem fällt er wieder, zuletzt auf etwas über 16.000 Euro. Als Mittelschicht definieren die DIW-Forscher die Bevölkerungsgruppe, die ein Einkommen zwischen 70 und 150 Prozent dieses Medians bezieht.

So definiert umfasste die Mittelschicht in den 1980er Jahren in Westdeutschland rund 64 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auch nach der Vereinigung lag der Anteil der Mittelschicht in West- und Ostdeutschland ungefähr in dieser Größenordnung. 1992 betrug er knapp 62 Prozent, das entsprach etwas mehr als 49 Millionen Personen. In den nächsten acht Jahren bis 2000 blieb dieser Anteil dann weitgehend stabil. Seither aber ist die Einkommensmittelschicht auf rund 54 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 geschrumpft, das sind rund 44 Millionen Menschen, fünf Millionen weniger als sechs Jahre zuvor.

Die DIW-Forscher zeigen auf, dass weit mehr Personen aus der Mittelschicht ab- als aufgestiegen sind. "Die verfügbaren Realeinkommen sind in Deutschland seit der Wiedervereinigung insgesamt nur mäßig gestiegen, von 2003 bis 2006 sind sie sogar deutlich zurückgegangen", konstatieren sie. Die Einkommensspreizung habe zugenommen. Vom Abstieg seien insbesondere "klassische" Familienhaushalte betroffen, Eltern mit Kindern unter 16 Jahren. Mehr als drei Millionen Personen in solchen Haushalten gehörten 2006 im Vergleich zu 2000 nicht mehr der Mittelschicht an.

Innerhalb der Mittelschicht schrumpfte vor allem die Personengruppe, die von den DIW-Forschen als "Durchschnittsverdiener" bezeichnet werden und ein Einkommen zwischen 90 und 110 Prozent des Median aufweisen. Diese Gruppe alleine ging in den vergangenen Jahren um fünf Prozentpunkte zurück. Entsprechend haben die Ränder der Einkommensverteilung an Bedeutung gewonnen.

Einen deutlichen Zuwachs verzeichnete das DIW bei den untersten Schichten. Personen mit einem Einkommen von weniger als 70 Prozent des Median machten 2006 über ein Viertel der gesamten Bevölkerung aus. Ihr Anteil ist seit 2000 um knapp sieben Prozentpunkte gestiegen.

Der Anteil der Personen mit einem verfügbaren Einkommen von mehr als 150 Prozent des Median lag im Jahr 2006 bei über einem Fünftel und war damit um rund zwei Prozentpunkte höher als 2000. Interessant hierbei ist, dass dieser Zuwachs sich "allein auf die Gruppe derer mit dem höchsten Einkommen (mehr als 200 Prozent des Median)" beschränkt. Diese machte 2006 rund 9 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Die Einkommen der oberen Hälfte der Einkommensbezieher sind schneller gewachsen als die der unteren Hälfte, die Einkommensungleichheit hat zugenommen Dies war in Westdeutschland wesentlich ausgeprägter als in den ostdeutschen Bundesländern.

Die DIW-Studie untersucht auch die so genannte Einkommensmobilität. Politiker, zuletzt der SPD-Vorsitzende Kurt Beck, sprechen gerne von Chancengleichheit und meinen damit, dass es jedem möglich ist, sozial und finanziell aufzusteigen. Dies hat sich laut der Studie zunehmend erschwert. Sie attestiert eine "klare Verfestigung der Einkommensschichten". "Stabil ist die Lage nur ganz unten", umschreibt dies Spiegel Online.

Während zwischen 1996 und 2000 "nur" rund 54 Prozent aller armutsgefährdeten Personen auch nach fünf Jahren noch in dieser Einkommensschicht waren, lag diese Quote für den Zeitraum zwischen 2002 und 2006 bei mehr als 66 Prozent. "Auch am oberen Rand der Einkommenshierarchie hat die Persistenz beachtlich - um fünf Prozentpunkte - auf rund 69 Prozent zugenommen." Die Einkommensstarken haben ihre Einkommensposition also in den letzten Jahren halten und zum Teil weiter ausbauen können.

Die Forscher sagen unmissverständlich, dass vor allem die Hartz-IV-Reform zum Schrumpfen der Mittelschicht geführt hat: "Das Risiko für Arbeitslosigkeit [war] deutlich größer, die Dauer der Arbeitslosigkeitsperioden länger und die Höhe von Lohnersatzleistungen durch die Einführung von Arbeitslosengeld II im Vergleich zur Arbeitslosenhilfe deutlich niedriger."

Langfristig führen die Forscher jedoch eine andere Entwicklung für das Schrumpfen der Mittelschichten an, nämlich "die Veränderung der Struktur der Erwerbstätigen". Im Jahr 2000 gingen noch knapp 64 Prozent einer abhängigen Vollzeitbeschäftigung nach. Sechs Jahre später hat sich dieser Anteil auf 55 Prozent verringert. Abhängig Beschäftigte in Teilzeit- oder geringfügiger Beschäftigung haben deutlich an Bedeutung gewonnen.

