Erfolgreiche Vortragsreihe der ISSE an sechs deutschen Universitäten

Von unserem Korrespondenten
23. Juli 2008

Unter dem Titel "1968: Die Lehren für heute" führte die ISSE (International Students for Social Equality) in den vergangen Wochen eine sehr erfolgreiche Veranstaltungsreihe an deutschen Universitäten durch. Insgesamt nahmen mehr als 250 Studenten und Arbeiter an den Diskussionsveranstaltungen in Frankfurt, Berlin, Essen, Leipzig, Karlsruhe und Würzburg teil.

Im Vorfeld hatten Mitglieder der ISSE tausende Flugblätter auf den Campi verteilt und hunderte Plakate aufgehängt. In dem Aufruf zur Veranstaltung wurde herausgestellt, dass es sich bei der Bewegung von 1968 nicht einfach um eine deutsche Studentenrevolte gehandelt hat, sondern um eine internationale Offensive der Arbeiter, die den Kapitalismus in seinen Grundfesten erschütterte. Im Zentrum stand die Frage, welche Lehren man aus den Ereignissen vor vier Jahrzehnten für heute ziehen kann.

Die Veranstaltungen wurden mit einem Vortrag von Peter Schwarz eröffnet. Schwarz ist Mitglied der internationalen Redaktion der WSWS und des Vorstandes der Partei für Soziale Gleichheit (PSG). Er widmete sich zunächst der Frage, weshalb die Ereignisse von 1968 heute ein so breites Echo hervorrufen, wie zu keinem anderen Jahrestag. Angesichts der enormen sozialen Polarisierung, dramatischer Verschärfung der internationalen Finanzkrise, Ausdehnung von Kriegen und wachsender Aufrüstung nehme der Unmut in der Bevölkerung ständig zu und es kündige sich eine breite Bewegung von unten an, wie am Ende der sechziger Jahre. "Das ist der Hauptgrund für das Interesse, das die Ereignisse von 1968 heute finden." sagte Schwarz "Sie könnten sich in anderer Form wiederholen. Die herrschende Elite versucht, sich darauf vorzubereiten, und auch wir sollten die Lehren aus den damaligen Ereignissen ziehen und uns unsererseits vorbereiten."

Im ersten Teil seines Vortrags beschäftigte sich Schwarz dann mit den Ereignissen des Mai/Juni 68 in Frankreich. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich aus relativ harmlosen Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Regierung die breiteste Streikbewegung der Geschichte des Landes, die die Herrschaft General de Gaulles ernsthaft in Frage stellte. Etwa zehn Millionen Arbeiter beteiligten sich an dem Ausstand. Die Regierung war gelähmt und die Gewerkschaften hatten die Kontrolle über die Bewegung verloren.

Das Schicksal de Gaulles und seiner Regierung lag in diesen Maitagen des Jahres 1968 in den Händen der Kommunistischen Partei und der von ihr kontrollierten Gewerkschaft CGT. Sie waren es, die de Gaulle das politische Überleben ermöglichten und die Fünfte Republik retteten. Am 27. Mai schlossen sie mit der Regierung das Abkommen von Grenelle, das Lohnerhöhungen und die Verankerung der Gewerkschaften in den Betrieben vorsah. Obwohl KPF und CGT zur Wiederaufnahme der Arbeit aufriefen, blieben die Arbeiter im Streik. Erst als de Gaulle am 30. Mai Neuwahlen ankündigte, gewannen KPF und CGT wieder etwas an Boden.

Schwarz schilderte die Situation sehr anschaulich: "Die CGT verwendet nun ihre ganze Energie darauf, die Streiks und Besetzungen noch vor dem Wahltermin zu beenden", erklärte er. "Das gelingt ihr zwar nur mit Mühe. Aber nach und nach bröckelt die Streikfront ab, Belegschaften kehren nach dem Abschluss von Betriebsvereinbarungen an die Arbeit zurück, die militantesten Teile werden isoliert, die Polizei beginnt mit der Räumung der Universitäten. Das Land kommt zwar auch in den folgenden Monaten und Jahren nicht zur Ruhe. Doch die Gelegenheit, die politische Macht zu ergreifen, haben die Arbeiter versäumt."

