Ein kritischer Blick auf den Tarifabschluss in der Stahlindustrie

Von Elisabeth Zimmermann
4. März 2008

Die Verhandlungskommission der IG Metall einigte sich mit den Vertretern der Stahlkonzerne in einer Nachtsitzung vom 19. auf den 20. Februar auf eine Lohnerhöhung von 5,2 Prozent ab 1. März 2008. Für den Februar wurde eine Einmalzahlung von 200,- Euro vereinbart, die Auszubildenden erhalten ab Februar 70 Euro mehr Vergütung im Monat. Der Tarifvertrag hat, wenn man den Februar mitrechnet, eine Laufzeit von 14 Monaten und endet am 31. März 2009. Vor der Vereinbarung beteiligten sich zwischen dem 1. und 19. Februar 39.000 Stahlarbeiter in Nordrhein-Westfalen, Niedersachen und Bremen an massiven Warnstreiks.

Die IG Metall hatte ursprünglich 8 Prozent Lohnerhöhung für die Beschäftigten in der Stahlindustrie, 100 Euro mehr pro Monat für Auszubildende und zusätzliche freie Tage für Arbeiter, die über 50 Jahre alt sind, gefordert.

Kurz vor dem Verhandlungsergebnis und während sich noch Tausende Stahlarbeiter für die Forderung nach 8 Prozent Lohnerhöhung in Warnstreiks befanden, hatten sowohl der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber als auch der Verhandlungsführer der IG Metall in Nordrhein-Westfalen Oliver Burkhard in Zeitungsinterviews erklärt, dass mindestens eine Fünf vor dem Komma stehen müsse. Burkhard drohte darüber hinaus mit einem unbefristeten Streik, falls die Arbeitgeber der Stahlindustrie versuchen sollten, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen.

Vertreter der IG Metall, gewerkschaftsnahe Wirtschaftsinstitute und Teile der Medien lobten den Abschluss als den besten, der seit 15 Jahren in der Stahlindustrie erreicht wurde und sprachen ihm eine Signalwirkung für andere Branchen zu.

Vertreter der Unternehmerverbände wie der Präsident der Arbeitgeberverbände Dieter Hundt warnten dagegen, dass dieser Tarifabschluss auf keinen Fall auf andere Wirtschaftszweige übertragbar sei. Außer des derzeitigen Auftragsbooms in der Stahlindustrie aufgrund der weltweit hohen Nachfrage würden die Lohnkosten bei der Stahlproduktion nur noch 9 Prozent ausmachen, während sie beispielsweise in der Metallindustrie durchschnittlich bei 16 Prozent liegen.

Angesichts der derzeit vollen Auftragsbücher in der Stahlindustrie erklärte der Verhandlungsführer der Stahlkonzerne, Helmut Koch, die Zustimmung zu dem ausgehandelten Ergebnis: "Ein flächendeckender Streik hätte betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich verheerende Auswirkungen gehabt. Die Auswirkungen eines Streiks wären gravierender Art gewesen für Betriebe und die weiterverarbeitende Industrie." (zitiert in der netzeitung vom 20. Februar 2008) Außerdem mildere die Gesamtlaufzeit von 14 Monaten die hohe Zahl des Abschlusses etwas ab. Runtergerechnet auf 12 Monate bleiben 4,46 Prozent Lohnerhöhung übrig.

Der Vorstandschef des Branchenführers ThyssenKrupp Steel, Karl-Ulrich Köhler, erklärte gebenüber der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Regionalzeitung des Ruhrgebiets) vom 21. Februar, sein Unternehmen könne mit dem Ergebnis leben. "Unter Abwägung aller Faktoren ist das noch ein akzeptables Ergebnis."

Wenige Tage nach dem Abschluss für die 85.000 Beschäftigten der nordwestdeutschen Stahlindustrie wurde das Tarifergebnis auch für die ostdeutschen Stahlarbeiter übernommen. Auch dort hatten sich unter anderen 1.300 Arbeiter des Unternehmens Arcelor-Mittal in Eisenhüttenstadt an den Warnstreiks beteiligt. Für die Beschäftigten der Stahlindustrie im Saarland folgen die Verhandlungen laut IG Metall mit einem zeitlichen Abstand von drei Monaten.

Während angesichts jahrelanger Lohnzurückhaltung von Seiten der Gewerkschaften und allgemein sinkender Reallöhne der Tarifabschluss in der Stahlindustrie auf den ersten Blick nicht schlecht aussieht, relativiert sich das Ergebnis bei genauerer Betrachtung der Bedingungen der Stahlarbeiter.

