Deutschland vor 85 Jahren

1923: Die verpasste Revolution

Teil 1

Von Peter Schwarz
22. Oktober 2008

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Der folgende Artikel über den "deutschen Oktober", die verpasste Revolution des Jahres 1923, beruht auf einem Vortrag, der im Sommer 2007 gehalten wurde. Wir veröffentlichen ihn in drei Teilen.

1923 entwickelte sich in Deutschland eine äußerst günstige revolutionäre Gelegenheit. Die Kommunistische Partei (KPD) bereitete in enger Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Internationale einen Aufstand vor - und sagte ihn am 21. Oktober in letzter Minute ab. Trotzki sprach später von einem klassischen Beispiel, "wie man eine ganz außergewöhnliche revolutionäre Situation von welthistorischer Bedeutung verpassen kann". (1)

Die deutsche Niederlage von 1923 hatte weitreichende Folgen: Sie ermöglichte es der Bourgeoisie, ihre Herrschaft in Deutschland zu festigen und die Lage etwa sechs Jahre lang stabil zu halten. Als 1929 die nächste große kapitalistische Krise ausbrach, war die Arbeiterklasse durch die stalinistische Führung der KPD gründlich desorientiert. Das führte zu den fatalen Ereignissen, die in der Machtergreifung Hitler gipfelten. Auf internationaler Ebene verlängerte die Niederlage des deutschen Oktobers die Isolation der Sowjetunion und trug so als wichtiger psychologischer und materieller Faktor zum Aufstieg der stalinistischen Bürokratie bei.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen die strategischen und taktischen Lehren aus dem deutschen Oktober, Lehren, die sich rasch zu einem heftigen Streitpunkt in der Auseinandersetzung zwischen der Linken Opposition und der Troika Stalin, Sinowjew und Kamenew entwickelten. Um diese Lehren zu verstehen, ist es notwendig, einleitend die Ereignisse des Jahres 1923 kurz zusammenzufassen.

Deutschland 1923

Alle grundlegenden Fragen, die den deutschen Imperialismus 1914 in den Ersten Weltkrieg getrieben hatten - der Zugang zu Märkten und Rohstoffen für seine dynamische Industrie, die Reorganisation Europas unter seiner Vorherrschaft - blieben 1923 ungelöst. Deutschland hatte nicht nur den Krieg verloren und hohe Verluste an Menschenleben und materiellen Ressourcen erlitten, es war durch den Versailler Vertrag auch verpflichtet worden, hohe Reparationszahlungen an seinen Hauptrivalen Frankreich und andere imperialistische Mächte zu leisten.

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre 1918 bis 1921 waren durch eine Reihe von Aufständen geprägt, die durch die vereinten Anstrengungen der Sozialdemokratie und rechter paramilitärischer Kräfte niedergeschlagen wurden. Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und heizten damit die politische und soziale Krise in Deutschland erneut an.

Die französische Regierung begründete die militärische Besetzung des Zentrums der deutschen Stahl- und Kohleindustrie damit, dass Deutschland seinen Reparationsverpflichtungen nicht nachgekommen sei. Die deutsche Reichsregierung - eine rechte Regierung unter dem Großindustriellen Wilhelm Cuno, die von der SPD toleriert wurde - rief zum "passiven Widerstand" auf. In der Praxis bedeutete dies, dass die deutsche Verwaltung und die Industrie des Ruhrgebiets die Besatzungsmächte boykottierten. Die Reichsregierung zahlte die Gehälter der Verwaltung weiter und kam für die Verluste der Kohlen- und Stahlbarone auf.

Als Folge dieser gewaltigen Ausgaben und des Ausbleibens der dringend benötigten Kohle und des Stahls aus dem Ruhrgebiet stürzte der ohnehin defizitäre Staatshaushalt völlig ab. Die Inflation stieg ins Unermessliche. Zu Beginn des Jahres stand der Außenwert der inflationären deutschen Währung bei 21.000 Mark pro US-Dollar. Ende des Jahres, auf dem Höhepunkt der Inflation, war ein US-Dollar fast sechs Billionen Mark wert - eine Zahl mit zwölf Nullen!

Die Hyperinflation hatte explosive soziale und politische Folgen. Sie polarisierte die Gesellschaft wie nie zuvor. Für Arbeiter war sie existenzbedrohend. Wenn sie am Ende der Woche ihren Lohn erhielten, war er kam noch das Papier wert, auf das die hohen Summen gedruckt wurden. Die Frauen warteten am Abend vor dem Werkstor, um mit dem Gehalt zum nächsten Geschäft zu rennen, bevor das Geld am folgenden Morgen wertlos war.

