Fusion von Dresdner- und Commerzbank kostet 9.000 Arbeitsplätze

Von Markus Salzmann
6. September 2008

Mit der am Sonntag beschlossenen Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank, die bislang zum Versicherungskonzern Allianz gehörte, entsteht das zweitgrößte Geldinstitut Deutschlands. Während diese Übernahme in Wirtschaftskreisen und in der Politik bejubelt wurde, bangen Tausende von Beschäftigten der beiden Geldhäuser um ihre Arbeitsplätze.

Wie bereits angekündigt wurde, sollen im Zuge des Zusammenschlusses mindestens 9.000 Arbeitsplätze wegfallen. Die jährlichen Kosten sollen nach der Übernahme um rund 1,9 Milliarden Euro gedrückt werden. Das entspricht etwa einem Fünftel der jährlichen Verwaltungsaufwendungen der fusionierten Bank.

Commerzbank und Dresdner Bank beschäftigen derzeit zusammen 67.000 Mitarbeiter. Von den 9.000 Stellen werden rund 6.500 in Deutschland wegfallen, vor allem in der Verwaltung in Frankfurt, wo beide Unternehmen ihre Zentralen haben. Der Betriebsratsvorsitzende der Dresdner-Bank-Zentrale, Hans-Georg-Binder, geht davon aus, dass in Frankfurt 4.700 Stellen abgebaut werden. Die momentan 1.540 bestehenden Filialen sollen bis 2012 auf 1.200 ausgedünnt werden.

Zudem wird sich die neue Bank deutlich weniger im Investmentbanking engagieren, wo mindestens 1.000 weitere Stellen wegfallen dürften. Experten gehen davon aus, dass außerdem in den Londoner Niederlassungen der Commerzbank mehrere hundert Stellen gestrichen werden. In London beschäftigt die Commerzbank etwa 1.000 Mitarbeiter, bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort sind es rund 2.000. Für die Ankündigung, bis zum Jahr 2011 werde es keine betriebsbedingten Kündigungen geben, gibt es keinerlei Garantien.

Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Stellenstreichungen noch weit höher sein wird. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte einen langjährigen Beobachter der Bankenszene, der in diesem Zusammenhang "ein Blutbad ohne Ende" erwartet. Besonders im Filialnetz werden weitere Einschnitte folgen. Der direkte Konkurrent Deutsche Bank hat trotz einer fast doppelt so hohen Bilanzsumme nur knapp 1.000 Filialen im Bundesgebiet.

Commerzbank-Chef Martin Blessing kündigte einen knallharten Wettbewerb um die Vorherrschaft in der deutschen Bankenlandschaft an. "Wir untermauern unseren Anspruch, die führende Bank in Deutschland zu werden", betonte Blessing während einer Pressekonferenz in Frankfurt.

Blessing ist als erbarmungsloser Sanierer bekannt. Nachdem er 2001 in den Vorstand der Commerzbank eingestiegen war, schloss er unverzüglich 200 Filialen und baute 1.300 Stellen ab. Durch weitere Stellenstreichungen im Mittelstandsgeschäft machte er diesen Bereich zum renditestärksten des Bankhauses.

Der große Gewinner der Übernahme ist eindeutig der Allianz-Konzern. "Der Verkaufspreis für die Dresdner von 9,8 Milliarden Euro liegt über unseren Erwartungen", zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung James Quin, Analyst der Citigroup. "Unsere vorläufigen Schätzungen deuten darauf hin, dass sich durch die Transaktion die Allianz-Ergebnisse um 5 Prozent verbessern, sobald alle angepeilten Einsparungen erreicht wurden."

Mit einem Anteil von 30 Prozent bleibt Allianz weiterhin der größte Teilhaber an dem fusionierten Geldhaus. Allianz-Chef Michael Diekmann wird voraussichtlich stellvertretender Aufsichtsratschef.

Die Allianz hatte die Dresdner Bank 2001 für einen Kaufpreis von 24 Milliarden Euro übernommen. Doch trotz massiver Stellenkürzungen wurden ihre Gewinnerwartungen nicht erfüllt. Hohe Belastungen aus der Finanzkrise drückten die Dresdner Bank in die roten Zahlen. Die Probleme der Tochtergesellschaft verhagelten so auch die letzte Quartalsbilanz der Allianz, die deshalb ihre Gewinnprognose korrigieren musste.

