Papstvisite in USA

Medien, Weißes Haus und Kongress begrüßen Sprecher des religiösen Obskurantismus

Von Patrick Martin
29. April 2008

Es war ein Zeichen des tiefen Verfalls der amerikanischen Demokratie. Denn als der Präsident der Vereinigten Staaten letzte Woche den römisch-katholischen Pontifex empfing, bestand eine Hauptbefürchtung der offiziellen Vertreter in Washington darin, dass der Repräsentant dieser 2000 Jahre alten, tief reaktionären Institution, mit seiner Abneigung gegen Wissenschaft und menschlichen Fortschritt, die US-Regierung von links kritisieren könnte.

Doch es wurde schnell klar, dass die Bush-Administration von Benedict XVI nichts zu befürchten hatte. Weder in Washington oder New York City, noch bei einem offiziellen Empfang im Weißen Haus äußerte sich der Papst zu den von der US-Regierung begangenen Verbrechen: Dem Krieg in Irak und Afghanistan, der zeitlich unbegrenzten Inhaftierung und Folter von Gefangenen in Guantanamo, geheimen vom CIA unterhaltenen Gefängnissen und dem unerbittlichen Festhalten der Regierung an der Todesstrafe.

Stattdessen führte Bush eine politische Farce auf, als er Benedict als "Mann des Friedens" und "Anwalt der Schwächsten und Bedürftigen" bezeichnete.

Der US-Präsident fühlte seine ideologische Seelenverwandtschaft mit dem Papst. "In einer Welt, in der einige nicht länger glauben, dass wir noch zwischen dem Guten und dem Bösen unterscheiden können, brauchen wir Ihre Botschaft, um der Diktatur des Relativismus zu widerstehen" sagte er.

Der Anstifter der illegalen Invasion und Besetzung des Iraks, die mehr als eine Million Irakern und Tausenden Amerikanern das Leben kostete, fuhr fort: "In einer Welt, in der einige das Leben nicht mehr achten, brauchen wir Ihre Botschaft, dass alles menschliche Leben heilig ist."

Der sechstägige Besuch war auf übertrieben unterwürfige Art und Weise von ausführlicher Berichterstattung der amerikanischen Medien begleitet. Die einzigen "negativen" Berichte waren die Einzelheiten zum Missbrauchsskandal in den tausende von amerikanischen Priestern verwickelt sind.

Da es zu Demonstrationen oder zu Zusammenstößen mit Missbrauchsopfern hätte kommen können, war der Papst gezwungen die Probleme mehrfach direkt anzusprechen.

Der offizielle Charakter des Papstbesuches und die massive Begleitung der Medien dienen einem wichtigen politischen Ziel der amerikanischen Führungselite.

Er soll helfen, die Rolle der Religion in der amerikanischen Öffentlichkeit zu stärken und die die traditionelle Trennung von Kirche und Staat zu unterhöhlen, die ein wichtiges Bollwerk für die demokratischen Rechte ist.

Neben dem Empfang im Weißen Haus wurde vom Kongress eine feierliche Resolution angenommenen - allerdings erst nach einem kurzen Streit, der die Streichung eines Lobes für den Anti-Abtreibungsstandpunkt des Papstes erzwang. Am Tag der Messe im Washingtoner National Baseball Park, an dem über 100 Senatoren und Kongressabgeordnete teilnahmen, stellte der Capitol Hill kurzzeitig seine Tätigkeit praktisch ein.

In seinen Botschaften in Washington und New York City war eines der Hauptthemen des Papstes die Verteidigung der Autorität der römisch-katholischen Doktrin gegen den, wie er es nannte, "subtilen Einfluss des Säkularismus", womit der Papst jede Opposition gegen Obskurantismus in Bereichen wie Abtreibung, Zeugung, Ehe und Familie meinte.

In seiner Ansprache vor katholischen Bischöfe in der Basilika des Nationalen Schreins der Unbefleckten Empfängnis in Washington (National Shrine of the Immaculate Conception) warnte er: "Wie überall gibt es auch in den Vereinigten Staaten in der gegenwärtigen und angekündigten Gesetzgebung sehr viel moralisch Bedenkliches.