Ein Beispiel: Ein Ei, das am 3. Februar noch für 300 Mark zu haben war, kostete am 5. August 12.000 Mark und drei Tage später bereits 30.000 Mark. Obwohl die Löhne an die Inflation angepasst wurden, fiel der Durchschnittslohn in Dollar gemessen im Lauf von sechs Monaten um 50 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen rasant an: Von unter hunderttausend zu Beginn des Jahres auf 3,5 Millionen Arbeitslose und 2,3 Millionen Kurzarbeiter am Ende des Jahres.

Die Arbeiter waren aber nicht die einzigen, die durch die Inflation ruiniert wurden. Wer eine Rente bezog oder sich etwas erspart hatte, war über Nacht mittellos. Viele mussten ihr Haus, ihren Schmuck, oder was sie sonst im Lauf ihres Lebens erarbeitet hatten, verkaufen, um zu überleben - nur um dann festzustellen, dass der erzielte Erlös nach wenigen Tagen nichts mehr wert war. Arthur Rosenberg, Autor der ersten maßgeblichen Geschichte der Weimarer Republik, schreibt dazu: "Die systematische Enteignung des deutschen Mittelstandes, nicht etwa durch eine sozialistische Regierung, sondern in einem bürgerlichen Staat, der den Schutz des Privateigentums auf seine Banner geschrieben hatte, ist ein beispielloses Ereignis. Es war eine der größten Räubereien der Weltgeschichte." (2)

Auf der anderen Seite gab es eine Gruppe von Spekulanten, Schiebern und Industriellen, die sich an der Inflation hemmungslos bereicherten. Wer Zugang zu Devisen oder Gold hatte und deutsche Waren ins Ausland exportierte, konnte aufgrund der niedrigen Löhne fabelhafte Profite einstreichen. Wertgegenstände, Häuser, ganze Fabriken wechselten für ein Taschengeld den Besitzer. Diese Schichten standen hinter der Regierung Cuno. Der Bekannteste unter ihnen war der Industrielle Hugo Stinnes, der in dieser Zeit 1.300 Unternehmen aufkaufte und Milliarden verdiente. Er gehörte auch zu den wichtigsten politischen Drahtziehern.

Die Verschärfung der sozialen Gegensätze und der Zerfall des Mittelstandes hatten eine scharfe politische Polarisierung zur Folge.

Die Sozialdemokratie verlor rasch an Einfluss und Mitgliedern und durchlief einen inneren Zersetzungsprozess. Die SPD war seit dem Sturz des Kaiserregimes durch die Novemberrevolution 1918 die wichtigste Stütze der bürgerlichen Herrschaft in Deutschland gewesen. 1918 hatte sie sich mit den Spitzen der Reichswehr und paramilitärischen Freikorps verbündet, um die proletarische Revolution zu ersticken und deren bekanntesten Führer - Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - zu ermorden. Die SPD verteidigte als einzige Partei in Deutschland bedingungslos die Weimarer Republik. Alle anderen bürgerlichen Parteien hätten eine mehr autoritäre Herrschaftsform vorgezogen. Mit Friedrich Ebert stellte die SPD den ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Ebert hatte dieses Amt bis zu seinem Tod im Februar 1925 inne - also auch während der gesamten Zeit, mit der sich dieser Vortrag befasst.

Die konterrevolutionäre Politik der SPD hatte viele Arbeiter abgestoßen und zur KPD gebracht. Die Gewerkschaften und mit ihnen eine Schicht konservativer Arbeiter unterstützten aber bis 1923 immer noch die SPD. Mit der Inflation änderte sich das.

Der Historiker Arthur Rosenberg (er war 1923 führendes KPD-Mitglied und wechselte später zur SPD) schreibt: "Im Verlauf des Jahres 1923 nahm die Kraft der SPD ständig ab. ... Vor allem die Gewerkschaften, die stets die Hauptstütze des sozialdemokratischen Einflusses gewesen waren, befanden sich in voller Auflösung. ... Millionen von deutschen Arbeitern wollten von der alten Gewerkschaftstaktik nichts mehr wissen und verließen die Verbände. Die Zersetzung der Gewerkschaften war zugleich eine Lahmlegung der SPD." (3)

Während die Gewerkschaften zerfielen, achteten sozialdemokratische Arbeiter sorgfältig auf die Aussagen der Kommunisten. Innerhalb der SPD entwickelte sich ein linker Flügel, der zur Zusammenarbeit mit der KPD bereit war. Wie wir noch sehen werden, kam es im Oktober sowohl in Sachsen wie in Thüringen kurzfristig zu Koalitionsregierungen von SPD und KPD. Den Mitgliederverlusten und dem sinkenden Einfluss der SPD stand ein entsprechendes Wachstum der KPD gegenüber. Deren Mitgliederzahl erhöhte sich innerhalb eines Jahres von 225.000 auf 295.000.