So ist es kaum verwunderlich, dass sich auch die persönlichen wirtschaftlichen Zukunftsaussichten, die ebenfalls in die Studie miteinbezogen worden sind, deutlich verdüstert haben. Der Anteil der Menschen, die sich "keine Sorgen" um ihre Zukunft machen, ist von über 40 Prozent in den 1980er Jahren auf rund 30 Prozent in den 1990er Jahren in Gesamtdeutschland gesunken. In den letzten beiden Jahren glaubten nur noch rund 23 Prozent, sich keine Sorgen machen zu müssen. Dies macht deutlich, dass immer weniger den Versprechungen der Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) Glauben schenken, der wirtschaftliche Aufschwung komme bei der Bevölkerung an.

Politische Implikationen

Die DIW-Studie bestätigt, was jeder wahrnimmt, der nicht mit ideologischen Scheuklappen durchs Leben schreitet. In den letzten Jahren sind zahlreiche Studien erschienen, die eine wachsende Einkommensungleichheit, Reallohnsenkungen für die meisten Beschäftigten, die Verarmung eines immer größer werdenden Bevölkerungsanteils - inzwischen gelten 17 Prozent der deutschen Bevölkerung als arm - sowie eine enorme Bereicherung am oberen Ende der Gesellschaft beschreiben.

Die von den DIW-Forschern untersuchte, rein ökonomisch definierte Mittelschicht umfasst Facharbeiter, mittlere Angestellte und die meisten Akademiker. Die ehemaligen fest angestellten Beschäftigten der Telekom, der Bahn, der Post und der Auto-, Metall-, Stahl-, Bergbau- und Chemieindustrie bildeten das Rückgrat der von der DIW als Mittelschicht definierten Bevölkerungsgruppe.

Gerade hier hat es aber in den letzten Jahren die größten Veränderungen gegeben. Industriearbeitsplätze sind zu Tausenden vernichtet oder in Leiharbeitsplätze umgewandelt worden. Viele frühere Facharbeiter der Großkonzerne finden sich inzwischen als Billiglöhner wieder.

Laut einem Bericht des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen arbeiteten 2006 rund 6,5 Millionen Menschen im Niedriglohnbereich: "Der Anteil von Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung am Niedriglohnbereich ist von 58,6 Prozent (1995) auf 67,5 Prozent (2006) deutlich gestiegen." Im Sozialbereich, der mit am Stärksten durch die Kürzungen der letzten Jahre betroffen war, werden inzwischen Monatsgehälter für Akademiker (Sozialpädagogen usw.) von unter 1.500 Euro brutto gezahlt.

Die großen deutschen Unternehmen kündigen pausenlos Massenentlassungen an, während sie gleichzeitig ständig neue Rekordgewinne verbuchen. Erst letzten Samstag analysierte die Frankfurter Rundschau die Bilanzen der 30 im Deutschen Aktienindex (Dax) gelisteten Unternehmen. "Im fünften Jahr in Folge steigen die Gewinne der Dax-Unternehmen zweistellig", schreibt die Zeitung. Sie verbuchten im vergangenen Jahr nach Steuerabzug 73,8 Milliarden Euro Profit, 14 Milliarden oder 23,2 Prozent mehr als 2006.

Viele Unternehmen zahlten 2007 trotz höherer Gewinne weniger Steuern als im Vorjahr. Bei der Deutsche Bank waren es trotz Gewinnsteigerung 100 Millionen Euro weniger. Zu verdanken ist dies der Unternehmenssteuerreform von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), die schon vor Inkrafttreten im Januar 2008 für die Entlastung der Großkonzerne sorgte.

30,5 Milliarden Euro werden in diesem Jahr an die Aktionäre in Form von Dividenden gezahlt. Die Telekom schüttet sogar mehr aus, als sie an Gewinn ausweist! Unnötig zu erwähnen, dass die Bezüge der Vorstände erneut gestiegen sind, und zwar um 15 Prozent. 2007 verdiente ein Vorstandsvorsitzender eines Dax-Unternehmens im Schnitt 10.000 Euro - am Tag!

In diesen Steigerungen sind die Bezüge der bestbezahlten Manager - Josef Ackermann von der Deutschen Bank und Wolfgang Reitzle von Linde - noch nicht einmal mit berücksichtigt, da für sie noch keine aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2007 vorliegen.

Der Niedergang der Mittelschicht hat politische Kreisen alarmiert. In einer Fußnote berichten die DIW-Experten, dass das Schrumpfen der Mittelschicht in den 1980er Jahren schon in den USA und Großbritannien beobachtet werden konnte. "Hier ergaben sich aber reale Einkommenszuwächse auch für die Mittelschicht, wohingegen in Deutschland die Mittelschicht seit 2003 reale Einkommensverluste realisiert."

