Europa fürchtet globalen Crash

Von Stefan Steinberg
19. September 2008

Schockiert und ungläubig reagiert die herrschende Elite Europas auf den Krach an der Wall Street, der sich, wie sie befürchtet, zur tiefsten Krise des Weltkapitalismus seit dem Börsenkrach von 1929 auswächst.

Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte auf den Bankrott der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers mit der Bereitstellung von Milliarden Euro Liquidität, um die europäischen Börsen zu stützen. Am Montag stellte die EZB dreißig Milliarden Euro bereit und teilte mit, sie stehe bereit, weiter "zu stabilen Verhältnissen auf dem europäischen Geldmarkt beizutragen".

Als die asiatischen und europäischen Börsen ins Trudeln gerieten, tat es die Schweizerische Nationalbank der EZB gleich und stellte zusätzliche Liquidität zur Verfügung.

In Erwartung eines starken Rückgangs der britischen Börsen gab die Bank von England am Montag fünf Milliarden Pfund (6,3 Milliarden Euro) an frischer Liquidität frei, um die Lage an den Märkten zu entspannen.

Das deutsche Finanzministerium, die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin bemühten sich, die deutschen Märkte zu beruhigen, indem sie in einer gemeinsamen Erklärung versicherten, das Engagement der deutschen Banken bei Lehman bewege sich im überschaubaren Rahmen.

Weder die Versicherungen der europäischen Zentralbanker, noch das massive Einschießen von Cash konnte die Märkte beruhigen. Am Montag fiel der Londoner Index FTSE First 300 der führenden europäischen Aktien um fünf Prozent, während der deutsche Dax um 4,7 Prozent auf seinen tiefsten Stand seit zwei Jahren fiel. Bankaktien waren besonders stark betroffen.

Nach den enormen Börsenverlusten vom Montag und der wachsenden Furcht vor dem Zusammenbruch der größten amerikanischen Versicherungsgesellschaft American International Group (AIG) intervenierten die europäischen Zentralbanken auch am Dienstag. Die EZB pumpte noch einmal siebzig Milliarden Euro ins System, und die Bank von England weitere zwanzig Milliarden Pfund (25,1 Milliarden Euro).

Erneut verfehlte die massive Injektion von Cash ihr Ziel, die Märkte zu stabilisieren. Am Dienstag fiel der Londoner FTSE 100 zum ersten Mal seit sieben Jahren unter 5.000 Punkte. Deutsche Aktien stürzten weiter ab. Der Dax 30 gab um 98,99 Punkte auf 5.965 nach, ein Rückgang um 1,63 Prozent. Der wichtige französische CAC Index erlebte ebenfalls am Montag einen starken Rückgang um 3,78 Prozent, und am Dienstag um 1,96 Prozent.

Trotz allem, was zurzeit in Deutschland behauptet wird, sind die europäischen Großbanken stark mit Lehman Brothers verflochten

Am Dienstag wurde zum Beispiel berichtet, dass die staatliche KfW-Bank in Deutschland noch 300 Millionen Euro an Lehman Brothers überwiesen hat, als diese schon Konkurs angemeldet hatten. Es wird erwartet, dass die schweizerische UBS mindestens 300 Millionen Euro aufgrund ihrer Geschäftstätigkeit mit Lehman Brothers verlieren wird. UBS ist der größte Vermögensverwalter der Welt und musste schon im Zusammenhang mit der amerikanischen Subprime Hypothekenkrise 37 Milliarden Dollar abschreiben.

Der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt zufolge werden vielleicht die gesamten Einlagen in dem Einlagensicherungsfond der deutschen Banken von dem Lehman-Zusammenbruch aufgebraucht. Der Einlagensicherungsfond soll über ca. 4,6 Milliarden Euro verfügen, während allein sechs Milliarden Euro nötig werden könnten, um die Verluste aus dem Zusammenbruch der deutschen Lehman-Filiale auszugleichen. Dieser Verlust von sechs Milliarden Euro bei Lehman ist der größte Verlust der deutschen Finanzgeschichte.

Großbritannien ist den Folgen der amerikanischen Finanzkrise noch stärker ausgesetzt. Nach dem Zusammenbruch von Northern Rock Anfang des Jahres steht auch der größte britische Hypothekengeber, die Halifax Bank of Scotland (HBOS), vor der Pleite. Ihre Aktien fielen am Dienstag um vierzig Prozent. Wie es aussieht, wird sie von Lloyds-TSB aufgekauft.

Auch andere große europäische Banken könnten in den finanziellen Strudel gerissen werden. In den EU-Ländern ist die Wirtschaft von April bis Juni um 0,2 Prozent geschrumpft. Großbritannien und Spanien, die eine schwere Krise im Wohnungsbau durchmachen, stecken beide praktisch schon in der Rezession. Dem Kieler Weltwirtschaftsinstitut zufolge wird auch Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, dieses Jahr noch in die Rezession abgleiten.

In ganz Europa steigt die Inflation, und in vielen Ländern liegt sie bereits über vier Prozent. So warnen Wirtschaftskommentatoren bereits heute vor der Gefahr einer Stagflation in der Europäischen Union.

Französische und deutsche Politiker verteilen Beruhigungspillen und erklären, die Fundamentaldaten der europäischen Volkswirtschaften und des Bankensystems seien gesünder und stärker als in den USA. Wirtschaftskommentatoren dagegen äußern düstere Warnungen und betonen, Europa könne sich von dem Zusammenbruch der amerikanischen Finanzinstitute überhaupt nicht abkoppeln.

