Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie

IG Metall fordert 8 Prozent - und bereitet Ausverkauf vor

Von Dietmar Henning
3. Oktober 2008

Am 2. Oktober haben in Darmstadt die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie begonnen. Die Gewerkschaft IG Metall fordert für die rund 3,6 Millionen Beschäftigten eine Lohnerhöhung von acht Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Arbeitgeber weisen dies mit Verweis auf die nachlassende Konjunktur und die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise zurück.

Die Lohnforderung der Gewerkschaft ist die höchste seit 16 Jahren. Die IG Metall reagiert damit auf die Wut in den Betrieben über die wachsende Kluft zwischen Arbeitseinkommen und Unternehmergewinnen.

IG-Metall-Sprecherin Helga Schwitzer hat in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Rundschau dazu einige Zahlen vorgelegt. "Erzielten die Unternehmen 2003 im Schnitt für 100 Euro eingesetztes Eigenkapital bereits üppige 8,90 Euro Rendite, so ist die Verzinsung 2007 auf 21 Euro angewachsen", schreibt sie. Von 2003 bis 2007 seien die Nettogewinne um 220 Prozent gestiegen, die Effektivlöhne dagegen nur um 8,7 Prozent. Die Metall- und Elektroindustrie habe voriges Jahr Gewinne von 47,7 Milliarden Euro gemacht, 11,5 Milliarden Euro mehr als im Jahr zuvor und drei Mal soviel wie 2003. Die Entgelte seien dagegen 2007 nur um 3,1 Milliarden gestiegen. In diesem Jahr werde die Kluft noch größer.

Schwitzer schließt: "Es sind diese Tatsachen, die das Gerechtigkeitsempfinden der Beschäftigten und die Erwartungen an die Tarifrunde prägen. Deshalb werden wir das Thema Gerechtigkeit in der diesjährigen Tarifrunde aufgreifen."

Das sind leere Worte. Die IG Metall ist mit ihrer Tarifpolitik selbst dafür verantwortlich, dass Löhne und Gewinne immer weiter auseinander driften. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dies werde sich diesmal ändern und die Beschäftigten erhielten in der jetzigen Tarifrunde eine spürbare Lohnerhöhung. Wie in jeder Tarifrunde läuft ein Ritual ab, mit dem die Gewerkschaft die Forderungen der Belegschaften ins Leere laufen lässt.

Zunächst stellt die IG Metall eine Lohnforderung auf, die den Erwartungen der Betroffenen halbwegs entgegenkommt. Sie verweist dabei auf die Konzern-Gewinne, die Steigerung der Arbeitsproduktivität, die hohe Inflation und nicht zuletzt auf die Kampfbereitschaft der Beschäftigten. Die Arbeitgeber weisen die Forderung mit Hinweis auf die düstere wirtschaftliche Zukunft strikt zurück.

Es folgen ein paar zahnlose Trillerpfeifen-Proteste. Die Betriebsräte einiger Großkonzerne führen zur Mittagspause Tausende Arbeiter zum Protest vor das Werkstor, während die Verhandlungsdelegationen hinter verschlossenen Türen einen Abschluss ausmauscheln, der die Unternehmen nicht schmerzt und den Beschäftigten als "Erfolg" verkauft wird.

Ein Kommentar der Süddeutschen Zeitung zur Tarifrunde charakterisiert dieses Geschacher mit den Worten: "Gibst du mir noch ein paar Zehntelprozente, geb’ ich dir eine längere Laufzeit. Daraufhin wird gerechnet, und eines Morgens um halb fünf treten beide vor die Kameras und erklären, was sie in heldenhaftem Kampf herausgeholt haben."

Die Financial Times Deutschland geht fest davon aus, dass sich an diesem Ablauf auch diesmal nichts ändern wird: "Die Erfahrungen der vergangenen Tarifrunden stimmen dabei durchaus hoffnungsvoll. In fast jeder Runde wurden Vereinbarungen wie flexible Einmalzahlungen oder andere Ausweichmechanismen gefunden, mit denen ein hoher Abschluss auch für schwächere Unternehmen erträglich wurde."

So hatte die IG Metall in der letzten Tarifrunde 6,5 Prozent mehr Geld gefordert und sich schließlich auf eine Einmalzahlung für die ersten drei Monate, auf eine Erhöhung um 4,1 Prozent für die nächsten zwölf Monate und auf weitere 1,7 Prozent für die letzten vier Monate geeinigt. Die Gesamtlaufzeit betrug 19 Monate.

