Panik ergreift globale Finanzmärkte

Von Barry Grey
8. Oktober 2008

Die Finanzkrise verschärfte sich am Montag dramatisch, trotz des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets. Dabei war dieses am Freitag nur mit Verweis auf die Finanzkrise vom Kongress gebilligt und von Präsident Bush unterzeichnet worden. An den Börsen kam es in aller Welt zu Panikverkäufen und massiven Kursverlusten.

Es war der größte globale Börsenkrach seit dem "Schwarzen Montag" vom 19. Oktober 1987, als die Börsen weltweit einbrachen und der Dow Jones Index einen Verlust von 22,6 Prozent verzeichnete, den größten prozentualen Verlust seiner Geschichte an einem Tag.

Europa erlitt am Montag seinen bisher schlimmsten Tageskursverlust an den Börsen überhaupt. Der gesamteuropäische Stoxx 600 fiel um 7,6 Prozent. (Siehe: http://www.wsws.org/de/2008/okt2008/kris-o07.shtml). Der Handel in Island und Russland wurde teilweise oder ganz ausgesetzt. In Russland fielen die Aktien um 20 Prozent.

Europäische Bankenwerte erlitten massive Verluste. Die britische HBOS fiel um 19,8 Prozent, Loyds um 10,8 Prozent, die Royal Bank of Scotland um 20,5 Prozent, die schweizerische UBS verlor 12 Prozent, die belgische Daxia 20 Prozent. In Deutschland verloren die Commerzbank 12,5 Prozent und die Deutsche Bank 8,4 Prozent, die französischen Société Generale gab 9,5 Prozent ab und die italienische UniCredit fiel um neun Prozent, bevor der Handel mit ihren Aktien ausgesetzt wurde.

Auch Industrieaktien gerieten in Europa stark unter Druck. Die Airbus-Mutter EADS fiel um 7,5 Prozent, ArcelorMittal, der weltgrößte Stahlhersteller, gab 8,6 Prozent ab. Daimler fiel um 5,8 Prozent zurück und British Airways um 10,3 Prozent.

Die Panikstimmung fand ihren Niederschlag in Galgenhumor. Ein erfahrener Händler von ETX Capital gab den Satz von sich: "Schwarze Montage erlebt man normalerweise nur einmal im Leben. Jetzt kommen sie bald häufiger als ein Londoner Bus."

Peter Dixon, Stratege bei der Commerzbank, sagte: "An den Märkten herrscht Panik. Das Finanzsystem friert ein..."

"Das Bankensystem funktioniert nicht mehr", sagte Robert Quinn, europäischer Börsenanalyst bei Standard & Poor’s. "Es ist schlicht kaputt."

Auch in Asien fielen die Aktienkurse rapide. Chinas führender Schanghai Composite Index fiel um 5,2 Prozent, der Hang Seng in Hongkong um fünf Prozent und der Nikkei-Index in Tokio fiel um 4,3 Prozent auf seinen tiefsten Stand seit Februar 2004. Indizes in Singapur, Seoul und Mumbai fielen um 5,6 Prozent, 4,3 Prozent und 5,8 Prozent. Die Aktien in Indonesien fielen um zehn Prozent.

In Südamerika wurde der Handel in Brasilien und Peru wegen massiver Verkäufe ausgesetzt.

Der wichtigste Börsenindex in Toronto fiel um mehr als tausend Punkte oder elf Prozent, um danach etwa die Hälfte davon zurück zu gewinnen.

In den USA zogen Panikverkäufe den Dow Jones zweitweise um 800 Punkte nach unten. Damit geriet er zum ersten Mal seit 2004 unter die Marke von 10.000 Punkten. Zu Handelsschluss hatte er sich wieder um gut 400 Punkte erholt und schloss mit einem Verlust von 3,6 Prozent. Der Technologie-Index Nasdaq schloss mit einem Minus von 84 Punkten oder 4,3 Prozent, und der Standard & Poor’s Index 500 schloss mit einem Minus von 42 Punkten oder 3,9 Prozent.

Die Verluste vom Montag addierten sich zu denen am Freitag, als alle drei Indizes zurückfielen, nachdem das Repräsentantenhaus dem Rettungsplan von Finanzminister Henry Paulson für die Banken zugestimmt hatte. In der letzten Woche erlitt der Dow 7,4 Prozent, der Nasdaq 10,8 Prozent und der S&P 500 9,4 Prozent Verluste.

Auch die neuen Schritte der Notenbank zur Belebung der Kreditmärkte durch Bereitstellung billiger Kredite für die Banken konnten den Absturz der Wall Street nicht aufhalten. Die Fed gab am Montag bekannt, dass sie das für Banken verfügbare Geld sofort verdoppeln werde. Dabei nützt sie die im Dezember gestartete "Auction Facility". Mit diesem Programm gewährt die Fed den Banken zinsgünstig Kredit und akzeptiert als Deckung praktisch wertlose Sicherheiten wie die berüchtigten Hypothekenpapiere.