In den ersten Maiwochen war das rechte gaullistische Lager noch völlig gelähmt und isoliert. Doch nun gewinnt es dank der Hilfe von KPF und CGT nach und nach die Initiative und sein Selbstvertrauen zurück. Die Gaullisten führen einen Wahlkampf der Angst und gehen offensiv gegen Arbeiter und Studenten vor. Am 31. Mai wird Innenminister Christian Fouchet durch Raymond Marcellin abgelöst. Schon zuvor war das staatliche Fernsehen einer massiven Zensur unterworfen und ausländische Kanäle, die über Demonstrationen und Streiks berichtet hatten, gesperrt worden. Marcellin hat dann am 12. Juni sämtliche Straßendemonstrationen verboten, zahlreiche linke Gruppen und Parteien aufgelöst und mehr als 200 "verdächtige" Ausländer des Landes verwiesen.

"Die Wahl gerät für die Linke zum Desaster." resümiert Schwarz, "Die Gaullisten erobern 59 Prozent der Mandate, Mitterrands FGDS und die KPF zusammen nur 19. Vor allem das konservative Land hat mit großer Mehrheit für die Rechten gestimmt. Zwei Monate nach Beginn der revolutionären Krise hat die herrschende Elite die Macht wieder im Griff. Sie hat nun Zeit, de Gaulle in Ruhe abzulösen und einen neuen politischen Mechanismus zu entwickeln, mit dem sie die Arbeiterklasse in den kommenden Jahrzehnten unter Kontrolle halten und ihre Herrschaft absichern kann: die Sozialistische Partei, deren Führung Mitterrand 1971 übernimmt."

Organisationen wie die LCR oder die OCI, aber auch anarchistische und maoistische Gruppen sind einer Auseinandersetzung mit der KPF aus dem Weg gegangen. Anstatt die KPF herauszufordern und für eine revolutionäre Perspektive unter den Arbeitern zu kämpfen, haben sie die Stalinisten weitestgehend in Ruhe gelassen und die Arbeiter selbst abgeschrieben.

Im zweiten Teil seines Vortrags untersuchte Schwarz ausgehend von der Studentenbewegung in Deutschland die Theorien der Neuen Linken und insbesondere der Frankfurter Schule. Er erklärte: "Der Begriff ‚Neue Linke‘ grenzt sie von der ‚alten Linken‘ ab, unter der sie Sozialdemokratie und Stalinismus versteht. Bezeichnenderweise ignoriert sie die trotzkistische Opposition gegen den Stalinismus. Trotzki hatte den Stalinismus vom Standpunkt des klassischen Marxismus kritisiert. Er wies nach, dass die stalinistische Bürokratie den Marxismus verfälschte und den Sozialismus verriet. Die Neue Linke warf dem Stalinismus dagegen Dogmatismus vor - und machte damit den klassischen Marxismus selbst für die stalinistische Entartung verantwortlich."

Die Theorien der Neuen Linken hatten mit Marxismus nicht mehr viel gemein. So betonen sie eher die Entfremdung, die sie vor allem psychologisch verstehen, als die Ausbeutung. Daraus folgt, dass sie den Prozess der Befreiung nicht primär als soziale-politische Umwälzung, sondern als Aufhebung der Entfremdung des Menschen in der Lebenswelt, also der Freizeit, Familie, sexuellen und sozialen Beziehungen verstehen. Der Transformation der Gesellschaft müsse daher eine kulturelle und soziale Veränderung der Individuen vorausgehen. Schließlich werden als Träger des sozialen Wandels nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern die junge Intelligenz und gesellschaftliche Randgruppen betrachtet.

