Eine oberflächliche Aufarbeitung der RAF-Geschichte

"Der Baader Meinhof Komplex" - Produktion und Buch: Bernd Eichinger, Regie: Uli Edel

Von Peter Schwarz
28. Oktober 2008

Drei Jahrzehnte nach dem "Deutschen Herbst" hat der Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger ("Der Untergang", "Das Parfum") die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) auf die Leinwand gebannt.

Der Film beginnt im Jahr 1967. Konkret -Herausgeber Klaus Rainer Röhl, seine Frau Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und ihre beiden heranwachsenden Töchter verbringen an einem Sylter FKK-Strand in paradiesischer Nacktheit den Sommerurlaub. Auf dem Titelbild einer Illustrierten prangt das Bild des persischen Schah und seiner Frau Farah Diba. Röhl erklärt seinen Töchtern - gegen den Protest Meinhofs -, dass der Schah seine Gegner foltert und ihnen die Köpfe abhackt.

Die nächste Szene zeigt die Anti-Schah-Demonstration vom 2. Juni. Der Schah und seine Gattin fahren vor der Deutschen Oper in Berlin auf. Gegenüber, abgeschirmt durch einen dichten Polizeikordon, schwenken Demonstranten Transparente und skandieren Parolen. Zwischen Polizei und Schah ziehen "Jubelperser" auf - durchtrainierte, bullige Männer in schwarzem Anzug, die schahfreundliche Plakate schwenken.

Plötzlich durchqueren die Jubelperser die Polizeilinie und prügeln wild auf die friedlichen Demonstranten ein. Eine Frau blutet. Die Polizei sieht tatenlos zu. Schließlich zieht sie selbst die Gummiknüppel und treibt die Demonstration brutal auseinander. Man sieht die ungläubigen, entsetzten und empörten Gesichter. In einem Hinterhof löst sich ein Schuss. Der Polizist Karl-Heinz Kurras hat den Studenten Benno Ohnesorg erschossen.

Nun ziehen die Ereignisse von zehn Jahren im Zeitraffer am Zuschauer vorbei. In einer Berliner Wohnung werden die ersten Bomben gebastelt. Rudi Dutschke spricht zum Berliner Vietnam-Kongress und wird auf offener Straße niedergeschossen. Andreas Bader (Moritz Bleibtreu) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) stecken ein Frankfurter Kaufhaus in Brand. Sie werden verhaftet. Ulrike Meinhof beteiligt sich an der Befreiungsaktion. Es gibt (ungeplant) einen Schwerverletzten und die Gruppe taucht in den Untergrund ab.

Ausbildung bei Al Fatah in Jordanien, Banküberfälle, Bombenanschläge und Verhaftung. Isolationshaft und Zusammenlegung im Hochsicherheitstrakt von Stammheim. Von dort verfolgt die Gruppe über Fernsehen, Radio und Kassiber, wie die zweite Generation das Kommando übernimmt und der Terror eskaliert: Kaltblütige Anschläge auf führende Vertreter von Staat und Wirtschaft, Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm, und schließlich - im Deutschen Herbst 1977 - die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer (Bernd Stegemann) sowie der Lufthansamaschine Landshut durch ein palästinensisches Kommando. Beide Entführungen verfolgen das Ziel, die Stammheimer Häftlinge freizupressen

Ulrike Meinhof ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, erhängt aufgefunden in ihrem Stammheimer Verlies. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe liegen am Morgen des 18. Oktober ebenfalls tot in der Zelle. Zuvor hat ein Spezialkommando die Kidnapper der Landshut in Somalia überwältigt. Der Film endet mit der Hinrichtung Schleyers durch einen Kopfschuss.

"Der Baader Meinhof Komplex" hat zweifellos positive Seiten.

Das gilt vor allem für die hervorragende Besetzung. Eichinger hat einige der besten Vertreter der jüngeren Schauspielergeneration engagiert, die sich um eine differenzierte Darstellung der Charaktere bemühen. Vor allem die Szenen in Stammheim sind hervorragend gespielt. Die Hauptakteure haben sich in eine politischen Sackgasse verrannt. Sie leiden an den Folgen der Isolationshaft, geraten in Streit, ihre Persönlichkeit zerfällt, sie bäumen sich verzweifelt dagegen auf. Dabei werden sie pausenlos überwacht und abgehört.