Die Fed hat die Kreditlinie dieses Programms von 150 Milliarden auf 300 Milliarden Dollar verdoppelt und hat angekündigt, die Summe in Kürze auf 600 Milliarden Dollar und die Gesamtsumme solcher Kredite bis Ende des Jahres noch einmal auf 900 Milliarden Dollar zu erhöhen.

Weiter gab die Fed bekannt, sie werde den Banken von jetzt an Zinsen auf die Reserven zahlen, die diese im Zentralbanksystem haben. Solche Zinsen werden letztlich aus Steuergeldern bezahlt. Dies ist eine der Veränderungen in dem neuen Rettungspaket vom Freitag, über die in der Presse bisher nicht berichtet wurde.

Eine andere ist noch weitreichender. Sie autorisiert das Finanzministerium, der Federal Reserve alle Verluste zu ersetzen, die sie dadurch erleiden sollte, dass sie Liquidität in das Bankensystem pumpt. Das könnte den Steuerzahler Hunderte Milliarden Dollar kosten, und zwar über die 700 Milliarden Dollar des Rettungspakets vom Freitag hinaus.

Paulson setzt so schnell wie möglich Mechanismen in Gang, um den Banken mit öffentlichem Geld die faulen Papiere abkaufen zu können. Das Finanzministerium betraute einen hohen Beamten, Neel Kashkari, mit der Leitung eines neuen Office of Financial Stability (Büro für Finanzstabilität). An der Wall Street wird nach Vermögensmanagern gesucht, die das Programm leiten sollen.

Bush versuchte bei einem Auftritt in Texas die Märkte zu beruhigen. Er sagte, es werde "etwas dauern", bis das Programm wirke. Das verschärfte aber die Panik an den Finanzmärkten nur noch weiter, denn diese müssen mit einer Blockade praktisch aller Formen von Kredit rechnen.

Die Demokratischen Befürworter des Rettungspakets, besonders die Kongressführung und Präsidentschaftskandidat Barack Obama, behaupten, das Programm werde "transparent" und "kontrolliert" sein, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Aber die Ernennung von Kashkari deutet schon darauf hin, dass Insidergeschäfte, Eigeninteresse und Korruption das Programm bestimmen werden: Kashkari war früher im Vorstand von Goldman Sachs, wo Paulson als CEO sein Vorgesetzter war.

Die Panik an den weltweiten Märkten weist darauf hin, dass das Rettungsprogramm wohl die Verluste der mächtigsten Teile der Finanzelite deckt, aber wenig oder gar nichts dazu beiträgt, die Finanzkrise und eine Rezession aufzuhalten. Im globalen Finanzsystem gibt es derart viel wertloses Papiervermögen, dass die Banken selbst kein Vertrauen in die Kreditwürdigkeit der anderen Banken haben und sich weigern, ihnen Geld zu leihen.

Die Verkaufswelle am Montag wurde von mehreren Faktoren angeheizt. Der amerikanische Arbeitslosenbericht vom Freitag zeigte einen starken Anstieg der Netto-Arbeitsplatzverluste für September. Das verstärkte die Furcht vor einer tiefen und langen Rezession. Mehrere Bankzusammenbrüche destabilisierten das ganze Bankensystem in Europa. Der europäische Finanzgipfel am Samstag brachte keinen koordinierten Plan gegen weitere Bankenpleiten.

Alle Finanzindizes wiesen am Montag auf einen generellen Vertrauenseinbruch in das weltweite Kreditsystem hin, der zunehmend auch die Realwirtschaft unterhöhlt. Die Ölpreise gingen weiter scharf zurück. Gold-Futures stiegen in die Höhe, die Verzinsung von Schuldverschreibungen der US-Regierung fiel gegen Null, und das Zinsniveau für Inter-Bank-Kredite ging weiter in die Höhe.

Das amerikanische Wirtschaftsforschungsinstitut Conference Board berichtete, der Beschäftigungstrend sei im September um 0,8 Prozent gefallen. Damit lag er um fast zehn Prozent niedriger als vor einem Jahr. Viele Wirtschaftswissenschaftler erwarten inzwischen auf Anfang 2009 einen scharfen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA auf über sieben Prozent.

Die Investment Bank Morgan Stanley warnte: "Die Rezession droht sich jetzt global auszubreiten. Industriell geprägte Volkswirtschaften stehen auf der Kippe, und die Entwicklungsländer sind von Finanzschocks bedroht."

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