Die IG Metall hatte eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 3,9 Prozent errechnet, die tatsächlich gezahlten Bruttolöhne sind aber nur um 1,8 Prozent gestiegen, weil viele Betriebe übertarifliche Leistungen abgebaut haben. Bei einer Preissteigerung von 2,3 Prozent im letzten und über 3 Prozent in diesem Jahr bedeutet dies eine Reallohnsenkung.

Auch andere Gewerkschaften gehen nach diesem Muster vor. So war die Gewerkschaft Verdi mit einer Forderung von 8 Prozent, mindestens aber 200 Euro in die letzten Tarifverhandlungen für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gegangen. Anfang des Jahres schloss sie dann mit 3,1 Prozent oder mindestens 50 Euro ab. Im kommenden Jahr kommen eine Einmalzahlung von 225 Euro und eine weitere Tariferhöhung von 2,8 Prozent hinzu. Die Gesamtlaufzeit des Vertrags beträgt 24 Monate und die vereinbarte Erhöhung wird durch die Verlängerung der Arbeitszeit von 38,5 auf 39 Wochenstunden in den westdeutschen Kommunen weitgehend kompensiert.

In der Stahlindustrie hat die IG Metall einen Tarifvertrag mit 14 Monaten Laufzeit vereinbart. Für den ersten Monat gibt es eine Einmalzahlung von 200 Euro, ab dem zweiten (März 2008) 5,2 Prozent mehr Lohn. Auch hier hatte die ursprüngliche Forderung 8 Prozent betragen.

Der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber ist sich klar, was solche Abschlüsse bedeuten. Mit Einmalzahlungen wollten die Arbeitgeber "die langfristige Lohnerhöhung nach unten drücken", erklärte er der Frankfurter Rundschau. "Hohe Einmalzahlungen sehen erst mal schön aus, sind aber ziemlich schnell verfrühstückt." Dennoch werden sie von der IG Metall immer wieder vereinbart.

Nach Berechnungen des Tarifexperten Thorsten Schulten von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung sind die durchschnittlichen Tariflöhne in der Gesamtwirtschaft in der ersten Jahreshälfte 2008 nur um 3,3 Prozent gestiegen, trotz nominal höherer Abschlüsse. Das gleicht noch nicht einmal die Preissteigerung aus.

Dabei ist nicht berücksichtigt, wie viel von diesen 3,3 Prozent tatsächlich bei den Beschäftigten ankommen . So stiegen die Tariflöhne 2007 im Schnitt um 2,2 Prozent, die Effektivlöhne dagegen nur um 1,4 Prozent. Der Grund dafür ist, dass immer weniger Beschäftigte von Tarifverträgen erfasst werden - im Westen sind es etwa zwei Drittel, im Osten nur die Hälfte. Hinzu kommt, dass die Gewerkschaften in den Tarifverträgen immer häufiger Öffnungsklauseln vereinbaren, die es den Betrieben ermöglichen, ihren Beschäftigten Tariferhöhungen zu verweigern.

Die IG Metall und ihr Vorsitzender Huber haben nicht die Absicht, an dieser Entwicklung etwas zu ändern. Sie dreschen radikale Phrasen und rufen zu vereinzelten Warnstreiks auf um Dampf abzulassen, weil sie fürchten, dass die Empörung in den Betrieben sonst außer Kontrolle gerät. IG-Metall-Chef Huber hat dies in der Frankfurter Rundschau offen ausgesprochen: "Das Auseinanderdriften der Gesellschaft - hohe Gewinne, mäßige Lohnentwicklung insgesamt, Unterschiede zwischen den Branchen - ist sozialer Sprengstoff. Dies müssen wir entschärfen. Die IG Metall trägt dazu bei."

Die Arbeitgeber sind sich der Rolle der Gewerkschaften bewusst. In einem Interview zur Tarifrunde erklärte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Dieter Hundt, die Partnerschaft mit den Gewerkschaften habe sich trotz der anwachsenden Streiks und Proteste verbessert. "Vor 20 Jahren war die Stimmung viel aggressiver und militanter." Insgesamt seien die Diskussionen sachlicher geworden. Auch die Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitung und Betriebsräten vor Ort habe sich "in Richtung einer verständnisvollen Partnerschaft weiterentwickelt".

Siehe auch:
Tarifabschluss im öffentlichen Dienst - Die Verteidigung der Einkommen erfordert eine neue Perspektive
(3. April 2008)
Ein kritischer Blick auf den Tarifabschluss in der Stahlindustrie
( 4. März 2008)

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