Da zwischen 1920 und 1924 keine Reichtagswahlen stattfanden, lassen sich über den Einfluss der KPD nur schwer repräsentative Zahlen finden. Einen Hinweis geben die Wahlen in dem kleinen, ländlich geprägten Freistaat Mecklenburg-Strelitz: 1920 hatte die SPD dort 23.000 und die USPD (deren Mehrheit sich später der KPD anschloss) 2.000 Stimmen erhalten; die KPD war gar nicht angetreten. Im Sommer 1923 lagen SPD und KPD mit jeweils rund 11.000 Stimmen fast gleichauf. Im Saarland - einer ursprünglich katholisch geprägten Bergbauregion - erhöhte die KPD ihre Wählerstimmen zwischen 1922 und 1924 von 14.000 auf 39.000.

Innerhalb der Gewerkschaften wuchs der Einfluss der Kommunisten auf Kosten der SPD ebenfalls. So gewann die KPD im Sommer 1923 bei den Delegiertenwahlen zum Kongress des Deutschen Metallarbeiterverbands in Berlin 54.000 Stimmen, die SPD 22.000 und damit noch nicht einmal halb so viele. Laut Aussage eines KPD-Führers verfügte die Partei im Juni über 500 organisierte Gruppen in der 1,6 Millionen Mitglieder zählenden Gewerkschaft; 720.000 Metallarbeiter unterstützten die Kommunisten. Der Historiker Hermann Weber schreibt in seinem Buch über die Geschichte der KPD: "Das Jahr 1923 brachte ... einen stetig wachsenden Einfluss der KPD, der es vermutlich zeitweise gelang, die Mehrheit der sozialistisch orientierten Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen." (4)

Die KPD vor 1923

Bevor wir auf die weiteren Ereignisse des Jahres 1923 eingehen, ist ein kurzer Rückblick auf die Entstehung der KPD erforderlich. Sie war 1923 alles andere als eine einheitliche, gefestigte Partei. Sie war zwar erst vier Jahre alt, hatte aber bereits große Ereignisse erlebt und mehrere Führungswechsel, Spaltungen und Zusammenschlüsse durchgemacht. Sie war von scharfen inneren Spannungen geprägt.

Die herausragende theoretische und politische Führungsfigur der KPD war zweifellos Rosa Luxemburg gewesen, die nur zwei Wochen nach dem Gründungskongress ermordet wurde - ein unersetzlicher Verlust. Luxemburg war eine Revolutionärin von außerordentlichem Mut und hoher Integrität. Ihre Schriften über den Revisionismus und ihr Kampf gegen die Rechtsentwicklung der SPD - die sie früher und deutlicher als Lenin erkannt hatte -, gehören zum Besten, was in der marxistischen Literatur geschrieben wurde.

Aber ähnlich wie Trotzki - und länger als dieser - hatte Luxemburg aus dem Verständnis des Revisionismus nicht derart konsequente organisatorische Schlussfolgerungen gezogen wie Lenin. Selbst als sie nach dem 4. August 1914 die Gruppe Internationale, den späteren Spartakusbund gründete, brach sie nicht formal mit der SPD. Nicht die Partei verlassen, sondern den Kurs der Partei ändern, lautete ihre Devise.

Auf der Zimmerwalder Konferenz von 1915 wies der Spartakusbund Lenins Aufruf für eine neue Internationale zurück, und noch im März 1919, auf dem ersten Kongress der Dritten Internationale, enthielt sich der KPD-Delegierte Hugo Eberlein bei der Abstimmung über die Gründung der neuen Internationale. Er war von der KPD beauftragt worden, die Gründung abzulehnen, wurde in Moskau aber vom Gegenteil überzeugt und enthielt sich deshalb der Stimme.

