Das trügerische Hoch an der Wall Street - was die Geschichte lehrt

Von Tom Eley
16. Oktober 2008

Der gestrige, weltweite Anstieg der Börsen machte die Verluste der vergangenen Woche teilweise wieder wett, die in die Billionen Dollar gegangen waren. Der Börsenaufschwung ist die erste Reaktion der Finanzelite auf die Hunderten Milliarden Dollar, die die Zentralbanken und Regierungen Europas und der USA den größten Banken der Welt versprochen haben.

An einem Tag stieg der Dow Jones, der Index der dreißig führenden börsennotierten Unternehmen, um über elf Prozent. Das ist der fünfthöchste prozentuale Anstieg und der höchste Anstieg in Punkten überhaupt. Dem Parforceritt ging ein scharfer Anstieg der europäischen Börsen voraus, ihm folgte ein noch stärkerer Anstieg auf den asiatischen Märkten.

In einer so unruhigen Situation ist es unmöglich, mit einiger Sicherheit vorher zu sagen, ob der Aufschwung vom Montag den Beginn einer Stabilisierung der Börsen darstellt oder nicht. Wer jedoch einen Blick auf die größten Kurs-"Rallies" der Börsengeschichte wirft, der kann den meteorgleichen Anstieg der Aktienwerte vom Montag genauso gut als Warnung verstehen.

Das Wall Street Journal veröffentlichte am Montag einige Daten, die zeigen, dass von den zehn stärksten Tagen in der Geschichte der Wall Street acht in die Zeit der ersten vier Jahre der großen Depression fielen. Ein weiterer war der 21. Oktober 1987, kurz nach dem mit 22 Prozent stärksten Absturz in der Börsengeschichte, dem so genannten "Schwarzen Montag", der sich am 19. Oktober 1987 ereignete.

Dem Journal zufolge markierten nur zwei dieser Aufschwünge - der von 1987 und der von 1933 - das Ende von Marktdepressionen. Der Anstieg des Dow Jones von 1933 ging jedoch sehr langsam vonstatten und wies weitere starke Einbrüche auf. Außerdem änderten steigende Aktienpreise nichts an der Großen Depression, die noch bis zum Zweiten Weltkrieg anhielt. Erst 1955 erreichte der Dow Jones wieder den Wert vom September 1929. Auch der Bezug des Journal auf den 21. Oktober als Beginn einer Aufschwungsphase für 1987 ist inkorrekt. Damals kam es noch zu zwei weiteren Abstürzen, und erst Ende des Jahres erholte sich die Börse und näherte sich wieder dem Wert von Anfang 1987 an.

Im "Großen Crash" von 1929 gab es mehrere starke Tagesanstiege an der Börse, aber die generelle Richtung wies nach unten. Von Oktober 1929 bis Juli 1932 stieg der Dow fünfmal um mehr als neun Prozent an. Der zweitstärkste Tag überhaupt war der 6. Oktober 1931, an dem die Aktien um fast 15 Prozent nach oben schossen. Letztlich blieben diese "Rallies" aber als flüchtige Momente einer langen Abwärtsspirale im Gedächtnis - und als Momente, in denen Investoren zockten und verloren. Die Abwärtsbewegung der Börse kam erst im Juli 1932 zum Stehen, nachdem sie 82 Prozent ihres Wertes verloren hatte.

Zeitweilige Aufschwünge der Aktienwerte sind Bestandteil von Krisenperioden, die das spekulative Wesen des Kapitalismus betonen. Friedrich Engels erklärte 1880 in seiner Broschüre Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft über diese Krisen, in denen "große Produktions- und Verkehrsanstalten in ... Staatseigentum" verwandelt werden: "Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenueeinstreichen, Kuponsabschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiedenen Kapitalisten untereinander sich ihr Kapital abnehmen." (MEW, Berlin 1973, S.221-22)

Im Unterschied zum 19. Jahrhundert werden heute breite Schichten der Arbeiterklasse und der Mittelschichten ihrer Rentenersparnisse "beraubt", nachdem man ihnen versprochen hatte, die Börsen würden die größten Gewinne auf ihre Ersparnisse erbringen.

Siehe auch:
Wall Street fordert freie Verfügung über Geld des Finanzministeriums
(14. Oktober 2008)
Der Rettungsplan für die Wall Street und die Gefahr von Diktatur
( 3. Oktober 2008)
Die Demokratische Partei und die Wall Street
( 2. Oktober 2008)

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