Die Löhne und Gehälter der Stahlarbeiter sind inzwischen seit Jahrzehnten erheblich niedriger als in der Metall- und Elektroindustrie, sofern überhaupt Tariflöhne bezahlt werden und diese nicht durch betrieblich vereinbarte Ergänzungstarifverträge und die Einführung von ERA (Entgeltrahmenabkommen) in den letzten Jahren eingefroren oder gesenkt wurden.

In der Stahltarifrunde vor drei Jahren erklärte der damalige IGM-Vorsitzende Jürgen Peters im Mai 2005: "Als es den Unternehmen in den letzten Jahren schlecht ging, haben die Kolleginnen und Kollegen zurück gesteckt. Nicht immer freiwillig und oftmals mit der Faust in der Tasche.", beschrieb Peters damals die enge Zusammenarbeit der IG Metall mit den Unternehmen gegen die Beschäftigten inmitten des schon damals stattfindenden Stahlbooms. Das Ergebnis so Peters sei, dass ein Facharbeiter "trotz Schichtarbeit unter erschwerten Bedingungen heute monatlich im Durchschnitt gerade mal auf 1.900 Euro brutto" komme. Einen Tag später schloss die IG Metall mit einer Lohnerhöhung von 3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 17 Monaten ab!

Diese Abkoppelung von der Lohn- und Gehaltsentwicklung in der Metallindustrie hängt eng mit dem Niedergang der Stahlindustrie in Europa in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren zusammen. Gewerkschaften und Betriebsräte arbeiteten bei der Schließung und Stilllegung von zahlreichen Werken und der Vernichtung von Hunderttausenden Arbeitsplätzen eng mit den Unternehmen zusammen. 1961 produzierten über 420.000 Beschäftigte 33 Millionen Tonnen Rohstahl. Heutzutage arbeiten in der Stahlindustrie in West- und Ostdeutschland etwa 92.000 Arbeiter, um rund 45 Millionen Tonnen Stahl im Jahr herzustellen. Gleichzeitig verschlechterten sich die Löhne und Arbeitsbedingungen für die verbliebenen Arbeiter immer mehr.

Die aus den Krisen der letzten Jahrzehnte übrig gebliebenen Stahlproduzenten wie ThyssenKrupp Steel und Arcelor-Mittal überlebten durch zahlreiche Fusionen und Rationalisierungen. Die in den letzten Jahren weltweit hohe Nachfrage nach Stahl und Stahlprodukten lässt zudem die Gewinne sprudeln.

Von den hohen Gewinnen profitieren ausschließlich die Aktionäre und Vorstände. In den letzten Jahren sind die Gewinne und die Dividenden der Stahlaktienbesitzer um etwa 20 bis 30 Prozent gestiegen.

Bei ThyssenKrupp wurden die Vorstandsvergütungen 2004 um durchschnittlich 39 Prozent heraufgesetzt. Im letzten Jahr konnte der ThyssenKrupp-Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz seine Vergütung erneut um über eine halbe Million Euro - oder rund 15 Prozent - auf mehr als 4 Millionen Euro im Jahr erhöhen. Gemeinsam striche die Mitglieder des Vorstands im Geschäftsjahr 2006/2007 25,4 Millionen Euro ein, rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

ThyssenKrupp steigerte seinen Gewinn vor Steuern im Geschäftsjahr 2006/2007 um 27 Prozent auf 3,33 Milliarden Euro. Das ist inzwischen der fünfte Rekordgewinn in Folge. Den Umsatz verbesserte ThyssenKrupp um zehn Prozent auf 51,7 Milliarden Euro. Die Aktionäre sollen eine 30 Prozent höhere Dividende als im Vorjahr erhalten.

Der weltgrößte Stahlhersteller Arcelor-Mittal macht jedes Quartal einen solchen Gewinn, nämlich fast 5 Milliarden Dollar. Den Gewinn für das gesamte Jahr 2007 gab Arcelor-Mittal mit 19,4 Milliarden Dollar (oder 12,8 Milliarden Euro) an. Der Konzern kündigte an, insgesamt 4,4 Milliarden Doller (2,9 Milliarden Euro) an die Aktionäre zu verteilen.