Damit bezog er sich auf Themen wie Abtreibung, Rechte für Homosexuelle und Stammzellenforschung. In diesen Bereichen versucht die katholische Kirche mit fast subversiven Methoden ihre Lehren durch politische Agitation durchzusetzen. Jüngstes Beispiel ist Spanien, wo kürzlich katholische Bischöfe eine Bewegung unterstützten, um die Regierung der Sozialistischen Partei von Ministerpräsident Zapatero zu stürzen, bis jetzt ohne Erfolg.

Der Papst betonte: "Jeder Versuch, Religion als eine Privatangelegenheit zu behandeln, muss bekämpft werden." Diese Behauptung hat bemerkenswerte Auswirkungen. Sie bestreitet ernsthaft die Prinzipien, auf denen die Vereinigten Staaten gegründet wurden: Nämlich Religionsfreiheit und staatliche Neutralität dem Glauben gegenüber. Sie setzt sich stattdessen dafür ein, die römisch-katholische Lehre überall dort, wo es möglich ist, durch die Macht der Gesetze zu kodifizieren.

In einer separaten Botschaft an die Vertreter katholischer Schulen und Universitäten forderte Benedict eine stärkere Einhaltung der kirchlichen Lehre und versicherte: "Jede Berufung auf das Prinzip der akademischen Freiheit, um Positionen zu rechtfertigen, die dem Glauben und den Lehren der Kirche widersprechen, würde den Zielen und der Identität der Universität zuwiderlaufen oder sie sogar verraten."

Das war nicht nur eine Aufforderung, an die Professoren und Theologen an katholischen Schulen, die traditionell nicht der Autorität der amerikanischen Bischöfe unterstehen, die Richtlinien des Vatikans zu befolgen. Es war auch eine verklausulierte Kritik an denjenigen katholischen Schulen, die Veranstaltungen und öffentliche Events für meistens demokratische politische Kandidaten erlaubten. Diese Politiker stehen für das Recht auf Abtreibung und für die Homo-Ehe ein.

Kardinal Joseph Ratzinger war, bevor er 2005 Papst wurde, für seine Rolle als Einpeitscher der orthodoxen Doktrinen unter seinem Vorgänger Johannes Paul II. bekannt. Man nannte ihn deswegen "Gottes Rottweiler". Er leitete die systematische Säuberung der katholischen Hierarchie von jeglicher Spur von Liberalismus oder Sympathie für soziale Kämpfe.

In seiner Rolle als Regierungschef der Vatikanstadt, die Mitglied der UNO ist, sprach er am Samstag vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen und warnte, dass die moderne Technologie und Wissenschaft mit Fortschritten wie beim Klonen und der Stammzellenforschung eine Gefährdung der "natürlichen Ordnung" riskiere.

Er stellte in Frage, dass die Menschenrechte auf internationales Recht und Verfassungsprinzipien begründet sein sollten, weil sie nicht vom Menschen, "sondern durch die Naturgesetze begründet und im menschlichen Herzen eingeprägt sind." Jedoch machte sich der Pontifex nicht die Mühe, seine bekundete Ehrfurcht vor den Menschenrechten mit der langen Geschichte der Unterstützung repressiver Diktaturen durch die katholische Hierarchie in Einklang zu bringen, die den Reichtum der Kirche sicherten. Die Kirche war viele Jahrhunderte lang der größte Großgrundbesitzer der Welt.

In seiner Ansprache an die Vereinten Nationen unterstützte Benedict die Doktrin "humanitärer Interventionen", die von Befürwortern einer stärkeren UN-Rolle in Darfur vorgeschlagen wird und von den Amerikanern benutzt wird, um zumindest rückblickend, ihre Invasion und Besetzung des Iraks zu rechtfertigen.

"Es ist die vornehmste Pflicht jedes Staates, seine eigene Bevölkerung vor schweren systematischen Angriffen auf die Menschenrechte zu beschützen", erklärte er.