Die New York Times wies auf Folgen des drohenden Zusammenbruchs des Versicherungskonzerns AIG hin. Sie erklärte, europäische Banken hielten Dreiviertel der undurchsichtigen Papiere der AIG im Nennwert von 441 Milliarden Dollar. Diese Papiere sind von den Subprime-Hypotheken gedeckt, die gerade einstürzen, und stellen für die europäische Finanzindustrie ein enormes Risiko dar, falls AIG bankrott gehen sollte.

In der Frankfurter Rundschau schrieb Jan Pieter Krahnen am Montag von der "Gefahr einer Schockwelle", die die deutschen und europäischen Banken verschlingen könnte, wenn in Deutschland das Vertrauen in die Kreditversicherungspapiere erschüttert werde, die man Credit Default Swaps nennt, und mit denen Lehman Brothers und AIG bevorzugt handelten. Am Dienstag überschrieb die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit einem führenden Finanzexperten mit dem Satz: "Das Schlimmste steht uns noch bevor".

Mehrere fast apokalyptische Kommentare in der britischen Presse wiesen darauf hin, dass die gegenwärtige Krise mindestens vergleichbar mit dem Finanzzusammenbruch von 1929 sei.

Der Wirtschaftsredakteur des Guardian, Larry Eliot, überschrieb seinen Artikel am Dienstag mit der Schlagzeile: "Jetzt entwickelt der Krach die Kraft einer Atombombe, und Großbritannien wird das meiste abbekommen". Er schrieb:

"Die Ereignisse vom Wochenende machen eine lange und tiefe Rezession natürlich viel wahrscheinlicher. Vergesst das Gerede über eine weiche Landung oder über eine Rezession, die so kurz und scharf ist, dass man sie kaum bemerkt. So wie es jetzt aussieht, ist die Alternative ein völliger Zusammenbruch des Finanzsystems, bei dem die Institute wie Streichhölzer einknicken, oder eine schwere Kreditklemme über eine längere Periode, die zu einem Verfall der Immobilienpreise, schwachen Konsumausgaben, niedrigen Investitionen und steigender Arbeitslosigkeit führt."

"Dies ist ohne jeden Zweifel der schlimmste Finanzschock seit 1929", fuhr er fort.

In einem Artikel für die rechte Daily Mail erinnerte Alex Brummer daran, dass die ersten Anzeichen der anschwellenden internationalen Krise mit Problemen bei einer europäischen Bank begonnen hatten.

"Die Kreditkrise begann am 9. August letzten Jahres", schrieb er, "als die führende französische Bank BNP Paribas bekannt gab, dass sie bei zweien ihrer Investmentfonds Anlagen nicht mehr bewerten könne, weil diese vergiftete Wertpapiere enthielten."

Weiter bezog er sich auf "Anlagen im Wert von Dutzenden, wenn nicht Hunderten Milliarden, die Wertverluste erlitten haben und möglicherweise wertlos geworden sind". Er schloss: "Erst jetzt wird das wirkliche Ausmaß des schwarzen Lochs bei Lehman, Merrill Lynch, AIG und anderswo erkennbar. Bei Lehman zum Beispiel verdoppelte sich die Höhe der verdächtigen oder vergifteten Anlagen allein an einem Wochenende von siebzehn Milliarden Pfund auf 44 Milliarden Pfund."

In ihrem Leitartikel schrieb die Mail : "Jahrzehntelang haben wir den Schrein des Goldes verehrt. Premierminister und Präsidenten haben vor seinen Hütern das Knie gebeugt. Die Monarchen des Geld, Makler des Reichtums und angeblichen Quellen aller Weisheit haben Europa und die Vereinigten Staaten in den Zaum genommen und alle niedergehalten, die sich ihnen in den Weg stellten... Heute wachen wir auf und erkennen, dass diese so selbstbewussten Figuren, wie so mancher Zauberer von Oz, in Wirklichkeit törichte alte - und manchmal auch junge - Männer sind, die hinter den Kulissen hohle Beschwörungsformeln murmeln."

"Eine Vision des Kapitalismus ist entzaubert", schloss er.

Willem Buiter, Professor für europäische politische Ökonomie an der London School of Economics, gab eine besonders drastische Stellungnahme über die globale Bedeutung der Finanzkrise in den USA ab.

In der Financial Times schrieb Buiter über die 85 Milliarden Dollar Rettungsaktion der US-Regierung für die AIG: "Der größte Versicherungssupermarkt der Welt mit einer Bilanzsumme von mehr als einer Billion Dollar wurde verstaatlicht, weil man ihn für zu groß und zu sehr international verwoben einschätzte, als dass man hätte zulassen können, dass er bankrott geht!"

Er fuhr fort: "Hinter dieser außerordentlichen Entscheidung stand die Furcht, dass das Scheitern von AIG die tatsächlichen oder vermuteten Risiken bei seinen Geschäftspartnern in der Finanzwelt der USA und dem Rest der Welt in einem solchen Ausmaß erhöhen würden, dass kein Finanzhaus mehr bereit gewesen wäre, einem anderen Kredit zu gewähren. Kredite an Haushalte und andere Unternehmen außerhalb der Finanzindustrie wären der nächste Dominostein gewesen, der gefallen wäre, und voilà! Das finanzielle Armageddon wäre perfekt gewesen."

Siehe auch:
Die Wall Street-Krise und der Niedergang des amerikanischen Kapitalismus
(17. September 2008)
Rettung der Hypothekengiganten in den USA: Die Politik der Plutokratie
( 19. Juli 2008)