70 Jahre Vierte Internationale

Der Zusammenbruch des Kapitalismus und die revolutionäre Perspektive der Vierten Internationale

Teil 3

Von Nick Beams
23. Oktober 2008

Dies ist der dritte Teil eines Vortrags, den Nick Beams am 28. September auf einer öffentlichen Veranstaltung in Sydney hielt, aus Anlass des 70. Jahrestages der Gründung der Vierten Internationale. Beams gehört der internationalen Redaktion der WSWS an und ist Nationaler Sekretär der australischen Socialist Equality Party. Teil eins und zwei erschienen am 18. und 21. Oktober.

Die Maßnahmen der Nixon-Administration in den Jahren 1971-73 sollten die Stellung der USA auf Kosten ihrer Rivalen stärken. Doch während der gesamten 1970er Jahre verschlechterte sich die ökonomische Situation des amerikanischen Imperialismus weiter. Versuche der Carter-Administration, einen koordinierten weltweiten Wirtschaftsaufschwung zu initiieren, schlugen fehl, und am Ende des Jahrzehnts litten die amerikanische und die Weltwirtschaft unter Stagflation - einer Kombination aus steigender Inflation und zunehmender Arbeitslosigkeit.

1979, inmitten einer anwachsenden Krise, die sich im Fall des Dollars ausdrückte, wurde mit der Ernennung von Paul Volcker zum Chef der US-Notenbank eine weitere wichtige Kursänderung vorgenommen.

Die Maßnahmen Volckers, die auf Rekordzinssätzen und der Erzeugung der tiefsten Rezession seit der Großen Depression aufbauten, sollten den amerikanischen Kapitalismus neu strukturieren, um seine globale Vormachtstellung zu erhalten.

Der Aufstieg Amerikas zur Weltmacht wurde seit Beendigung des Bürgerkrieges 1865 von der Entwicklung seiner industriellen und produktionstechnischen Stärke getragen Die Maßnahmen Volckers, die ganze Teile des Industriekapitals zerstörten, kündigten eine neue Form der Akkumulation an, die sich auf das Finanzkapital stützte. Als Beginn dieser neuen Ära kann man das Jahr 1982 ansehen, als die Kurssteigerungen am amerikanischen Aktienmarkt einsetzten.

1982 bewegte sich der Dow Jones-Index noch unter der 1.000er-Marke; dieses Niveau hatte er zehn Jahre zuvor erreicht. Während der folgenden fünf Jahre verdoppelte sich dieser Wert auf 2.000 im Januar 1987. Die amerikanische Industrie machte unterdessen, in der ersten Hälfte der 1980er Jahre, die tiefste Rezession der Nachkriegszeit durch.

Doch die Position des amerikanischen Kapitalismus war keineswegs sicher. Im Oktober 1987 erlebte die Börse den schwersten Kurssturz ihrer Geschichte an einem einzelnen Tag, der eine entschiedene Intervention der US-Notenbank und anderer Zentralbanken erforderte, um einen globalen Zusammenbruch abzuwenden. Es folgten die Sparkassen- und Darlehenskassen-Krise, die eine massive Rettungsaktion der Regierung nötig machte, und anschließend, 1990-92, eine Rezession.

Die Auflösung der Sowjetunion 1991, gefolgt von der Öffnung Chinas und anderer Regionen der Welt für das global agierende Kapital, war der Wendepunkt im Schicksal des US-Kapitalismus. Schätzungen besagen, dass seit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 bis heute etwa eine Milliarde Arbeitskräfte zusätzlich für das Kapital verfügbar geworden sind. Der Weltkapitalismus hat nie zuvor in der Geschichte einen solchen Zustrom von billigen Arbeitskräften erlebt. Dieser Prozess ermöglichte dem amerikanischen Kapitalismus die neue Weise der Akkumulation von Reichtum, die sich auf Finanzierungsinstrumente gründete.

Die folgenden Zahlen für die Firma Apple zeigen, um welche Beträge es hier geht. Nach Schätzungen gehen für einen iPod, der in den USA 299 Dollar kostet, 4 Dollar an die Firmen in China, die ihn produzieren, 160 Dollar dagegen an die amerikanischen Firmen, die am Design, Transport und Endverkauf beteiligt sind.