In Deutschland hat sich also in wenigen Jahren eine Entwicklung Bahn gebrochen, die in den USA und Großbritannien Jahrzehnte brauchte. Denn inzwischen sinken natürlich auch dort die Einkommen der Mittelschicht.

Dies hat weit reichende politische Implikationen. Die Spiegel Online -Redaktion, die als erste über die Studie berichtete, leitete ihren Artikel mit der Warnung ein: "Einer der Stützpfeiler der sozialen Marktwirtschaft gerät ins Wanken. Ausgerechnet die Mittelschicht, die wie keine andere soziale Gruppe Deutschland nach dem Krieg geprägt hat, leidet unter akuter Auszehrung."

Das gesamte Gefüge der Gesellschaft gerät durcheinander. Wenn DIW-Experte Joachim Frick im Interview über seine Studie mit der Zeitschrift Stern behauptet: "Den Menschen muss klar sein, dass die ‚goldenen Jahre’ endgültig vorbei sind", spricht daraus der Wunsch, die Bevölkerung möge sich damit abfinden. Denn Millionen Menschen erleben tagtäglich, dass einer der großen Kerngedanken der deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht mehr gilt, dass nämlich ein Anwachsen der Wirtschaft auch ein Anwachsen der Löhne und Gehälter mit sich bringt. Heute ist das Gegenteil der Fall.

Wie soll man aber dann sein Einkommen und das seiner Familie sichern? Mehrarbeit? Die tatsächlichen Arbeitszeiten sind in den letzten Jahren schon gestiegen, ohne einen positiven Einfluss auf die Einkommen nach sich zu ziehen. Auch die verstärkte Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt hat nicht zur Verbesserung der Einkommenssituation von Familien geführt. Weiterbildung? Selbst ein akademischer Abschluss ist kein Garant mehr auf ein ausreichendes Einkommen. Schulden machen? Die Verschuldung der Bevölkerung steigt schon jetzt dramatisch.

Gegenwärtig beginnen viele Beschäftigte, sich der Methode zu bedienen, mit der sie sich in der Vergangenheit gegen eine Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen gewehrt haben - des Arbeitskampfs. Die anschwellende Streikbewegung der letzten Woche ist ein klares Anzeichen dafür. Die DIW-Experten weisen zum Schluss ihrer Studie ausdrücklich darauf hin: "Die aktuellen Forderungen nach deutlichen Tarifsteigerungen erscheinen vor dem Hintergrund der objektiven Realeinkommensverluste der letzten Jahre sowie der subjektiv empfundenen Unzufriedenheit mit dem Einkommen und der zunehmenden Unsicherheit - insbesondere der Mittelschicht - nachvollziehbar."

Gleichzeitig warnen die DIW-Forscher vor hohen Lohnabschlüssen, die angeblich das Risiko zunehmender Arbeitslosigkeit mit sich bringen. Dies ist die typische Argumentation der Arbeitgeber, der sich schon seit langem auch die Gewerkschaften angeschlossen haben.Diese haben so den finanziellen Niedergang bis weit hinein in die mittleren Einkommensschichten erst möglich gemacht.

In den laufenden und kommenden Arbeitskämpfen wird sich erweisen, dass neben individuellen Methoden, seinen Lebensstandard zu verteidigen, auch die traditionelle Methode des gewerkschaftlichen Kampfs versagt. Die arbeitende Bevölkerung wird gezwungen sein, sich dem sozialen und politischen Kampf gegen das kapitalistische System zuzuwenden. In dieser politischen Implikation liegt die wahre Brisanz der DIW-Studie.

——————————————————

Anmerkung

1) Zur Grundlage werden dabei die "bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen" genommen. Bedarfsgewichtet heißt, dass der Haushaltvorstand mit dem Faktor 1, alle weiteren Erwachsenen eines Privathaushalts mit dem Faktor 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit dem Faktor 0,3 gewichtet werden. Ein Beispiel: 1999 lag der Median bei rund 16.000 Euro pro Jahr. Eltern mit zwei Kindern unter 14 Jahren, deren Einkommen an dieser Grenze lag, hatten also ein jährliches Haushaltsnettoeinkommen von 16.000 Euro mal den Faktor 2,1 (1 + 0,5 + 0,3 + 0,3), also 33.600 Euro. Oder anders ausgedrückt: 50 Prozent der Einkommensbezieher, die in einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lebten, hatten mehr als 33.600 Euro jährliches Haushaltsnettoeinkommen, die andere Hälfte weniger. (Die Studie ist im Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 10/2008 nachzulesen: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/79586/08-10-1.pdf)

Siehe auch:
Die Streikbewegung im Öffentlichen Dienst erfordert eine neue politische Perspektive
(8. März 2008)