1917 gründeten Reichtagsabgeordnete, die wegen ihrer Weigerung, weiterhin für die Kriegskredite zu stimmen, aus der SPD ausgeschlossen worden waren, die Unabhängige SPD. Der Spartakusbund schloss sich dieser zentristischen Organisation als Fraktion an, obwohl zu den bekanntesten Führern der USPD neben Karl Kautsky auch Eduard Bernstein gehörte, der theoretische Kopf des deutschen Revisionismus. Luxemburg rechtfertigte den Beitritt mit dem Argument, der Spartakusbund habe sich der USPD nicht angeschlossen, um in einer rückgratlosen Opposition zu versinken. "Sie ist der neuen Partei beigetreten, um - im Vertrauen auf zunehmende Verschärfung der allgemeinen sozialen Lage und im bewussten Hinarbeiten auf sie - die neue Partei vorwärts zu drängen, ihr mahnendes Gewissen zu sein und [...] die wirkliche Führerschaft der Partei zu übernehmen", schrieb sie. (5)

Im Gegensatz zum Spartakusbund weigerte sich die von Karl Radek und Paul Frölich, Luxemburgs späterem Biografen, geführte Bremer Linke, der USPD beizutreten. Sie bezeichnete dies als Zeitverschwendung. Luxemburg griff sie deshalb scharf an. Sie brandmarkte ihr Eintreten für eine Unabhängige Partei als "Kleinküchensystem" und schrieb: "Schade, dass dieses einzig richtige Kleinküchensystem die Hauptsache vergisst, nämlich die objektiven historischen Verhältnisse, die letzten Endes für das Verhalten der Massen ausschlaggebend sind und sein werden. [...] Es genügt nicht, dass eine Handvoll Leute das beste Rezept in der Tasche hat und schon weiß, wie man die Massen führen soll. Diese Massen müssen geistig den Traditionen der 50jährigen Vergangenheit entrissen, von ihnen befreit werden. Und das können sie nur im großen Prozess ständiger schärfster innerer Selbstkritik der Bewegung im ganzen." (6)

Erst im Dezember 1918, einen Monat nachdem drei USPD-Führer in eine provisorische Regierung unter den SPD-Führern Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann eingetreten waren, brach der Spartakusbund mit der USPD. Die Regierung Ebert wurde zum Henker der Novemberrevolution. Sie verbündete sich bald mit der militärischen Führung. Die USPD hatte ihre Aufgabe erfüllt und wurde nicht länger benötigt. Am Ende des Jahres, inmitten heftiger revolutionärer Kämpfe, gründeten der Spartakusbund, die Bremer Linke und einige weitere linke Organisationen dann schließlich die KPD.

Die späte Gründung einer wirklich revolutionären, von den Sozialdemokraten und Zentristen unabhängigen Partei erklärt zum Teil, weshalb es in Deutschland zu Beginn der zwanziger Jahre so viele ultralinke Strömungen gab. Der Verrat der SPD - erst 1914 mit der Unterstützung des Weltkriegs und dann 1918 mit der blutigen Niederschlagung der Revolution - löste eine scharfe Reaktion unter Arbeitern aus, die sich in Ermangelung einer entschlossenen, den Bolschewiki vergleichbaren Organisation verschiedenen Formen des Linksradikalismus oder sogar des Anarchismus zuwandten. Dieses Problem sollte die KPD noch lange quälen.

Auf dem Gründungsparteitag befand sich Luxemburg in der Frage der Teilnahme an den Wahlen in der Minderheit. Die Mehrheit lehnte jede parlamentarische Arbeit ab. Und außerhalb der Partei gab es viele weitere ultralinke Tendenzen. Im April 1920 brach der linke Flügel nach einem bewaffneten Arbeiteraufstand an der Ruhr von der Partei und bildete die KAPD, die ultralinke, antiparlamentarische und anarchistische Vorstellungen vertrat. Die KAPD nahm einen beträchtlichen Teil der Mitgliedschaft mit - einigen Quellen zufolge sogar die Mehrheit. Sie zerfiel allerdings rasch, da sie über kein schlüssiges Programm verfügte. Die Komintern bemühte sich erfolgreich darum, die gesunden Teile der KAPD zurück zu gewinnen, und lud sie sogar zu einem ihrer Kongresse ein.

Am meisten profitierte 1919 allerdings die USPD von der Linksentwicklung der Arbeiterklasse. 1920 gewann sie bei den Reichtagswahlen 5 Millionen Stimmen. Die SPD erhielt mit 6 Millionen Stimmen nur wenig mehr, die KPD lediglich 600.000.

Die USPD war eine klassische zentristische Partei. Die Führung bewegte sich nach rechts und traf sich dabei mit Arbeitern, die sich nach links bewegten. Viele USPD-Anhänger bewunderten die Sowjetunion, und die rechten Führer der USPD waren zunehmend isoliert. Mit seinen 21 Beitrittsbedingungen vertiefte der Zweite Kongress der Komintern die Gegensätze innerhalb der USPD. Im Dezember 1920 schloss sich die Mehrheit schließlich der KPD an - oder der Vereinigten KPD, wie sie nun für einige Zeit hieß. Die Minderheit ging später in die SPD zurück. Der Zusammenschluss mit der USPD erhöhte die Mitgliederzahl der KPD um ein Fünffaches und verwandelte sie in eine Massenpartei. Aber die neuen Mitglieder brachten auch viele Probleme der Vergangenheit und die zentristischen Traditionen der USPD mit sich.