Kauf und Verkauf von Vermögenswerten

Die Öffnung Chinas und anderer Regionen mit billigen Arbeitskräften wirkte sich in zweierlei Hinsicht aus. Einerseits erhöhte es die Akkumulation von Mehrwert - die Quelle aller Akkumulation von Reichtum bei kapitalistischer Produktionsweise. Andererseits ermöglichte die Verbilligung von Waren die Senkung der Zinssätze in den USA und anderen wichtigen kapitalistischen Ländern während der 1990er Jahre, wodurch zinsgünstige Kredite gewährt werden konnten. Dies befeuerte die folgenden Boomperioden in den USA - den Aktienrausch, die Internet-Blase, den Höhenflug der Technologie-Aktien in den 1990er Jahren und den Immobilienboom, der 2002 richtig in Fahrt kam.

Seit Anfang der 1990er Jahre erlebte der Kapitalismus einen gewissen Aufschwung, wenn auch mit Erschütterungen durch zunehmende Finanzkrisen und -turbulenzen: Die Krise des Pfund Sterling und des skandinavischen Bankensystems 1992, die 50-Milliarden-Rettungsaktion für von der Krise des mexikanischen Peso betroffene amerikanische Banken 1994, die Asienkrise 1997, die Zahlungsunfähigkeit Russlands 1998 und, ebenfalls 1998, der Zusammenbruch des amerikanischen Hedge Fonds Long Term Capital Management.

In den USA vollzog sich die Akkumulation von Reichtum nicht mehr über die industrielle Produktion oder die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen im Zusammenhang mit der Produktion, sondern über den Kauf und Verkauf von Vermögenswerten, wobei Profit über geliehenes Geld generiert wurde.

Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, welche Gewinne hier erzielt werden konnten. Der Erwerb eines Vermögensgegenstandes kostet 100 Mio. Dollar, davon sind 10 Mio. Eigenkapital, und 90 Mio. geliehenes Geld zu einem Zinssatz von, sagen wir, 8 Prozent. Wirft der Vermögensgegenstand im Jahr nur 10 Prozent Gewinn ab, beträgt sein Wert am Ende des Jahres 110 Mio. Davon werden 7.2 Mio. Dollar an Zinsen fällig, so dass ein Profit von 2.8 Mio. bleibt. Dies entspricht einer Rendite von 28 Prozent. Bei größerer Wertsteigerung wird die Rendite noch höher ausfallen. Bei 15 Prozent Wertsteigerung ergibt sich ein Profit von 7.8 Mio. auf 10 Mio., also 78 Prozent.

[Dieses simple Beispiel macht auch die verheerende Wirkung deutlich, den ein Fall der Preise für Vermögensgegenstände auf ein System hat, das hoch verschuldet ist. Bei einem zweiprozentigen Wertverlust, anstelle einer zehnprozentigen Wertsteigerung, läge der Wert des Vermögensgegenstandes am Ende des Jahres bei 98 Mio. Dollar. An die Bank müssen dennoch 7.2 Mio. Dollar an Zinsen bezahlt werden, so dass gerade einmal 0.8 Mio. Dollar Eigenkapital verbleiben. 9.2 Mio. oder 92 Prozent des ursprünglich eingesetzten Kapitals sind dann vernichtet.]

Die entscheidende Frage lautet: Was hält den Preis des Vermögensgegenstandes am Steigen? Ein kontinuierlicher Zufluss von Krediten ist dafür erforderlich.

Die Tragweite dieser Form der Akkumulation von Reichtum wurde in einem Bericht erklärt, der 1996 in Foreign Policy erschien, betitelt: "Securities: The New Wealth Machine" ("Wertpapiere: die neue Reichtumsmaschine"). Es wird darauf hingewiesen, dass diese neuen Finanzinstrumente der wichtigste Faktor des globalen Reichtums seien und ihn am schnellsten erzeugen, und dass das Instrument der Wertpapiere "das internationale Wirtschaftssystem in grundlegender Weise verändert".

Der Artikel merkte an, dass der neue Ansatz zur Schaffung von Reichtum "vom Staat erfordert, dass er Mittel und Wege findet, den Marktwert seines Produktivvermögens zu steigern", und dass diese Strategie verwirklicht werden müsse durch "eine Wirtschaftspolitik, die Wachstum durch die Schaffung von Reichtum bewirken will, und folglich nicht versucht, die Produktion von Waren und Dienstleistungen zu erhöhen, oder bestenfalls als zweitrangiges Ziel." Wertsteigerung von Vermögenswerten sollte also erreicht werden, indem Kredite in das Finanzsystem gepumpt wurden.