"Wenn ein Staat nicht in der Lage ist, diesen Schutz zu garantieren, muss die internationale Gemeinschaft mit den juristischen Instrumenten eingreifen, die die UN-Charta und andere internationale Institutionen bieten."

Der Papst widersprach dem Argument, dass eine derartige internationale Intervention "ein nicht gerechtfertigter Eingriff oder eine Verletzung von Souveränität bedeute" und fügte hinzu: "Im Gegenteil, Gleichgültigkeit oder das Unterlassen von Intervention ist wirklich schädlich."

Nur zwei Tage nach Benedicts öffentlicher Verbrüderung mit George W. Bush und seinem völligen Schweigen zu den amerikanischen Kriegsverbrechen im Irak war diese Bemerkung über "das Versagen zu intervenieren" als dem größeren Übel eine eindeutige politische Aussage.

Der Papst musste sich bei seinem Besuch einer großen institutionellen Krise widmen: dem langjährigen Skandal sexuell missbrauchter Kinder durch tausende römisch-katholische Priester. Diese Dimension des Besuchs brachte ihm erneut die Bewunderung der Medien ein war ein Schauspiel ideologischer Reaktion.

Benedict, der in der Zeit, als er Papst Johannes Paul II diente, Opfern von sexuellem Missbrauch die kalte Schulter zeigte, wurde von der Presse als warmherzig und mitfühlend mit ihrem Leiden porträtiert. An Bord seines Privat-Jets auf dem Weg in die USA bedauerte der Papst jedoch nur den Schaden den die Kirche erlitt, nicht den der Opfer. Die katholische Kirche der USA hat an 13.000 Opfer mehr als zwei Milliarden Dollar Schadensersatz gezahlt, davon alleine die Diözese Los Angeles 660 Millionen Dollar. Manche Diözesen waren gezwungen, in Konkurs zu gehen.

Das nicht-öffentliche Treffen des Papstes mit fünf Missbrauchsopfern wurde von offizieller Seite der Kirche und den Medien als großer Durchbruch gefeiert, obwohl die fünf Opfer von der Bostoner Erzdiözese sorgfältig ausgewählt wurden, um ein relativ harmonisches Treffen zu garantieren. Ein Sprecher der Erzdiözese sagte, die fünf Opfer hätten "in ständiger Verbindung" zu Angehörigen der Erzdiözese gestanden und "haben sehr engagiert mitgearbeitet". D.h. sie blieben loyal gegenüber der Kirchenhierarchie, obwohl der Vatikan Kardinal B. Law weiter verteidigte. Als Bostoner Erzbischof schützte Law straffällige Priester und erlaubte ihnen, wenn sie erwischt wurden, von Gemeinde zu Gemeinde zu wechseln, anstatt sie aus dem Priesteramt zu entlassen.

Benedict versuchte den Missbrauchsskandal mehr mit der exzessiven sexuellen Tabufreiheit der modernen Kultur zu erklären, als mit dem repressiven Priesterzölibat, den es nur in der katholischen Kirche gibt.

Ähnliche Missbrauchsfälle wurden auch in anderen Ländern registriert, so in Polen, Mexiko, Irland und Österreich. Das bedeutet, dass der gemeinsame Nenner nicht die Kultur spezieller Länder, sondern die vorherrschende Atmosphäre innerhalb der katholischen Kirche als Institution ist.

Vor sechs Jahren, als der Missbrauchsskandal in den USA große Aufmerksamkeit auf sich lenkte, schrieb die World Socialist Web Site : "Jeder Aspekt dieser durch sexuellen Missbrauch ausgelösten Krise - der Schmerz und das Leiden der Opfer, das Elend und die gestörte Sexualität der Priester, die Boshaftigkeit der Kirchenfunktionäre - deuten auf eine kranke Institution hin, deren Praktiken und Lehren elementaren menschlichen Bedürfnissen zuwider laufen und unvermeidlich ungesunde psychisch-sexuelle Bedingungen schaffen. Das eigentliche Wesen der katholischen Kirche ist ein Hohn auf die moderne Gesellschaft."

Siehe auch:
Die Gründe für den verbreiteten sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche
(2. Mai 2002)

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