1921 rief ein gescheiterter Aufstand in Mitteldeutschland - die sogenannte Märzaktion - in der KPD eine neue Krise hervor. Weil die Reichsregierung Polizeieinheiten zur Entwaffnung der Arbeiter in die Fabriken geschickt hatte, riefen KPD und KAPD zum Generalstreik und zum Sturz der Reichsregierung auf. Der Aufstand war eindeutig verfrüht. Er endete mit einer blutigen Niederlage. In den Kämpfen und der anschließenden blutigen Repression fanden ungefähr 2.000 Arbeiter den Tod. Paul Levi, eine enger Freund Rosa Luxemburgs und wichtiger Führer der Partei, der - richtigerweise - von Anfang an gegen den Aufstand eingetreten war, reagierte, indem er die Partei öffentlich angriff. Er wurde schließlich ausgeschlossen und fand seinen Weg zurück in die Sozialdemokratie.

Die deutschen Märzereignisse standen im Mittelpunkt der Debatte des Dritten Kominternkongresses, der vom 22. Juni bis zum 21. Juli 1921 in Moskau stattfand. Trotzki bezeichnete den Kongress später als "Wegweiser" und fasste seine Bedeutung mit den Worten zusammen: "Er stellte fest, dass die Mittel der Kommunistischen Parteien, politisch wie auch organisatorisch, für eine Eroberung der Macht nicht ausreichten. Er stellte die Parole auf: ‚Heran an die Massen’, d.h. an die Eroberung der Macht durch die vorhergehende Eroberung der Massen in ihrem täglichen Leben und Kampf. Denn die Masse lebt auch in einer revolutionären Epoche ihr Alltagsleben, wenn auch auf etwas andere Art und Weise." (7)

Der Dritte Kongress trat für Übergangsforderungen, die Taktik der Einheitsfront und die Forderung nach einer Arbeiterregierung ein, um das Vertrauen von Arbeitern zu gewinnen, die weiterhin die Sozialdemokraten unterstützten. Er beharrte auf der Notwendigkeit, innerhalb der Gewerkschaften zu arbeiten. Das stieß auf den erbitterten Widerstand von linken und ultralinken Strömungen innerhalb der KPD, die für die sogenannte "Offensivtheorie" eintraten und jede Form von Kompromiss, von parlamentarischer und von Gewerkschaftsarbeit ablehnten. Sie wurden von Bucharin unterstützt, dem späteren Führer der rechten Opposition, der für eine "ununterbrochene revolutionäre Offensive" eintrat. In Antwort auf diese Strömungen verfasste Lenin seine Schrift "Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus".

Studiert man die damaligen Auseinandersetzungen, fällt auf, dass Lenin und Trotzki extrem geduldig mit den unterschiedlichen Strömungen der KPD umgingen. Sie bemühten sich, zu erziehen, zu erklären, zu konsolidieren und verfrühte Spaltungen zu vermeiden. Sie zügelten Heißsporne auf der Linken und auf der Rechten, die ihre Gegner ausschließen wollten. Sie versuchten Levi in der Partei zu halten, bis sein provokatives Benehmen dies unmöglich machte. Während des Dritten Kongresses diskutierten sie stundenlang im kleinen Kreis mit den verschiedenen KPD-Fraktionen. Sie blieben unnachgiebig gegenüber den Linksradikalen, waren sich aber auch eines konservativen Elements in der Parteiführung bewusst, auf das diese Linken reagierten. Anders gesagt: Lenin und Trotzki waren bemüht, eine ausgeglichene, erfahrene Führung zu entwickeln, die mit Widersprüchen umgehen und rasch auf veränderte Umstände reagieren konnte. Sie standen damit in deutlichem Gegensatz zu den Methoden, welche die Komintern später unter Stalin entwickeln sollte.

Anmerkungen

1) Leo Trotzki, Lehren des Oktober, Dortmund 1978, S.14

2) Arthur Rosenberg, Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt am Main: Athenäum 1988, S. 395

3) ebd. S.402

4) Hermann Weber, Die Wandlung des deutschen Kommunismus, Band 1, Frankfurt 1969, S.43

5) Rosa Luxemburg, Rückblick auf die Gothaer Konferenz, in Gesammelte Werke Band 4, Berlin 1974, S.273

6) Ebend. S.274

7) Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S.100

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