"Wir haben es hier mit einer subjektiven Weltsicht zu tun", sagte Schwarz "in deren Mittelpunkt das Individuum, seine Wahrnehmung, sein Fühlen und sein Befinden stehen. Die Revolution ergibt sich nicht aus den Widersprüchen einer Gesellschaft, die in Klassen gespalten ist, sondern aus dem kritischen Denken und Handeln einer aufgeklärten Elite. Ziel der Revolution ist nicht - oder nicht vorrangig - die Umwälzung der Macht- und Eigentumsverhältnisse, sondern die Veränderung der sozialen und kulturellen, darunter auch der sexuellen Gewohnheiten. Ja, eine solche kulturelle Veränderung ist sogar die Voraussetzung für eine Revolution. Die Revolution wird sozusagen von außen - von der Gesellschaft - nach innen - ins Individuum verlagert. In der Arbeiterklasse sieht die Neue Linke keine revolutionäre Kraft, sondern eine rückständige, durch Konsum und Medien ins System integrierte Masse. Einige - wie Herbert Marcuse - betrachten sie sogar als potentielle Basis des Faschismus."

Solche Auffassungen waren im SDS weit verbreitet. Insbesondere der Flügel um Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl stütz sich auf Theorien der Neuen Linken. "Dutschke und Krahl halten auf der Delegiertenkonferenz des SDS im September 1967 ein gemeinsames Referat." erklärte Schwarz hierzu, "Ganz im Sinne der Frankfurter Schule erklären sie, aufgrund der Manipulation durch den Staat seien die Massen ‚nicht mehr aus sich heraus fähig, sich zu empören. Die Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche ist damit geschichtlich unmöglich geworden.‘ Daher falle ‚agierenden Minderheiten‘ die Aufgabe zu, einen Aufklärungsprozess in der Gesellschaft einzuleiten. Dieser Aufklärungsprozess solle ‚die abstrakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewissheit werden lassen‘. ‚Wir meinten,‘ kommentiert dies Krahl später, ‚dass allein Randgruppen, intellektuelle, privilegierte Randgruppen in Stellvertretung für die Arbeiterklasse handeln und gewissermaßen eine Art Menschheitsrevolution, ohne Unterschied der Klasse initiieren könnten.‘"

Die Theorien der Neuen Linken haben dazu geführt, dass die Studenten die Arbeiter abschrieben und sie so den stalinistischen und sozialdemokratischen Bürokratien überließen. Das Ergebnis dieser Ausrichtung war etwa in den französischen Ereignissen deutlich zu beobachten. Schwarz schloss seinen Beitrag, indem er zwei zentrale Lehren aus den Ereignissen von 1968 formulierte:

"Erstens zeigen sie, dass die Arbeiterklasse diejenige gesellschaftliche Kraft ist, die das Potential hat, den Kapitalismus zu überwinden. Sie mag an der Oberfläche oft konservativ erscheinen. Aber die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft treiben sie in heftige Auseinandersetzungen. Zweitens zeigen sie die Bedeutung des politischen und theoretischen Kampfs für eine sozialistische Perspektive. Die Vorherrschaft der Theorien der neuen Linken in Verbindung mit der konterrevolutionären Rolle des Stalinismus und der Sozialdemokratie hat es der Bourgeoisie 1968 ermöglicht, eine revolutionäre Situation unter Kontrolle zu bringen und ihre Herrschaft zu stabilisieren."

Im Anschluss an den Vortrag wurden auf allen Veranstaltungen zahlreiche Fragen gestellt und es entwickelte sich eine ernsthafte Diskussion. In Frankfurt und anderen Städten verteidigten einige Studenten Positionen der Neuen Linken. Könne man unter den Bedingungen von Konsumterror und Medienmanipulation denn noch davon ausgehen, dass die Arbeiter ihr revolutionäres Potential entfalten können? In Berlin fragte jemand, ob die Gründung einer neuen Partei die Antwort auf das Scheitern von 1968 sein könne oder man sich nicht eher auf die spontanen Aktionen der Massen stützen solle. In Leipzig sprach sich eine Studentin dafür aus, ein möglichst breites Bündnis aller linken Kräfte aufzubauen.