Ein weiterer Pluspunkt sind die Sorgfalt und Detailtreue, mit der die historischen Ereignisse rekonstruiert werden. Das Filmteam hat dafür viel Arbeit und Geld investiert. Der Film wurde größtenteils an den Originalschauplätzen gedreht und konnte auf Fördergelder von 6,5 Millionen Euro zurückgreifen.

Trotzdem bleibt der Film insgesamt oberflächlich und schal. Er ist sichtlich bemüht, nirgends anzuecken. Er bietet einen unkritischen, konventionellen Blick auf die Ereignisse und weicht heiklen Fragen aus.

Eichinger und der langjährige Spiegel -Chefredakteur Stefan Aust, auf dessen gleichnamiges Buch sich der Film stützt, wollten sich offensichtlich nicht mit den herrschenden Kreisen in Politik und Medien anlegen. Sie haben zwar der Versuchung widerstanden, die Baader-Meinhof-Gruppe als unpolitische, rein kriminelle Vereinigung darzustellen, wie dies in führenden Kreisen von Union und SPD bis heute üblich ist. Doch was sie zur Erhellung der gesellschaftlichen und politischen Hintergründe beitragen, geht nicht über platte Klischees hinaus.

Einige Kritiker führen das darauf zurück, dass sie die Ereignisse von zehn Jahren auf zweieinhalb Stunden Film zusammengedrängt hätten und dabei der Versuchung erlegen seien, Actionszenen in den Vorgrund zu stellen. Der Film lebe nun einmal von Handlung und visuellen Effekten und eigne sich wenig für kritische Reflexion. Doch das macht die Sache zu einfach. "Der Baader Meinhof Komplex" ist nicht nur ein Actionfilm. Das Drehbuch räumt Hintergrundmaterial und Dialogen erheblichen Raum ein, doch dieses Material wird sorgfältig gefiltert. Einige Aspekte werden untertrieben, andere bewusst ausgeklammert.

Welchen Reim soll sich das Publikum auf diesen Film machen? Warum haben sich Frauen wie Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin, die beide mit hohen moralischen Ansprüchen in die Politik gingen, in die reaktionäre Sackgasse des individuellen Terrorismus verrannt?

Der Film bietet wenig, um diese Fragen zu klären. Für einen Zuschauer, der in den siebziger und achtziger Jahren geboren wurde, bleibt es schlicht unverständlich, weshalb die 68er Protestbewegung Hunderttausende in ihren Bann zog und warum dann eine kleine Gruppe in den Terrorismus abglitt. Ein bisschen freier Sex, ein bisschen Anarchie (Baader rast mit geklauten Autos durch die Straßen), kombiniert mit abstrakten, hölzernen Phrasen über Imperialismus und Freiheit ist alles, was der Film dazu beizutragen hat.

Soll man aus dem "Baader Meinhof Komplex" schließen, dass jeder Protest gegen die herrschende Ordnung in eine Gewaltorgie führt und man besser die Finger davon lässt? So weit geht der Film zwar nicht, er schließt eine derartige Schlussfolgerung aber auch nicht aus.

Zu den besten Szenen gehören zweifellos die eingangs geschilderte Demonstration gegen den Schahbesuch und die wiederholt eingeblendeten, brutalen Originaldokumente über den Vietnamkrieg, die ahnen lassen, welche Wut und Empörung sich damals in der jungen Generation anstauten. Doch weiter geht der Film nicht. Die Unverhältnismäßigkeit, mit der Staat und Medien auf die Studentenproteste und auf die ersten Aktionen Baaders und Ensslins reagierten, kommt im Film kaum zum Ausdruck.

Das ist sogar Gerhart Baum (FDP) aufgefallen, der von 1972 bis 1978 als Staatssekretär im Innenministerium und von 1978 bis 1982 als Innenminister höchste Verantwortung für den staatlichen Unterdrückungsapparat trug. In der Zeit vom 18. September schreibt er über den "Baader Meinhof Komplex": "Wichtige Zeitumstände bleiben leider ausgeblendet - so der zeitweilig von Teilen der öffentlichen Meinung und der Politik aufgeheizte Taumel in Panik und Hysterie. ... Ausgeblendet bleibt auch die Instrumentalisierung des Terrors für politische Zwecke, durch die sich der Rechtsstaat selbst in Gefahr brachte. Zeitweise zeigte er das hässliche Gesicht, das seine Gegner von ihm zeichnen wollten. Es wäre gut gewesen, wenn der Film auch den im Ausnahmezustand der Angst ins Wanken geratenen Rechtsstaat thematisiert hätte."