Mit der Fusion und dem angekündigten Stellenabbau verstärkt sich der Konzentrationsprozess im Bankensektor, der in den vergangenen Jahren bereits Tausende Arbeitsplätze gekostet hat. Bei den Banken wurden in den vergangenen vier Jahren über 58.000 Stellen, das entspricht 7,5 Prozent der Beschäftigen, abgebaut.

Auch im europäischen Rahmen hat sich der Arbeitsplatzabbau durch die Folgen der Finanz- und Immobilienkrise deutlich verschärft. Die Royal Bank of Scotland kündigte nach der Übernahme von Teilen der niederländischen ABN Amro einen massiven Arbeitsplatzabbau an. Beim zweitgrößten britischen Geldinstitut könnten in den kommenden Monaten und Jahren bis zu 19.000 Stellen wegfallen.

In der Finanzmetropole Frankfurt gibt es momentan an die 700 arbeitslose Banker. Im Jahr 2003 waren es noch etwas mehr als 500. Angesichts anstehender Entlassungen und einer anhaltenden Krise der Finanzmärkte wird diese Zahl unweigerlich ansteigen.

In der Politik wurde die Übernahme und die "deutsche Lösung", bei der sich die Commerzbank gegen den Mitbieter, die China Development Bank durchsetzte, wohlwollend aufgenommen. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) lobte die Fusion: "Die Entscheidung ist gut für den Finanzplatz Deutschland", erklärte er. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte die Entscheidung.

Bei den Beschäftigen der beiden Banken mischt sich die Angst um den Arbeitsplatz mit Wut und Empörung. Bei den Beschäftigten der Dresdner Bank gebe es "sehr massive Ablehnung bis hin zu Wut", sagte Verdi-Bundesvorstand Uwe Foullong gegenüber der FAZ : "Sie fühlen sich vom Allianz-Vorstand verkauft."

"Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen", betonte Foullong "und fordern umgehend Verhandlungen über einen Integrations- und Sozialtarifvertrag mit weitreichenden Vereinbarungen zu Standortsicherung und Beschäftigungsgarantien".

Vor dem Hintergrund der Fusion hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für diesen Freitag zu einem Streik in der laufenden Tarifauseinandersetzung für die privaten und öffentliche Banken aufgerufen. Auch weitere Protestaktionen seien angesichts der anstehenden Kürzungen sehr gut möglich, war aus Gewerkschaftskreisen verlautet worden.

Die Gewerkschaften spielen ein zynisches Doppelspiel. Während sie die üblichen Rituale abspielen, die Stellenkürzungen öffentlich verurteilen, Sozialpläne und Beschäftigungsgarantien fordern, haben sie in den Aufsichtsräten die Übernahme und damit den Stellenabbau unterstützt.

Die Fusion, die den Verlust von vielen Tausend Arbeitsplätzen bedeutet, hätte ohne die Zustimmung von Betriebsrat und Gewerkschaft nicht so ohne weiteres durchgesetzt werden können. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte sehr richtig: "Sie [die Gewerkschaften] hatten es sogar selbst in der Hand, diesen Abbau zu stoppen. Ihre Mitglieder sitzen in den Kontrollgremien von Allianz, Dresdner Bank und Commerzbank. Hätte die Arbeitnehmerbank die Fusion abgelehnt, käme diese wohl nicht zustande."

Die Verteidigung der Arbeitsplätze bei Banken ist ebenso wie in der Industrie und in anderen Bereichen nur auf der Grundlage einer internationalen sozialistischen Perspektive möglich. Die Bedürfnisse der Beschäftigten müssen Vorrang erhalten vor den Renditezielen der Konzernvorstände und Aktionäre. Dazu gehört auch die strikte Zurückweisung des von den Gewerkschaften betriebenen Co-Managements, das die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Sinne der Unternehmensvorstände voll und ganz unterstützt.

Siehe auch:
Bundesregierung verscherbelt IKB-Mittelstandsbank an US-Finanzinvestor
(4. September 2008)
Der Arbeitsplatzabbau bei Siemens leitet ein neues Stadium sozialer Angriffe ein
(19. Juli 2008)