Vertreter der ISSE erklärten, dass man Revolution als einen objektiven Prozess begreifen muss. Trotz Medienmanipulation und ständiger Propaganda seien heftige Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheit der Bevölkerung und der herrschenden Elite unausweichlich. Davon zeuge gerade die Ereignisse des Mai-Juni 68 in Frankreich. Die Neue Linke hatte gerade erklärt, dass die Arbeiterklasse vollständig ins kapitalistische System integriert sei, da brachen die Klassengegensätze mit Urgewalt hervor.

Gleichzeitig zeigen die Ereignisse in Frankreich auch, dass es nicht reicht, sich auf die spontane Bewegung der Arbeiter zu verlassen. Dass es unvermeidlich zu Auseinandersetzungen kommen wird, heißt nicht, dass diese automatisch in einer Revolution münden. Auch wenn reformistische Konzeptionen, Vertrauen in die Bürokratien etc. widersprüchlich sind und durch die Ereignisse erschüttert werden, können solche Anschauungen nur durch ein Verständnis der Gesellschaft und ihrer Entwicklung überwunden werden.

Aufgabe einer revolutionären Bewegung wäre es 1968 in Frankreich gewesen, die Rolle der KPF/CGT zu entlarven, für eine sozialistische Perspektive in der Arbeiterklasse zu kämpfen und eine trotzkistische Partei aufzubauen. Das bedeutet zuallererst, die objektiven Widersprüche des Kapitalismus und die konkreten wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen zu verstehen und aufzuzeigen. Auf dieser Grundlage kann man die Bedeutung der verschiedenen politischen und sozialen Gruppen bewerten und eine revolutionäre Perspektive entwickeln.

ISSE-Mitglieder erklärten, dass gerade darin die Aufgabe der ISSE bestünde. "Wir wollen nicht eine weitere Protestgruppe ins Leben rufen, die mit Schildern über‘n Campus rennt, laut schreit, aber sobald sich die Ereignisse überschlagen sich gleich mitüberschlägt," sagte Marius Heuser in Leipzig. "Wenn wir heute die ISSE als internationale Studentenorganisation aufbauen wollen, stützen wir uns dabei auf die Lehren, die wir heute diskutiert haben. Wir wollen gestützt auf ein Studium der Geschichte des 20. Jahrhunderts und einer Analyse der objektiven gesellschaftlichen Entwicklung die Arbeiter befähigen, ihr revolutionäres Potential zu entfalten und den Kapitalismus zu überwinden."

In Leipzig, der einzigen ostdeutschen Stadt, in der eine Veranstaltung durchgeführt wurde, gab es auch eine rege Diskussion über die Frage, inwieweit die Bewegungen in Osteuropa gegen die stalinistischen Regime mit der 68er Bewegung verbunden waren. Teilnehmer verwiesen auf den engen Zusammenhang zwischen der politischen Revolution im Osten und der sozialen Revolution im Westen. Der Sturz der stalinistischen Bürokratie durch die Arbeiter in Osteuropa hätte sofort für einen Aufschwung in internationalen Klassenkampf geführt, während erfolgreiche Revolutionen in Westeuropa die Macht der Bürokratie ernstlich erschüttert hätten. Gerade weil sich die Stalinisten über diesen Zusammenhang bewusst waren, taten sie alles, revolutionäre Bewegungen wie in Frankreich zu ersticken.

Die ISSE plant weitere Veranstaltungen zu aktuellen politischen, historischen und philosophischen Fragen. Programminformationen unter: isse[at]gleichheit[dot]de