Diese hemmungslose Bereicherung der Manager und Aktionäre wollten die Unternehmen nicht durch einen Streik gefährden. Dies ist ein wesentlicher Grund des Abschlusses von 5,2 Prozent. Ein weiterer, nicht offen ausgesprochener Grund, für den schnellen Abschluss dürfte die Entschlossenheit der IG Metall-Führung gewesen sein, das Zusammentreffen eines Arbeitskampfs der Stahlarbeiter mit den Tarifauseinandersetzungen der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst zu vermeiden.

Der Tarifabschluss hatte also überhaupt nichts mit der "Kampfbereitschaft der IG Metall" zu tun, wie Gewerkschaftsfunktionäre behaupten. Diese haben in der Vergangenheit eng mit den Unternehmen zusammengearbeitet - der letzte Arbeitskampf in der westdeutschen Stahlindustrie liegt bereits fast 30 Jahre zurück - und werden dies auch in Zukunft tun.

Der Boom in der Stahlbranche wird insbesondere durch die hohe Nachfrage in China, Indien, Brasilien und Russland getragen. Allein in diesen Ländern soll der Stahlverbrauch in diesem Jahr um bis zu 13 Prozent wachsen, prognostiziert der Weltstahlverband.

Diese Entwicklung kann sich aber auch abrupt wieder ändern, da sich China in den letzten Jahren durch den Aufbau von Tausenden Stahlwerken von einem Stahlimporteur zum -exporteur entwickelt hat.

Wenn dann wieder die Gewinne sinken oder gar einbrechen, werden die IG Metall und die Unternehmen wieder die Belegschaften um "ihren Beitrag" bitten. Dann sind weitere Reallohnsenkungen, eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzabbau zu befürchten. Doch während ein Teil des Arbeitsplatzabbaus in der Stahlindustrie in den 1980er/1990er Jahren über Vorruhestandsregelungen organisiert wurde, gibt es diese Möglichkeit für die älteren Arbeiter in den Stahlbetrieben heute nicht mehr.

Im Zusammenhang mit den Arbeitsmarkreformen der rot-grünen Regierung, bekannt und verhasst unter den Namen "Agenda 2010" und "Hartz IV", wurden die Möglichkeiten für Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen bereits stark eingeschränkt. Unter der Regierung der großen Koalition aus CDU und SPD preschte der inzwischen von seinen Ämtern zurückgetretene Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) mit der Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre vor, die Vorruhestandsregelungen praktisch unmöglich macht, da sie mit drastischen Senkungen der Rentenbezüge verbunden wären.

Ältere Arbeiter, die in der Stahlindustrie seit Jahrzehnten in Contischicht arbeiten (ständiger Wechsel von Früh-, Mittag- und Nachtschicht, auch an Wochenenden und Feiertagen), sind extremen physischem und psychischem Stress ausgesetzt. Noch enttäuschender für die älteren Arbeiter in den Stahlbetrieben - die über 50jährigen machen in den meisten Werken inzwischen ein Drittel der Belegschaften aus - ist daher die Tatsache, dass die Forderung nach einer Erleichterung ihrer Bedingungen durch mehr freie Tage pro Jahr völlig unter den Tisch gefallen ist.

Die älteren Stahlarbeiter fragen sich heute zunehmend, wer und wie viele von ihnen das gesetzliche Rentenalter überhaupt erreichen werden. Diese Sorge wird noch dadurch verstärkt, dass zum Beispiel allein in Duisburg, dem größten Produktionsstandort von ThyssenKrupp Stahl, fast wöchentlich Todesanzeigen von Stahlarbeitern im Alter von knapp unter oder über fünfzig Jahren in lokalen Zeitungen zu finden sind. In der Regel haben sie seit ihrem 16., 17. oder 18. Lebensjahr in den Stahlbetrieben gearbeitet.

Es ist nicht genau zu ermitteln, für wie viele Stahlarbeiter der Verzicht der IG Metall auf die Forderung nach mehr Urlaubstagen für Über-50jährige tödlich enden wird. Während allein die gesundheitsschädliche Auswirkung der Schichtarbeit und da vor allem der Nachtschicht bereits wissenschaftlich erforscht und unbestritten ist, existiert in Deutschland keine genauere Untersuchung zum Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung von Stahlarbeitern und der gefährlichen Arbeitsbedingungen und giftigen Stoffe, die bei der Stahlerzeugung und -verarbeitung zum Einsatz kommen und offensichtlich zu einer überdurchschnittlich hohen Zahl von Krebserkrankungen bei Beschäftigten in diesem Bereich beitragen. In den USA gibt es solche Untersuchungen. Dort beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Stahlarbeiters 56 Jahre.