Dies, so Baum, sei auch heute ein wichtiges Thema: "Unsere Grundrechte werden im Kampf gegen den Terror beschädigt - damals wie heute."

Völlig weggelassen werden im Film auch die unaufgearbeitete nationalsozialistische Vergangenheit - die Tatsache, dass Staatspersonal, Richter und Professoren nahtlos aus dem Dritten Reich übernommen wurden und kaum jemand für die Verbrechen der Nazis büßen musste - sowie die Notstandsgesetze, die die Große Koalition 1968 verabschiedete. Beides hat mindestens ebensoviel zur Entstehung der studentischen Protestbewegung beigetragen, wie der Vietnamkrieg und die Schah-Demonstration.

Weit schwerer wiegt aber die völlige Ausklammerung der Rolle von Stalinismus und Sozialdemokratie. Hier können keine unschuldigen Motive mehr geltend gemacht werden, der Film nimmt ganz offensichtlich beide in Schutz.

Ein historisch unbedarfter Zuschauer würde kaum auf den Gedanken kommen, dass hinter Konkret, für die Ulrike Meinhof schrieb, ursprünglich die verbotene KPD und das stalinistische Regime in der DDR stand. Der Film liefert auch keinen Hinweis darauf, dass die SPD 1967 für die Berliner Polizei verantwortlich war und seit 1966 im Bonn unter dem CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger, einem ehemaligen NSDAP-Mitglied, mitregierte.

Die reaktionäre Rolle von Stalinismus und Sozialdemokratie trug maßgeblich zu jener Mischung aus Empörung und Ohnmacht bei, die Meinhof, Ensslin und einige andere in die Sackgasse des Terrorismus trieb. Die Verbrechen des Stalinismus, die im Sommer 1968 in der Niederschlagung des Prager Frühlings gipfelten, schnitten die berechtigte Empörung der Studenten von einer sozialistischen Perspektive ab. Die SPD stellte sich uneingeschränkt hinter die Notstandsgesetze und die Staatsaufrüstung.

Ein Teil der studentischen Linken schob die Verantwortung für die Politik der SPD den Arbeitern zu, die in ihrer großen Mehrheit die SPD wählten. Gestützt auf die Theorien der Frankfurter Schule, insbesondere Herbert Marcuses, betrachteten sie die Arbeiterklasse als reaktionäre Maße, die durch den Konsum völlig ins kapitalistische System integriert sei. Daraus schlossen sie, dass nur die revolutionäre Aktion Einzelner das gesellschaftliche Bewusstsein aufrütteln könne - eine Theorie, die im Terror der RAF ihre mörderische Konsequenz fand.

Diese Zusammenhänge werden im Film nicht klar. Die wiederholt zitierten Aufrufe Ulrike Meinhofs werden - ebenso wie der Auftritt des SDS-Führers Rudi Dutschkes - auf wenige Soundbytes beschränkt, die für den unbedarften Zuschauer kaum einen Sinn ergeben. Die gewaltigen Kämpfe der Arbeiterklasse, die ausgehend vom französischen Generalstreik im Mai 1968 ganz Europa überfluteten und bis 1975 anhielten, werden ignoriert - obwohl sie die Theorien Marcuses anschaulich wiederlegten und dem theoretischen Gerüst der RAF, die individuelle Terrorakte mit revolutionärer Politik verwechselte, den Boden entzogen.

Die Filmautoren spürten offenbar, dass sie so etwas wie eine gesellschaftliche Erklärung für das Phänomen RAF brauchten. Deshalb erfanden sie eine Kunstfigur. Während sie alle anderen Rollen mit Schauspielern besetzten, die dem Original in Alter und Aussehen möglichst ähnlich sind, wird Horst Herold, der 1971 im Alter von 48 Jahren die Leitung des Bundeskriminalamts übernahm, vom 67-jährigen Bruno Ganz (Hitler in "Der Untergang") gespielt. Ganz gibt den weisen, alten Kommissar, der sinnend am Schreibtisch sitzt und seine Mitarbeiter darüber aufklärt, dass der Terrorismus gesellschaftliche Ursachen habe und nur durch die Überwindung der Armut in der Dritten Welt beseitigt werden könne. Doch dieser Kunstgriff kann die grundlegende Schwäche des Films nicht überdecken.

Siehe auch:
"Der Untergang"
(11. November 2004)

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