Kauf und Verkauf von auf Vermögenswerten gestützten Wertpapieren wurden zum neuen Weg der Akkumulation von Reichtum. 1995 hatten die vermögensgestützten Wertpapiere einen Wert von 108 Mrd. Dollar. Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt der Aktienblase, war ihr Wert bei 1,07 Bio. Dollar. 2005 betrug der Wert 1,1 Bio., und 2006 1,23 Bio. Dollar. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich der Wert dieser Wertpapiere also verzehnfacht. Jetzt ist das ganze Kartenhaus eingestürzt.

Die Größe dieses Kartenhauses lässt sich an folgenden Zahlen ablesen. 1980 betrug das Verhältnis von Schulden zum Bruttosozialprodukt in den USA 163 Prozent. 1987 lag es bereits bei 347 Prozent. Noch spektakulärer ist die Verschuldung des Finanzsektors angestiegen. Von 21 Prozent des Bruttosozialproduktes 1980 stieg sie auf 83 Prozent im Jahr 2000 und 116 Prozent im Jahr 2007.

Schon dieser kurze Überblick macht deutlich, weshalb das Vertrauen von Mr. Kaletsky und anderen in die künftige Vorreiterrolle und Stabilität des amerikanischen Kapitalismus so fehl am Platze ist.

Das Kreditsystem

Die Krise, die jetzt die US-Wirtschaft in die Knie zwingt, kam nicht aus heiterem Himmel. Sie ist das Ergebnis von seit mehr als drei Jahrzehnte währenden Prozessen, der in den USA getroffenen Maßnahmen, die Krise der 1970er Jahre zu überwinden und die globale Vormachtstellung der USA zu erhalten. Und es ist, trotz dem Gerede, man könne sich "ausklinken" und trotz dem Boom der chinesischen Wirtschaft, eine Krise des weltkapitalistischen Systems insgesamt. Die wichtigste Säule, auf der der globale Kapitalismus den größten Teil des 20. Jahrhunderts ruhte, insbesondere in den letzten 60 Jahren, bricht vor unseren Augen ein.

Es ist von großer Bedeutung, dass diese Krise mitten im Herzen der globalen kapitalistischen Wirtschaft ausgebrochen ist und ihren Zirkulationsmechanismus, das Kreditsystem, getroffen hat, das für die Akkumulation von Profit in den letzten 25 Jahren eine so wesentliche Rolle gespielt hat.

Im dritten Band des Kapital ging Marx auf die Wichtigkeit des Kreditsystems ein, einmal für die Expansion der kapitalistischen Wirtschaft, und für die Vorbereitung des Übergangs zu einer höheren Gesellschaftsform, dem Sozialismus.

Kredit erleichtert zuallererst die enorme Ausdehnung der Produktivkräfte, da die Produktion nun nicht länger auf Basis des einzelnen, sondern des gesellschaftlichen Kapitals organisiert ist. Gleichzeitig zerstört er alle ideologischen Rechtfertigungen der kapitalistischen Ordnung, die auf der Behauptung fußen, die private Aneignung legitimiere sich durch das Risiko des einzelnen Unternehmers, oder die Akkumulation von Kapital sei das Ergebnis individuellen Sparens. Das Individuum riskiert nicht seine eigenen Ressourcen oder Ersparnisse, sondern, mittels des Kreditsystems, die Ersparnisse anderer - die Akkumulation gesellschaftlichen Reichtums.

Der Kredit verschärft den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung von Reichtum, in den Formen, wie wir sie in der gegenwärtigen Krise erleben. Das Kreditsystem, schrieb Marx, "reproduziert eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel." (Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 454)

Marx erlebte nur die Anfänge dieses Prozesses, jedoch beschrieb er seine historische Bedeutung in Worten, die die gegenwärtige Situation zusammenfassen.

"Das Kreditwesen" so Marx, "beschleunigt daher die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarkts, die als materielle Grundlagen der neuen Produktionsform bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise.

Die dem Kreditsystem immanenten doppelseitigen Charaktere: einerseits die Triebfeder der kapitalistischen Produktion, Bereicherung durch Ausbeutung fremder Arbeit, zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem zu entwickeln und die Zahl der den gesellschaftlichen Reichtum ausbeutenden Wenigen immer mehr zu beschränken; andrerseits aber die Übergangsform zu einer neuen Produktionsweise zu bilden." (Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 457)

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Die internationale Finanzkrise und die Illusion eines geläuterten Kapitalismus
(20. September 2008)
Rettungsaktion enthüllt Bankrott des amerikanischen Kapitalismus
( 17. September 2008)
Schatten von 1929: die globalen Auswirkungen der US-Bankenkrise
( 27. Mai 2008)

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