Hiobsbotschaften aus der europäischen Autoindustrie

Von Ulrich Rippert
25. Oktober 2008

Während die Börsenkurse der DAX-Konzerne am gestrigen Freitag dramatisch einbrachen, kündigten Autokonzerne einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen und Sparmaßnahmen an.

Medienberichten zufolge plant der VW-Konzern bis zu 25.000 Stellen von Leiharbeitern und extern Beschäftigten abzubauen. Die Wolfsburger Geschäftsleitung dementierte zwar, dass bereits Entscheidungen getroffen seien, bestätigte aber, dass an einem "Krisenprogramm" gearbeitet werde.

Die Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitierte VW-Chef Martin Winterkorn mit den Worten: "Wir kommen um harte Einschnitte nicht herum." Vor 500 Führungskräften am Stammsitz Wolfsburg sagte Winterkorn: "So schlecht und unsicher waren die Aussichten schon lange nicht mehr." Um den Auswirkungen der Krise und dem sinkenden Absatz zu begegnen, müssten sofort Sonderschichten zurückgefahren und überschüssige Kapazitäten abgebaut werden.

Während der VW-Bertriebsrat bemüht war zu beschwichtigen und die Presseberichte als Panikmache und "völligen Quatsch" abtat, erklärte der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer, er halte den Abbau von 25.000 Leiharbeiter für "nicht unrealistisch". "Wenn wir ins nächste Jahr reingehen, werden wir mit diesen Zahlen rechnen müssen", sagte Dudenhöfer im Radiosender NDR-Info. Die Autobranche sei stark von der Finanzmarktkrise betroffen.

Düstere Aussichten auch für Daimler. Der Mercedes-Hersteller hat seine Gewinnschätzungen gesenkt - zum zweiten Mal in wenigen Monaten. Für 2008 werde nur noch mit einem operativen Ergebnis von sechs Milliarden Euro gerechnet, teilte der Konzern am Donnerstag in Stuttgart mit. Erst im Sommer hatte Vorstandschef Dieter Zetsche seine ursprüngliche Gewinnprognose von 7,7 Milliarden auf rund 7 Milliarden Euro gesenkt.

Grund für die erneute Senkung sind katastrophale Quartalszahlen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern sank im dritten Quartal von 1,89 auf rund 0,65 Milliarden Euro. Hintergrund war vor allem der Einbruch beim operativen Gewinn der Mercedes Car Group. Er sackte im dritten Quartal um 92 Prozent auf nur noch 112 Millionen Euro ab.

Der französische Autobauer Peugeot halbierte am Freitag seine Gewinnprognose. Man erwarte nur noch eine Marge von 1,3 Prozent anstatt der früher angepeilten 3,5 Prozent, teilte der Konzern in Paris mit. Der Absatz werde 2008 rund 3,5 Prozent unter dem Niveau von 2007 liegen. "Massive" Produktionskürzungen im vierten Quartal seien geplant. Im dritten Quartal setzte Peugeot mit 13,3 Milliarden Euro 5,2 Prozent weniger um als im Vorjahr.

"Renault blickt ebenfalls skeptisch in die nahe Zukunft", schreibt Der Spiegel. Die Ziele für die operative Marge 2008 würden auf 2,5 bis drei Prozent gesenkt, teilte der Konzern am Donnerstagabend mit. Wegen der anhaltenden Absatzprobleme legt der französische Autobauer vorübergehend seine Werke still. Die Firmenleitung habe beschlossen, "nahezu alle" französischen Werke "ab kommender Woche für ein oder zwei Wochen" zu schließen, sagte ein Vertreter der Gewerkschaft CGT.

Der weltweit zweitgrößte Lastwagenhersteller Volvo hat einen Gewinnrückgang von über 36 Prozent bekannt gegeben und seine Erwartungen für das Gesamtjahr nach unten geschraubt. Für Nordamerika rechnet der schwedische Konzern mit einem Absatzrückgang von rund zehn Prozent im laufenden Geschäftsjahr. Auch in Europa seien die Verkaufszahlen bereits deutlich zurückgegangen.

Der japanische Autohersteller Toyota meldete bereits Donnerstag einen Rückgang des Verkaufs in Deutschland um rund 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Auch Fiat gab am Donnerstag bekannt, man befürchte im kommenden Jahr einen deutlichen Gewinneinbruch. Der italienische Auto- und Industriekonzern warnte, das Ertragsergebnis könne sich bei anhaltend schlechten Bedingungen um 65 Prozent verringern.

In Europa sank die Zahl der verkauften Neuwagen im September gegenüber dem Vorjahresmonat um acht Prozent auf rund 1,3 Millionen Fahrzeuge - und das, obwohl der Monat diesmal zwei zusätzliche Arbeitstage zählte. Wegen der Finanzkrise zögern Kunden mit Ausgaben und bekommen zudem Schwierigkeiten, ihren Kauf zu finanzieren, erklärte der europäische Branchenverband Acea.

Zum zweiten Mal in kurzem Abstand ließ Opel die Produktion im Werk Bochum anhalten. Dort stehen nun zwei Wochen lang die Bänder still. Im thüringischen Eisenach ruht die Arbeit bereits eine Woche und soll ebenfalls bis Monatsende ausgesetzt werden, wie Opel mitteilte. Die Produktionsstätten in Antwerpen (Belgien) und Ellesmere Port (Großbritannien) sind für zwei Wochen geschlossen worden.

Seit voriger Woche sind zudem im Werk Kaiserslautern 550 von 2.400 Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen, die den Werken Bochum und Eisenach zuliefern. In Bochum sollen die einwöchigen Weihnachtsferien auf zwei Wochen ausgedehnt werden und schon am 16. Dezember beginnen.

In Luton (Großbritannien), Gleiwitz (Polen), Trollhättan (Schweden) und Saragossa (Spanien) sind Produktionsstopps für die kommende Woche geplant, in Saragossa teilweise schon sofort.

Ford stellt im November Teile der Motorenfertigung für fünf Wochen auf Kurzarbeit um. Der US-Hersteller nannte fehlende Aufträge aus dem US-Markt. Von den 17.300 Beschäftigten am Standort Köln seien 820 betroffen. Eine Entscheidung über die Zukunft des Kölner Motorenwerks wird bis Jahresende erwartet. Die Ford-Konzernleitung hatte angekündigt, die dortige Fertigung von Sechs-Zylinder-Motoren einzustellen.

Während die Autoarbeiter in jedem Land mit immer dringenderen Problemen konfrontiert sind, versuchen die Betriebsräte und Gewerkschaften zu beschwichtigen. Sie mahnen zur Ruhe und Besonnenheit. Sie versuchen den Konzernleitungen den Rücken frei zu halten und ernsthaften Widerstand zu verhindern.

Dort, wo ganze Werke bedroht sind, wie in Köln, versuchen sie einen Standort gegen den anderen auszuspielen. So drängen die Betriebsräte von Ford in Köln darauf, dass angesichts der drohenden Schließung des Motorenwerks die Produktion der Drei-Zylinder-Motoren nicht an das Werk in Rumänien geht, sondern nach Köln kommt.

Eine internationale Strategie zur Verteidigung der Arbeitsplätze und Verhinderung von Sozialabbau kann nur gegen die nationalistische und korrupte Politik der Gewerkschaften entwickelt werden.

Siehe auch:
Finanzkrise trifft Industrieproduktion
(10. Oktober 2008)

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